Carole Hübscher im Werk von Caran d’Ache in Genf.
Der Stift ist ein Werkzeug der Freiheit
Farbstifte von Caran d’Ache bringen Kinderaugen noch immer zum Funkeln. Carole Hübscher führt das Genfer Unternehmen in der vierten Generation. Weil menschliche Kreativität mit der Hand beginnt, errichtet sie nun eine neue Fabrik im Hochpreisland Schweiz.
Carole Hübscher im Werk von Caran d’Ache in Genf.
Frau Hübscher, zeichnen oder ausmalen – was machen Sie lieber?
CAROLE HÜBSCHER Ausmalen – da sind die Umrisse immerhin schon da. Seit drei Jahren besuche ich unsere Online-Kreativkurse. Mittlerweile kann ich auch ganz gut zeichnen.
Was haben Sie damals ausgemalt, als Sie als Mädchen Ihre erste Schachtel Caran-d’Ache-Farbstifte erhielten?
CH Als Kind habe ich gezeichnet, nicht ausgemalt! Und zwar alles, was meiner Fantasie entsprungen ist.
Zu Weihnachten gab es für Schweizer Kinder Ihrer Generation zuerst ein Pyjama von Calida. Und im Jahr darauf Farbstifte von Caran d’Ache. Welche Erinnerungen wecken diese Stifte bei Ihnen?
CH Ich habe tatsächlich beides bekommen, auch das Pyjama. Aber meine Augen haben geglitzert, als ich die Schachtel mit den Farbstiften öffnete – und der Regenbogen vor mir lag. Dazu dieser Duft!
Gab es neidische Blicke von anderen Kindern, weil Sie mehr Farbstifte hatten?
CH Sie waren nicht neidisch, aber man wusste schon: Ich habe mehr Farben als die anderen. Noch heute kommt bei Caran d’Ache der Samichlaus vorbei und bringt allen Kindern unserer Mitarbeiter Farbstifte.
Wie spricht es Ihre Sinne an, wenn Sie eine Schachtel Farbstifte öffnen?
CH Mich erinnert das immer an meinen ersten Schultag – als ich den Schreibtisch öffnete und darin meinen ersten roten Bleistift entdeckte. Ein neuer Bleistift riecht für mich noch immer nach Schulanfang. Mit der ersten Schachtel Farbstifte haben viele Schweizer Kinder genau wie ich damals ihren Eltern eine erste Zeichnung gemacht. Das bleibt hängen.
Weil dieses Geschenk einzigartig ist?
CH Nimmt ein Kind einen Stift in die Hand, kann Magisches geschehen. Zeichnen ist oft der erste kreative Akt im Leben eines Menschen. Später unterstützt der Stift die Entwicklung des Gehirns. Denn Schreibenlernen ist dem Lesenlernen ganz ähnlich.
Immer mehr Schulen ziehen digitale Hilfsmittel den herkömmlichen Stiften vor.
CH Ja, aber sie kehren zurück. Das Analoge erlebt gerade eine Renaissance – vor allem in Ländern, in denen die Auswirkungen der Digitalisierung an Schulen untersucht wurden. Der Stift ist ein Werkzeug der Freiheit: Wenn du von Hand unterzeichnest oder einen Brief schreibst, bist du ganz bei dir selbst. Mit einem Stift bringst du einen Teil deiner wahrhaften Persönlichkeit zu Papier.
Kinder wünschen sich heute eher ein iPhone als Farbstifte. Hat Caran d’Ache da überhaupt noch eine Chance?
CH Natürlich! Das iPhone ist ein Konsumgut, unsere Stifte hingegen sind kreative Werkzeuge. Beides kann nebeneinander existieren, dient aber völlig unterschiedlichen Zwecken.
Apple ist mit dem iPhone zum grössten Konzern der Welt aufgestiegen. Sie bauen eine neue Fabrik im Kanton Genf – ausgerechnet zu einer Zeit, in der alles digitaler wird. Warum setzen Sie weiterhin auf ein analoges Produkt und lassen es in einem Hochpreisland wie der Schweiz herstellen?
CH Letzte Woche war ich in China und habe das grösste E-Commerce-Unternehmen des Landes besucht: JD.com mit einer Million Angestellten und 1800 Lagern, verteilt über das ganze Land. Sie liefern dort innerhalb von acht Stunden alles, überallhin. Caran d’Ache verzeichnet bei JD.com gerade einen Umsatzanstieg von 76 Prozent. Was sagt das? Menschen, die in einem Land leben, in dem sie alles mit dem Smartphone erledigen können, suchen wieder etwas, das sie in der realen Welt verankert.
Farbstift gegen iPhone: Ist das nicht wie Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft?
CH Es ist schwierig, wenn Kinder sieben Stunden pro Tag vor ihren Bildschirmen verbringen und nichts anderes tun als zu scrollen. Da tragen wir eine soziale Verantwortung, indem wir eine Alternative bieten: ein kreatives Werkzeug, das entspannend wirkt. Wie Yoga oder Pilates.
Wenn ich auf dem iPad zeichne, bin ich auch kreativ. Da brauche ich keinen Stift.
CH Es ist nicht dasselbe. Mit dem Handy machen Sie unzählige Fotos, die Sie sich nie wieder anschauen. Ein Bild, das an der Wand hängt, sehen Sie dagegen jeden Tag. Eine Zeichnung oder ein Kunstwerk zu verschenken – das bleibt.
Wozu sollen wir noch zeichnen oder malen, wenn eine KI alles abbilden kann?
CH Künstliche Intelligenz ist nicht kreativ. Grosse Künstler und Architekten nutzen keinen Computer, um eine erste Idee festzuhalten. Ihr kreativer Prozess beginnt mit der Hand. Nur so ist es möglich, eigene Grenzen zu überschreiten und etwas zu schaffen, das es vorher nicht gab.
Was aus Ihrer Zeit an der Hotelfachschule hilft Ihnen heute, Caran d’Ache zu führen?
CH Zu verstehen, was Kunden sind. Und dass man sie in den Mittelpunkt stellen muss. Ohne Kunden gibt es kein Unternehmen. Auf sie muss man hören. Ich will von Künstlerinnen und Zeichnern hören, was sie brauchen. Entwickeln wir ein neues Produkt, tauschen wir uns mit ihnen aus. Künstlern schicke ich Prototypen, damit sie sie testen.
Sie waren lange ausserhalb von Caran d’Ache tätig, haben bei Swatch und Calvin Klein gearbeitet. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie zu Caran d’Ache zurückkehren sollten?
CH Nach der Hotelfachschule arbeitete ich eine Zeit lang in Hotels, aber ich wollte die Welt sehen. Erst in New York, als ich den US-Vertrieb von Caran d’Ache betreute, habe ich das Unternehmen, die Marke und unsere Kundschaft richtig kennengelernt.
Es dauerte aber noch lange, bis Sie Caran d’Ache übernahmen.
CH Mein Vater hat mehr als 50 Jahre für das Unternehmen gearbeitet. Ich dachte: Das hält ihn gesund. Solange er da ist, muss ich nicht kommen. Er war 75, als er aufhörte.
Wie gross war die Erwartung – oder der Druck –, dass Sie in das Familienunternehmen einsteigen?
CH Natürlich haben wir immer wieder darüber gesprochen, aber es gab keinen konkreten Druck. Familienunternehmen sind oft kompliziert, vielfach sind Emotionen im Spiel. Meine Eltern sagten stets: «Mach, was du willst, studiere, was dich interessiert, nimm Jobs an, die dich reizen!»
Sie verspürten demnach keinen Druck von Ihrer Familie?
CH So ist es. Aber in Familienunternehmen haben alle einen gewissen Druck im Hinterkopf.
Der Druck war eher unterschwellig?
CH Man spürt eine gewisse Loyalität gegenüber all denjenigen, die vor einem da waren und etwas aufgebaut haben. Das schwingt einfach mit. Hätte ich gesagt: «Ich bin nicht interessiert», wäre das in Ordnung gewesen. Meine Schwester wählte einen anderen Weg, und das war okay.
Warum sind Sie eingestiegen?
CH Mir macht die Arbeit wirklich grossen Spass. Es ist eine Leidenschaft, Schreibwerkzeug herzustellen. Caran d’Ache ist eine dankbare Marke, weil sie Gefühle weckt und spannende Kunden hat – neben den Kindern, die mit den Farbstiften erstmals kreativ werden, sind es viele Künstler und kreative Menschen, die mit unseren Produkten arbeiten und schreiben.
Sie haben drei Kinder. Wie gehen die damit um, keinen Druck zu haben – und doch zu spüren, dass da Erwartungen an sie vorhanden sind?
CH Die nächste Generation – die fünfte – hat sechs Mitglieder. Seit etwa zwei Jahren sprechen wir regelmässig mit ihnen über Werte. Wir haben eine Familiencharta verfasst und sagen ihnen: «Studiert, was ihr möchtet, wählt den Beruf, den ihr wollt, verbringt viel Zeit mit Arbeit, findet heraus, was ihr gern macht.» Caran d’Ache kann ein Teil davon sein, muss aber nicht. Wir reden offen. Die sechs sind jung, und es ist noch früh. Klar ist nur eines: Wer bei uns tätig ist, muss die Marke schützen.
Es gibt nicht viele Schweizer Marken, die so angesehen sind wie Caran d’Ache. Wie schützt man so etwas?
CH Wir müssen unsere Werte bewahren, und alle, die hier arbeiten, müssen sie verinnerlichen. Es dauert lange, eine Marke aufzubauen, die für Exzellenz, höchste Qualität und Leidenschaft steht. Aber es ist leicht, das alles zu zerstören. Es kommt immer wieder vor, dass wir ein Produkt nicht auf den Markt bringen, das wir entwickelt haben – einfach weil es nicht perfekt ist. Als Familienunternehmen können wir uns das leisten, denn wir denken langfristig. Wir machen nichts Kurzfristiges.
Sie schliessen einen Gang an die Börse aus?
CH Ja. Da wir nicht börsennotiert sind, müssen wir nicht wachsen, wachsen, wachsen. Was wir tun, ist der Nachhaltigkeit verpflichtet. Wir wollen nicht die Grössten sein, uns geht es um Exzellenz. Deshalb bleiben wir bei «Swiss Made», während viele unserer Mitbewerber in China oder in Südamerika produzieren.
Sie fertigen alles hier in der Schweiz?
CH Alles – vom Bleistift für 50 Rappen bis zu unserem luxuriösesten Produkt, dem Füllfederhalter «Astrograph», der aus 570 Einzelteilen besteht und rund 10 000 Franken kostet. Das zeigt gut, wie wir Schweizer Handwerk mit Kunst vereinen. Zugleich stellen wir Schulbleistifte her und machen Caran d’Ache für alle zugänglich.
Es gibt deutlich billigere Kugelschreiber, Farbstifte und Füllfederhalter. Wie bleiben Sie da wettbewerbsfähig?
CH Wir konkurrieren nicht über den Preis – und werden das auch in Zukunft nicht tun. Ja, unsere Produkte kosten vielleicht mehr, aber sie halten länger und funktionieren besser. Billige Bleistifte brechen oft schon beim Anspitzen. Unsere werden so hergestellt, dass sie lange zuverlässig bleiben. Das gilt für alle unsere Produkte: Für uns zählen Handwerk und Langlebigkeit – nicht kurzfristiges Sparen.
In Ihrer Fabrik in Thônex bei Genf betreiben Sie eine eigene Reparaturwerkstatt. Nur: Sind Schreibwaren am Ende nicht doch Wegwerfprodukte?
CH Alle unsere Produkte sind reparier- und nachfüllbar. Einen Stift von Caran d’Ache wirft man nicht einfach weg. Alle Kunden können ihre Metallschachteln in jedem Caran d’Ache-Geschäft auffüllen lassen.
Wann ist ein Stift ein guter Stift?
CH Wichtig ist, wie er schreibt und zeichnet. Bei den Farbstiften entscheidet die Qualität der Mine darüber, was auf dem Papier geschieht. Künstler achten darauf, wie lichtecht die Farbe ist. Wenn man einen Bleistift anspitzt, bricht bei billigen Stiften die Mine oder sie löst sich aus dem Holz.
Wie stellt man Farbstifte her?
CH Das ist wie Spaghetti kochen. Rezept und Koch sind gleich wichtig.Um einen Farbstift herzustellen, sind 35 verschiedene Arbeitsschritte notwendig. Für jeden braucht es andere Spezialisten. Sie haben ein Know-how, das man in der Schweiz nur bei uns erwerben kann. Vieles ist Handarbeit. Ein Koch weiss, wann Spaghetti al dente sind. Unsere Leute kennen die Rezepturen und wissen aus Erfahrung, wie sie umgesetzt werden müssen.
Ein guter Koch weiss: Für gute Spaghetti braucht es die richtigen Zutaten.
CH Unsere Rohstoffe kommen zu 75 Prozent aus der Schweiz oder aus der Nähe der Schweiz.
Ist das klassische Caran-d’Ache-Rot immer noch gleich rot wie vor 50 Jahren?
CH Ja, seit Jahrzehnten hat Caran d’Ache eine einheitliche Farbpalette. Das Rot, das Sie als Kind benutzt haben – die Nummer 080 –, ist in allen unseren Produktlinien identisch, in den Farbstiften oder den Pastellkreiden bis hin zu den Neocolor. Was nicht einfach ist, da sich Lieferanten und Materialien mit der Zeit ändern. Umso mehr bemüht sich unser Forschungs- und Entwicklungsteam, die Integrität der Farbtöne zu erhalten.
Alle reden über künstliche Intelligenz. Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei Caran d’Ache?
CH Künstliche Intelligenz kann uns helfen, Fehler bei Gehäusen von Stiften zu erkennen. Bei Blei- und Farbstiften jedoch bringt KI wenig, da es beim Holz natürliche Unterschiede gibt. Das menschliche Auge sieht Fehler schneller und präziser als ein Algorithmus.
Wo zeichnen, malen und schreiben Menschen heute noch?
CH Aufgrund historischer Bindungen ist Europa nach wie vor unser Hauptmarkt. Aber auch Japan ist wichtig, zumal die Japaner hochwertige Handwerkskunst sehr schätzen. In den USA ist unser Kunstzubehör bei professionellen Künstlern beliebt. Ende März haben wir in SoHo, New York, einen neuen Laden eröffnet. In Asien sind Schreibgeräte – Füllfederhalter und Kugelschreiber – besonders gefragt, da die Handschrift noch immer eine grosse kulturelle Bedeutung hat.
Beeinträchtigen die neuen Zölle von Donald Trump Ihr USA-Geschäft?
CH Wir beobachten die Entwicklung genau.
Sie sind vor allem für Farbstifte bekannt. Wie wichtig sind die Schreibgeräte?
CH Schreibgeräte spielen für unser Geschäft ein genauso grosse Rolle wie die Farbstifte. In Märkten wie Asien, wo die Handschrift einen hohen Stellenwert hat, sind sie besonders stark. Zudem haben wir eine treue Sammlerschaft, die unsere Handwerkskunst zu schätzen weiss.
Ihre Markenbotschafter sind Künstlerinnen und Künstler. Wie wählen Sie diese aus?
CH Wir arbeiten eng mit Kunstschaffenden zusammen, insbesondere mit jungen Talenten. In der Regel wenden sie sich an uns, weil sie mit unseren Produkten arbeiten und diese mögen. Der Schlüssel ist die Authentizität. Merken wir, dass ein Künstler nicht wirklich mit unseren Stiften und Farben arbeitet, tun wir uns nicht mit ihm zusammen.
Seit 2012 sind Sie Chefin und Präsidentin. Wie führen Sie Ihre 300 Angestellten?
CH Ich pflege eine Politik der offenen Tür und bin gern praktisch tätig. Ich besuche die Produktionsbereiche und spreche mit den Angestellten, um zu verstehen, was sie brauchen. Bewusst setze ich auf ein talentiertes Team. Ich umgebe mich mit Leuten, die in ihrem jeweiligen Bereich besser sind als ich.
Sie waren lange in den USA. Was ist aus dieser Zeit in Ihre Arbeit eingeflossen?
CH Im Gegensatz zu einigen europäischen Kulturen, in denen das Scheitern oft stigmatisiert wird, glaube ich daran, aus Fehlern zu lernen und eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung zu fördern.
Sie sind die erste Frau an der Spitze von Caran d’Ache. Hat sich dadurch das Management der Firma verändert?
CH Das glaube ich nicht. Jede Person an der Spitze bringt ihren eigenen Ansatz mit. Die heutige Belegschaft hat andere Erwartungen als frühere Generationen – und wer gute Leute halten will, muss sich darauf einstellen. Ein klassisch hierarchischer Führungsstil funktioniert heute nicht mehr.
Wie schaffen Sie den Spagat, ein Unternehmen innovativ zu führen, das ein altmodisches Produkt herstellt?
CH Unsere Produkte sind nicht altmodisch – sie sind zweckorientiert! Die Menschen haben eine tiefe Verbindung zu ihnen, egal, ob es sich um kleine Kinder oder professionelle Künstler handelt. Wir schaffen etwas, das zum Glück von Generationen beiträgt.
Dann haben Handschrift und handgezeichnete Bilder eine Zukunft?
CH Oh, eine strahlende Zukunft! Menschen suchen sich Aktivitäten aus, die sie entspannen und erfüllen. Handschrift und Zeichnen sind zutiefst persönlich, und eine handgeschriebene Notiz oder ein originelles Kunstwerk hat mehr emotionales Gewicht als eine digitale Nachricht. Kreativität ist ein grundlegender menschlicher Wesenszug, und ich glaube, dass sie auch für kommende Generationen von Bedeutung sein wird.