Von Peter Hossli (Text) und Charly Kurz (Fotos)
Zuerst sticht einem der herbe Duft in die Nase. Säuerliche Schweissschwaden mästen die ohnehin schon dicke Luft. Dazu gesellt sich der eisige Geruch rostigen Stahls. Schrill zirpt eine Sirene. Flugs steigt der Lärmpegel. Nach drei Minuten erneut die Sirene. Es wird ruhiger, eine Minute lang, bis es wieder zirpt. Unbarmherzig bestimmt dieser Drei-Minuten-Takt die langen Tage im Gleason’s Gym, von sechs Uhr morgens bis nachts um elf. Hier in Brooklyn, in der ältesten Box-Schule Amerikas, simulieren alle den Ernstfall – den ruppigen Rhythmus eines Box-Fights, drei Minuten volle gehen, eine Minute entspannen.
Nur Chika Nakamura nicht. Sie lässt die Pausen aus. Ihr Coach will es so. «Weiter, weiter, gib nicht auf», brüllt Carlos Ortiz wenn die Sirene zirpt. Beharrlich schlägt die 27-jährige Japanerin auf einen baumelnden blauen Sandsack. Das schweissnasse schwarze Haar klebt an Wangen und Schultern. Gezielt starren die Augen ins Leere. Sie ist müde, quält sich seit einer Stunde, am Sandsack, beim Bankdrücken, beim Sparring. Ortiz, 70 und einst Weltmeister, stoppt sie, schüttelt ihre Arme kräftig durch, reinigt das Gesicht, giesst ihr Wasser in den Mund – und schickt Nakamura weiter, zum Speed-Ball. Stoisch verdrischt sie das hängende Leder.
Ortiz mag, was er sieht. «Sie ist wunderbar und wunderschön», sagt er. «Sie liebt das Boxen und tut alles dafür, das macht mich glücklich.» Die Sirene zirpt, Nakamura will endlich pausieren. «Nein, weiter», ruft der Schleifer, «wir stoppen nicht.» Just zieht sich der buckelige Alte mit dem schütteren grauen Haaren die Handschuhe über und hämmert ein paar gezielte und technisch perfekte Schläge auf einen baumelnden Sack.
Nach zwei Stunden bricht er das Training ab. Nakamura lächelt entspannt, ist betört, als wäre sie high, umarmt den vermeintlichen Scharfmacher. «Ich tue, was er verlangt», sagt die in vier Fights ungeschlagene Profi-Kämpferin. «Er weiss, wovon er spricht.» Nun gehe sie Heim und schlafe. «Ich lebe wie eine Nonne», sagt sie. «Ich esse, ich renne, ich ruhe, bis ich Weltmeisterin bin.»
Chika und Carlos sind ein typisches Paar im Gleason’s Gym, der geschichtsträchtigen Box-Stätte. Ein einstiger Champion trainiert ein Jungtalent. Respekt und Zuneigung sind gross und gegenseitig – was die fürs Boxen erforderliche Schinderei erst zulässt.
Das war schon so als Muhammad Ali hier trainierte und noch Cassius Clay hiess. Vor ihm plackten sich Jake La Motta, mit ihm Joe Frazier, später Larry Holmes und Mike Tyson. Die famosen Namen, das stimmige Ambiente sowie die schrulligen Kerle, die hier ganztags rumhängen und plaudern, verleihen der Schule ein einzigartiges Ansehen. «Wer an Boxen denkt, denkt an Gleason’s, sogar in Japan», sagt Nakamura, sie packt ihre Tasche und schlenzt davon.
127 Weltmeister hat das 1937 in der Bronx gegründete Gym hervorgebracht. Später wurde es nach Manhattan verlegt, in die Nähe des Madison Square Garden, lange Zeit der wichtigste Ort des Boxsports. Die hohen Mieten drängten es zu Beginn der achtziger Jahre nach Dumbo, einem einstigen Industriegebiet am East River, zwischen Brooklyn Bridge und Manhattan Bridge.

An der Wand, in der eine kleine Imbissbude versenkt ist, hängen vergilbte Fotos von alten Boxern – und von Filmstars, die hier trimmten oder filmten. Fünfeinhalb Monate liess sich Hilary Swank für «Million Dollar Baby» schleifen. Sie gewann einen Schauspiel-Oscar. Ebenso Robert De Niro, der im Gleason’s für «Raging Bull» trainierte und drehte. Der Schwede Dolph Lundgren wurde hier für die Rolle des Russen in «Rocky IV» entdeckt.
Heute zählt das Gym 1200 Mitglieder aus 67 Ländern. 78 Trainer treiben sie an. Fast die Hälfte der Boxer sind Frauen, der älteste ist achtzig, der jüngste sechs Jahre alt. Sie fitten zum Spottpreis, 80 Dollar im Monat. Anfänger zahlen ihrem Coach rund 30 Dollar die Stunde. Die Profis trainieren gratis und beteiligen den Coach an der Börse.

Leicht gebückt und doch stolz schlendert Silverglade durch sein Gym. Er redet wenig und sagt doch viel. «Hier lernt man drei Dinge», erklärt er. «Wie man im Ring steht, wie man die Hände hält und wie man sie in regelmässigen Sequenzen nach vorne wirft.» Boxen sei «ein gefährlicher Kampfsport mit einem einfachen Ziel», sagt er. «Triff den anderen bevor er dich trifft.» Hinter einer Glaswand verschwindet er in seinem Büro und fügt noch an: «Wir trimmen alle darauf, einen 12-Runden Kampf fit durchzustehen.»

Wie eine überdrehte und zugleich graziöse Katze duckt sich Ruth O’Sullivan. Sie tänzelt über den blauen Teppich des Rings. Der gebückte Oberkörper ist ruhelos. Auf die linke Hake folgt eine rechte, eine Kombination, ein Strich über die Nase, der sie in die Lauerstellung zurück versetzt. Geschickt weicht sie imaginären Schlägen aus.
Es ist Montag früh um sieben. Seit einer halben Stunde boxt O’Sullivan mit ihrem Schatten. Vier Mal die Woche, stets vor der Arbeit, trainiert die 30-jährige Sozialarbeiterin. Sie wiegt weniger als 50 Kilogramm, weibliche Kurven fehlen, die dünnen Arme und Beine wirken zerbrechlich. Es täuscht. Ihre Schläge sind satt, seit drei Jahren hat die Rothaarige mit dem fahlen ovalen Gesicht jeden Fight gewonnen. Öffnet sie den Mund, spricht eine selbstbewusste starke Frau. Lässig hängt sie in den Seilen. Selbstbewusst sei sie, weil sie boxe. «Kriegst du zum ersten Mal eins ins Gesicht, erschrickst du, dann gewöhnst du dich, später verlierst du die Angst.» Sie boxe, «weil du im Ring nur im Moment lebst. Wo ist das sonst möglich?»
Rastlos hebt und senkt sie die Schultern. Nervös spannt sie die Fäuste wenn sie redet. Nie hält sie inne. Genau wie im Ring. Dort hüpft und springt sie dauernd. «Ich gewinne, weil mich nie jemand erwischt.» Sie sei nicht die härteste Schlägerin, aber die treffsicherste. Am liebsten boxe sie gegen stürmische Hau-drauf-Fighterinnen. «Die ermüden rasch, ich bleibe lange munter.»
Sie hält den Golden-Gloves-Titel, die höchste Auszeichnung unter amerikanischen Amateuren. Noch zwei Jahre möchte sie nun als Profi boxen – und dann Kinder haben. «Bis dahin ist Gleason’s meine Familie.» Ein Stück Daheim in mitten der anonymen Grossstadt. «Passiert mir mal etwas, fände ich hier Hilfe.»
Es ist eine verschworene Gemeinschaft, ein Ort der Muse, hier hängen Freunde mit Freunden rum, Menschen, die sich seit Jahren oder Jahrzehnten kennen. Es dreht sich alles ums Boxen. Was abgegriffen tönt, stimmt: jeder gilt hier etwas. Alle zahlen gleich viel. Der Ring egalisiert. Palästinenser boxen neben Israelis. Mafia-Bosse neben Polizisten. Strassenkinder fordern Millionärs-Töchter. Schwarzen neben Latinos und Weissen. Hilary Swank oder Mike Tyson warten so lange auf einen freien Ring wie die geistig Behinderten, die hier trainieren. Bindet ein Coach einem Kind die kleinen Fäuste, macht er das so fürsorglich wie bei einem Profi.
«Wer rein kommt, atmet eine Brise Schweiss ein und lässt alles draussen», sagt Besitzer Silverglade. Er sitzt auf einem Tretrad, pedalt und führt die Buchhaltung. «Viele meiner Kids kommen aus dem Ghetto, wo sie jeden Tag klauen», sagt er, «andere arbeiten an der Wall Street, wo sie noch mehr klauen. Klaut bei mir einer, fliegt er raus.» Modells und Schauspielerinnen kämen, «weil sie keiner anmacht». Unruhestifter und Macker verbannt er. «Wer hier trainiert, befolgt meine Regeln», sagt Silverglade, der sich als «Zar von Gleason’s» bezeichnet.

Heute darf er nur noch trainieren. Wegen Steuerbetrugs war er im Gefängnis. Er ging Pleite. «Boxen ist der einzige echte Sport», sagt Lawrence, 59. «Da kann ich sein, was ich bin: Ein wildes Tier.» Er möge es, andere zu verletzen. «Beim Boxen kann ich das in einem geordneten Rahmen tun.» Fürchtet sich Maier, der Richter mit dem krausen schwarzen Haar, vor dem groben Coach? «Boxen ist weniger gefährlich als ein Tête-à-tête mit einer Frau», sagt er. Maier boxt seit seiner Scheidung. «Hier sind alle aus einem persönlichen Grund hier.»

Duddy ist der Star, die grosse Hoffnung im Gleason’s, der «irische Oscar de la Hoya», wie sie ihn nennen. Siebzehn Profi-Kämpfe hat er bestritten, alle gewonnen, fünfzehn davon per K.O. Selten nur schaffen es seine Gegner in die zweite Runde. Das gefällt den Fans. Tritt Duddy an, sind die Ränge voll. «Ich verkaufe viele Tickets», sagt er, der Akzent tief und irisch, «deshalb kriege ich hohe Startgelder.» Wie hoch die Börse ist, sagt er partout nicht. 135’000 Dollar pro Kampf, schätzen amerikanische Box-Blätter.

Duddy weiss es zu schätzen. «Ich habe Harry und Gleason’s alles zu verdanken», sagt er. In Irland wollte er aufhören, hier in New York hätte er sich neu ins Boxen verliebt. Jetzt habe er es geschafft, sagt der bullige, 80 Kilogramm schwere Kämpfer. «Ich bin in Amerika, ich bin in New York, ich bin im Gleason’s Gym. Es tönt hier wie nur ein echter Box-Club tönt.»
Hinter ihm klirren die Ketten. Sandsäcke stöhnen bei jedem Punch. Gummisohlen quietschen auf dem abgewetzten Betonboden. Springseile schwingen. Ventilatoren röhren. Dazu Gemurmel in Englisch, Spanisch, Russisch. Ein Heer dumpfer Schläge mischt sich zu einem zischenden Geräuschbrei. Alle drei Minuten wird es ein bisschen leiser – bis die Sirene wieder zirpt.
hi, my name is Harasch Hotaki, I live in Hamburg/ Germany.I’m 27 years old ( birthday 15.01.1981. Body size 184cm. Weight 67kg.I like Boxing and I’m training since 10 years.I was north champ in Germany and about six times i was champ in Hamburg. I have about 50 amateur fights and one professional fight.it would be great to fight in USA, I want to have lot of experiences and ofcours to improve my boxing.If it’s possible then please write back because i want to box professional and to have a good trainer, maybe you can help me.Harasch Hotaki