
Interview und Fotos: Peter Hossli
Madame Mettraux, wer sind Sie?
Jusinte Mettraux Eine Schweizer Seglerin, aufgewachsen in der Nähe von Genf, seit 15 Jahren segle ich auf hoher See.
Sie haben die Vendée Globe als schnellste Frau absolviert, die härteste Non-Stop-Einhandregatta, die einmal um den Globus führt. Sie verbrachten 76 Tage allein auf See. Kennen Sie sich nun besser?
JM Es war nicht das erste Mal, dass ich so lange unterwegs war, aber das erste Mal allein. Das Meer ist ein guter Ort, um über sich nachzudenken.
Menschen ziehen sich in die Einsamkeit zurück, um herauszufinden, wer sie sind.
JM Ich musste eine Regatta fahren und wollte so gut segeln wie möglich. Die Selbstfindung war nicht mein erstes Ziel. Ich hatte mit dem Boot viel zu tun, musste mich aufs Wetter konzentrieren. Da ist der Kopf gar nicht so frei für die Reflexion, wie viele meinen.
Sie waren zweieinhalb Monate allein unterwegs. Fühlten Sie sich einsam?
JM Mir macht Alleinsein nichts aus. Das kenne ich auch vom Land. Als ich jünger war, fuhr ich gern mit mir selbst in die Ferien, einfach so ein paar Tage in die Berge. Ich geniesse die Ruhe.
Weil Sie sich dann frei fühlen?
JM Ja, wenn ich allein bin, tue ich genau das, was ich will. Dann habe ich Zeit, meinen eigenen Rhythmus zu finden, mich selbst zu respektieren.
An Bord führten Sie kleine Geschenke von Freunden und Familie mit. War etwas Besonderes dabei?
JM Alle diese Dinge waren besonders. Jedes der Geschenke habe ich erst im Verlauf des Rennens entdeckt. Sie waren im ganzen Boot verteilt. Nach und nach habe ich sie gefunden. Im Dezember sogar einen Adventskalender.
Sie öffneten jeden Tag ein Türchen?
JM Nein, die Bilder und Gegenstände waren zwischen den Esswaren versteckt. Für jeden Renntag habe ich einen separaten Beutel mit Essen, der genau datiert ist. Jeden Tag zum Frühstück fand ich ein kleines Geschenk.
Im Film «Cast Away» spricht Tom Hanks mit einem Volleyball namens Wilson. Mit wem haben Sie gesprochen?
JM Es kam ein paarmal vor, dass ich bei wirklich schwierigen Bedingungen mit dem Boot geredet habe.
Das Boot ist Ihr einziger Partner auf See. Worüber haben Sie mit ihm gesprochen?
JM Ich habe es ermutigt und gesagt: «Okay, es ist gerade schwierig, halte durch, wir werden es schaffen.» Das Boot ist mir sehr wichtig. Ich versuche, mich um das Boot zu kümmern – und hoffe, dass es sich um mich kümmert.
Schwierige Bedingungen können Stress auslösen. Sprechen Sie trotzdem ruhig mit dem Boot – oder schreien Sie es an?
JM Ich schreie mein Boot nie an, sondern mache ihm Mut.
Hat das Boot jemals geantwortet?
JM Bisher nicht. Würde es antworten, wäre das wohl ein Zeichen, dass ich bald schlafen gehen muss. Denn dann wäre ich wirklich müde.
Was ist auf See schwieriger, wach zu bleiben oder einzuschlafen?
JM Bei schlechtem Wetter ist es schwierig einzuschlafen, weil das Boot stark ruckelt und der Lärm enorm ist. Und es gibt Momente, da bin ich extrem müde, muss aber wach bleiben.
Sie müssen schlafen, sonst können Sie nicht arbeiten. Und Sie müssen wach sein, um zu arbeiten. Wie finden Sie da die Balance?
JM Der Schlaf richtet sich nach dem Wetter. Wir versuchen, pro 24 Stunden fünf Stunden zu schlafen. Aber es sind nie fünf Stunden am Stück, sondern mal eine Stunde hier, eine Stunde dort. Manchmal sind es mehr als fünf, meistens weniger. Oft schlafe ich nicht tief. Mir reicht aber ein Nickerchen, um mich zu erholen.
Träumen Sie an Land anders als auf See?
JM Ich träume auf hoher See sehr viel und sehr intensiv. Obwohl ich nur eine halbe Stunde schlafe, habe ich das Gefühl, einen intensiven Traum zu erleben. Das hat sicher mit der grossen Anstrengung und der Müdigkeit zu tun.
Kaffee hält wach. Hilft er Ihnen auf See?
JM Nur wenn ich mit einer Crew segle. Da ist die Arbeit verteilt, und ich kann auch mal vier Stunden am Stück schlafen. Aber wenn ich alleine unterwegs bin, trinke ich keinen Kaffee. Er stört den Schlaf und meinen Energiehaushalt. Kaffee gibt mir Energie, bevor ich abstürze. Das will ich nicht.
Nehmen Sie während des Rennens einfach Kalorien zu sich, oder ist das Essen so wichtig wie an Land?
JM Wir segeln auf Booten, die nicht sehr komfortabel sind. Da soll wenigstens das Essen für Freude und Genuss sorgen. Meine Mahlzeiten bereitet ein Koch vor, der ein Restaurant in Nantes führt, und eine Frau, die an der Atlantikküste Frankreichs lebt. Mittlerweile gibt es für Segler ein richtig gutes Angebot.
Das tönt nach Gourmetküche. Wie bereiten Sie sie zu?
JM Die Mahlzeiten sind gefriergetrocknet, entwässert oder vakuumiert. Mit Gas koche ich Wasser auf, mische es unter die Mahlzeiten und warte eine halbe Stunde, bis ich sie esse.
Neben Essen und Schlafen gehört die Hygiene zum menschlichen Alltag. Wie waschen Sie sich?
JM Eine richtige Dusche oder eine Toilette gibt es nicht. Wenn es warm ist, spüle ich mich mit Salzwasser ab. Wird es kälter, koche ich das Wasser auf und mische es mit kaltem Wasser, um mich zu waschen. Und ich benutze Feuchttücher.
Wären Sie in der Lage, sich einen entzündeten Zahn zu ziehen oder Wunden zu nähen?
JM Zum Glück habe ich mich auf See noch nie schwer verletzt. An Bord gibt es eine gut ausgestattete Apotheke. Sollte etwas passieren, könnte ich einen Arzt kontaktieren, der die Diagnose stellt und per Whatsapp sagt, was zu tun ist. Während des Rennens sind Ärzte auf Stand-by.
Sie schlafen kaum, wärmen sich gefriergetrocknete Mahlzeiten auf, eine Dusche fehlt: Das ist hart. Warum tun Sie sich das an?
JM Wegen der Herausforderung. Und weil ich mich stets verbessern möchte. Die Vendée Globe ist dafür ideal. Es ist eine lange, schwierige Strecke. Da kann ich viel lernen.
Was genau gibt Ihnen das Segeln?
JM Die Nähe zur Natur. Du findest dich im Nirgendwo wieder, mitten im Ozean. Mitten in der Nacht geschehen Dinge, da siehst du Sachen, die du an Land nicht erlebst oder siehst.
Dann mögen Sie das Meer?
JM Ja, weil es schön und mächtig ist. Es gibt dir einzigartige Momente.
Hätte der Ozean eine Persönlichkeit, wie würden Sie sie beschreiben?
JM Der Ozean ist ziemlich launisch, weil er wirklich jede Stimmung durchlebt. Manchmal ist er ruhig, fast zärtlich, dann stürmisch und kompliziert.
Sich auf ein solches Gegenüber einzulassen, verlangt Demut. Das Meer ist gross – und wir sind sehr, sehr klein.
JM Demut ist in diesem Sport unerlässlich, weil wir gezwungen sind, die Elemente bestmöglich zu nutzen. Ich weiss, dass ich sie nicht kontrollieren kann, sie sind mächtiger. Beim Segeln muss ich einen Weg finden, diese gewaltigen Kräfte zu bändigen.
Menschen brauchen Austausch, Blickkontakt, Berührung. Was, wenn all das fehlt?
JM Heute ist man auf hoher See recht gut verbunden mit den Menschen an Land. Über eine Satellitenverbindung habe ich Internet an Bord. Zwar fehlt die physische Präsenz, aber ich kommuniziere viel mit Menschen, wenn ich unterwegs bin, schicke Nachrichten und rede mit ihnen. Da ist man weniger alleine.
Erlebt man da nicht trotzdem gelegentlich Ängste?
JM Angst hatte ich nicht, weil ich allein war, sondern weil die Bedingungen manchmal sehr hart waren.
Erzählen Sie!
JM Du bist an einem abgelegenen Ort, weit weg von festem Boden, weit weg von Hilfe, von Sicherheit, weit weg von anderen Schiffen – und dann stürmt und windet es. Das kann ziemlich stressig sein. Und ja, da habe ich ein bisschen das Gefühl von Angst. Nahe der Antarktis, weit weg vom Land, kann es gefährlich werden. Es ist kalt, das Wasser hat nur noch fünf Grad. Und das Kohlefaserboot nimmt die Temperatur des Wassers auf.
Was ist, wenn Sie ins Wasser fallen?
JM Das darf nicht passieren, es wäre wahrscheinlich das Ende. Länger als zehn Minuten überlebst du das nicht.
Wie schaffen Sie es, die Angst zu überwinden oder zumindest mit ihr umzugehen?
JM Du musst dich schon vor dem Rennen auf solche Bedingungen vorbereiten. Als Seglerin weiss ich: Das schlechte Wetter geht vorbei. Wenn mir die Vorhersage angibt, dass es in zwei Tagen oder in 20 Stunden besser wird, muss ich einfach durchhalten, bis der Sturm nachlässt.
Es gibt nicht nur schlechtes Wetter. Auf dem Meer gibt es verloren gegangene Frachtcontainer, in der Nähe der Antarktis könnten Sie einen Eisberg rammen. Wovor fürchten Sie sich am meisten?
JM Dass mir etwas passiert, das mich aus dem Rennen wirft. Eine Kollision kann grosse Probleme verursachen. Hilfe ist kaum erreichbar.
Kommen Sie einem Konkurrenten zu Hilfe, wenn er in Seenot gerät?
JM Das entscheidet die Rennleitung, nicht ich.
Das Wetter schlägt manchmal plötzlich um. Wie reagieren Sie?
JM Reicht die Zeit, um bei allzu starkem Wind die Segel zu reduzieren, mache ich das. Wenn ich zu spät bin, muss ich warten, bis es vorbei ist.
Jeweils um sechs Uhr morgens und sechs Uhr abends erhalten Sie die aktuelle Wettervorhersage. Was ist gutes Segelwetter?
JM Genug, aber nicht zu viel Wind, geringer Seegang. Das sind 15 bis 20 Knoten Wind, 27 bis 37 Stundenkilometer. Zu viel Wind ist nicht gut.
Wenn es zu wenig hat, langweilen Sie sich?
JM Nein, das ist eine falsche Vorstellung, die viele Leute vom Segeln haben. Bläst zu wenig Wind, musst du durch den kleinen Wind hindurchgehen, um auf der anderen Seite stärkeren Wind zu erwischen. Bei schwachem Wind braucht es viele Manöver, um besseren zu finden.
Dann brauchen Sie in 76 Tagen auf See nichts gegen Langeweile zu tun?
JM Langweilig war mir nie. Aber ich habe vor dem Einschlafen unter Deck Musik gehört und Hörbücher, darunter war «Die Schatzinsel» von Robert Louis Stevenson.
Sie haben die ganze Welt umsegelt. Wo ist sie am schönsten, wo gefällt sie Ihnen nicht?
JM Es gibt viele schöne Orte, aber ich mag es, bei Neuseeland oder vor Kapstadt zu segeln. Ein Ort, der mir nicht gefällt, ist mir bisher noch nicht begegnet.
Sie haben die Vendée Globe als Achte beendet, als schnellste Frau überhaupt. Was braucht es, um das Rennen zu gewinnen?
JM Erfahrene Segler und wirklich gute Boote. Und die richtige Strategie, um das Boot voranzutreiben. Du musst das Boot technisch meistern, damit es immer schnell ist. Und du musst dich meistern, um mental stark zu bleiben.
Ist das Boot wichtiger als der Segler?
JM Nein, es siegt noch immer der Mensch, nicht das Schiff. Ein wirklich guter Segler kann mit einem weniger guten Boot stark sein. Ein schlechter Segler kann selbst mit einem wirklich guten Boot nichts anstellen.
Sie hatten kein absolutes Top-Boot. Hätten Sie mit einem Exemplar der neusten Klasse noch besser abgeschnitten?
JM Wahrscheinlich hätte ich ein besseres Ergebnis erzielt, gewonnen hätte ich vermutlich nicht. Um zu gewinnen, muss ich mental noch stärker werden und mich technisch verbessern. Bei der Strategie muss ich zulegen, um das Boot bei starken Winden härter pushen zu können.
Sie empfangen alle vier Stunden die Position Ihrer Konkurrenten. Was tun Sie, wenn Sie zurückfallen?
JM Das ist manchmal ganz normal.
Löst es keinen Adrenalinschub aus, wenn Sie aufholen und andere überholen?
JM Segeln ist kein emotionaler Sport. Es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren. Läuft es gut, ist das okay, läuft es schlecht, gehört das dazu. Auf See musst du mental wirklich stabil sein und deine Gefühle im Griff haben.
Die Vendée Globe ist bisher stets von Männern gewonnen worden. Männer sind generell körperlich kräftiger, Frauen haben mehr Ausdauer und sind mental stärker. Ist Segeln ein Kraftsport?
JM Kraft ist nicht entscheidend. Ein Manöver ist ein bisschen einfacher, wenn du stärker bist. Du brauchst weniger Energie, um etwas zu ändern. Aber damit gewinnst du keine Regatta. Am Schluss gewinnt die Strategie …
… das heisst, die Summe der richtigen Entscheidungen?
JM Genau: Du musst Optionen wählen, die weniger riskant sind, die dich weniger Zeit kosten.
Sie segelten schon als Kind mit Ihrer Familie. Wann haben Sie realisiert, dass Segeln für Sie mehr ist als ein Hobby?
JM Als Teenager. Mir gefiel es auf dem Genfersee. Mit 16 wollte ich wissen, wie die Boote funktionieren und wie man Kapitän wird. Es dauerte aber, bis ich das Segeln zum Beruf machte. Als Kind fehlten mir Vorbilder, weil es kaum professionelle Seglerinnen gab.
Sie verdienen durchschnittlich 5000 Euro im Monat. Was bedeutet Ihnen Geld?
JM Mein Fokus liegt auf den Projekten, nicht auf dem Geld. Manchmal verdiene ich ganz gut.
Ihre Pensionskasse füllen Sie so aber nicht.
JM Mit dem Erfolg nehmen die Einnahmen zu.
Bei einer der erfolgreichsten Seglerinnen der Welt müssten die Sponsoren doch Schlange stehen!
JM Seit der Vendée Globe ist es einfacher geworden, nach ihnen zu suchen. Aber die Regatta ist nicht allen bekannt. Einen neuen Sponsor habe ich bisher nicht gefunden.
Segeln ist ein Luxussport. Es gibt in der Schweiz viele Luxusmarken – ich denke an die Uhrenindustrie in der Romandie.
JM Ja, aber Uhrenmarken haben Schauspielerinnen aus Hollywood als Botschafter oder sie sind in der Formel 1 vertreten, beides ist sichtbarer als Segeln. Sponsoren findet man über die richtigen Verbindungen. Es müssen Leute sein, die das Segeln gernhaben.
Die Schweiz ist ein Binnenland. Wie kommen wir zu erfolgreichen Hochseeseglern?
JM Die Schweiz hat einige grosse Seen, und wie Sie hier in Genf sehen können, haben wir viele Häfen mit den unterschiedlichsten Booten. Dann gibt es grosszügige Eigner, die tolle Boote haben, die für Regatten geeignet sind – und die jungen Seglern eine Chance geben, sich zu verbessern.
Weil viele Schweizer sind, können sie sich das Segeln leisten?
JM Ich bin nicht reich, meine Familie ist mittelständisch. Meine Eltern leisteten sich ein Boot, dafür lebten wir in einer kleinen Wohnung. Die Segelschule kostet nicht mehr als eine andere Sportart. Als Teenager war ich im Regatta Training Center von Genf. Da konnte ich eine ganze Saison für 150 Franken segeln.
Die Vendée Globe liegt nun einige Monate zurück. Wie lange mussten Sie sich von den Strapazen erholen?
JM Doppelt so lange, wie das Rennen dauerte. Körperlich ging es recht schnell. Aber mental brauchte ich Zeit, um wieder genügend Energie zu haben. Leidest du zweieinhalb Monate nonstop unter Schlafentzug und bist dabei ständig im Wettkampfmodus, braucht es Geduld, bis die Energie wieder da ist, um erneut in See zu stechen.
Die nächste Vendée Globe beginnt 2028. Treten Sie wieder an?
JM Das kann ich noch nicht sagen. Mein grosses Ziel ist die doppelte Atlantiküberquerung im Herbst und Ende des Jahres. Dann nehme ich Gespräche mit Sponsoren auf.
Sie scheinen zu wollen.
JM Ja, ich würde gern. Aber ich bin bereits glücklich, die Vendée Globe einmal geschafft zu haben. Beim zweiten Mal würde ich es besser machen.
Was tut eine Seglerin an Land?
JM Die Saison planen, das Boot instand setzen, mit dem Team reden. Zur Schule gehen – und ausruhen.
Wie gut können Sie eigentlich schwimmen?
JM Ganz gut, wenn ich an Land bin, gehe ich mindestens einmal die Woche ins Wasser, um zu schwimmen.
Haben Sie bei schönem Wetter nicht manchmal Lust, einfach ins Meer zu springen?
JM Das wäre viel zu gefährlich! Selbst bei geringem Wind, wenn das Boot nur mit einem Knoten fährt, ist es schwierig, ihm zu folgen. Das Boot enteilt einem schnell.


