Von Peter Hossli (Text) und Pascal Mora (Fotos)

Im Tessin liegen die Nerven blank. Die Regierung will die Grenze für Migranten schliessen, Grenzwächter untergraben die Pressefreiheit, behindern Journalisten bei der Arbeit.
Zusammen mit Fotograf Pascal Mora besteige ich um 16.10 Uhr den Regionalzug Mailand–Chiasso. Wir sprechen vier Eritreer an, weisen uns als Reporter aus. Sie alle zahlten Schleppern je 5500 US-Dollar für eine Odyssee von Eritrea über den Sudan, Libyen, das Mittelmeer und Mailand bis nach Chiasso. Sie verliessen ihr Land, «weil wir keine Demokratie haben», sagt Geburtshelfer Fasha (25). In der Schweiz suche er «ein besseres Leben».
Der Zug hält in Chiasso. «Ist das die Schweiz?», fragt Fasha. Er strahlt. Grenzwächter stoppen alle dunkelhäutigen Passagiere. «Pässe zeigen!», ruft einer. 17 Personen haben keinen Pass. Unter ihnen Fasha und seine Kollegen. Die Grenzwächter stellen sie in einer Reihe auf.

Der zuvor redselige Grenzer nimmt mein iPad, löscht Notizen. «Stopp»-Rufe ignoriert er.
Gestern informierte BLICK das Grenzwachtkorps. «Wir werden den Vorfall disziplinarisch untersuchen», sagt Sprecher Attila Lardori. «Sollte sich das Vorgehen so, wie von Ihnen geschildert, ereignet haben, war das nicht korrekt.» Zum Schutz der Beamten brauche es eine Bewilligung für Bild- und Tonaufnahmen. Das sei «präventiv» und «nicht gegen die Pressefreiheit an sich gerichtet», sagt er. «Es ist jedoch nicht gestattet, Bilder oder Notizen zu löschen.»
Auch in der Demokratie kann die Macht missbraucht werden.