Mit meinem Artikel über die Schweizer Wurzeln von Steve Jobs wurde ich 2025 mit dem Hauptpreis des Medienpreis Nordwestschweiz ausgezeichnet. Die Recherche führte von einem kleinen Hinweis über die Archive der Mormonen ins Aargauer Staatsarchiv und die Kirchenbücher von Wettingen bis nach Neuenhof im Kanton Aargau – und deckte eine kaum bekannte Verbindung zwischen der Armutsauswanderung des 19. Jahrhunderts und der Tech-Revolution des 21. Jahrhunderts auf.
Nachfolgend die Laudatio, die Jury-Präsident Hans Schneeberger bei der Preisverleihung gehalten hat.
Laudatio auf Peter Hossli
Hauptpreis Medienpreis Nordwestschweiz 2024: Der Journalist Peter Hossli. Dies für seinen Artikel über die Schweizer Wurzeln von Apple-Gründer Steve Jobs. Herzliche Gratulation!
Eigentlich könnte ich es mir mit der Laudatio auf Peter Hossli einfach machen: Wer bitte sehr sollte Ahnung von guter Recherche haben, wenn nicht der Leiter der Ringier Journalistenschule? Dieser privat finanzierten Schule, die seit 50 Jahren junge Männer und Frauen auf den harten, aber unglaublich faszinierenden Beruf des Journalisten oder der Journalistin vorbereitet.
Aber das würde zu wenig weit greifen, viel zu wenig weit. Wir ehren heute einen Mann mit dem wichtigsten Medienpreis der Nordwestschweiz, weil er wie nur wenige aktive Journalisten einen breit gefächerten Background hat. Weil er für Nachrichtenmagazine, für Wirtschaftszeitungen, für Boulevardblätter oder für Renommiertitel gearbeitet hat – seriös, ohne Attitüde, zuverlässig.
Weil er seine Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen in 30 Jahren nie verloren hat. Weil er sich nicht verbiegen lässt. Weil er den Glauben an die wahre Kraft des Wortes und der Argumente nie verloren hat. Und weil er trotz aller hohen Ansprüche, die er an sich, seine Arbeit und an sein Umfeld stellt, immer ein empathischer Menschenfreund geblieben ist.
Der Werdegang
Aufgewachsen im Aargau, als Sohn eines Einzelhandelsunternehmers, hat er schon als Kind die Annehmlichkeiten eines gehobenen Lebensstils kennengelernt. Aber nach dem Konkurs des elterlichen Ladennetzes auch den brutalen Wechsel von der gediegenen Villa in eine kleine Dreizimmerwohnung.
‘Ich weiss nicht’, sagt er heute rückblickend, ‘ob ich Journalist geworden wäre, wenn ich in der Villa gross geworden wäre.’
Aber als Sohn eines Delikatessenhändlers hat er schon früh gelernt, Kunden das zu verkaufen, was sie gerne haben. Hat gelernt, Informationen an die Menschen zu bringen und die Geschichte hinter den Delikatessen ins Zentrum zu rücken. Die Lust am Essen mit Worten zu wecken – wie er heute die Lust am Lesen mit den richtigen Worten weckt.
Der Film hat ihn schon sehr früh fasziniert. Er hat Jahre in Kinosälen verbracht, er hat als Kinooperateur ausgeholfen und sogar das Badener Filmfestival ‘Fantoche’ mit ins Leben gerufen. Und als Filmjournalist hat er dann auch seine ersten journalistischen Sporen abverdient. Der Film hat ihn vieles gelehrt, was im Journalismus unabdingbar ist: Ereignisse als Geschichte aufzuschreiben, Informationen eine Dramaturgie zu verleihen. Und sie hat ihm die ersten journalistischen Weihen beim Nachrichtenmagazin ‘Facts’ eingebracht.
Die Sehnsucht nach Amerika
Aber im Hintergrund war da immer diese Sehnsucht nach diesem Land der Freiheit, dem Land, das er mit 16 Jahren zum ersten Mal besucht hatte und das ihn nie mehr losliess: die USA. Die USA stehen für das, was Peter Hossli immer angetrieben hat: die Freiheit und das Streben nach Glück.
‘We the People’, wir das Volk – so haben sich die Verfolgten aus Europa 1776 in den Vereinigten Staaten eine Verfassung gegeben, sorgsam austariert, auf dass jeder Mensch in diesem grossartigen Land seine Freiheit finde und sein Glück suchen kann. Kein Wunder betreibt Peter Hossli heute mit Nicoletta Cimino zusammen einen Podcast namens ‘1776’, in dem die beiden sich immer noch mit diesem inspirierenden Land befassen.
1998 gab Peter Hossli seiner Faszination nach und siedelte mit zwei Koffern in die USA über, um sein Glück und seine Freiheit zu finden. Es gelang. Er arbeitete für diverse Medien und ich hatte als Blattmacher bei ‘Cash’ das Vergnügen, mit diesem neugierigen und gewissenhaften Menschen zusammenarbeiten zu dürfen. Heute sagt er über diese Zeit:
‘Erst in den USA, quasi auf der freien journalistischen Wildbahn, habe ich erfahren, was Journalismus wirklich ist.’
Der historische Zufall wollte es, dass Hossli in den elf Jahren von 1998 bis 2009 einige der spannendsten Jahre der amerikanischen Geschichte miterleben und kommentieren durfte. Er hat ein Land erlebt, das sich auf den Krieg gegen den Terrorismus vorbereitete. Er hat ein Land beobachtet, das zum Teil seine Seele verloren hatte und das etwas orientierungslos in die Gegenwart taumelte.
Rückkehr und die Schweizer Wurzeln von Steve Jobs
2009 brachten ihn private Gründe in die Schweiz zurück. Hier arbeitete er wieder als Journalist für grosse Zeitungen und schrieb zwei Bücher. Und ein Jahr nachdem er zu 100 Prozent bei der NZZ am Sonntag eingestiegen war, erhielt er die Anfrage von Ringier, ob er nicht die Leitung der Journalistenschule übernehmen wolle. Dieser Herausforderung konnte er natürlich nicht widerstehen.
Und glauben Sie mir, wenn ich als ehemaliger Ringier-Journalistenschüler behaupte: Es ist einfacher eine Zeitung zu leiten, als eine Klasse von bestausgebildeten, fordernden und kritischen Halbstarken diesen Beruf beizubringen.
Aber auf der Zofinger Römerhalde dem Ruhestand entgegenzudämmern, wäre ihm natürlich nie in den Sinn gekommen. Journalist bleibt man ein Leben lang, sagt er. Deshalb verantwortet er bei Ringier auch gleich noch das zweimal pro Jahr erscheinende Magazin ‘Interview’. Und er sorgt auch immer wieder für grosse publizistische Leistungen.
Es verwundert deshalb nicht, dass er heute schon zum zweiten Mal für den Recherchepreis ausgezeichnet wird. Und zwar für einen Artikel über die Schweizer Wurzeln des Apple-Gründers Steve Jobs.
Bis anhin waren sämtliche biografischen Artikel über Jobs davon ausgegangen, dass seine Wurzeln in Deutschland zu finden sein müssten. Sicher war man sich nicht. Hosslis Interesse startete mit einem kleinen Hinweis in der offiziellen Jobs-Biografie von Walter Isaacson und der Recherche in den gigantischen Archiven der Mormonen in den USA. Sie führte ihn zuerst auf eine falsche Fährte, einer Familie Scheible aus dem Aargau. Dank dem Kontakt mit einem befreundeten Fotografen aus Neuenhof, Kanton Aargau, kam er dann auf die richtige Fährte einer Familie Schieble in dieser Gemeinde.
Diese arme Genössige-Familie Schieble hatte 1853 der Gemeinde Neuenhof 2075 Franken gezahlt, damit sie nach den USA auswanderten. Und aus dieser Familie soll also eines der wichtigsten Unternehmen der Geschichte stammen? Nun war seine Leidenschaft geweckt. Mit nie erlahmender Neugier kämpfte er sich durch Mormonen-Archive, suchte nach Geburtsurkunden, vertiefte sich in Kirchenbücher, fahndete nach Passagierlisten von Ozeandampfern und machte sich zuletzt auf die Spuren der Familie Schieble in den USA. Er fand sie im Bundesstaat Wisconsin, dem Staat, welcher der Schweiz landschaftlich wohl am ähnlichsten ist.
Und er konnte mit minuziösesten Recherchen aufzeigen, dass eine Enkelin von Auswanderer Josef Schieble aus Neuenhof, Joanne Carole Schieble, einen Sohn als Sozialwaise zur Adoption freigegeben hatte. Ihre einzige Bedingung lautete: Ihr Sohn sollte in eine Akademikerfamilie kommen. Der Rest der Geschichte von Steven Paul Jobs ist Legende. Und dank Peter wissen wir nun auch mit Sicherheit, dass die Legende ihren Ursprung in Neuenhof, Kanton Aargau, genommen hat.
Kein Aktivismus
Peter Hossli hat mir auf die Frage, was das Wichtigste sei, das er seinen Schülerinnen und Schülern an der Journalistenschule vermitteln wolle, gesagt: Das Recherchieren und Schreiben seien die Grundlage des Journalismus, und dass nun mit KI die grösste Veränderung im Journalismus seit dem Internet anstehe. Mit seinem grossartigen Artikel im SonntagsBlick hat er bewiesen, dass er bei den Grundlagen – Schreiben und Recherchieren – zu den Besten gehört, und dass ihm beim Einsatz von KI überhaupt nicht bange sein muss.
Peter Hossli hat sehr klare Vorstellungen von gutem Journalismus und auch davon, was für ihn schlechter Journalismus ist: wenn die Schreibenden engagiert Partei ergreifen.
‘Wir Journalisten und Journalistinnen müssen die Welt beschreiben’, sagt er. ‘Wir müssen sie nicht machen. Wir sind Dienstleister und keine Aktivisten.’ In Zeiten von Fake News und von Milliarden von Menschen, die das Vertrauen in den unabhängigen, unparteiischen Journalismus verloren haben, ist dies wichtiger denn je.
Peter Hossli, ich gratuliere dir von Herzen zum Hauptpreis des Medienpreis Nordwestschweiz!