Getreidefeld in der Ukraine

Bauern bis zum bitteren Ende

Vor 18 Jahren zog der Schaffhauser Moritz Stamm in die Ukraine. Er machte ausgelaugte Böden fruchtbar und baute ein florierendes Getreideunternehmen auf. Jetzt versucht er, sein Lebenswerk vor den Russen zu schützen.

Peter Hossli (Text) Moritz Stamm (Fotos) 20.03.2022

Getreidefeld in der Ukraine

Nein, das gehe nicht, beantwortet der Bauer die erste Frage des Reporters. Zu gefährlich wäre es derzeit, ihn zu besuchen. «Die Versorgungslage ist prekär, Sie würden stören, die Zugangsstrassen sind behindert», sagt Moritz Stamm. Der 41-jährige Schweizer lebt seit 18 Jahren in der Ukraine, wo er Weizen, Mais, Raps und Sonnenblumen anbaut und verkauft. Statt zu einer persönlichen Begegnung kommt es zu mehreren Telefongesprächen, jeweils spätabends, wenn der Bauer nicht mehr arbeitet und im abgedunkelten Wohnhaus sitzt. «Wir löschen die Lichter, damit die russischen Jets uns nicht sehen.» Nur in der Küche brenne noch eine Lampe. Ausgemacht hat er die Scheinwerfer, die sonst Diebesbanden abhalten würden. Um sein Getreidelager dennoch vor Eindringlingen zu schützen, hat er das Tor seines Hofs mit Sattelschleppern verbarrikadiert.

Moritz Stamm lebt in Bahwa, in einem kleinen Dorf, drei Fahrstunden südlich von Kiew, in der Landesmitte. Seine deutsche Frau und die vier Kinder flogen kurz vor Kriegsbeginn nach Zürich und kamen bei ihren Eltern in Freiburg im Breisgau unter. Wann wird er gehen? «Ich bleibe», betont Stamm. «Ich will mein Gesicht vor den Ukrainern wahren.» Mit diesem Land fühle er sich verbunden, «in guten wie in schlechten Zeiten». Er fing mit nichts an und ist in Osteuropa zum Grossfarmer geworden. «Das ist mein Baby, das lasse ich mir nicht nehmen.»

Stamm war jung, 23 Jahre alt, als er 2004 aus Thayngen in Schaffhausen in die Ukraine kam. Der elterliche Hof war zu klein für ihn und seinen älteren Bruder. Da einstige Auswandererländer wie Kanada oder die USA für Schweizer Bauern nicht mehr erschwinglich waren, richtete er den Blick nach Osten. Polen und Rumänien waren bereits zu teuer. Stamm entdeckte die Ukraine, die dank der fruchtbaren Schwarzerde als Eldorado für Getreide gilt. Es ist ein Land, wo Bauern noch geschätzt werden. Heute bewirtschaftet er dort 2900 Hektaren, eine Fläche von 4200 Fussballfeldern. Ein Schweizer Betrieb umfasst im Schnitt 25 Hektaren. Stamm steht einem Dorf vor, ist beliebt bei den Menschen und produziert für den Weltmarkt.

Jetzt bedroht der Krieg das, was er in fast zwei Jahrzehnten aufgebaut hat. Da die Hauptverkehrsadern geschlossen sind, kann er nicht mehr nach Kiew. Dort aber lagert das Saatgut, das er in drei Wochen säen müsste. Am Himmel kreisen russische Kampfjets, die zu Beginn des Kriegs in seiner Nähe Radaranlagen und elektrische Einrichtungen ­angegriffen haben. «Wenn du das siehst und hörst, bekommst du weiche Knie, aber mittlerweile ist es besser geworden.» Von seinen 25 Angestellten ist die Hälfte vom ukrainischen Militär eingezogen worden. Fünf mussten an die Front, die anderen haben sich der lokalen Bürgerwehr angeschlossen und patrouillieren jetzt mit doppelläufigen Jagdflinten in den Strassen und Dörfern. Der Bezirksleiter habe ihm allerdings versichert, dass seine Männer zurückkehren dürfen, wenn er sie brauche. «In der Ukraine weiss man, wie wichtig die Landwirtschaft ist.»

Mitarbeiter von Moritz Stamm patrouillieren die Strassen

Der blockierte Hafen von Odessa

Um sein Leben fürchtet der Schweizer nicht, er sorgt sich um seinen Betrieb. Derzeit sei fast alles blockiert. Von der Ernte des letzten Jahres hat er erst die Hälfte verkauft, der Rest liegt in Hallen. Bis im Mai sollte die Ernte über den Hafen von Odessa verschifft werden. Die russische Schwarzmeerflotte aber lässt derzeit Frachter in Odessa weder anlegen noch auslaufen. Beträchtliche Mengen stecken fest. Letztes Jahr erntete Stamm 17000 Tonnen Mais, 5000 Tonnen Weizen und 2500 Tonnen Sonnenblumenkerne. Was bei den derzeitigen Marktpreisen einem Handelswert von mehreren Millionen Dollar entspricht. Vergammeln lässt Stamm das Getreide nicht. Er hat eine alte Mühle in Betrieb genommen, lässt Weizen mahlen und verschenkt das Mehl an die Dorfbevölkerung. Weitere 75 Tonnen Weizen hat er nach Kiew geschickt, um in der umzingelten Hauptstadt die Not etwas zu lindern.

Da Stamm derzeit aber nichts verkaufen kann, fehlen ihm Einnahmen. Viele seiner Verpächter sind arme Leute, die auf eine frühzeitig Zahlung seiner Pacht angewiesen wären. Sie haben weder einen Notgroschen noch eine Krankenkasse. Stamm kann nur 2500 Euro täglich beziehen – zu wenig, um die Pacht zu bezahlen. Knapp geworden sind die Brennstoffe. Benzin gibt es kaum noch. Vor Kriegsbeginn kaufte Stamm 80000 Liter Diesel, um seine Traktoren für die Aussaat zu betreiben. Ohne Saatgut können sie aber vorerst nicht ausfahren. Das gefährdet die Ernte des laufenden Jahres.

Tröstlich sei, dass die Russen die Hafenanlagen von Odessa nicht zerstört haben. «Sobald der Hafen öffnet, exportieren wir das Getreide», betont Stamm. «Geht das nicht, brechen wohl Hungersnöte aus.» Nicht in Europa oder in den USA, sondern in Afrika und Asien. Sein Weizen geht nach Ägypten und Indonesien, nach Bangladesh und auf die Philippinen. Der ukrainische Mais ist besonders in China und in Ägypten gefragt (siehe Grafik). Wegen des Krieges haben sich die Preise mehr als verdoppelt. Eine Tonne Weizen kostet 400 Dollar, vor der Pandemie sind es noch 140 Dollar gewesen. «Geht das so weiter, gibt es in Kairo wohl Brotaufstände», befürchtet Stamm.

Fruchtbare schwarze Erde

Selbst wenn der Hafen bald wieder aufgehen sollte, dürfte sich die Situation so rasch nicht entspannen. Bereits vor dem Krieg mangelte es an Lastwagenfahrern, die das Getreide zum Hafen nach Odessa fuhren. Sie arbeiten längst in Polen und Deutschland, wo sie mehr verdienen. Stamm bekundet Mühe, gute Landarbeiter zu finden. Ein Trend, der sich seit dem russischen Angriff fortsetzt: Viele Ukrainer sind nach Polen geflohen und mit offenen Armen empfangen worden. Sie besetzen dort freie Stellen auf dem Bau und im Gastgewerbe.

Zurück bleibt eine überalterte Bevölkerung – und riesige Flächen fruchtbarer Böden, bestens geeignet für den Ackerbau. Solche Böden sind weltweit rar. Entweder sind sie zu sandig oder zu steinig, zu trocken oder wie in Skandinavien zu feucht. Die schwarze Erde der Ukraine aber ist ideal, um Getreide anzubauen. Sie reicht eineinhalb Meter in die Tiefe, ist frei von Steinen und Sand. Der sogenannte Schluffboden kann grosse Mengen an Wasser speichern und deshalb sogar in heissen und trockenen Jahren hohe Erträge abwerfen. Da es seltener regnet als in Westeuropa, arbeitet Stamm so wassersparend wie möglich. Äcker deckt er ab, damit das Sonnenlicht abgestrahlt wird.

Wegen der Schwarzerde gilt die Ukraine als Kornkammer der Welt. Während der Planwirtschaft setzten sowjetische Apparatschiks in ihren Fünfjahresplänen jedoch zu hohe Ziele für das Land am Schwarzen Meer. Die Böden wurden ausgebeutet, waren ausgelaugt und ertragsarm, als die Sowjetunion im Dezember 1991 zerfiel und die Ukraine ihre Unabhängigkeit erlangte. Das ganze Land verzeichnete Missernten. Es fehlte der Erde an Phosphor und Kali, Stickstoff und Mikronährstoffen. Statt das Stroh nach der Ernte umzupflügen, brannten es sowjetische und später ukrainische Bauern ab. Zuweilen konnten Flugzeuge nicht mehr landen, da Teile des Landes durch den Rauch brennender Felder vernebelt waren. Der Humus litt, die Würmer hatten nichts mehr zu fressen und verschwanden. Bauern konnten nicht mehr kostendeckend anbauen, da die Preise zu tief waren. Noch 15 Jahre nach der Wende importierten die Ukrainer Lebensmittel.

Mähdrescher fahren die Maisernte ein

Ab 2005 stiegen die Preise. So hat sich der Preis für Mais vervielfacht, von 65 Dollar auf 300 Dollar pro Tonne. Wie andere Ukrainer investierte Stamm das Geld in Dünger, um die Böden mit Nährstoffen zu versorgen. Er setze heute fünfmal mehr Dünger ein als sein Vorgänger, betont er. Da er keine Tiere hält und somit der Mist fehlt, unterstützt er die Getreidepflanzen mit Spurenelementen wie Mangan, Bor und Zink. Zu viel will er nicht düngen. Zumal er die Böden schützen wolle und der Dünger teuer geworden sei. «Aber wenn ich keinen Stickstoff einsetze, sinken die Erträge um 80 Prozent.»

Die Erde gibt ihm recht. Die Würmer sind wieder da, die Fruchtbarkeit hoch und das Abbrennen von Stroh landesweit verboten. «Die ukrainischen Böden sind heute gesünder als zu der Zeit, als ich ankam», sagt er.

Nie mehr zurück in die Schweiz

Er kam, weil er die Lust am Bauern in der Schweiz verloren hatte. «Dort stehst du ständig in der Kritik und musst dich rechtfertigen», sagt er. «Die Schweizer haben sich von den Bauern entfremdet, zwar haben die meisten keine Ahnung von Landwirtschaft, und doch wollen alle mitreden.» Auf seiner ersten Reise in die Ukraine war ihm aufge­fallen, wie viele Menschen einen eigenen Garten haben und eigene Lebensmittel ­produzieren. Und dass man in der Ukraine als Bauer noch jemand ist. «In der Schweiz werden wir verhöhnt als Umweltverschmutzer und Tierquäler. Hier erntest du als Landwirt viel Respekt.»

Selbst wenn er wegen des Krieges in der Ukraine alles verlieren würde, eine Rückkehr in die Schweiz schliesst er aus. Weil er ein Produzent von Lebensmitteln sein will. Steht er in Bahwa auf einem Haufen Maiskörner, denkt er an die ägyptische Hauptstadt Kairo, wo dank ihm die Menschen drei Wochen lang essen können. Das erfülle ihn mit Stolz. Seit er hier ist, vermarktet er seine Ware weltweit, beachtet er die Börsen, kennt er den Ölpreis, ist er Teil der Welt. «In schweizerischen Landwirtschaftsschulen lernst du nicht mehr richtig, Nahrungsmittel zu produzieren. Du bist zur Hauptsache Landschaftsgärtner und sollst das schlechte ökologische Gewissen der Gesellschaft befriedigen.» Er aber wolle die Welt ernähren und gegen Konkurrenten bestehen. Schweizer Städter rümpften darob die Nase und schimpften, er stinke, er fahre zu viel Gülle aus, seine Traktoren würden die Strassen versperren. Das hielt er nicht mehr aus – und ging.

In der Ukraine traf er bankrotte Kolchosen an, brachliegende Flächen und ein labiles politisches System. Ein deutscher Landmaschinenhersteller übertrug ihm die Leitung seines Ablegers in der Ukraine. Zwei Jahre später machte er sich selbständig, «im letzten Moment», wie er sagt. Mit einem Kredit der Eltern kaufte er sich einen ersten Hof mit 1600 Hektaren Ackerfläche. Vor vier Jahren kam ein Pachtbetrieb mit 1300 Hektaren dazu. Ein Nachbar Stamms, eine Agrar-Holding, bewirtschaftet 750000 Hektaren Land, dreimal die Fläche Luxemburgs.

Jugendzentrum, das Moritz Stamm finanziert hat

Mit siebzehn Traktoren pflügt er Felder um. Vier grosse Mähdrescher besorgen die Ernte. Dazu besitzt er zwei kleinere, die er den Bewohnern der Kolchose zur Verfügung stellt. Ohnehin sieht sich Stamm in der sozialen Pflicht gegenüber dem Dorf – ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit. «Ein Bauer in der Ukraine kann kein Agrarroboter sein, er muss auf die Menschen hören», erklärt er. Stamm hilft den Menschen, ihre Gärten zu pflegen, für sie zu säen und den Mist ihrer Tiere wegzufahren. Er zahlte den Umbau des Kulturzentrums im Dorf, wo es jetzt eine Disco für Jugendliche hat. Verliebte können dort heiraten, Trauernde sich von ihren Verstorbenen verabschieden. Stirbt jemand, kauft Stamm den Sarg und bezahlt den Leichenwagen. Um die Strassen um das Dorf instand zu halten, hat er sich eigens eine Strassenwalze angeschafft. Jährlich bringt er gegen 40000 Euro auf, um den Betrieb von Schule und Gemeinde sicherzustellen. Er kauft Bücher, installiert Boiler und verlegt Teppiche im Kindergarten. «Als Chef der Kolchose hängt mein Ruf davon ab, wie viel ich mache. Mein Ruf ist gut.» Er kommt ohne Übersetzer aus, spricht ein verständliches Gemisch aus Ukrainisch und Russisch. Seine Kinder sind zwischen fünf und zwölf Jahre alt. Sie kamen zwar in Deutschland zur Welt, besuchten aber die Schule im Dorf, bis sie wegen Corona schliessen musste. Die älteste Tochter sei über das Mobiltelefon mit ihren Freundinnen in Kontakt, die sie über Neuigkeiten im Dorf und den Verlauf des Krieges informieren. Die Fünfjährige erlebe diese Zeit als längeren Besuch bei den deutschen Grosseltern.

Anfänglich bekundete Stamm Mühe mit den Sonderzahlungen, wie er sagt. Polizisten erwarten Geldscheine im Reisepass. Um eine Halle zu bauen, die 50000 Dollar kostet, zahlt er 50000 Dollar extra. Als Wiktor Janukowitsch 2010 in Kiew in den Präsidentenpalast einzog, musste er Schmiergelder in Plastiksäcken abliefern. «Baubewilligungen erhält man nicht ohne grösseren ‹Zustupf›.»

Molotowcocktails basteln

Nichts bereue er, betont Stamm, vielmehr fühle er sich ein bisschen wie Kolumbus, der ein neues Land entdeckt habe. Klar, da gelte es Hindernisse zu überwinden. «Aber ich habe es geschafft, und das kann nicht jeder behaupten.» Sorge bereiten ihm die Russen, die den Krieg gewinnen und die Ukraine von Moskau aus regieren könnten. Nach Russland – global gesehen ein noch grösserer Getreideexporteur als die Ukraine – wäre er nicht ausgewandert. Dort mangelt es ihm an Rechtssicherheit. In der Ukraine ist er schon einmal verprügelt und viermal ausgeraubt worden, und stets konnte er sich vor Gericht wehren. «In der Ukraine sagt jeder, was er will, und das ist in Russland nicht möglich.»

Noch ist sein Dorf frei. Die Not aber wächst. Die Gestelle im Dorfladen seien leer, erzählt Stamm, zurückgekommen der Tauschhan­del. Er tauscht Diesel gegen Eier und Milch. Für einen möglichen russischen Vorstoss laufen die Vorbereitungen. Dorfbewohner tragen Kalaschnikows auf sich. Kürzlich rief der Bezirksleiter die Bevölkerung auf, Molo­towcocktails zu basteln. Sollten russische Truppen bis zu seinem Dorf vorrücken, würde Stamm bei der Logistik helfen und etwa Lastwagen anbieten. «Aber aktiv kämpfen werde ich nicht.»

 

Ein Wehrmachtsgranate, die Moritz Stamm beim Düngen fand.