Von Peter Hossli

Es ging ans Eingemachte, zeigt jetzt das Landesmuseum in Zürich. Schlimmste Gräuel hätten deutsche Landsknechte in französischen Diensten verübt: «Die Sieger plündern das Schlachtfeld und nehmen alles Wertvolle mit», so eine Tafel im Museum. «Als spezielle Demütigung schneiden sie den Leichen das begehrte Bauchfett heraus.»
Dann kam es im grossen Stil zu Leichenfledderei?
Zumindest schreibt es die «NZZ». Toten Eidgenossen, so das Blatt, sei in Marignano «das Bauchfett aus dem Leib» geschnitten worden.

Damit konfrontiert, gesteht die Kuratorin der Ausstellung «1515 Marignano», Erika Hebeisen (49): «Wir haben nur indirekte Quellen für Marignano, die Entnahme von Bauchfett war damals übliche Praxis.» Jedoch nicht auf Schlachtfeldern, so Groebner. Henker weideten Geköpfte aus und verkauften deren Fett an Apotheker, «als Nebenerwerb». Dass gefallene Krieger ihre Ranzen verloren, «werfen sich Kriegsgegner zwar gegenseitig vor, es ist aber nur Gräuelpropaganda».
Solcher Propaganda ist das Landesmuseum aufgesessen. 25 Jahre nach der Schlacht erwähnte der Berner Chronist Valerius Anshelm (1475–1547), der Urner Landammann Johannes Püntener (1459–1515) hätte in Marignano seinen Speck verloren: «Den Ammann Püntener von Uri, den beleibten Mann hauten sie auf und salbten mit seinem Schmalz ihre Spiesse und Stiefel.»

Für Kuratorin Hebeisen war Anshelms Satz – obwohl Propaganda – Beleg genug für den Fettraub von Mari-gnano. Jetzt muss sie eingestehen: «Es war wohl nur ein Einzelfall, unsere Passage zum Bauchfett ist zu hoch gehängt.» Es sei «ein dramaturgisches Mittel, um auf Drastisches hinzuweisen». Hat sie zugespitzt? «Ja, ich nenne das Dramatisieren», sagt Hebeisen.
Heikel für Historiker. Zumal der Urner Püntener in Marignano wohl sein Fett nicht einbüsste. «Die Belege fehlen», sagt Groebner. «Nach Schlachten wurde viel geplündert, aber nicht der Speck – sondern die Kleider und die Waffen.»
Warum war Bauchfett denn «begehrt»? Apotheker boten es vom 15. bis Ende des 18. Jahrhunderts feil. Dem «Axungia hominis» – Menschenschmalz – schrieben sie magische Kräfte zu. Salbe aus Armensünderfett sollte Knochen- und Zahnschmerzen lindern, Tuberkulose heilen, Rheuma sowie Arthritis beseitigen.