Watergate-Enthüller Carl Bernstein (l.) im Gespräch mit Peter Hossli am Parteikonvent der Demokraten in Philadelphia. Foto: Stefan Falke

Das Jahr, das war – Sommer 2016

Warum spielen die Isländer so gut Fussball, was macht Gert Wilders am Parteikonvent der Republikaner in Cleveland? Und warum hat Donald Trump so gute Chancen, US-Präsident zu werden?

15.12.2016

Watergate-Enthüller Carl Bernstein (l.) im Gespräch mit Peter Hossli am Parteikonvent der Demokraten in Philadelphia. Foto: Stefan Falke

Beim Journalismus zählen einzig die Geschichten. Und Geschichten sind dann gut, wenn Menschen sie erzählen. Das waren einige der Begegnungen im Sommer-Viertel von 2016.

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«Alle Isländer kennen einander. Das ist gefährlich»

Islands Präsident Gudni Johannesson über Fussball und andere Wunder. Foto: Pascal Mora

Herr Präsident, Island hat keine Armee. Wie schützen Sie sich am Montag vor einer französischen Invasion?
Gudni Johannesson: Unsere Beziehungen zu Frankreich sind hervorragend, sie werden gut bleiben, auch wenn wir sie am Sonntag in Paris schlagen.

Was passiert, wenn Island tatsächlich gewinnt?
Unser Sieg gegen England war eine der grössten Überraschungen in der Geschichte des Fussballs. Schlagen wir Frankreich in Paris, ist es einfach eine noch grössere Überraschung.

Ihre Prognose?
Das französische Team ist stärker. Es hat weit mehr Erfahrung als wir. Aber wir fürchten niemanden, wir haben keinen Druck. Wir können gewinnen.

Woher rührt der unbändige isländische Siegeswille?
Es ist gefährlich, Parallelen zu ziehen zwischen der Mentalität eines Landes und dem Verhalten auf dem Sportplatz. Vor zehn Jahren haben wir noch 0:3 gegen Liechtenstein verloren.

Es ist kein Wunder

Der Erfolg der isländischen Fussballer gründet auf viel Arbeit, minuziöser Planung, geheizten Hallen, reichlich Wahnsinn – und unbändigem Siegeswille. Foto: Pascal Mora

Es nieselt, und es ist kalt. Donnerstagabend, ein Vorort in der isländischen Hauptstadt Reykjavík. 44 Jungs spurten über einen satten grünen Rasen. Sie traben kurz, spurten wieder, traben. Jung sind sie, 14, 15, 16 Jahre alt, die meisten blond, kräftig, gross gewachsen. Mancher trägt eine Zahnspange.

Ein hagerer Coach mit dunklen Haaren spornt sie an: Tryggvi Björnsson (46), hauptberuflich verlegt er Plättli. Fünf Mal wöchentlich trainiert er Junioren. Björnsson verfolgt mit seinen Jungs ein Ziel: «Das isländische Fussball-Märchen soll noch Jahre weiter gehen.»

Vier aktuelle Nationalspieler hat er einst trainiert. Deren Namen schreibt er ins iPad des Reporters: Ragnar Sigurdsson (30), Gylfi Sigurdsson (26), Johann Berg Gudmundsson (25), Alfred Finnbogason (27). «Natürlich bin ich auf ihren Erfolg ein bisschen stolz.» Demut liegt in der Stimme.

Die 53-jährige Politikjournalistin Johanna Hjaltadottir moderiert beim staatlichen TV-Sender RUV, der SRG Islands. Seit zwanzig Jahren wirkt die Isländerin im Nebenamt als Schweizer Konsulin, betreut die rund 120 Schweizer, die hier zwischen Vulkanen und Geysiren wohnen. Als «unheimlich wichtig» beschreibt sie den Erfolg des Nationalteams. «Er kommt gerade rechtzeitig.»

Sind Sie der europäische Trump, Herr Wilders?

Der holländische Rechtspopulisten Geert Wilders besucht den Parteikonvent der Republikaner – er verehrt Trump und will die Niederlande aus der EU führen. Foto: Stefan Falke

Quicken ­Loans Arena in Cleveland (USA). Republikaner in bunten Hüten und steifen Anzügen feiern ihre Partei. Mittendrin: Geert Wilders (52), der Vorsitzende der rechtspopulistischen niederländischen Partei für die Freiheit. BLICK spricht ihn an.

Herr Wilders, warum sind Sie hier in Cleveland?
Geert Wilders: Warum sollte ich nicht hier sein?

Sie sind Niederländer und können nicht an US-Wahlen teilnehmen.
Es macht mich stolz, bei der demokratischen Nominierung von Donald Trump dabei zu sein.

Trump hat Chancen, US-Präsident zu werden. Die Briten sind aus der EU ausgetreten. Sehen Sie einen Zusammenhang?
In der EU wie in Amerika fühlt sich die Arbeiterklasse von der politischen Elite nicht mehr vertreten. Es ist keine Überraschung, dass nach dem Brexit rechte Parteien wie meine in ganz Europa an Zuspruch gewinnen.

Wie nutzen Sie diese Welle?
Es würde mich sehr glücklich machen, nach dem Brexit einen Nexit zu sehen …

… den EU-Austritt der Niederlande.
Ja, das würde für Holland nicht nur wirtschaftlich Sinn machen. Wir wären wieder ein souveränes Land, könnten die Zuwanderung selber steuern.

Ein Amerika, das Trump nicht sieht

Die Republikaner küren in Cleveland mit Pomp und Luxus einen Milliardär zu ihrem Präsidentschaftskandidaten. Zehn Minuten davon entfernt leben die Menschen in grosser Armut. Foto: Stefan Falke

Farbe blättert ab. Zu kaufen gibts nichts, auf dem Parkplatz wuchert Unkraut. Es riecht nach Schmieröl. Seit zwei Jahren ist der Supermarkt East Cleveland Family Foods geschlossen. Damals stürzte das Dach ein. Es fehlte das Geld, es zu reparieren. «Wer kann, zieht weg», sagt Walter ­Koontz (47). Der Bauarbeiter sieht hier nach dem Rechten.

Sein ganzes Leben hat er in East Cleveland verbracht. Nun denkt er darüber nach, zu gehen. «Früher war East Cleveland ein wunderbarer Ort, heute ist es ein Loch.»

Zehn Autominuten vom kaputten Supermarkt entfernt hat Donald Trump (70) in der Nacht auf heute die Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat akzeptiert. Vier Tage lang feierte die Partei in Cleveland sich und den lauten Milliardär aus New York. Hunderte von Millionen Dollar gaben sie dafür in der schmucken Stadt am Lake Erie aus. Bei Steak und Hummer, mit Champagner und dicken Zigarren.

Die Wut der Weissen

Donald Trump spricht vor allem frustrierte weisse Männer an. Ein Besuch in Ohio, wo sie im November die Wahl entscheiden. Foto: Stefan Falke

Acht Jahre sei es nun her, «seit hier letztes Mal so viel los war». Damals, als ein unbekannter Senator namens Obama Geschichte schrieb. «Dieses Jahr sind die Menschen viel enthusiastischer», sagt Stephanie Penrose (44).

Sie muss es wissen: Seit 15 Jahren arbeitet sie im Wahlbüro von Trumbull County im US-Bundesstaat Ohio – mittlerweile als Direktorin. Sie führt Wahlen durch und trägt neue Wähler ein. Der Grund für den politischen Enthusiasmus in ihrem Bezirk trage einen Namen: «Trump», sagt Penrose.

Nirgends in Ohio gewann Donald Trump (70) in den Vorwahlen mehr Stimmen als hier. Dabei wählt die Region meist demokratisch. Penrose: «Viele registrieren sich, um im November Trump wählen zu können.»

«Amerika ist heuchlerisch»

Als Senator zwang Carl Levin die Schweizer Banken in die Knie, half mit, das Bankgeheimnis zu bodigen. Nun will er die amerikanischen Steueroasen austrocknen. Foto: Stefan Falke

Senator Levin, haben Sie zwei Minuten Zeit für uns?
Carl Levin: Vermutlich nicht, aber Sie können es ja versuchen.

Hillary Clinton ist die Präsidentschaftskandidatin Ihrer Partei…
… was mich sehr glücklich macht. Nie bewarb sich eine erfahrenere Person für dieses Amt.

Was zeichnet Clinton aus?
Sie kennt die Welt und versteht, wie sie funktioniert. Und das ist extrem wichtig.

Warum? Amerika ist ja weltweit populär.
Trump hat unsere Beziehungen mit Europa bereits vergiftet. Ist er erst einmal im Amt, würde er uns völlig isolieren. Das wäre schlecht für Amerika, für Europa und die ganze Welt.

«Wir müssen uns gegen Rüpel wehren»

Die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten entblösst Donald Trump als Schwindler, rückt nach links – und sagt, Amerika sei dann am stärksten, wenn alle zusammen arbeiten. Foto: Stefan Falke

Ballone und Konfetti fallen von der Decke, Vulkane versprühen Funken, satter Rock ertönt.

Es ist 23 Uhr 27 in Philadelphia. Hillary Clinton (68) und Tim Kaine (57) stehen auf der Bühne. Halten Hände, recken sie zusammen in die Höhe. Das Bild soll zeigen: «Hallo Welt, so sieht das neue Team an der Spitze der USA aus.»

Es folgen Bill Clinton (69), der seine Gattin umarmt, Chelsea (36), ihre Tochter, die beide herzt.

Kitschig-amerikanisch, rot-weiss-blau und perfekt inszeniert endet in der Nacht auf Freitag der Parteikonvent der Demokraten – mit einer Rede von Hillary Clinton, die typischer nicht hätte sein können.

“Es wird ein harter Wahlkampf zwischen Trump und Clinton”

Der demokratische Parteitag in Philadelphia ist zu Ende. Hillary Clinton wird nun gegen den Republikaner Donald Trump in den Wahlkampf steigen. Eine Einschätzung.

 Zielscheibe Merkel

Nach dem Triumph von letzter Woche ist die AfD im Hoch. Nächsten Sonntag greift sie in Berlin die Kanzlerin an. Ein Besuch bei den Anhängern der Protestpartei. Foto: Pascal Mora

Die deutsche Bundeskanzlerin hat ein Problem. Es heisst Michael Schultze (66). Seit 1990 hat er immer CDU gewählt. Jetzt wendet er sich von der Volkspartei ab. «Wegen Angela Merkel», sagt der pensionierte Polizist. «Sie interessiert sich nur noch für Europa, nicht für uns Deutsche.»

Schultze legt eine Ananas in seinen roten Renault Clio, er hat im Berliner Stadtteil Mahrzahn-Hellersdorf eingekauft. Nächsten Sonntag, wenn Berlin das Abgeordnetenhaus neu bestellt, wählt er erstmals die Alternative für Deutschland (AfD). Die Protestpartei wettert gegen Ausländer. Grenzen will sie schliessen, Flüchtlinge ausweisen, den Euro abschaffen.

«Ich bin kein Rassist», sagt Schultze. Er wähle rechts, «aber ich bin nicht rechtsradikal.» Den Schweizer Reportern sagt er, «euer Köppel gefällt mir». SVP-Nationalrat Roger Köppel (51) tritt regelmässig am deutschen Fernsehen auf. «Der sagt, was er denkt.» Und was Schultze denkt. Menschen wie er pflügen die politische Landschaft Deutschlands um. Vor einer Woche in Mecklenburg-Vorpommern erreichte die AfD aus dem Nichts 21 Prozent, überholte die CDU. Noch mehr verlor die SPD, die zweite Volkspartei.