Ein barbarischer Akt

Alle sollten auf den Händedruck verzichten. Er ist viel zu gefährlich.

Zwei muslimische Schüler in der Sekundarschule Therwil BL müssen ihrer Lehrerin nicht mehr die Hand geben. Das löst eine heftige Debatte aus.

Dabei sollten wir alle darauf verzichten. Denn der Handschlag ist ein «barbarischer Akt», wie US-Milliardär und Präsidentschaftskandidat Donald Trump (69) das westliche Begrüssungsritual treffend nennt, «ein Fluch unserer Gesellschaft». Die Wissenschaft gibt Trump Recht. Rasant breiten sich Keime unter Menschen aus, die sich die Hand reichen.

Britische Ärzte empfehlen den Fauststoss statt den Handschlag, insbesondere in der Grippezeit. Bei Fäusten wechseln zehn Mal weniger Bakterien und Viren den Wirt als bei Händen. Manch einer reinigt die Klinke zum öffentlichen WC bevor er sie berührt. Er weiss: dort liest er eher E. coli auf als auf WC-Brillen.

Und doch hält sich das Händeschütteln hartnäckig. Sportler tun es vor und nach dem Spiel, Politiker vor Fotografen, Manager bevor sie den Bonus kassieren. Händler besiegeln mit der Hand den Handel.

Verliebte halten gerne Händchen. Händeschütteln mit Fremden aber ist selten angenehmen. Zu weich, zu kräftig, zu feucht, zu kalt, zu warm. Kurz: zu intim.

Wer den Händedruck erfunden hat, ist nicht ganz klar. Auf Zeichnungen von Höhlenmenschen existiert er nicht. Neandertaler und Neandertalerin grüssten wohl anders. Historiker deuten den Händedruck als pazifistisches Symbol: Wer die Hand zum Gruss hinstreckt, hält unter dem Gewand keinen Dolch oder sonst eine Waffe. Die älteste Darstellung ist knapp 3000 Jahre alt. Sie zeigt den assyrischen König Salmanassar III beim Gruss des babylonischen Amtskollegen Mardukzakirschum 850 v. Chr.

Niemand schüttelt heute häufiger Hände als Holländer und Belgier. In muslimischen Ländern reichen Frauen und Männer einander die Hand nicht. Männer und Frauen unter sich aber schon. Ein forscher Handschlag gilt in arabischen Regionen als zu unanständig. Genauso in Japan. Ohnehin beugen sich Japaner beim Gruss lieber als dass sie die Hand schütteln. Die Sozialistische Einheitspartei der DDR hievte den Handschlag auf die Flagge. In Russland aber grüssen nur Männer mit der Hand.

Biologen des Weizmann Institutes in Israel glauben, der Händedruck hätte im Zug der Evolution die tierische Eigenschaft des Beschnüffelns ersetzt. Sie haben beobachtet, dass viele Menschen täglich mehrmals an den eigenen Händen riechen – und dies häufiger tun unmittelbar nach einem Händedruck. Auf Inseln im Südpazifik oder auf Grönland beschnüffeln sich die Menschen noch heute beim ersten Gruss mit der Nase.

Längst nicht nur in der islamischen Welt grüssen sich Frauen und Männer anders – sondern eigentlich überall. Der Bruderkuss? Gehört kommunistischen Männern. Nicht aber der Damenknick. Ein Mann haucht die Andeutung eines Kusses auf die Handrücken der Frau, nie umgekehrt. Und trotzdem gilt der Handkuss heute als anzügliche Geste. Küssen sich im Wallis zwei Frauen auf die Wange ist das okay, bei Männern guckt mancher schief.

Reicht ein Muslim die Hand nicht, wahrt er seine körperliche Integrität. Und das ist eine Errungenschaft des Westens. Er wie sie bestimmt, wann er wie sie von wem berührt werden will.

Nicht die Frage «wem würdest du den Handschlag verweigern?» zeichnet also eine Gesellschaft aus. Sondern: «Von wem möchtest du ihn annehmen?»

Die Lehrerin von Therwil BL würde ihn von jedem Schüler annehmen.