“Moral folgt militärischer Macht”
Der Milliardär Alexander Karp ist Gründer von Palantir, einem mächtigen US-Techunternehmen, dessen Software Terroranschläge verhindern und Kriege führen kann. Der legasthenische Sportschütze verehrt die Schweiz – warnt aber: Europa steht am Abgrund.
Interview: Peter Hossli
Guten Tag, Herr Karp.
ALEXANDER KARP Lass uns duzen, okay?
Von mir aus, hallo Alex.
AK Peter, du hast mehrere Bücher geschrieben, darunter einen True-Crime-Thriller, und Film studiert. Welche Filme magst du besonders?
Am liebsten mag ich das Hollywood-Kino der 70er-Jahre. Warum fragst du?
AK Ich spreche mit dir lieber über Kino und Literatur als über künstliche Intelligenz. Was hast du gelesen, das deine Arbeit prägt?
Der deutsche Sprachpapst Wolf Schneider sagte, einer müsse immer arbeiten, entweder der Leser oder der Autor. Als Autor versuche ich, es dem Leser so einfach wie möglich zu machen. Das erfordert viel Arbeit.
AK Wolf Schneider habe ich bisher nicht gekannt. Sein Konzept gefällt mir aber gut. Ich werde das nachlesen.
Du hast 2003 die Software- und Datenfirma Palantir gegründet. Seit 22 Jahren führst du sie erfolgreich – und möchtest lieber über Filme und Bücher reden?
AK Die Filme von Rainer Werner Fassbinder, Akira Kurosawa, diejenigen, die du magst, haben uns sehr beeinflusst. Software zu erstellen, ist wie Filme zu drehen. Daher ist es hilfreich zu verstehen, wie gute Filme gemacht wurden, was hinter einem Buch steht.
Palantir ist erfolgreich, weil du das Kino, die Philosophie und die Literatur kennst?
AK Ja, das zweite Element ist das Alemannische. Uns prägt der Kulturkreis der Schweiz, von Liechtenstein, Österreich, Bayern und Tirol.
Was ist dort anders als in den USA?
AK Die Fähigkeit, in die Tiefe zu gehen. Sich bewusst zu sein, dass Tiefe keine Entschuldigung ist für unbrauchbare Produkte. Software muss funktional sein. Das Alemannische ist zentral für Palantirs Erfolg.
Wir sind hier in Sun Valley, Idaho, einem berühmten Skigebiet in den Rocky Mountains, im Augenblick ohne Schnee. Was macht ein Langlauffanatiker wie du stattdessen?
AK Für gute Langläufer ist es entscheidend, was sie ausserhalb der Saison tun. Ich mache Intervalltraining und wandere nordisch mit Stöcken. Alemannen sind gern in der Natur. Draussen sein macht mich glücklich.
Ich schwimme täglich im Zürichsee. Du warst lange ein passionierter Schwimmer. Jetzt hast du damit aufgehört. Warum?
AK Mir liegen Tai-Chi, Langlauf und Schiessen mehr – alles Sportarten, bei denen man das Gewicht von einem Bein aufs andere verlagert. Schwimmen geht von der Körpermitte aus.
Nach Jahren hast du herausgefunden, dass du nicht gut genug schwimmen kannst?
AK Ich schwimme gut, finde aber bei Sportarten, die mir liegen, leichter zu mir selbst. Das ist wie in der Kunst: Nur wenn Körper und Wesen zur Form passen, entfaltet sich ihr Potenzial.
Wenn du schiesst, dann mit Pistolen?
AK Nicht nur. Ich schiesse auch mit Gewehren. Mich fasziniert etwas, das viele gar nicht interessiert: mit einer Waffe auf Distanzen zu schiessen, für die sie nicht gemacht ist. Mit Pistolen treffe ich auf mehr als 100 Meter Entfernung, mit Gewehren auf 600 oder 700 Meter. Das ist wie Kunst.
Du bist also ein guter Schütze?
AK Ich habe vor acht oder neun Jahren damit angefangen. Beim Schiessen zählt vor allem, die eigenen Fähigkeiten zu kennen. Meine Mutter ist Künstlerin. Von ihr habe ich das Auge geerbt. Wer gut sieht, kann gut treffen. Ohne klare Sicht kommst du nicht weit – egal, wie viel du trainierst.
Ein gutes Auge allein reicht aus?
AK Du musst deinen Körper kontrollieren können. Er bewegt sich beim Schiessen unmerklich. Jede minimale Bewegung bedeutet auf 100 Meter, dass du das Ziel verfehlst. Du musst lernen, in der Bewegung zu schiessen.
Was gibt dir das?
AK Du existierst in der Bewegung und ausserhalb von dir selbst. In der äussersten Reichweite der Waffe musst du gleichzeitig beim Ziel und bei dir sein. Du bist ständig in Bewegung, auch wenn es nicht so aussieht. Und im Moment, in dem du feuerst – peng, peng, peng –, wirst du eins mit dem Universum. Das ist wie beim Wandern durch frischen Schnee oder im Wald.
Du vergisst dann, dass du Palantir führst – ein Softwareunternehmen mit einem Börsenwert von 420 Milliarden Dollar?
AK Die Momente, in denen ich total von Palantir befreit bin, sind die Momente, in denen ich die besten Ideen habe – und zwar für Palantir.
Das kenne ich. Gute Ideen habe ich beim Schwimmen, nicht vor dem Bildschirm.
AK Ideen fallen dir zu. Sie finden immer dich, nicht du sie.
Die Techindustrie braucht Ideen. Alle reden über die Giganten der künstlichen Intelligenz – Meta, Google, OpenAI. Palantir scheint im Stillen zu arbeiten.
AK Ich würde gern nur im Stillen arbeiten. Aber die Leute reden, reden, reden sehr, sehr, sehr viel über uns.
Und doch wirkt ihr lieber im Verborgenen.
AK Die ersten wirkungsvollen KI-Anwendungen hatte das amerikanische Militär. Die fortschrittlichsten finden sich immer noch dort.
Weil das Militär ein wichtiger Kunde von Palantir ist, redet ihr weniger darüber?
AK Vieles bleibt geheim, aber die Wirkung unserer Software ist bekannt. Unser Maven-Programm wird in der Ukraine eingesetzt, wo es eine bedeutende Rolle spielt. Bei jüngsten Operationen im Nahen Osten kam es mit erheblichen Auswirkungen zum Einsatz. Manche finden das negativ, was ihr gutes Recht ist. Ich bin stolz auf diese Arbeit, auch wenn vieles davon im Dunkeln bleiben muss.
Palantir wirkt trotz Erfolg eher im Stillen, weil eure Software geheim ist?
AK Es gibt ein etwas vulgäres englisches Zitat, das es gut trifft: «Quiet in the streets, hard in the sheets.»
«Brav auf der Strasse, wild im Bett.»
AK Was ja auch sehr schweizerisch ist. Ihr wollt nicht auffallen, aber was ihr macht, ist ausgezeichnet. Ich sage oft zu Kunden, besonders im Ausland: Wir sind wie ein Schweizer Unternehmen. Wir bauen gute Produkte und wollen dafür anständig bezahlt werden. Unser Zeug funktioniert. Wir könnten mehr verlangen, tun es aber nicht.
Andere KI-Unternehmen investieren gigantische Summen in Rechenzentren und jagen einem unrealistischen Traum hinterher.
AK Wenn du das so formulierst, klingt das negativ. Ich kritisiere nicht, was sie tun. Wir nutzen ihre Produkte. Wir sind profitabel, weil wir – unbescheiden ausgedrückt – als einzige Firma zur Wertschöpfung beitragen.
Ich formuliere es nicht negativ. Ich frage mich bloss, ob wir in einer KI-Blase stecken. Alle Blasen platzen bekanntlich.
AK Ein Teil der Investitionen ist sicher wertlos. Was wir tun, ist wertvoll – und die Nachfrage unersättlich. Wir reden nicht viel, wir liefern. Unsere Produkte verschaffen den USA und ihren Verbündeten Vorteile. Darauf bin ich stolz. Zudem erhöhen wir den Wert vieler Unternehmen dramatisch.
Dazu braucht es gute Softwareingenieure. Manche Unternehmen zahlen bis zu 100 Millionen Dollar Antrittsbonus. Ist ein KI-Spezialist wirklich so viel wert?
AK Ja, wenn er liefert, was er zu liefern behauptet.
Verdienst du genug?
AK Ich weiss nicht, was ich verdiene. Die Leute sagen, es sei viel. Ich habe das Unternehmen aufgebaut – sorry: mitaufgebaut –, und ich verdiene nur etwas, wenn Palantir gross wird. Wir werden in Aktien bezahlt. Ich bin sehr dafür, allein nach dem geschaffenen Wert vergütet zu werden.
Eine calvinistische Haltung.
AK Palantir ist ja im Geiste eine schweizerische Firma – wir verkörpern die calvinistische Schweiz, vielleicht das einzige Land in Europa, das eine solche Vergütung akzeptieren könnte. Ihr seid vielleicht noch moderat calvinistisch. Amerikaner dagegen sind Hyper-Calvinisten, der Hyper-Calvinismus prägt das Silicon Valley.
Im Silicon Valley dreht sich derzeit alles um die Artificial General Intelligence, kurz AGI. Mit der wären Maschinen intelligent wie Menschen. Die Gottesfrage: Werden wir dieses Ziel erreichen?
AK Du liegst falsch. AGI beantwortet nicht die Gottesfrage, sie ist eine KI, die kann, was du kannst. Wir haben aber Systeme, die in manchen Bereichen besser sind als Experten. Mit menschlicher Unterstützung können sie heute schon besser töten, produzieren, umschulen oder für Sicherheit sorgen. Da sind Ansätze von AGI drin.
Und die grossen Sprachmodelle? Werden sie schon bald «Superintelligenz» erreichen, also klüger sein als der Mensch?
AK Wir können uns glücklich schätzen, das in fünf Jahren zu schaffen. Danach erst stellt sich die Gottesfrage: Entwickelt sich die Maschine darüber hinaus zu etwas deutlich Besserem?
Macht sie eine künstliche Evolution durch?
AK Stell dir einen Intelligenzquotienten von 250 vor, der sich täglich erhöht, auch wenn es nur zehn Prozent sind. Da wird Wachstum exponentiell.
Es entstünde eine unfassbar mächtige Intelligenz. Hältst du das für möglich?
AK Das wirft theologische Fragen auf, für die wir im Silicon Valley schlecht gerüstet sind. Wir bei Palantir glauben an die Überlegenheit des Menschen und des Westens. Da ist es schwierig, komplett areligiös zu sein. Bei solchen Fragen wird der Glaube eine grössere Rolle spielen müssen.
Was im säkularen Europa mehr auf Ablehnung stossen dürfte als in den USA.
AK Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Europa und Amerika, den viele vergessen, betrifft unsere Verfassung. Selbst für hundertprozentig säkularere Atheisten in den USA gilt: Die Grundlage unserer Verfassung wurde uns von Gott verliehen. Europäische Verfassungen werden von Menschen geschrieben.
Die Vereinigten Staaten wurden nicht nur von Rebellen gegründet, sondern auch von religiös Verfolgten. Angst vor künstlicher Intelligenz haben Menschen aber überall. Wenn es irgendwann die Superintelligenz gibt, was bleibt dann noch für uns?
AK Bei Palantir ist der Mensch auch dann das entscheidende Element. Der wirtschaftliche Wert, den er schafft, nimmt sogar zu. Wer seine Intelligenz technologisch erweitert, wird profitieren. Was mich viel mehr beunruhigt, ist Europa: Dort fehlt vielen das Bewusstsein für diese Entwicklung – und damit die Bereitschaft, sich ihr zu stellen.
Zu Europa kommen wir noch. Mich interessiert zuerst, wie die KI uns verändert.
AK KI macht die nicht standardisierten Fähigkeiten zehn-, ja hundertmal wichtiger. KI ist nicht besonders gut darin, Einzigartiges zu leisten. Wer aber über originelle Einsichten verfügt und sie mit KI zu verbinden weiss, der ist in einer hervorragenden Position.
Bist du in einer hervorragenden Position?
AK Ich habe Legasthenie. Was alle anderen gut können, kann ich nicht gut. Ich bin gut in einzigartigen Dingen. Und das ist wertvoll.
Können Maschinen ein Gewissen haben?
AK Eine wichtige Frage – wegen der wir bei weltlichen Themen vermehrt theologische Gedanken einbeziehen müssen. Mich beschäftigt, weshalb das menschliche Gewissen wichtiger ist als eine computerbasierte Sichtweise.
Was moralische Fragen aufwirft.
AK Wobei sich die amerikanische Moral von der schweizerischen, deutschen oder französischen unterscheidet, von der chinesischen oder russischen – vielleicht auch von der Moral, die eine KI hätte. Mir gefällt die schweizerische Version: direkte Demokratie und Wettbewerb unter den Kantonen. Ich bin ein konventioneller Rechts-der-Mitte-Schweizer.
Mehr Schweizer als Amerikaner?
AK Mir liegen soziale Fragen näher als vielen Amerikanern. Aus meiner Sicht sollten Schulen so gut sein wie in der Schweiz; das ist in den USA nicht der Fall. Sicherheit ist mir wichtig. Und ich bin ein Immigrationsskeptiker.
Die Schweiz ist ein Land von Einwanderern. Die Familie meiner Grossmutter kam aus Verona ins Fricktal im Kanton Aargau.
AK Manchmal funktioniert Zuwanderung gut – manchmal weniger. Migration aus kulturell ähnlichen Ländern gelingt, aus kulturell entfernten eher nicht. Und sie funktioniert täglich schlechter. Doch man darf das weder sehen noch sagen. In Europa klafft eine Lücke zwischen dem, was die Bürger denken, und dem, was die Politiker behaupten. Sie tun so, als gäbe es das Problem nicht.
Und das wird für Europa zum Nachteil?
AK Ich sage jetzt etwas, das viele in Europa nicht hören wollen. Wenn ich mit führenden Politikern spreche, wollen alle dasselbe wissen: Wird Europa das überstehen? Wird es die Alte Welt in ihrer heutigen Form noch geben? Europa muss endlich offen darüber sprechen.
Öffentlich sagen Präsidenten und Premierministerinnen so etwas aber nicht.
AK Dir sagen sie es sowieso nicht, weil du Europäer bist. Aber sie sagen es in Meetings, wo niemand von euch dabei ist. Migration verändert Europa auf eine Weise, die ihr nicht versteht. Sie wirkt sich aus auf die Kriminalität, auf soziale und industrielle Integration, auf seltsame politische Bewegungen, die zwangsläufig entstehen, weil niemand die Wahrheit ausspricht. Migration beeinflusst, wohin Kapital fliesst. Die meisten Europäer weigern sich partout, solche Fakten anzuerkennen.
Wie erklärst du europäischen Politikern die Dringlichkeit der Lage?
AK Ich sage ihnen: «Die Situation in Europa ist düster. Wenn ihr das nicht anerkennt, bleibt sie düster.» Deutschen Politikern, die mich danach aus ihrem Büro werfen, sage ich es so: «Man betrachtet euch wie die Innenstädte in Amerika. Dort will ich nicht leben.»
Du hast lange in Deutschland studiert, in Europa gelebt. Jetzt bist du besorgt?
AK Jeder ist besorgt um Europa. Es gibt zwei Dinge, die ihr unterschätzt. Erstens: Alle wissen, wie ernst die Lage ist. Zweitens: Ich kenne keinen, der nicht will, dass es Europa besser geht. Es gibt viel guten Willen. Gibt es irgendjemanden auf der Welt, der die Schweiz nicht mag?
Die Schweiz ist in Europa. Was soll sie tun?
AK Die Schweiz muss für sich selbst schauen. Ich hoffe, dass sich Europa verändert, aber ich kann das nicht erkennen. Daher sollte die Schweiz eine engere Allianz mit den USA anstreben und ihre Einwanderungspolitik überdenken. Sie muss auf hoch qualifizierte Zuwanderung setzen, wie Singapur das macht – und nicht jedem Europäer freien Zugang gewähren.
Die Schweiz diskutiert, enger an die Europäische Union heranzurücken. Das wäre in deinen Augen falsch?
AK Ich sage nicht, was richtig oder falsch ist. Ich sage nur: Es wird nicht funktionieren. Ihr entscheidet. Ich will, dass es der Schweiz gut geht. Sonst würde ich ja nicht mit dir reden.
Die Absolventen unserer berühmten Hochschule ETH wollen lieber Start-ups in Boston oder im Silicon Valley gründen.
AK Dass es bei euch keine Techszene gibt, hat mit der Einwanderungspolitik zu tun. Einer meiner Mitarbeiter hier bei Palantir spricht perfekt Deutsch, hat Schweizer Vorfahren und würde gern in die Schweiz gehen. Aber das ist schwierig, weil er Amerikaner ist. Der Bundesrat sollte ihm sofort einen Pass schicken.
Dein Vater war Kinderarzt, deine Mutter Künstlerin. Bist du mehr Wissenschaftler oder Künstler?
AK Ich bin Künstler. Von meinem Vater habe ich den Geschäftssinn, das Gefühl für Zahlen. Aber ich entscheide und wirke wie ein Künstler. Ich gehe raus, erspüre die Dinge und baue Produkte, die wie Kunstwerke sind.
Dann treibt dich nicht das Geld an?
AK Geld gibt mir viele Freiheiten. Ich kann dieses schöne Haus hier in Sun Valley mieten. Aber es spielt mir auch Streiche. Ab einer gewissen Menge verlierst du Freiheiten. Wegen meines Geldes bin ich heute weniger frei.
Dein Vater ist jüdisch, deine Mutter afroamerikanisch. Wie hat dich das geprägt?
AK Die Menschen über- und unterschätzen das. Nichts hat mich mehr geprägt als meine Legasthenie …
… eine Lernschwäche, die Lesen, Schreiben und Rechtschreibung betrifft.
AK Viele glauben mir nicht, wenn ich sage: Die Legasthenie war entscheidend. Das Gefühl, Aussenseiter zu sein, nirgendwo richtig dazuzugehören, hat mich geformt. Dazu kommt der «Hybrid-Bonus» meiner beiden aussergewöhnlichen Eltern: ihr Intellekt und ihre Integrität.
Du warst immer ein Aussenseiter?
AK Ich bin in der jüdischen Gemeinschaft aufgewachsen, viele glauben, dass ich Israel deshalb verteidige. Ich verteidige aber nur, woran ich glaube. Wenn man als Aussenseiter aufwächst, bleibt man es wohl. Ich bin es gewohnt, nicht dazuzugehören. Ich kam noch nie in einen Raum und dachte: Die sind ja wie ich!
Wer die klügste Person im Raum ist, ist im falschen Raum. Das bist oft du.
AK Wenn Intelligenz bedeutet, originelle Ideen zu entwickeln und sie früher als andere in Produkte umzusetzen, bin ich sehr intelligent. Wenn es bedeutet, gut «Scrabble» zu spielen, war ich nie der Intelligenteste.
Ich habe bewusst «klug» und nicht «intelligent» gesagt. Einen IQ kann man messen, Klugheit ist fliessender, umfassender.
AK Der Unterschied gefällt mir. Der Quotient meiner Klugheit ist über die Jahre gestiegen – dank meiner Erfahrung und weil ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Zum grossen Teil aber, weil mein Archetyp eben dyslektisch (der eines Legasthenikers; Red.) ist.
Für einen blitzgescheiten Menschen wie dich ist es vermutlich nicht einfach, Gleichgesinnten zu begegnen.
AK Bei Palantir spreche ich oft mit jungen Ingenieuren. Und dann treffe ich Menschen wie dich. Wie du siehst, notiere ich mir, was du sagst. Was du über Sprache gesagt hast, über den Unterschied zwischen Intelligenz und Klugheit, über Rebellen und Religiöse in den USA – darüber werde ich nach unserem Gespräch nachdenken. Am liebsten spreche ich mit klugen, europäisch geprägten Menschen, die eine Art Mikrointelligenz haben.
Du hast an der Stanford University in Kalifornien den Investor Peter Thiel getroffen und später Palantir mit ihm gegründet. Was hat euch zueinander hingezogen?
AK Bewusst unser Gedankenaustausch, unterbewusst, dass er einer der Klügsten der Welt ist, dazu Deutscher und Hugenotte. Mit jemandem zu streiten, der ähnliche Grundannahmen anders interpretiert als du, ist sehr produktiv. Wir glauben beide daran, etwas zu erschaffen. Und niemand ausser Peter hätte mich ausgewählt.
Weisst du, warum er es getan hat?
AK Keine Ahnung. Er hat mich nicht nur ausgewählt, er liess mich auch mein Ding durchziehen. Obwohl wir ja jahrelang unpopulär waren.
Das scheint eine echte Freundschaft zu sein. Wie siehst du sie heute, 22 Jahre später?
AK Als grossartig und ungemein wertvoll, das Beste aus zwei Epochen: Wir waren Freunde, als wir nichts waren. Und sind es noch immer, obwohl wir heute berühmt sind. Wir teilen Grundannahmen, haben aber unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man Ideen umsetzt. Zwischen uns herrscht tiefes Verständnis – gewachsen über Jahre, einzigartig, nicht wiederholbar. Aus einer Zeit, als wir in der Schule nichts hatten und gleichberechtigt waren. Und aus über 20 Jahren Partnerschaft.
Mit Peter Thiel hast du 2003 Palantir als Reaktion auf 9/11 gegründet. Ich war an diesem Tag in New York und begann zu begreifen, was Journalismus ist. Wie hat dich dieser Tag geprägt?
AK Ich wollte ein Unternehmen gründen, um zu verhindern, dass so etwas je wieder geschieht. Ich wollte den Terrorismus bekämpfen – und gleichzeitig Daten schützen. 9/11 prägt bis heute, wie ich die Welt sehe.
Du hast eine Hightechfirma gegründet, um weitere Lowtechangriffe wie den vom 9. September 2001 zu verhindern?
AK Gegen Lowtechangriffe braucht es Hightech, sonst untergräbst du rasch den Rechtsstaat und die Menschenwürde. Zudem können Regierungen keine Software entwickeln, um solche Attacken zu stoppen.
Lässt sich heute jeder Terroranschlag in den USA verhindern?
AK Man darf nicht so binär denken. Es gibt nie 100 Prozent Schutz. Wir reduzieren den Terror dramatisch. Dutzende Anschläge wurden gestoppt – darunter mehrere in der Grössenordnung von 9/11. Was mich ärgert: Unsere Produkte haben das geschafft. Aber unsere Kunden schweigen, wenn man uns angreift.
Du meinst Regierungen?
AK Ja, es gibt Dinge, über die sie nicht sprechen können. Europa sähe heute anders aus, wenn unsere Produkte nicht im Einsatz wären. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Ein Angriff wurde nicht gestoppt: das Massaker in Israel am 7. Oktober 2023 durch die Hamas. Woran lag das?
AK Solange die Aufnahme läuft, kann ich darüber nicht reden.
Palantir steht in der Kritik, weil ihr Software an Israels Armee oder die CIA liefert.
AK Auch da kann ich keine Details nennen. Aber die israelischen Streitkräfte bestätigen, dass sie unsere Software nutzen.
Eure Technologie rettet und nimmt Leben. Wie gehst du mit diesem Widerspruch um?
AK Glaube ich an die westliche Überlegenheit mit Amerika an der Spitze? Ja. Sie ist nicht gottgegeben, aber das Beste, was wir erreichen können. Daher gilt: Moral folgt militärischer Macht.
Deshalb willst du die Armeen des Westens stärker machen?
AK Wer seinen Willen nicht militärisch durchsetzen kann, überlässt das Feld anderen moralischen Systemen. Amerika muss stark bleiben – und diese Macht möglichst selten einsetzen. Nur so bleibt unsere Moral auch in 100 Jahren erhalten.
Du sprichst von der Moral des Westens.
AK Dazu zähle ich neben den traditionell westlichen Ländern auch den arabischen Nahen Osten, Saudi-Arabien, die Emirate, Bahrain – und Israel.
Würdest du mit China, Russland oder Iran Geschäfte machen?
AK Wir haben dort keine Ableger und unser Produkt nie an China, Russland oder Iran verkauft. Früher hatten wir Probleme, weil wir die Einnahmen gut hätten gebrauchen können. Einige Investoren waren wütend, dass wir nicht mit diesen Ländern arbeiten wollen. Aber wir haben es nicht getan.
Und warum nicht? Wir leben im Kapitalismus.
AK Aus moralischen Gründen. Ich will, dass der Westen stark ist.
Du hast keine moralischen Bedenken, autonome Waffen zu entwickeln – die selbst entscheiden, wen sie töten?
AK In einer idealen Welt würden solche Systeme nicht existieren. Aber Menschen werden sie nun einmal bauen. Tun wir es nicht, bauen die anderen sie – und werden gewinnen. Das ist die moralische Kernfrage. Im Ernstfall reicht die menschliche Reaktionszeit nicht. Deshalb müssen wir im Voraus festlegen, wie Systeme bei Angriffen reagieren. Entscheidend ist: Sind die Waffen offensiv oder defensiv? Die meisten westlichen Entwicklungen sind defensiv. Verteidigung wird moralisch anders beurteilt als Angriff.
Wann kämpfen im Krieg nur noch Roboter?
AK Das weiss niemand. Aber es gibt bereits Bereiche in heutigen Kriegen, in denen Maschinen kämpfen.
Führst du immer noch alle Vorstellungsgespräche bei Palantir selbst?
AK Nicht mehr alle, aber derzeit wieder mehr. Eigentlich ist es das Wichtigste, was ich tue: bei Palantir mit den Leuten zu sprechen und herauszufinden, wohin sie gehören.
Du bist bekannt dafür, dass solche Gespräche maximal drei Minuten dauern. Kann man in so kurzer Zeit wirklich entscheiden, ob man jemanden einstellt?
AK Meine Erfahrung zeigt: Je kürzer ein Gespräch dauert, desto treffsicherer die Entscheidung.
Alexander Karp, Jahrgang 1967, kam in New York zur Welt. In Frankfurt am Main machte er seinen Doktor in Philosophie, an der Stanford University studierte er Recht. Dort begegnete Karp dem Investor Peter Thiel, mit dem er 2003 das Softwareunternehmen Palantir gründete.