Panama liegt am Zürichsee

Schweizer Bankkunden kauften Briefkastenfirmen mitten in Zürich ein. Mit Panama-Firmen half die UBS ihren Kunden beim Steuerbeschiss. Für die Bank war es ein Millionengeschäft.

Von Peter Hossli

Max* ist Schweizer, 51 Jahre alt, ein fröhlicher Mensch. Er heisst nicht Max. Alles andere aber, was hier steht, stimmt.

BildschirmfotoMax ist Banker. Er verwaltet Vermögen von Privaten. Bis 2010 tat er es in leitender Position für die UBS, jetzt bei einer anderen grossen Schweizer Bank. «Mein UBS-Team hat für Kunden Hunderte, wenn nicht Tausende Briefkastenfirmen in Panama gekauft», sagt er. «Sicher 90 Prozent der Kunden ging es einzig darum, Vermögen vor dem Fiskus zu verbergen.» Also Steuern zu hinterziehen. Persönlich habe er «über ein Dutzend dieser Firmen verkauft – an die Superreichen».

Nach Panama aber reiste Max nie. Nicht am Panamakanal, am Zürichsee besorgte er Briefkastenfirmen mit Sitz im Kleinstaat in Mittelamerika. Genauer: an der Löwenstrasse. Hier, mitten in Zürich, hat die 1980 gegründete Finanzkanzlei Panazur ihren Sitz. «Panazur steht für die Verbindung aus Panama und Zurich», wirbt die Website der Firma. Sie vereine «das Beste aus zwei Welten: Rechtsgebilde aus Panama und schweizerische Qualitätsdienstleistungen».

Gründer Rogelio Tribaldos-Alba amtete einst als Generalkonsul Panamas in Zürich und in Vaduz. «Wir kauften bei Panazur ein», sagt Ex-UBS-Banker Max.

Der heutige CEO von Panazur, Daniel Tribaldos, nimmt dazu keine Stellung. «Wir halten aber fest, dass wir in der Schweiz reguliert sind und uns stets an die geltenden Gesetze gehalten haben», sagt er.

Nicht zugespielte Daten wie bei den letzte Woche veröffentlichten «Panama Papers» führten zu UBS und Panazur. Ein einstiger UBS-Kunde und zwei Ex-UBS-Banker
erzählen. Gespräche rund um den Paradeplatz bestätigen, was sie schildern.

Banker nennen Panazur den «Panama-Shop in Zürich». Viele kennen die Kanzlei, sagen unter vorgehaltener Hand, sie hätten mit ihr gearbeitet. «Weil es schnell und kostengünstig möglich war, eine Offshore-Firma aufzusetzen», sagt ein Banker, der einst bei der stillgelegten Privatbank Wegelin tätig war. «Kunden nutzten sie für Erlaubtes und Unerlaubtes.»

Wer waren die Käufer? «Meistens Ausländer, die in Zürich ein Konto hatten und Geld noch besser verstecken wollten.»

Es lief stets ähnlich ab, erzählt Max. Kunden – «viele Deutsche, aber auch Amerikaner, ein paar
wenige Schweizer» – suchten nach Lösungen, «die sie sowohl durch das Bankgeheimnis in der Schweiz schützte, aber ihnen Steuern sparte». Bedürfnisse, die Briefkastenfirmen in Panama ideal abdeckten.

Ein Kunde, er heisst hier Moritz*, erzählt: «Ich brauchte eine Firma, bei der mein Name in keiner Weise erscheint.» Der Geschäftsmann wollte auf einen Teil seiner Einkünfte keine Steuern entrichten. Sofort hätte ihm sein UBS-Berater Panama empfohlen. «Es war wie wenn du in der Metzgerei nach dem guten Stück Fleisch fragst, und sie verkaufen dir das
Filet aus Argentinien.» Es mundete Moritz. «Nun hatte ich ein Konto in der Schweiz, das einer Panama-Firma gehörte, bei der ich nie irgendwie in Erscheinung trat.»

Die UBS besorgte die Firma für Moritz bei Panazur. Allerdings: Panazur kannte Moritz nicht. Sein Name erscheint nirgends, weder an der Löwenstrasse noch bei Morgan & Morgan, der Mutterkanzlei in Panama City. Es ist eine von rund 800 Kanzleien, die dieses Geschäft betreibt. Panazur verkaufte an registrierte Finanzdienstleister, also an Banken wie die UBS. Wer die Offshore-Gesellschaften schliesslich nutzte, wusste die Finanzkanzlei nicht. Gesetzlich war es Pflicht der Banken, zu prüfen, ob das Geldwäschereigesetz eingehalten wird.

Oder wie Banker Max sagt: «Allein Banken wie die UBS kannten die Käufer der Firmen.» Sie halfen ihnen, Gelder zu verstecken. Und sie verdienten gut daran. Panazur verlangte von der UBS rund 1000 Franken für eine Panama-Firma. Kunden wie Moritz aber bezahlten der UBS 4000 Franken. Für den jährlichen Betrieb verrechnete die UBS Moritz weitere 4000 Franken. An Panazur zahlte sie 1000 Franken.

UBS ist ausgestiegen

Aussagen ehemaliger Mitarbeiter kommentiere die UBS nicht, so eine Sprecherin. «Fakt ist, dass wir 2010 als eine der ersten Banken proaktiv entschieden haben, die Zusammenarbeit mit solchen Anbietern zu beenden», bestätigt sie indirekt das Geschäft mit Panazur. «Dieser Prozess wurde in mehreren Schritten durchgeführt und ist abgeschlossen.» Heute sei vieles anders: «Wir haben keinerlei Interesse an Geldern, die nicht versteuert sind oder aus illegaler Herkunft stammen.»

Anders geworden ist auch das Geschäft bei Panazur. Sie verkaufen Briefkastenfirmen nicht mehr an andere Finanzdienstleister – sondern direkt. Vielfältig das Angebot: Auf ihrer Website bietet Panazur Firmen in den Bahamas, Belize, British Virgin Island, Cayman Islands, Marshall Island, Panama, Seychellen, Singapur und Zypern an. Illegal sind solche Konstrukte nicht. Container-Schiffe oder Flugzeuge laufen darüber. Panama-Firmen sind schnell und unbürokratisch eröffnet. Deren Vorteil: Versteuern muss der Inhaber nur jene Gewinne, die in Panama anfallen.

Was Moritz gefiel, denn er machte anderswo Geld. Erst 2006 kaufte er sich eine Panama-Company. Nach dem Deal lud ihn die UBS an die Fussball-WM nach Deutschland ein. «Es war eine Zeit, in der UBS-Banker aggressiv Kunden anwarben», erinnert sich Moritz. Eine letzte Party vor dem Crash. Ein Jahr später machte der UBS-Banker Bradley Birkenfeld (51) in den USA Steuertricks publik. Das Bankgeheimnis begann zu bröckeln. Moritz stiess die Panama-Firma ab.

* Namen der Redaktion bekannt