Von Peter Hossli (Text und Fotos)

«Fischer!», entwarnt er. «Flüchtlinge bewegen sich viel sprunghafter.» Er protokolliert den Zwischenfall und starrt alsbald wieder auf den gepunkteten Schirm.
Mit Hightech lindert der Isländer menschliche Tragödien. Arnarson – den Vornamen gibt er wie alle Isländer nicht preis – steht im Dienst der isländischen Küstenwache. Diese stellt der EU-Agentur Frontex ein Flugzeug. Die Isländer suchen nach Booten, die Flüchtlinge von Afrika nach Europa bringen – eine Armada der Verzweifelten. Täglich 3000 Menschen erreichen Italiens Küste.

An Bord des Turboprop-Fliegers vom Typ Dash 8-300 arbeiten vier Isländer: Pilot und Kopilot, zwei Offiziere, die im Heck Radar und Kameras bedienen. Hinzu kommt der italienische Grenzer Mario Bella (43), ein braun gebrannter Sizilianer. Erstmals fliegt ein Zeitungsreporter mit.
Mörderische Überfahrt
Olivenbäume und Orangenhaine säumen die Strasse zum italienisch-amerikanischen Militärflugplatz Sigonella, unweit der sizilianischen Stadt Catania. Etwas abgelegen parkiert, steht startklar die isländische Maschine, daneben eine Cessna der griechischen Küstenwache. Beide Flugzeuge fliegen für Frontex, die Agentur, die im Auftrag der EU-Staaten die Aussengrenze Europas schützt – und jetzt im Dauereinsatz steht. 100000 Migranten sind allein dieses Jahr in Italien angekommen. Im bisherigen Rekordjahr 2011 waren es total 60000. Meist kommen sie aus Somalia, Syrien und Eritrea – aus Ländern, in denen Bürgerkriege toben. Sie erlebten mörderische Überfahrten. Seit 2000 starben 23000 Menschen auf der Flucht nach Europa, mehr als derzeit in der Stadt Zug leben.

Das Radar als Auge
Mit blossem Auge ist vom Flugzeug aus kaum etwas zu sehen. Wolken erschweren den Blick aufs grosse Blau. «Unser Auge ist das Radar», sagt Arnarson. Vor ihm gleiten die Punkte. Grün. Orange. Gelb. Zwei Kameras offenbaren kleinste Details. Er zoomt aufs Deck einer Segelyacht, sieht Sonnenbadende auf einem Katamaran, erkennt Container auf einem Frachter. Sein Computer zeigt ihm, wohin jedes Schiff unterwegs ist. Ein unbekanntes fehlt. Hat er ein Flüchtlingsboot übersehen?
Um Leben und Tod geht es in seinem Job. Seine Arbeit aber sei «sehr klinisch, technisch». Die isländischen Grenzer fliegen übers Meer, schauen, suchen. Sehen sie etwas, schicken sie Fotos und Koordinaten an die italienischen Behörden nach Rom. Nur im Extremfall greifen die Isländer direkt ein. Entdecken sie etwa Menschen in akuter Seenot, werfen sie über eine Luke Rettungsinseln ab.

Weit weg von seiner Frau und seinen Kindern leistet er Dienst – weil er hofft, Frauen und Kinder zu finden. Fast täglich fliegt er übers Meer. An einem Tag fand er vier Schiffe. Gummiboote voller Menschen sah er, alle dem Tod nahe, dazu morsche und halb versunkene Kutter, einfachste Ruderboote mit einer Handvoll durstiger Kerle, oder Frachter mit Hunderten an Deck.
Heute sei es sehr heiss auf dem Meer. Daher seien vermutlich weniger Boote unterwegs, sagt Ólafsson. Sein Kopilot greift zum Fernglas, als ob er die Augen des Radars schärfen möchte. «Sehen wir etwas, gehen wir runter», sagt er. Dann dauert der Flug weit länger. Zwischen sieben und zehn Stunden können die Grenzer in der Luft bleiben.

Chaos in Libyen
Kurz vor dem libyschen Luftraum drehen die Isländer gegen Westen ab. Unter ihnen patrouilliert ein italienischer Zerstörer die Grenze. Er zerstört nicht. Er birgt Menschen, die alles riskieren, um nach Europa zu kommen. Die meisten von ihnen stechen in Libyen ins Meer.
Hinter 2000 Kilometer Küste liegt ein Staat, in dem seit Diktator Muammar al-Gaddafis Sturz das Chaos regiert. Gegen 600000 Menschen würden derzeit in Libyen auf ihre Überfahrt warten, sagt der italienische Innenminister Angelino Alfano (43) – und appelliert an die Solidarität anderer EU-Länder.
Island ist nicht Teil der EU. Aber wie die Schweiz haben die Isländer das Schengen-Abkommen unterzeichnet – und sind bereit, die europäische Aussengrenze zu schützen. «Wir fühlen uns verpflichtet», sagt Pilot Ólafsson. «Es ist unfair, wenn die Griechen, Spanier und Italiener die ganze Bürde tragen.»

Flüchtlinge in Sicht
Die Kooperation harmoniert. Ständig witzelt der Italiener Bella mit dem Isländer Arnarson. Auf der Uniform trägt er neben der italienischen Tricolore die isländische Flagge. Bella sieht auf dem Schirm einen Sanitätshelikopter, der von Lampedusa nach Palermo fliegt. Normalerweise transportieren die Hubschrauber Italiener von kleinen Inseln ins Spital. Derzeit sind fast nur Flüchtlinge an Bord.
«Sicher», sagt Bella, «Sizilien leidet am meisten». Dramatisieren will er nichts. «Ich erledige einen Job.» Abends geht er nach Hause zur Familie. «Man darf nicht emotional werden.»

Pilot Ólafsson hat heute keinen Migranten gesichtet. Um 15.30 Uhr setzt er den Flieger in Sigonella auf, ist enttäuscht. «Wir gehen bald wieder in die Luft.»
Er will Menschen finden.
