Von Peter Hossli (Text) und Mark Chilvers (Fotos)

London am Tag nach der Brexit-Abstimmung. Die Sonne scheint, und doch sind die meisten bedrückt.
Eine knappe Mehrheit der Briten hat sich für einen Austritt aus der Europäischen Union (EU) entschieden, die meisten Londoner wollten bleiben. Von «Schock» sprechen sie in Pubs, auf der Strasse, in Cafés.
Frauen tragen handbemalte Schilder zur Downing Street. Dort wohnt Premierminister David Cameron (49), der vor kurzem zurücktrat. «Ich bin Europäerin, nicht Britin», so ein Schild. Ein Mann wedelt eine Europa-Flagge.

Strahlend geht Craig Mackinlay (49) am Pub vorbei. Er vertritt die Konservativen im Parlament, trägt am Jackett eine «Vote Leave»-Plakette. «Ich bin einfach nur glücklich», sagt er. «Endlich sind wir wieder ein normales Land, das mit allen direkt verhandeln kann.» Mackinlay: «Ich will wie die Schweiz sein, Ihr habt mehr Handelsverträge mit der Welt als Grossbritannien.»

Er sorge sich um seine Kinder – und wie viele andere um Grossbritannien. «Schottland und Nordirland dürften sich abspalten wollen», sagt John. Beide Länder haben sich klar für einen Verbleib in der EU ausgesprochen. «Die Union ist tot», sagt sogar Sian Boultby (21). Sie küsst ihren Freund auf der Bond Street, mitten im schicken Einkaufszentrum.

Was sie besonders sorgt: «Wo sollen denn die 5.5 Millionen Briten leben, die heute in der EU leben und nun zurück müssen?» Sie und ihr Freund hätten einen Fluchtplan: «Wir gehen nach Schottland – oder nach Kanada!»
Von einem «historischen Schock» spricht Anwältin Rochelle Hunt (26). Sie verkauft Immobilien an ausländische Kunden. «Vermutlich sinken die Häuserpreise, und unsere Umsätze fallen.» Für die Buchhalterin Neda Ranie (41) ist das Resultat ein «Albtraum». Sie wickelt für europäische Handelsfirmen Steuern ab. «Jetzt braucht es für jedes Land separate Abkommen.»

Wie viele in London schimpft Ellis über die linke Labour-Party. «Sie hat total versagt, und sich viel zu wenig engagiert.»
Grossbritannien folge jetzt «dem Schweizer Modell», so Ellis. «Wir wollen alles aus Europa – ausser Migranten.» Rassisten seien die Briten aber nicht, betont er. Viele hätten aus einer Not abgestimmt. Der Entscheid sei demokratisch gefallen – und zu respektieren. «Nicht alle der 17 Millionen Brexit-Befürworter sind Idioten!»