Wie kam die Witschi-Neukom-Geschichte zustande?

Die Schweiz redet über Kunst. Auslöser war ein Auftrag des Zürcher Regierungsrats Martin Neukom an den Künstler Hans Witschi: ein Porträt für die Ahnengalerie. Witschi malte drei Versionen. Neukom lehnte alle drei ab. Am 19. April habe ich die Recherche dazu im SonntagsBlick publiziert.

Was folgte, war kein Skandal, sondern eine Debatte, die sogar die Westschweiz erreichte.

Gibt es eine private Ästhetik bei einem staatlichen Auftrag? Soll der Staat Künstler beauftragen, die Politiker in Öl malen? Was ist Kunst? Wie frei ist Kunst?

Die Schweiz diskutierte ernsthaft. Von einigen deplatzierten Online-Kommentaren abgesehen, war das Niveau in über 150 Artikeln, Fernseh- und Radiobeiträgen hoch.

Letzte Woche trafen sich in Zürich über hundert Personen, um mit Hans Witschi darüber zu reden – leider ohne Regierungsrat Neukom.

Ich werde oft gefragt: Wie hast du diese Geschichte gefunden? Hat Witschi dich angerufen und sie dir gesteckt?

Nein. Wie fast immer lag die Geschichte auf der Strasse. Genauer: in einem Korridor des Coops im Zürcher Quartier Seefeld.

Witschi und ich kennen uns noch nicht lange. 1991 berührte mich der Dokumentarfilm «Witschi geht» über seine Auswanderung nach New York. Ein paar Jahre nach ihm zog ich ebenfalls nach New York. Begegnet sind wir uns dort nie.

Kennengelernt haben wir uns vor einem halben Jahr an einer Tramhaltestelle im Seefeld, wo wir beide wohnen. Wir merkten rasch: zwei New Yorker in Zürich. Ein zweites Mal trafen wir uns im Literaturhaus.

Irgendwann im Februar kaufte ich im Coop Kaffee. Witschi fuhr im Rollstuhl durch denselben Korridor, auf dem Weg zum Fencheltee. Er fragte, woran ich gerade sei. Ich erzählte ihm von einer bevorstehenden Reportagereise in die USA und fragte zurück.

Etwas zermürbt schilderte er, dass ihn Neukom mit dem offiziellen Porträt beauftragt habe – und dass der Regierungspräsident bereits zwei fertige Versionen abgelehnt habe. Er erzählte vom E-Mail, in dem Neukom geschrieben habe, er wolle als jung, frisch und modern gesehen werden; so sähe er sich in den Porträts nicht.

Was für eine Geschichte, dachte ich – und sagte es ihm noch im Coop. Gleichzeitig versprach ich Vertraulichkeit: Ich publiziere nur, wenn Neukom auch das nächste Bild ablehne, an dem Witschi bereits arbeitete.

Nach meiner Rückkehr aus den USA meldete sich Witschi: Neukom wolle auch das dritte Porträt nicht.

Jetzt musste es schnell gehen. Der Künstler und ich trafen uns zu einem längeren Gespräch. Witschi konnte den Fall dokumentieren – mit E-Mails, Skizzen und Notizen.

Mir war es wichtig, sachlich zu erzählen: mit Fakten statt Polemik. Und man sollte die Gemälde sehen können. Mit dem Fotografen Stefan Bohrer besuchte ich Witschis Atelier ein zweites Mal.

Zuletzt konfrontierte ich Neukoms Medienstelle.

Nun war die Geschichte druckreif.

Fotos: Laura Egger (oben), Stefan Bohrer (unten)