Von Peter Hossli (Text) und Dado Galdieri (Fotos) und Bruno Fernandes (Foto)

Es ist 19.30 Uhr in Ipanema, einem der vornehmsten Quartiere in der brasilianischen Millionenstadt Rio de Janeiro. Mit langen Messern überfallen zwei Teenager den Reporter, rauben, was er bei sich hat. Angenehm sei das nicht, aber: «Das passiert halt», so der Polizist, der das Protokoll aufnimmt.
Er heisst Paulo Ramos, wirkt ruhig, spricht gut Englisch. Zuvor hat er zwei deutsche Frauen vernommen, eine mit blauen Flecken im Gesicht. Sie hatten sich bei einem Überfall zuerst gewehrt – und bekamen prompt Schläge ab. Los waren sie ihr Geld trotzdem.
Zwei Monate vor dem Anpfiff der Fussball-WM in Brasilien brodelt Rio. Rasant steigt die Kriminalität. Verdoppelt haben sich dieses Jahr Handy-Klau und Diebstähle in Bussen, so die Polizei von Rio. Um 93 Prozent stieg die Zahl der Überfälle auf offener Strasse an. 20 Prozent mehr Morde verzeichnet die Stadt – obwohl sie einer Festung ähnelt. Auf Strassen patrouillieren Polizisten. Soldaten halten etliche Favelas bis nach der WM besetzt.

Aus der Schweiz fliegen 5000 Fussball-Fans an die WM, schätzt der Schweizer Botschafter in Brasilien, André Regli (57). «Vor sechs Monaten bin ich von 10000 Schweizern ausgegangen, negative Presse, die hohen Preise für die Reise und Probleme bei der Infrastruktur haben das Interesse gemindert.»
Rund 3000 Buchungen seien bei den Reisebüros eingegangen, weiss Regli. Hinzu kämen 2000 Individual-Reisende. Auf sie warten Samba, Lebensfreude, hoffentlich guter Fussball – und ein Abenteuer.
Vieles, was sich Brasilien für die WM vorgenommen hat, wird wohl erst für die Olympischen Spiele in Rio 2016 fertig sein. Etwa der Schnellzug zwischen Rio und São Paulo. Das famose Tram in Rio. Auf den Flughäfen in Brasilia und Rio hantieren an jeder Ecke Handwerker. Ein Wald aus Kranen dreht sich am Airport von São Paulo. Flüge sind oft verspätet. Oder sie fallen aus. Ewig dauern Passkontrollen.
Landesweit sind Putzequipen unterwegs, um Abfall abzutragen. Statt die versprochenen Velowege anzulegen, malen in Rio städtische Arbeiter sie auf Strassen. Autos stauen sich hier eigentlich immer.
Langsam fliessen Daten. Selbst in teuren Hotels funktioniert das Internet oft nur in der Lobby richtig.
Tausende bezugsfertiger Hotelzimmer fehlen. «Brasilien schafft sich Schwierigkeiten, um dann Lösungen zu verkaufen», erklärt der brasilianische Fotograf Dado Galdieri (40) treffend: Bis zu 40000 Dollar kann in Rio verlangen, wer eine Wohnung am Strand besitzt und sie während 32 WM-Tagen vermietet.

Um die Sicherheit der Fans zu gewährleisten, entsendet er ein konsularisches Team an jeden Spielort. Er weiss: Die soziale Unzufriedenheit in Brasilien ist gross. Jederzeit kann sie in Gewalt ausarten. Etliche Brasilianer bringen ihre Kinder während der WM ins Ausland.
Andere wollen ihr Land von der besten Seite zeigen. Zwei Stunden wartet der Hotelier mit dem bestohlenen Gast bei der Polizei. Der Überfall geschah vor seinem Hotel. Er will keine schlechte Presse.