Von Peter Hossli

Um 12 Uhr 29 bog die offene Limousine des US-Präsidenten in die Dealey Plaza ein. Tausende jubelten entlang der Strasse. «Mister, Sie können kaum sagen, dass Dallas Sie nicht liebt», schwärmte Nellie Connally, Gattin des texanischen Gouverneurs. Kennedy lächelte, winkte mit dem rechten Arm.
Plötzlich – ein dumpfer Knall. Es ist ein erster Schuss, ein zweiter fällt, ein dritter. Eine halbe Stunde später stirbt der Präsident im Parkland Memorial Hospital im Beisein von 14 Ärzten. Er war 46 Jahre alt.
Die zweite Kugel hatte seinen Rücken und den Hals durchschlagen, die dritte zerfetzte den Hinterkopf. «Sie haben meinen Mann getötet, und ich halte sein Gehirn in meinen Händen», soll First Lady Jacqueline Kennedy noch im Wagen geschrien haben.
Der gewaltsame Tod jährt sich am 22. November zum 50. Mal. Es ist bis heute die fesselndste Geschichte aller Zeiten geblieben.

Es ist eine Geschichte über einen Mord mit weitreichenden politischen Konsequenzen. Verübt zu einer Zeit, als der Kalte Krieg heiss zu werden droht, die USA und die Sowjetunion nuklear um die Wette rüsten. Heute sagen Historiker, die Welt wäre wohl anders, hätte Kennedy länger gelebt.
Überdies und vor allem ist das Attentat Teil eines grandiosen Krimis. Am selben Tag schon verhaftet die Polizei Lee Harvey Oswald (24), ein verwirrter Marxist, der in Russland lebte. Der einstige Grenadier erschoss den Präsidenten mit einem italienischen Repetiergewehr mit Zielfernrohr aus dem sechsten Stock eines Lagers für Schulbücher. Per Post liess sich Oswald die Flinte – eine Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg – nach Dallas schicken.

Beim Tatort am Dealey Plaza hingegen fehlten Live-Kameras. Als unwichtig stuften die Produzenten der TV-Stationen die Stelle eine. Kaum gingen erste Meldungen über das Attentat über den Ticker, surrten Kameras nonstop. Reporter eilten nach Dallas, andere berichteten von überall in den USA über ein Land unter Schock. 93 Prozent der Fernseher liefen, als der Präsident am 24. November beerdigt wurde, und sein dreijähriger Sohn den Sarg salutierte.
Abgebrochen ist die Berichterstattung seither nicht mehr. Längst ist das JFK-Attentat ein eigenes Mediengenre. Unablässig kommentieren es Leitartikler. Romanciers erzählen darüber fiktive Geschichten, darunter Stephen King, der im Roman «11/22/1963» 849 Seiten voll schrieb.
Investigative Journalisten enthüllen seit fünfzig Jahren vermeintlich Neues. Ihre Recherchen dienen Drehbuchautoren als Vorlagen für Spiel- Dokumentar- und Fernsehfilme. Fast dreissig verschiedene Schauspieler haben auf Leinwand und Mattscheibe Lee Harvey Oswald verkörpert.
Amazon bietet fast 11500 Bücher und Filme, die sich mit Kennedy und seinem Tod befassen. Gleichwohl erscheinen diesen Herbst nochmals 30 neue Werke.

Das Magazin «Life» kaufte die Rechte am Film für 150000 Dollar und publizierte am 29. November 1963 daraus 30 schwarzweisse Einzelbilder. Öffentlich gezeigt wurde der Streifen erstmals 1969 in einem Gerichtssaal. Amerikanische Fernsehzuschauer sahen den ganzen Zapruder-Film jedoch erst 1975.
Zapruders Erben verkauften ihn 1999 für 16 Millionen Dollar der US-Regierung, erhielten pro Filmsekunden 601504 Dollar. Heute sind unzählige Versionen davon auf Youtube zu sehen.
Drei weitere Amateur-Filmer hielten das Attentat damals auf Zelluloid fest, allerdings aus grösserer Distanz. 32 Personen fotografierten am Tatort.
Fast jede Zeitung der Welt publiziert nun diese Bilder erneut, stellt Videos online. Die «Dallas Morning News» berichtet ein Jahr lang über den 50. Jahrestag, interviewt Zeitzeugen, organisiert Ausstellung, hält Symposien ab. Fernsehanstalten strahlen neue dokumentarische Berichte aus, ziehen Experten herbei, die mit modernsten gerichtsmedizinischen Methoden der immer gleichen Frage nachgehen.
Zwischenzeitlich glaubten bis zu 80 Prozent aller Amerikaner, JFK sei einem Komplott zum Opfer gefallen. Oswald und Ruby als verstörte Einzeltäter? Niemals! Heute gehen 60 Prozent von einer Verschwörung aus.
Dabei zog eine Kommission unter dem höchsten US-Richter Earl Warren bereits 1964 den klaren Schluss: Oswald handelte allein. In 26 Bänden legte die Warren-Kommission dazu Beweise vor – und beflügelte Zweifler und Verschwörungs-Theoretiker.
Reporter und Hobby-Enthüller, Filmemacher und Politiker fahnden seither nach Widersprüchen und Fehlleistungen der Ermittler, zeigten auf, wie viele Beteiligte angeblich eines merkwürdigen Todes starben. Mehrere Dutzend Bücher erscheinen jedes Jahr, darunter Titel wie «Rush to Judgment», «Best Evidence», «Reasonable Doubt», «High Treason» oder «Coup D’Etat in America».
Selbst die US-Regierung ging ein zweites Mal über die Bücher. Eine vom Repräsentantenhaus eingesetzte Kommission schloss 1978 ein Komplott nicht mehr aus. Sie sah eine «hohe Wahrscheinlichkeit, dass zwei Schützen auf den Präsidenten schossen». Namen von Verdächtigen nannte sie nicht.

Mal waren es Ausserirdische, die Kennedy töteten; dann der persönliche Fahrer – oder Fahrer und Alien in einer gemeinsamen Intrige.
Ein Verdacht fiel auf einen Mann im schwarzen Anzug. Mit aufgespanntem Regenschirm stand er an jenem sonnigen Tag am Strassenrand und zwar genau dort, wo Kennedy starb. Hatte er eine Schusswaffe in den Schirm eingebaut? Half er anderen Schützen, das Ziel zu finden?
Ach wo. Er demonstrierte gegen die Appeasement-Politik von Kennedys Vater Joseph und Neville Chamberlain, Grossbritanniens Premierminister. Der hatte meist einen Schirm bei sich. Diese Geschichte erzählt der Kurzfilm «The Umbrella Man», eine der ergreifendsten Abhandlungen zum Kennedy-Mord.

Trotz allen Zweifeln war es allein Oswald, schrieb Autor Gerald Posner 1993 in seinem gepriesenen Buch «Case Closed». Später schilderte er, wie er das Buch einem Verleger andrehte. Er wisse, wer Kennedy tatsächlich getötet habe, gab er an. «Wer?», fragt der Verleger aufgeregt. «Oswald», antwortete Posner. «Und sonst?» – «Oswald.» Posner sei angeschaut worden, als «lebe ich auf dem Mars». Zum Bestseller geriet das Buch alleweil.
Einen Rekord stellte Vincent Bugliosi 2007 mit «Reclaiming History: The Assassination of President John F. Kennedy» auf. Das Buch umfasst 1650 Seiten, dazu eine CD-ROM mit 960 Seiten Fussnoten. Das Fazit von Bugliosi: es war einzig Oswald.
Doch schon ein Jahr später folgte Lamar Waldron mit «Legacy of Secrecy». Er glaubt anhand neuer CIA-Dokumenten beweisen zu können, dass JFK und später sein Bruder Robert ermordet wurden, weil sie den kubanischen Diktator Fidel Castro stürzen wollten. Die Mafia zog dabei die Fäden.

Es ist nur einer von vielen neuen JFK-Filmen. Tom Hanks produzierte «Parkland», in Anlehnung an das Spital, in dem Kennedys Tod erklärt wurde. Der Film läuft im Oktober in den Kinos an. Autor und Regisseur David Mamet dreht «Blackbird» mit Cate Blanchett. Sie verkörpert eine junge Frau, die ihren Grossvater verdächtigt, Kennedy auf dem Gewissen zu haben.
Krösus unter den Verschwörern bleibt jedoch Oliver Stone. Der Regisseur traf 1991 mit dem opulenten, drei Stunden langen Spielfilm «JFK» einen Nerv. Hochkarätige Schauspieler wie Kevin Costner, Donald Sutherland, Gary Oldman, Jack Lemmon und Sissy Spacek zerlegen packend die Einzeltäter-Theorie. Der Film folgt der wahren Geschichte von New Orleans Staatsanwalt Jim Garrison. Er untersucht den Mord, stösst dabei auf schwule Stricher, korrupte Politiker, skrupellose Mafiosi, hintertriebene Kubaner. Alle nimmt Stone als Verdächtige ins Visier: Agenten der CIA, das FBI, sogar Kennedys Nachfolger, Vizepräsident Lyndon B. Johnson.

Garrison versuchte zu belegen, dass Shaw und die CIA das Attentat orchestrierten. Nicht drei, sechs Schüsse sollen auf JFK abgefeuert worden sein. Die Geschworenen glaubten Garrison nicht. Er verlor den Prozess.
Gewonnen hat Stone. Sein Film spielte mehrere hundert Millionen Dollar ein, gewann zwei Oscars – und macht Verschwörungstheorien salonfähig.

