Was heisst eigentlich “off the record”?

«Schweizer Journalist:in» zur Causa Fischer

Die Causa Fischer hat gezeigt, wie unscharf zentrale Spielregeln des Journalismus geworden sind. Begriffe wie «off the record» oder «Background» werden unterschiedlich interpretiert – selbst unter Profis. Peter Hossli, Leiter der Ringier Journalistenschule, erklärt, was gilt.

Selbst unter Journalisten herrscht Uneinigkeit. Wie definieren Sie sauber die drei Kategorien on the record, background und off the record?

Peter Hossli: Bei jedem Gespräch, das ich führe, sage ich, wer und was ich bin: «Peter Hossli, Reporter.» Folgt nichts anderes mehr, ist alles on the record, das heisst, ich kann alles Gesagte der Person zuordnen, mit der ich gesprochen habe. Sagt die Person, «das ist ein Background-Gespräch», vereinbaren wir, wie ich die Quelle umschreiben kann. Die Informationen dürfen verwendet, aber nicht direkt dem Gesprächspartner zugeordnet werden. Ein Off-the-record-Gespräch ist off the record, es darf journalistisch nichts verwendet werden. Nichts bedeutet nichts.

Sie sind amerikanisch geprägt. Hat sich in der Schweiz – im Gegensatz zum amerikanischen Journalisten-Jargon – «off the record» nicht als Sammelbegriff für «Hintergrundgespräch» etabliert?

Ein Mediensprecher sagte mir nach einem Gespräch einmal: «Natürlich war das off the record», und fügte an: «Zitieren Sie nicht namentlich, nennen Sie den Namen des Konzerns nicht, die Fakten können Sie verwenden.» Der Reporter eines Schweizer Magazins schickt mir per Mail ein paar Fragen, die ich doch bitte off the record beantworten solle. Viele Menschen, die beruflich kommunizieren, kennen die Unterschiede zwischen off the record und Background nicht, deshalb habe ich in meinem Buch «Die erste Miete ging an die Mafia» darüber geschrieben. Wenn mir jemand ein Off-the-record-Gespräch anbietet, frage ich zur Klärung immer nach, was damit gemeint ist.

«Off the record» heisst demnach, nichts darf verwendet werden. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie in so einem Gespräch auf eine relevante Spur stossen, auf eine Information von aussergewöhnlicher Tragweite?

Ist das Gespräch klar als «off the record» definiert, verwende ich nichts daraus. Deshalb vermeide ich Off-the-record-Gespräche grundsätzlich. Ein Off-the-record-Gespräch nimmt einen Reporter in Geiselhaft. Er weiss etwas, das er nicht verwenden darf.

Muss alles abseits von «on the record» immer explizit vereinbart werden – oder gibt es Situationen, in denen es implizit gilt?

Wer als Reporter keine Quellen verbrennen will, vereinbart immer die Art und Weise, wie eine Information verwendet werden darf. Und er hält sich daran. Bricht er die Abmachung, ist sein Ruf rasch ruiniert. Besonders wichtig ist das bei einem Hintergrundgespräch. Zitieren Sie in «Schweizer Journalist:in» anonym einen Mitarbeiter von Ringier, können das Tausende sein, bei einem Kader oder einer Chefredaktorin ist der Kreis schon kleiner. Bei Hintergrundgesprächen gilt es auszuhandeln, wie eine Quelle umschrieben wird.

Wie gehen Sie mit anonymen Quellen um?

Da sehe ich ein noch grösseres Problem als beim Unterschied von Background und off the record. Mir fällt auf, dass zunehmend bei harmlosen gesellschaftlichen Artikeln anonyme Quellen zu Wort kommen, etwa, wenn es ums Daten oder Abnehmen oder Eisbaden geht. Da gibt es keinerlei Gründe, eine Quelle zu schützen. Texte mit anonymen Quellen haben eine tiefe Glaubwürdigkeit.

Ein nicht mediengeschulter Interviewpartner kann eine vertraulich anmutende Atmosphäre während eines Treffens möglicherweise falsch interpretieren. Welche Verantwortung hat der Journalist in dieser Situation?

Das hängt sehr von der Person ab. Ein Reporter darf eine Situation nicht ausnutzen. Jemand muss wissen und verstehen, dass er oder sie an die Öffentlichkeit tritt. Eine Medienschulung ist aber keine Voraussetzung.

Im Fall Fischer: Wo lag aus Ihrer Sicht der entscheidende Fehler – bei der Quelle, beim Journalisten oder im Umgang mit den Gesprächsregeln?

Ich kenne die Umstände des Falls Fischer zu wenig. Ich war bei diesem Mittagessen nicht dabei. Soweit ich weiss, waren mehrere Personen am Tisch, was die Voraussetzung für ein Off-the-record-Gespräch fast verunmöglicht.

Wie handhaben Sie solche Situationen selbst konkret im Alltag – klären Sie Begriffe vorab?

Führe ich ein Gespräch, weiss das Gegenüber immer, dass ein Reporter vor ihm steht. Wenn mir jemand etwas erzählt, das ich für berichtenswert erachte, dann kläre ich die Umstände der Verwendung sofort ab. Vor wenigen Jahren haben die Präsidentin und der Präsident von Ständerat und Nationalrat mehrere Medienschaffende in New York zu einem Mittagessen in einem italienischen Lokal eingeladen. Zu Beginn hiess es: Was hier gesagt wird, sei off the record. Da bin ich aufgestanden, gegangen und habe im Central Park ein Sandwich gegessen.