Von Peter Hossli

Bis grobes Grollen die Frühlings-idylle im Zürcher Stadtwald bricht. Ein Sattelschlepper wälzt sich über den schmalen Kiesweg. Er stoppt vor aufgeschichteten, entasteten Bäumen. Mit einem Kran hievt der Chauffeur mächtige Stämme auf den Laster.
Er redet Italienisch. Italienisch ist das Nummernschild seines Fahrzeugs – wie bei allen fünf Lastern, die an diesem Montag im März durch den Wald rollen. Sie holen Schweizer Holz und bringen es nach Italien.
Forstingenieurin Regina Wollenmann (41) bestätigt: «Wir verkaufen einen Teil unseres Holzes nach Italien.» Sie ist verantwortlich für den Wald der Stadt Zürich. «Es wäre schön, wir könnten dieses Holz in der Schweiz verkaufen», sagt sie. «Der Holzmarkt aber ist international, Italien hat zu wenig, wir haben zu viel.» Vor allem harte Laubhölzer kaufen die Italiener ein: Buchen und Eichen. Das sind die natürlichen Arten im Mittelland. Und es sind jene Bäume, die den Wald stärken.
Deshalb pflegen viele Gemeinden – darunter Zürich – ihren Wald naturnah. Sie wollen junge und natürlich vorkommende Bäume. Zumal dies jene freut, die sich im Mischwald vergnügen und erholen. «Alle wollen naturnahen Wald», so Wollenmann, «nur der Absatzmarkt ist nicht naturnah.»
Die Schweizer Bauwirtschaft verarbeitet hauptsächlich Nadelhölzer. Die Nachfrage nach Laubholz aber sinkt seit Jahren. Die Industrie schrumpft. 1200 Sägewerke gab es nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute sind es 200. Diese zersägen lieber Tannen als Buchen, da sie weicher und weniger knorrig sind. Auch die meisten Schweizer Zellstoff- und Spanplattenwerke haben aufgegeben. In Schulzimmern büffelten Erstklässler einst an Möbeln aus Buche, getischlert in der Schweiz. Das ist passé. Nur noch bei Weichen legen die SBB Schwellen aus Laubhölzern unter Schienen. Den grossen Rest giesst sie aus Beton.

Export und Import
Markant ist der Wertzerfall. Ein Kubikmeter Holz kostete in den Fünfzigerjahren noch 400 Franken, heute 100 Franken. Vor 100 Jahren zahlte ein Kubikmeter Fichte den Stundenlohn von dreissig Waldarbeitern, heute reicht das noch für deren drei.
Ein Drittel der Schweiz ist mit Wald bedeckt. Ausdrücklich verlangt die Verfassung den Erhalt des Waldes. Vor allem im Tessin nimmt die Fläche sogar zu. Jährlich wachsen gegen acht Millionen Kubikmeter Holz nach. Davon nutzen wir fünf Millionen. Der Verbrauch liegt bei sieben Millionen Kubikmeter. Paradox daher: Die Schweiz exportiert Holzstämme für 552 Millionen Franken, und sie importiert veredeltes Holz für 1,8 Milliarden Franken – als Möbel, Papier und Spanplatten. Der Markt ist frei, es gibt keinerlei Grenzschutz.
Gierig nach Holz
Am meisten Schweizer Holz geht nach Italien. Letztes Jahr waren es 618 892 Tonnen. Nachbarn wie Deutschland und Frankreich kaufen unser Holz in grossen Mengen, ebenso Grossbritannien und Spanien. Am meisten Potenzial hat China. Das Reich der Mitte ist gierig nach Rohstoffen. So gingen 2014 bereits 19 131 Tonnen Schweizer Holz nach China, Tendenz steigend.

Die Branche freut sich über die chinesische Kundschaft. Denn: «Mit dem jetzigen Frankenkurs ist der Schweizer Wald in Europa kaum konkurrenzfähig», so Brunner. Viele Schweizer besitzen nur kleine Flächen, nutzen sie extensiv. In Österreich oder Deutschland hingegen gehören riesige Waldflächen einzelnen Unternehmern. «Kein Schweizer Waldeigentümer muss vom Wald leben», sagt Brunner. In Österreich wird der Wald aggressiver genutzt, mit Kahlschlägen und weniger Arten. Rodungen, um Bauland zu gewinnen, sind in der Schweiz verboten. «Hier gilt Wald als Naturgut», sagt Brunner. «Das schützen wir.»
Und doch müssen wir Holz verhökern, das in der Schweiz niemand verarbeiten will. Wegen des starken Frankens ist der Export sogar rückläufig. «Der Schweizer Wald kann nicht in den Euroraum auswandern», sagt Stadtförsterin Wollenmann. Es ist längst nicht mehr kostendeckend, überall Holz zu schlagen. Folglich sinkt die Ernte.

Vorbildlich ist die Stadt Zürich. Sie liess letztes Jahr den Werkhof Albisgüetli vollständig aus Zürcher Waldhölzern bauen – «um zu zeigen, dass man mit Buchen und Eiben sehr schön und wertvoll bauen kann», so Wollenmann.
Seit kurzem muss die Herkunft des Holzes bei Möbeln deklariert werden, was die Försterin als Chance sieht: «Schweizer sollten mit Schweizer Holz bauen.» Zumal genug davon im Wald steht.
Fotos: Michele Limina und Peter Hossli