Von Peter Hossli

Mitten in den Favelas kickt Djemerson, in den Elendsvierteln von São Paulo. «Hat er einen Ball am Fuss, greift er nicht zum Revolver», sagt Beat Wehrle (48). «Fussball ist für brasilianische Kinder eine der Formen der sozialen Anerkennung, Drogenhandel ist die andere.»
Fussball statt Drogen
Wehrle arbeitet im Kinderrechtszentrum Sapopemba am Ostrand von São Paulo. Zu ihm kommen Buben und Mädchen im Alter von 10 bis 17. Drei Stunden gehen sie täglich zur Schule. Den Rest des Tages hängen viele in verruchten Gangs rum. «Mit Fussball holen wir die Kinder von der Strasse», sagt Wehrle.
Der Schweizer kam 1985 nach São Paulo. Heute koordiniert er für das deutsche Kinderhilfswerk Terre des Hommes das Projekt «A Chance to Play». Er organisiert Fussballspiele, lässt Kinder tanzen, trommeln, malen und zeichnen. Profifussballer bilde er nicht aus, betont er. «Wir schaffen eine andere Realität zu Drogen und zur Gewalt.»

Dank dem Geld kann Djemerson täglich spielen. Er wirkt schmächtig, die Arme und Beine dünn. Für sein Alter ist er zu klein – die Folge einer schwierigen Kindheit, sagt Wehrle. Längst ist der Vater verschwunden, ihre zehn Kinder zeugte die Mutter mit verschiedenen Männern. Vor der Gewalt flüchtete Djemerson auf die Strasse. «Fussball bringt mich weg vom alltäglichen Horror», sag Djemerson. Stolz trägt er ein Trikot der Schweizer Nationalmannschaft, das ihm der
Reporter mitbrachte.

Die Favela, in der er lebt, liegt in der gefährlichsten Gegend von São Paulo. Wer nichts hat, schiesst oder schlägt zu – weil er sieht, wie viel die anderen besitzen, glaubt Wehrle. «Die soziale Ungleichheit in Brasilien ist absolut pervers.» Die Schnitte sind hart, die Fahrt von der Nespresso-Boutique zur Favela dauert weniger als zwanzig Minuten. «Es überrascht mich, dass es nicht mehr Gewalt gibt.»
Djemerson sitzt neben einem Hartplatz, trinkt Schoko-Milch, isst Kekse. Er und seine Kumpels haben ein Turnier gewonnen. «Wer von Euch will Profi werden?», fragt Wehrle. Djemersons Hand schnellt in die Höhe. Wenn das nicht klappt? «Dann werde ich Rechtsprofessor.»