Zwischen Liebe und Zorn

Keine Beziehung ist enger und inniger als jene zwischen Mutter und Tochter. Keine so dramatisch und intensiv. Es ist die vielfältigste Beziehung der Welt.

Von Peter Hossli (Text) und Nik Hunger (Fotos)

Heute ist Muttertag. Kleine Kinder bringen Mami das Frühstück ans Bett. Grosse schenken Rosen und Pralinen. Irgendwann wenden sich die Söhne und Väter dem Rest des Sonntags zu. Die meisten Frauen aber denken nach – über jene Beziehung, die ihr Leben so stark wie nichts anderes prägt: zur Mutter und zur Tochter.

Sie ist schön und schwierig. Sie gibt und nimmt. Sie bereichert und macht einsam. Sie ist dramatisch und nie langweilig. Es ist die vielfältigste Beziehung der Welt.

Ihr ständiger Begleiter ist der Vergleich. Was meistere ich besser als die Mutter, fragt die Tochter. Bin ich schöner als die Tochter, fragte Schneewittchens Stiefmutter im Märchen – wie viele echte Mütter. Wer ist begehrenswerter? Monica Lewinsky wetteiferte mit der Mutter, wer mächtigere Männer herumkriegt. Die Tochter obsiegte mit dem amerikanischen Präsidenten.

Verlustängste und Kränkungen
In Indien und China setzen Mütter neugeborene Töchter am Strassenrand aus. In den USA trimmen sie Vierjährige zu Schönheitsköniginnen. Mütter idealisieren Söhne. Töchter kritisieren sie. Weil sie fürchten, sie zu verlieren, erklären es Psychologen. Ständig pendle die Beziehung zwischen Stärkung und Kränkung.

Sie ist Teil der griechischen Mythologie. Regisseurinnen drehen darüber Filme. Autorinnen schreiben Schlüsselromane. Ratgeber verkaufen Bücher. Schon 1939 beschrieb die «Weltwoche» das Wechselspiel als «kleine Dramen des Alltags». Häufig spielten sich diese im Geheimen ab, «mitunter lautlos». Dabei seien es «Dramen voller Tragik, sodass ein ganzes Leben davon überschattet werden kann».

Worin liegt die Tragik? Bei der Mutter, die selbst die erwachsene Tochter an sich binden will. Ihr den Raum nicht gibt, um sich zu finden. Bei der Tochter, die Angst hat, wie die Mutter zu werden, und sich deswegen abwendet. Manche Mütter sehen ihre Töchter als natürliche Verlängerung des Ichs. Das treibt Töchter in die Flucht. Statt Grenzen zu setzen, errichten sie Mauern.

Als «Druckkochtopf» bezeichnet die deutsche Schriftstellerin Annette Pehnt (46) die Beziehung, die sie 2012 im Roman «Chronik der Nähe» ergründet. «Weil der Druck so hoch ist, gibt es keinen Spielraum, und damit ist der Konflikt schon vorgebahnt.» Mitunter missbraucht eine Mutter die Tochter, um Unerfülltes zu erleben. Unbarmherzig treibt das gescheiterte Tennis-Ass sein Mädchen zum Sieg in Wimbledon.

Dem «Stern» gestand die Schauspielerin Katharina Schüttler (34): «Ich liebe meine Mutter sehr, und wir sind uns sehr nahe, aber gerade deswegen haben wir uns heftig gestritten.» Besonders während der Pubertät. «Ich bin eigentlich ein weicher Mensch, aber mit meiner Mutter habe ich in dieser Zeit nicht viel Gnade gekannt.»

Eine Beziehung unter Frauen
Einer stürmischen Liebesbeziehung ähnelt das Verhältnis oft, «hin und her gerissen zwischen Leidenschaft und Schmerz», schreibt die amerikanische Linguis­tin Deborah Tannen (68). Sie befragte Hunderte von Müttern und Töchtern. Ihr Schluss: Keine Beziehung sei für eine Frau intensiver, ergiebiger, reicher und fordernder. «Es ist Quelle tiefster Liebe und grössten Zorns, ja sogar Hasses.»

Weil es um Frauen geht, glaubt Tannen. «Wir binden Beziehungen durch Gespräche.» Eine Freundin sei die Mutter der Tochter, und umgekehrt. Frauen sagen Freundinnen alles. «Deshalb gibt es unendlich viele Möglichkeiten, etwas Falsches zu sagen», so Tannen. «Ein Mann kann mit einem Freund jede Woche Tennis spielen, ohne zu sagen, dass er sich trennt. Zwischen Frauen passiert so etwas nie.»

Die Beziehung beginnt vor der Geburt. Fühlt sich eine schwangere Frau gut, gedeiht das ungeborene Kind. Raucht und trinkt sie, raucht und trinkt das Embryo mit. Hormone sorgen bereits vor der Geburt dafür, dass sich die Mutter verantwortlich fühlt für das Neugeborene. Fortan gibt sie dem heranwachsenden Menschlein alles. Das Kind ist ihr ausgeliefert. Umso wichtiger – und dramatischer – ist die Abnabelung. Erst dadurch wird das Mädchen zum eigenständigen Menschen, hat Raum, eine eigene Identität zu finden – zu leben.

Der Mutter erwächst eine Rivalin
Den meisten Jungen fällt das leicht. Erkennt ein Bub das andere Geschlecht der Mutter, hat die Abgrenzung eingesetzt. Komplizierter ist das für ein Mädchen. Es muss sich von der Mutter lösen, obwohl es in vielem gleich ist. Für die Tochter ist die Mutter Identifikationsfigur und Konkurrentin zugleich. Eine Ambivalenz, die schwer zu durchbrechen ist. «Mein Sohn musste sich nie gross von mir abnabeln», sagte Schauspielerin Iris Berben (63) in einem Interview. «Da hat kein Kampf stattgefunden, höchstens ein Kräftemessen. Die Nähe, die Mutter und Tochter haben, bewegt sich dagegen immer haarscharf an der Grenze zur Eifersucht.» So klären Mütter ihre Töchter auf, zeigen ihnen, wie man sich schminkt, kleidet – um zu realisieren, dass sie eine Rivalin ausgebildet haben.

Entlang des Lebens verläuft die Beziehung. Das eigene Kind macht aus der Tochter eine Mutter. Sie versteht die Mutter. Es ist eine Zeit der Milde. Zumal die zur Mutter gewordene Tochter froh um die Hilfe der Mutter ist. Mit seiner Kleinen ­erlebt das junge Mami jene ersten drei Lebensjahre, die seinem Gedächtnis entschwunden sind.

Ist die Tochter zwei Jahre alt, ­beginnt die Trotzphase – und somit ein erster Versuch, sich abzunabeln. Der zweite und heftigste kommt mit der Pubertät. Erwacht die eigene Tochter sexuell, ist die Mutter nicht mehr die einzige begehrenswerte Frau im Haus.

Tritt die Tochter ins Berufsleben, gründet sie eine eigene Familie, kann die Rivalität erneut zunehmen. Nun wetteifern zwei Frauen – unbewusst wie bewusst – um private wie öffentliche Anerkennung.

Die Mutter der erwachsenen Tochter realisiert die eigene Endlichkeit. Nötig ist eine dritte und letzte Phase der Abnabelung. Gelingt sie, folgt oft eine friedliche und beglückende Zeit. Mit grosser Verbundenheit und Gelassenheit.

Bis die Tochter ihre greise Mutter in den Tod begleitet. Die Fürsorge kehrt sich um.

sophie_madeleine«Ich glaubte nicht, zu so viel Liebe fähig zu sein»

Madeleine Gentinetta ist Historikerin, Sophia (20 Monate) spielt. «Mama, heiss», sagt Sophia und zeigt auf die Kerze auf dem Tisch. Ihre Augen leuchten. «Ich habe zehn Jahre auf ein Kind gewartet. Auch 20 Monate nach ihrer Geburt ist jeder Tag ein Glückstag. Alles andere tritt in den Hintergrund. Ob es ein Mädchen oder ein Knabe wird, war mir egal. Aber ich freute mich schon sehr über ein Mädchen, da ich ihm wohl näher bin, als ich einem Knaben wäre. Der eigenen Mutter bin ich näher als dem Vater. Ich kämpfte um mein Kind. So schnell bringt mich nichts mehr aus der Ruhe. Ein Kind zu haben oder nicht, ist existenziell.

Bevor ich Sophia hatte, ahnte ich nicht, dass ich zu so viel Liebe fähig bin. Es ist eine andere Liebe als zu meinem Mann. Um Sophia zu schützen, riskiere ich mein Leben. Diesen Instinkt habe ich nur bei ihr. Die Liebe zur Tochter ist bedingungslos. Sie ist ein Teil von mir. Die Beziehung zum Partner verändert sich durch ein Kind, die Liebe ist auf einen anderen Menschen ausgerichtet. Durch meine Tochter werde ich selbst nochmals zum Kind, erlebe meine Kindheit erneut intensiv. Seit ich Mutter bin, weiss ich: Es gibt zwei Kategorien von Menschen –jene mit und jene ohne Kinder.

Die Abnabelung begann, als ich aufhörte zu stillen. Sie will alles alleine machen, alleine essen, sich selber anziehen – obwohl das nicht immer klappt. Ich denke immer an sie, auch wenn sie mal nicht bei mir ist. Gleichzeitig will ich sie als selbständige Person erziehen. Sie darf keine Erweiterung von mir sein. Sie soll sowerden können, wie sie das will. Ich bin eine selbstbestimmte Frau. Was mit meiner Mutter zu tun hat. Sie zwang mir nichts auf, und sie stiess mich nicht bewusst in die Selbständigkeit. Die Los­lösung verlief organisch. Ich bilde mich zur Mittelschullehrerin weiter, da ich künftig Ferien haben will, wenn Sophia Ferien hat. Ich will vor allem Zeit haben für mein Kind.»

Madeleine Gentinetta (47), Historikerin, mit Tochter Sophia (20 Monate).
Mama: «Sophia ist ein bisschen wie Weihnachten: Überraschungen, glänzende Augen und das Wissen, dass sie ein grosses Geschenk ist.»

mutter2«Es ist schön, wenn die Kinder flügge werden»

Gabriella Baumann-von Arx (53) ist Verlegerin. Ihre Tochter Lina Baumann (25) betreibt eine Fotografenagentur. «Selbständig zu arbeiten, ist grossartig», sagt Lina. Es habe viel Mut gebraucht, ihre Eltern hätten sie darin unterstützt. «Meine Mutter», erinnert sich Lina, «sagte stets: Mach, es kommt schon, wie es muss. Sie hat mir ein Urvertrauen mit auf den Weg gegeben.» Beide seien «Macherinnen», so die Mutter. Für Lina ist die Beziehung zu ihr «ein Ort des Schutzes». Als «eng, aber nicht ­klebend» bezeichnet die Mutter die ­Beziehung. «Wir können uns blind aufeinander verlassen.»

Mit 20 nahm Lina eine eigene Wohnung. «Als meine Eltern und mein Bruder erstmals zum Essen kamen, war ich unausstehlich. Meine Mutter nahm mich in den Arm, fragte, was los sei.» Die Mutter lächelt bei der Erinnerung: «Da konnte Lina loslassen und sagen: Nach dem Essen geht ihr alle drei nach Hause, und ich, ich bleibe ganz alleine zurück.» Es sei so endgültig gewesen, irgendwie, erinnert sich Lina, die sich eigentlich eine Hintertür offen lassen und ihr Zimmer daheim noch behalten wollte. «Aber meine Mutter sagte, wenn du gehst, dann nimm jetzt alles mit – wenn es nicht klappt, kannst du jederzeit zurückkommen.» Die Mutter wusste: «Lina kann das. Wenn Kinder eines Tages flügge werden und fliegen können – es gibt nicht viel Schöneres.»

Schwierig sei die Pubertät gewesen. Lina brach harmonische Momente, war auf der Suche. «In dieser Zeit fühlte ich mich innerlich alt werden», sagt Baumann-von Arx. Lina: «Das Gute war, dass wir immer über alles geredet haben, wenn der Sturm jeweils vorbei war. Einmal brachte es meine Mutter bei
einem dieser Gespräche auf den Punkt, sie sagte: ‹Schau, Lina, eines Tages wirst du Königin sein, aber in diesem Haushalt wirst du immer nur Prinzessin bleiben.›»

Heute wünscht sich die Tochter, dass die Beziehung bleibt, wie sie ist. «Ich will nicht, dass meine Mutter alt wird, weil …», sie schaut ihre Mutter an, «… ich Angst habe, dass du eines Tages so alt bist, dass du mir entschwindest.»

Die Mutter wünscht sich, dass ihre Tochter ihren eigenen Kindern ein Stück von dem weiter-gibt, was sie ihr gegeben hat. Lina will noch keine Kinder, der Beruf ist ihr zurzeit wichtiger. Sie ist in ihrer Beziehung, die sie schon seit fünf Jahren hat, «sehr glücklich», wie sie sagt. «Mit meinem Partner habe ich gefunden, was meine Eltern haben: Verlässlichkeit und Toleranz.»

Gabriella Baumann-von Arx (53), Lina Baumann (25)
Mama: «Dass meine einst so winzige und heute so grosse Tochter ihren Weg und ihren Platz gefunden hat, dass sie so ist, wie sie ist – das macht mich jeden Tag glücklich.»

Tochter: «Meine Mutter ist wie ein grosses Geschenk, das gefüllt ist mit Geduld, Respekt und richtig viel Liebe. Dafür bewundere ich sie sehr.»

mutter3«Sie klammerte nicht, das ist ihr grösstes Geschenk»

Vreni Nieth (78) ist heute pensioniert. Mit 76 startete sie im eigenen Haus ein Bed & Breakfast – und vermietet seither ein Zimmer. «Das Haus wurde mir zu gross.» Ihr Mann starb vor neun Jahren. Sie zog drei Kinder auf. Die ältere Tochter ist 58, der Sohn 55. Manuela Nieth (47), die Jüngste, machte das KV, arbeitete für Ringier Osteuropa und Asien, studierte Psychologie, steht mitten im Berufsleben. «Meine Tochter ist nicht meine Freundin», betont die Mutter. «Freundinnen hat man viele.» Als «innig» bezeichnet sie die Beziehung. «Sie ersetzt teilweise den verstorbenen Mann. Habe ich Fragen, kann ich sie Manuela stellen.»

Für Manuela Nieth ist es «die engste Beziehung, die es gibt. Ich bin der Mutter näher als irgend­einem anderen Menschen.»

Bis die Tochter 18 war, hatten sie kaum Probleme. Manuela begann sich zu lösen, lebte ein Jahr in den USA, reiste danach um die Welt. «Als sie alleine nach Amerika ging, bin ich fast gestorben», sagt die Mutter. «Da hatte ich Angst. Es tat mir weh. Sie hat mir an allen Ecken und Enden gefehlt.» Doch sie liess sie gehen. «Meine Mutter klammerte sich nicht an mich, das war ihr grösstes Geschenk», lobt die Tochter.

Es gab einen zweiten Bruch, als Manuela einen Freund hatte, der fast 30 Jahre älter war als sie. «Es hätte vom Alter her ja auch ein Mann für mich sein können», sagt die Mutter. «Ich war schockiert. Wir sprachen drei Monate lang nicht miteinander. Dann lernte ich ihn kennen, es ging gut.»

Angst, so zu werden wie die Mutter, hatte Manuela nie. «Mir ist wohl in meiner Haut, das ist grösstenteils das Verdienst meiner Mutter. Ich stehe mit beiden Füssen auf dem Boden – weil ich von Mami bedingungslose Liebe erfahre.» Manuela hat keine Kinder. Obwohl sie einst gerne eine Familie gehabt hätte. Zu lange war sie mit dem älteren Mann zusammen. Sie habe es besser als ihre anderen Kinder, sagt die Mutter. Die sind getrennt, ihre Enkel Scheidungskinder.

Sie selbst sei «noch sehr fit». ­Erwartungen habe sie nicht an Manuela, einfach «grosse Hoffnungen, dass sie mich überlebt und wir einander noch lange geniessen können. Kinder sind nicht verpflichtet, ihre Eltern zu pflegen». Die Tochter widerspricht. «Meine Mutter hat mir viel gegeben, irgendwann kommt die Zeit, wo es dreht.»

«Ich wäre trauriger, wenn sie stirbt, als wenn der Mann stirbt, der mir am nächsten ist», sagt ­Manuela. «Stirbt die Mutter, ist die Nabelschnur endgültig durchschnitten. Das hatte ich mit meinem Vater überhaupt nicht.» Mit ihm sei es schwieriger gewesen. «Er trank. Ich war schon etwas traurig, als mein Vater starb, aber ich war froh, dass meine Mutter noch ein paar Jahre für sich hat.»

Der Vater erkrankte an Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Er lag im Morphium-Koma, als Manuela zu ihm sagte: «Ich stehe gut im Leben, vor allem dank Mami. Du warst ein schwieriger Kerl.» Ob er es hörte, bevor er starb, weiss sie nicht.

Vreni Nieth (78) und Manuela Nieth (47)
Mama: «Manuela stand mir als Nesthäkchen wahrscheinlich immer am nächsten.»
Tochter: «Mami ist die Mutter, die man sich wünscht. Ich merke das auch in Gesprächen mit Freundinnen, die keine harmonische Beziehung zu ihren Müttern haben.»

mutter4«Diese Liebe kommt aus dem Innersten heraus»

Ellj Bächtold (91) war Kassiererin bei Coop. Ihre drei Töchter sind 70, 67 und 63. Rita Weber, die jüngste, ist Kindergärtnerin, hat ebenfalls drei Töchter. «Meine Mutter schläft gerne lange», beginnt Weber. «Wenn sie um 9 Uhr die Vorhänge noch gezogen hat, schaue ich jeweils nach, ob sie atmet.» Viel erwartet Ellj Bächtold nicht mehr von der Beziehung. Nur: «Dass wir es noch ein bisschen schön haben miteinander.» Vor
14 Jahren starb ihr Mann. Seither kümmern sich ihre Töchter um sie.

Und sie selbst. «Ich bin stolz, wie viel meine Mutter noch selber macht», sagt die Tochter. Sie wohnt allein, frühstückt allein, macht sich Znacht. Manchmal fährt sie mit dem Zug nach Schaffhausen, geht zum Coiffeur, trifft Freundinnen. In der Pubertät sei die Tochter «etwas saftig» gewesen, ansonsten hätte es keine Probleme gegeben, sagt die Mutter. «Schreiben müssen Sie das ja nicht!» Bächtold hat sieben Enkel und zehn Urenkel. «Meine Eltern hatten nicht viel Geld», sagt die Tochter. «Meine Mutter sagte trotzdem, ich soll meinen Traumberuf wählen.» Als die Kindergärtnerin Kinder kriegte, half die Mutter. «Jetzt helfe ich ihr. Früher ging ich mit Sorgen zu ihr, jetzt kommt sie zu mir.»

Als die Mutter ihren Gatten pflegte, entlastete die Tochter sie nachts. Vor vier Jahren brach sie sich das Becken. Die Tochter war da. «Das sind die entscheidenden Momente.»

Einen Sohn hatte sich Bächtold nie gewünscht. «Mädchen sind enger bei der Mutter und offener zu ihr als zum Vater», sagt sie. Sie selbst habe ein inniges Verhältnis gehabt zu ihrer Mutter. «Es war schrecklich, als sie starb.» Die Tochter weiss: «Das wird bei mir genauso sein.» Eine engere Beziehung gebe es nicht, so die Mutter. «Ich hatte einen guten Mann, aber die Liebe zu Kindern kommt aus dem Innersten heraus.»

Ellj Bächtold (91), Rita Weber (63)
Mama: «Rita macht alles für mich, obwohl ich sie nur in Anspruch
nehmen will, wenn ich sie brauche. Ich bin stolz, sind meine drei Kinder gut herausgekommen.»
Tochter: «Ich schätze es sehr, wie sehr sich meine Mutter noch Mühe gibt, so viel wie möglich alleine
zu machen.»

Interview mit Schauspielerin Esther Gemsch, Mutter von drei Kindern: Die Väter ergriffen die Flucht