Von Peter Hossli (Text) und Pascal Mora (Fotos)

Zaatari: Das ist das zweitgrösste Flüchtlingslager der Welt. Hier, im kargen Norden Jordaniens, hausen 106 073 Syrer auf 3,3 Quadratkilometern Fläche. Mehr als die Hälfte sind Kinder, geflüchtet vor einem Bürgerkrieg, der seit über drei Jahren in Syrien tobt.
Sie haben fast alles zurückgelassen, fast alles verloren. Nur eines nicht – die Hoffnung. «Ja, ich will nach Syrien zurück», antworten alle auf die Frage nach ihrer Zukunft. Wann? Das weiss keiner.
Knapp 20 Monate erst gibt es das Lager. Es ist längst zur Grossstadt angeschwollen mit 40 Spielplätzen und 12 Fussballfeldern. Jede Nacht kommen gegen 800 Syrer über die 30 Kilometer entfernte Grenze. Vor wenigen Wochen waren es noch 300 gewesen.

Es ist Sonntag, kurz nach Mittag. Der Schweizer betritt einen Container am Nordrand des Lagers. «As-salamu alaykum», grüsst ihn Oberst Abdelrahmen Al-Amoush. «Willkommen.» Er trägt Uniform, sitzt an einem mächtigen schwarzen Pult. An der Wand hängen Satellitenbilder und Karten von Zaatari, dazu Fotos der jordanischen Königsfamilie. Al-Amoush (50) ist Bürgermeister der Lagerstadt, zuständig für innere Sicherheit.
Jeden Monat gibt er eine halbe Million Dollar für Strom aus, erzählt der Oberst. Täglich stellt er vier Millionen Liter Wasser bereit, 40 Liter pro Einwohner – an einem Ort, wo vor zwei Jahren nicht mehr als eine staubige Fläche lag. Er pumpt es aus Brunnen, karrt es mit Lastwagen heran.

Fast 600 000 Syrer flohen seit 2011 nach Jordanien, in ein Land mit sechs Millionen Einwohnern. Die Mieten sind gestiegen, ebenso der Bedarf an Wasser. Löhne sinken, da syrische Handwerker günstiger und besser arbeiten.
Klassenzimmer sind überfüllt, denn auch die geflüchteten syrischen Kinder sollen zur Schule. Syrer stutzen in Jordanien Bärte, sie verkaufen Gemüse, buckeln auf dem Bau, kochen in Restaurants.
Bessler sichert dem Bürgermeister die Hilfe der Schweiz zu, verabschiedet sich auf Arabisch, geht hinaus in den rauen Wind, vorbei an Frauen, Kindern und alten Männern. Neuankömmlinge lassen sich registrieren, ihre Iris einscannen, messen und wiegen, sich impfen. Sie beziehen Matratzen und Lebensmittel. Uno-Personal weist ihnen eine Bleibe zu.
Alle erhalten einen Lageplan, damit sie zu Fuss ihr Zelt oder ihren Wohncontainer finden – oft ein weiter Weg. Bald werden öffentliche Busse in Zaatari verkehren. Wie in jeder richtigen Stadt.

Zwar sind private Geschäfte im Lager untersagt. Da die syrischen Händler ihre Waren bei Jordaniern beziehen, schreitet die Polizei aber nicht ein.
Wie ein alter Mann sieht Muhanad aus. Dabei ist er erst 47, flüchtete «wegen des Mordens» aus Südsyrien. Dort verkaufte er Krimskrams. Heute ist er Pizzabäcker an den Champs Élysées von Zaatari, beschäftigt fünf Pizzaiolos, die Fladenbrote mit Spinat und Kräutern, Lamm und Poulet belegen. Gegen tausend Kunden bewirtet er täglich. Wie lange wird er hier sein? «Ich gehe lieber heute als erst morgen nach Hause.» Aber: «Es sieht nicht nach einer raschen Lösung in Syrien aus.»

Oasim Rashid (28) arbeitete in Syrien als Innendekorateur. «Dann haben sie mein Haus zerbombt. Ich floh.» Heute teilt er einen Container mit seiner Frau. Er malte ihn orange an, dekorierte jedes Zimmer anders, überall stehen Blumen. Selbst auf der Flucht will Rashid ein Mensch bleiben. Er lädt zu süssem Minzentee im Glas.
Sein Nachbar Hassoun (25) hat ein Aquarium mit Zierfischen aufgestellt. Im Käfig hält er Kanarienvögel, die er aus Syrien mitnahm. Im Garten trägt ein Baum erste Orangen. Er ist stolz auf seine heile Welt mitten im Chaos. Und doch: «Könnte ich zurück, lasse ich hier alles stehen.» Wann wird es sein? «Wenn die Politiker endlich etwas bewegen.»
Gefordert sind die Russen, die EU, die Amerikaner. Nur: Deren Fokus liegt in der Ukraine. «Hätte die Politik eine Lösung für Syrien, würde das nicht nochmals 6,5 Milliarden Dollar kosten», sagt Bessler.

Anfang Mai ist Zaatari voll und kann keinen mehr aufnehmen. Deswegen hat die jordanische Regierung neue Lager errichtet. Viele werden noch lange nicht in ihre zerstörte Heimat zurückkehren können.
Ohnehin leben nur 20 Prozent der Flüchtlinge in Lagern. Die meisten mieten Wohnungen und Häuser. Die Schweiz unterstützt sie mit Bargeld – eine effiziente und unbürokratische Hilfe.
Bessler zieht die Schuhe aus, setzt sich im gemieteten Haus auf den Boden, nippt am Tee. Serviert hat ihn Tema (28). Sie floh mit drei Kindern. Bessler befragt sie. Was machte sie in Syrien? Warum kam sie? Gehen die Kinder zur Schule? Was will sie? «Ich will zurück», sagt Tema. «Nächstes Mal sehen wir uns sicher in Syrien», verabschiedet sich Bessler. «Inschallah», sagt Tema – «so Gott will.»
Was die offizielle Schweiz tut
In der jordanischen Hauptstadt Amman hat die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza ihr Zentrum für die humanitäre Hilfe in der Region. Die Schweiz beteiligt sich an der Renovation von jordanischen Schulen, die wegen der syrischen Flüchtlinge stark belastet werden. Sie hilft jordanischen Städten, die unter den hohen Flüchtlingszahlen leiden. Rund 1600 syrische Familien in Jordanien erhalten monatlich Geld. Zudem leistet die Schweiz Beiträge für medizinische Hilfe. Sie versucht, das Leben von Kindern und Frauen auf der Flucht zu verbessern und hilft bei Wasserprojekten.
