“Waffen? Die sind überall!”

Amerika ist bis an die Zähne bewaffnet. Die Gewalt wütet vor allem in schwarzen Innenstädten. Wie denkt ein Mörder? Wie die Mutter eines Opfers? Wie ein Drogenhändler. Sie erzählen im Video.

Von Peter Hossli (Text, Video), Stefan Falke (Fotos) und Rojda Örnek (Video)

Es sind erschreckende Zahlen. Allein in diesem Jahr sind in Chicago bereits über 500 Menschen erschossen worden. 2015 starben 13472 Menschen durch Schusswaffen und 27016 Menschen wurden verletzt. Gewalt mit Waffen ist ein zentrales Thema dieser Wahlen. Opfer wie Täter sind aber meist Schwarze.

Hillary Clinton (68) beschuldigt die 330 Millionen Waffen, die in den USA in Privatbesitz sind. Donald Trump (70) will mehr Polizisten. Er sagt: «Nicht Pistolen töten, Menschen töten.»

Nach einem Mord zwanzig Jahre im Gefängnis

Keine Ahnung von der Strasse hätten Politiker, «und die Politiker werden nichts ändern», sagt Rashid Abdullah (67). Er ist bei 
jedem Mord in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio dabei. Stirbt jemand, ruft ihn die Polizei an. Er rückt aus. Redet mit der Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Mit dem Bruder, der Rache schwört. Mit erzürnten Nachbarn, damit das Quartier nicht brennt. «So verhindern wir, dass noch mehr sterben.»

Abdullah ist kräftig, lächelt sanft, ein kluger Kopf. Ein Mensch, dem man sich sofort anvertraut.

Er ist ein Mörder. Zwanzig Jahre sass er im Knast. Am 12. Dezember 1973 lief etwas schief. An jenem Abend überfiel er ein Geschäft. Der Besitzer schoss auf ihn, er schoss zurück. Nur Abdullah überlebte. «Jeden Tag bereue ich es, jemanden getötet zu haben», sagt er.

Er grämt sich nicht, er hilft. Täglich geht er durch den Park im Over-The-Rhine-Quartier, einer der tödlichsten Ecken Amerikas. Es riecht nach Hasch, nach Urin, jeder verkauft irgendwas. «Hey, wie geht es?» spricht er Crack-dealer an. Am Boden sitzen verladene Teenager. Am Rücken wölbt sich manches T-Shirt: es sind geladene Pistolen.

Bewaffnet sei in Cincinnati jeder, sagt Abdullah. Für schwarze Kids sei die Pistole wichtiger als das Smartphone. Sie ist billiger und einfacher zu kriegen. Man zahlt 50 Dollar, in zehn Minuten hat man sie. «Willst du ein Maschinengewehr, geht es etwas länger.» Das kostet 1500 Dollar, organisiert ist es in sechs Stunden. Natürlich ist es illegal, ein Kriegsgerät an der Ecke zu handeln. Das Gefängnis schrecke keinen ab. «Wer hier lebt, drogensüchtige Eltern hat, ist froh, ein paar Monate weg zu sein, seine Ruhe zu haben», sagt Abdullah.

Der geläuterte Drogenhändler

Schweiss rinnt von tätowierten Schultern. Aus Lautsprechern hämmert Hip-Hop. Heiss und schwül ist es im Gym am Stadtrand von Cincinnati. Es heisst «Hope» – Hoffnung. Hier heizt Steve Sherman anderen ein. «Hey, noch einmal, drück, hart, go man», sagt er zu Frankie, der Gewichte stemmt.

Jeden Tag ist Sherman hier. Er boxt mit Jungs aus dem Quartier, spielt Basketball, hebt Hanteln. Und er redet mit ihnen. Über die Strasse, über Drogen, über Waffen. «Sind sie hier, töten sie nicht, und sie werden nicht getötet.»

Sherman weiss, wovon er spricht. Jahrelang war er der Haschkönig von Cincinnati, schoss, wurde getroffen. Nun versuche er, «den Krieg von Cincinnati» zu beenden. Einfach ist das nicht. «Wir schlugen uns noch mit Fäusten, heute ballert jeder gleich drauflos», sagt er. «Waffen? Die sind überall.»

Früher, vor zehn Jahren, «da war klar, wer der Gangster ist, heute ist jeder ein Gangster», so Sherman. «Jeder kann jederzeit erschossen werden.» Teenager töten Teenager.

Steve Sherman dribbelt mit dem Basketball. Er steigt hoch, wirft, trifft, ruft: «Bang! Ich kann es noch.» Keuchend trottet er vom Spielfeld, redet übers Schiessen. «Drückst du ab, jagt es dir Adrenalin in den Kopf und den Bauch, du fühlst dich mächtig», sagt er. «Schiesst einer auf dich, bist du klein und schwach.»

Mit elf hängt Steve mit älteren Jungs rum. «Die hatten mehr Geld als ich.» Geld reizt ihn. Er beginnt zu dealen. Crack. Kokain. Heroin. Mit 16 kauft er der Mutter ein Haus. Mit 25 stellt er auf Marihuana um. Er verdient so viel wie mit harten Drogen, hat weniger Stress. Er wird zum Haschkönig von Cincinnati. «You’re the man», du bist der Boss, sagt einer. «Da musste ich weg, denn der Boss stirbt immer.»

Ein Richter hilft. Statt lebenslänglich kassiert er viereinhalb Jahre. Danach steigt er für immer aus.

Er hat es satt, zuzuschauen, wie Kids sich töten. Als Kind war er oft im Knast, besuchte seinen Vater. «Mein Sohn wird mich nie besuchen.» Er kennt Sechsjährige, die sich bewaffnen. Zehnjährige bekämpfen sich in einer Gegend, die in Cincinnati alle «Beirut» nennen.

Schuld seien die Eltern, sagt Sherman. Väter, die nicht da sind. Mütter, die sich um fünf Kinder von fünf Männern kümmern müssen. Die mit 14 ein erstes Baby haben, mit 28 Grossmütter werden.

Eine Mutter sucht die Mörder ihres Sohns

Oft schreibt Hope Dudley (66) an Politiker. Sie schreiben zurück. Zwei Briefe von Barack Obama (54) hängen an ihrer Wand. Der Präsident dankte ihr für ihre Arbeit. Dudley klärt Verbrechen auf. In der Stadt verteilt sie Fotos von erschossenen Menschen. Dazu stets die Frage: «Wer hat sie getötet?»

Sie tut es, weil Dudley nicht weiss, wer ihren Sohn ermordete. Und sie andere Mütter von dieser höllischen Ungewissheit bewahren will. Daniel war 26, als er im Herbst 2009 mit Freunden heimfuhr. Ein paar Jungs hielten das Auto an, schossen. Daniel war sofort tot. «Bis heute weiss ich nicht, warum Daniel sterben musste.»

Sie schluchzt. Ihre Stimme ist tief, ihre Glieder fein. Jeder Satz sitzt. «Darauf kannst du dich nicht vorbereiten, es ist ein Albtraum.»

An der Wand hängt ein gerahmtes Bild von Daniel. Hatte er eine Waffe dabei? «Nein», sagt sie. Die Frage nervt sie. Es ist die falsche Frage. «Wird ein Schwarzer getötet, fragen alle, was er getan hat. Ist das Opfer weiss, fragt man: Wer war der Mörder?» Das ist Amerika.