Von Peter Hossli (Text) und Charly Kurz (Fotos)

Damit formt sie um, was das Bild der Millionenstadt optisch wie sonst nichts prägt. Nervös sitzt sie auf einem schwarzen Sofa im hellen Büro von Smart Design, einer New Yorker Designfirma. Der Blick vom 18. Stock schweift über den Hudson River in die Häuserschluchten Manhattans. Unten auf den Strassen flitzen gelbe Taxis vorbei. «Klar, ich bin stolz, das Stadtbild New Yorks zu verändern», sagt Christen und lächelt keck, wenn sie daran denkt, «dass mein Logo bald für immer in Filmen verewigt sein wird.» Die 34-Jährige hat geschafft, was viele Einwanderer anstreben – Erfolg und Aufstieg im neuen Land: «Meine Arbeit hat etwas bewirkt, ich habe New York meinen Stempel aufgedrückt.»
Anlehnung an den Checker Cab
Vor über einem Jahr erhielt Smart Design den Auftrag, das Innere der Taxis neu zu gestalten. Zuerst aber fiel den Designern das schäbige Erscheinungsbild auf, das einst notdürftig zusammengebastelt wurde. Die Firma bot an, kostenlos ein echtes Logo zu entwerfen. Christen, seit 1997 bei Smart Design, erhielt den Zuschlag. In Archiven fand sie Fotos alter Taxis. Sie analysierte modernes Taxi-Design. Ihr Befund: «In Europa überlegt man sich weit mehr als hier, wie ein Taxi aussehen soll.» Auf der Strasse sprach sie Chauffeure und Touristen an. Fahrern war das alte Logo oft egal. Die Besucher aber verwirrte es.

Sie zeichnete rund 25 verschiedene Versionen, dazu die neue Schrift «NYC Taxi Type». In Anlehnung an den legendären Checker Cab aus den Fünfzigerjahren fügte sie ein Schachbrettmuster hinzu. Da New Yorks Taxis als Teil des öffentlichen Verkehrs gelten, rückte sie das T in einen Kreis, ein Designelement der Subway, der New Yorker U-Bahn. Bürgermeister Michael Bloomberg segnete ihr Werk ab.
Bis Ende Januar werden 26 000 Taxis mit dem Logo der Schweizerin versehen. Alle freut das nicht. Heftige Kritik hagelte es in einem Blog der «New York Times». Als «Design, das bald alt aussieht» wird es beschimpft, als «ärgerlich» oder «fürchterlich». Christen – sie bezeichnet sich als «Landei» – reagiert cool. «Das zu lesen ist krass, klar», sagt sie. «Wer sich aber hinauslehnt und etwas Grosses macht, muss einstecken können.»
Christen absolvierte in Biel die Kunstgewerbeschule. Mit 23 ging sie nach New York, um Englisch zu lernen. Sie blieb. Mit einer Freundin bewohnt sie heute ein Loft in Greenpoint, ein einst polnisches und heute angesagtes Quartier in Brooklyn. Neben ihrem Job bei Smart Design fotografiert sie urbane Landschaften. Ob sie hier bleibe, wisse sie nicht. «In New York hat wenig Bestand», sagt sie und blickt zuweilen sehnsüchtig nach Europa. «Mich reizt Mailand.»
Nirgendwo sind die Leute direkter

«Hallo, ich heisse Claudia und habe dieses Logo gestaltet», spricht die Designerin einen kräftigen Kerl an und zeigt auf sein Taxi. «Du hast das gemacht? Es ist hässlich», sagt er, steigt ein und fährt weg. «New York ist wunderbar, nirgendwo sonst sind Leute direkter», sagt Christen. Evans Chefmechaniker zückt das Handy und lässt sich mit ihr ablichten. Als «total cool» bezeichnet ein Fahrer aus Ghana das Logo. «Du bist jetzt Millionärin», ruft er Christen beipflichtend zu. Für ihn verkörpert sie, wonach auch er strebt: Erfolg in Amerika.
«Reich geworden bin ich damit nicht», sagt Claudia Christen. «Den amerikanischen Traum vom Erfolg im neuen Land lebe ich aber allemal.»