
Klar dürfen wir es zeigen. Zumal es journalistisch eingebettet ist. Wir haben einiges erfahren über Aylan und dessen viel zu kurzes Leben. Er kam in Kobane in Syrien zur Welt. Sein Bruder Galip (5) und seine Mutter Rehan ertranken ebenfalls. Vater Abdullah überlebte. Die Familie wollte nach Kanada. Ihre Geschichte macht die Flüchtlingskrise fassbar.
Weit problematischer sind die unzähligen Fotos, die namenlose Menschen zeigen. Sie sind nicht mehr als Illustrationen.
Etwa von den drei Knaben, die unter einer Decke am Bahnhof von Budapest schlafen. Ein ungarischer Fotograf lichtete sie letzte Woche ab, höchstwahrscheinlich ohne ihr Wissen. Da sie schlafen, kann er sie kaum um Erlaubnis gefragt haben. Ihre Namen notierte er nicht. Zumindest erscheinen diese nicht in der Bildlegende der Agentur, die das Bild vertreibt.
Es ist, als ob der Fotograf die Kinder im Schlaf beraubt hätte.

Das ist Effekthascherei. Ein Bild, das aufwühlen soll, aber journalistisch wenig hergibt. Über die drei Knaben erfahren wir nichts.
Am selben Mittwoch druckte die NZZ vier weitere Bilder, die allesamt namenlose Flüchtlinge zeigen. Doch sind es nicht Namen, Alter und Geschichten der Flüchtlinge, die aus Figuren auf Fotos Menschen machen?
NZZ und «Tages-Anzeiger» sind nicht allein. Webportale, Social Media und TV-Sendungen zeigen Gesichter von Flüchtlingen, über die wir nichts erfahren. Der «10 vor 10»-Moderator stellt sich vor die herzigen Augen eines unbekannten Mädchens.

In Österreich erstickten in einem Lastwagen 71 Menschen. Just folgte eine Debatte, wie und ob wir ein Bild zeigen soll, das die Leichen im LKW zeigt.
Das Foto hat dann einen Wert, wenn es journalistisch eingebettet ist. Wer sind die verstorbenen Menschen? Aus welchem Land kommen sie? Wie heissen sie? Hatten sie eine Familie?
Es geht längst nicht mehr darum, Flüchtlingen ein Gesicht zu geben, zu zeigen, wie sie an der Grenze zu Mazedonien von Wasserwerfern abgespritzt werden, oder wie sie in Ungarn unter einem Zaun kriechen, wie sie in München begrüsst werden. Wir müssen ihre Geschichten erzählen.
Sowohl der «Tages-Anzeiger» wie die NZZ druckten übrigens einen Namen zum Bild der schlafenden Kindern: jenen des Fotografens Bela Szandelszky. Er will schliesslich für seine Arbeit anerkannt werden.