Information als Seifenoper

Wenn die ganze Welt darüber spricht, eine Schlagzeile alles beherrscht, Bilder und Schicksale bewegen; dann ist er geboren: der Mediathon. Das Drama von dem keiner genug kriegt – weder das Publikum noch die Medien.

Von Peter Hossli

Eine erste Bombe explodierte um 14 Uhr 49 beim Zieleinlauf des Marathons von Boston. Vierzehn Sekunden später knallte es erneut. Ein zweiter, in einem Dampfkochtopf versteckter Sprengsatz detonierte. Drei Menschen starben, 260 wurden teilweise schwer verletzt, verloren Glieder.

Wenige Minuten nach den Explosionen am vergangenen 15. April verbreitete Twitter erste Meldungen zum Attentat. Bilder gingen online. Zuerst titelten amerikanische Websites «Breaking News», rasch folgten globale Medien. News-Ticker verbreiteten alles, was bekannt war – egal, ob es stimmte. Bald hatten US-Nachrichtensender Live-Kameras vor Ort platziert. Fortan berichteten CNN, Fox und MSNBC sowie Lokalstationen nonstop über die Bomben von Boston. Ebenso die Nachrichten-Portale im Internet, dazu Zeitungen. Das Magazin «Time» druckte eine Sonderausgabe. Über die nächsten zwei Wochen schienen die Explosionen die einzige Geschichte in den Medien zu sein, nicht nur in den USA, sondern vielenorts auf der Welt.

Zuerst rätselten Journalisten über Verdächtige, dann über Motive. Die Jagd auf die beiden mutmasslichen Täter inszenierten sie als dramatisches Spektakel – live übertragen in warme Stuben und auf mobile Telefone. Einer der Verdächtigen starb, die Polizei fasste den anderen. Eine weitere Woche blieben die «Boston Bomber» allgegenwärtig. Bis sie aus dem Äther verschwanden – und aus dem Bewusstsein. Vorbei war das «spektakulärste Medienereignis in den USA seit Jahren», so der «Spiegel».

Weltweit lechzen die Medien nach solchen Geschichten, nach Storys, die sie tage- oder sogar wochenlang auswalzen können. Als seien es Fernsehserien, die immer weiter drehen, die alles andere verdrängen, auf allen Kanälen, in allen Spalten, auf allen Mobiltelefonen und online. Treffend beschrieb US-Autor Frank Rich dieses Genre im Jahr 2000 als «Mediathon», als Medien-Marathon.

Der Mediathon, schrieb Rich damals im «New York Times Magazine», sei ein neuartiges News-Spektakel, das «die populärste neue kulturelle Form Amerikas» werden könnte.

Heute ist es die populärste Mediengattung der Welt. Wobei längst nicht jede gute Geschichte zum Mediathon wird. Sondern nur eine Story, «in der sich eine ganze Nation komplett verliert», so Rich damals. Heute ist es die ganze Welt. Jeder redet darüber, alle hängen am TV. Online-Journalisten tickern. Twitter quillt über.

Zur Freude der Medienkonzerne. Die Boston-Bomber bescherten CNN eine der höchsten Einschaltquoten der letzten zehn Jahre, ein Plus von 200 Prozent. Seit Ausbruch des Irakkriegs im April 2003 verzeichneten Fox News und CNN nie mehr so viele Zuschauer – trotz Kritik für teilweise fehlerhafte Berichte (siehe Kasten).

Mediathons entsprechen dem menschlichen Bedürfnis nach Drama. Das Publikum bevorzuge Geschichten, in denen «Seifenopern, der Medienzirkus und Boulevardjournalismus zu einer Hybris verschmelzen», erklärt Rich. Profaner ausgedrückt: Es will Gewalt, Sex, Stars, Geld und Verbrechen. All das vermischen Sender und Zeitungen zu einem Brei, der wie ein endloser Wasserfall aufs Publikum niederprasselt.

Wobei jeder gute Mediathon eine griffige Schlagzeile hat. «Boston Bomber», «Der Fall O.J. Simpson», «Angriff auf Amerika», «Der Tod von Prinzessin Diana», «Skandal im Weissen Haus», «Schul-Massaker».

Ist eine Geschichte zu komplex, lässt sie sich nicht als Drama aufarbeiten, schafft sie es nicht zu Mediathon-Würden. Darunter fiel der Milliarden-Bankrott des Energieriesen Enron, der 2001 das Ende der New Economy einleitete. Genauso wenig wurde die 2008 beginnende Finanzkrise zu einem Mediathon.

Hingegen eignete sich die Katastrophe an der japanischen Küste im März 2011 bestens – trotz sprachlicher Hürden. Zuerst lieferte der Tsunami spektakuläre Bilder und packende Einzelschicksale. Dann erzeugte der Unfall im Atomkraftwerk von Fukushima weltweit Spannung und Ängste.

Der erste Mediathon gelang dem US-Fernsehsender CNN 1991 mit dem Golfkrieg. Die Wüstenschlacht um Kuwait verdrängte damals die Seifenopern von den Bildschirmen. Sie verhalf CNN zum Durchbruch. Erstmals erreichte der Nachrichtensender kontinuierlich hohe Quoten.

Die Berichterstattung über den Golfkrieg unter der Marke «War in the Gulf» war ein Meilenstein der Mediengeschichte, vergleichbar mit der Aufführung von «The Jazz Singer» 1927, dem ersten Tonfilm.

Dabei sind mediale Grossereignisse nicht neu. Über den Untergang der Titanic 1912 wurde ausführlich berichtet, ebenso über den Prozess der Entführung des Lindbergh-Babys im Jahr 1935 oder die Ermordung von John F. Kennedy 1963.

Dank neuer Technologie gelang CNN 1991 aber etwas völlig Neuartiges: Der Golfkrieg hatte ein eigenes Logo, eigene Musik, es hatte Stars wie General Colin Powell auf der Seite des Militärs und Reporter Peter Arnett bei den Medien. Vor allem schaute ein weltweites Publikum zu, dank Satelliten live. «Erstmals wurde Geschichte vor Ort – und oftmals vom Militär verdreht – zu einer dramatischen Miniserie verarbeitet, die rund um die Uhr lief», so Rich.

Lässt sich mit solchen Mediathons Geld verdienen? Und wie. Jahrelang hatte CNN auf Quoten gewartet wie nun in Boston. 25 Prozent mehr Zuschauer sassen vor den Geräten, nachdem John F. Kennedy jun. 1999 mit seiner Cessna abstürzte und starb. Noch in der dritten Woche nach dem Unfall von Lady Diana registrierten die TV-Stationen 1997 zwanzig Prozent mehr Zuschauer als üblich. Bill Clintons Seitensprung mit Praktikantin Monica Lewinsky war 1998 ein Quotenhit.

Die Objekte solcher Geschichten – Lewinsky, Clinton, die Boston-Bomber – haben keinerlei Kontrolle über die Berichterstattung. Einer von ihnen war US-Regisseur Woody Allen. Er fand sich 1992 in einem Mediathon, als er sich von seiner langjährigen Partnerin Mia Farrow trennte und eine Beziehung mit Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn aufflog. «Ich war auf dem Titel jedes Magazins auf der Welt», sagte Woody Allen zum «New York Times Magazine». Er sei ausgesprochen irritiert gewesen, plötzlich Star eines Mediathons zu sein. «Ich konnte nicht glauben, wie gross das Interesse war. Aus einem Nicht-Event wurde ein Multi-Millionen-Dollar-Geschäft. Es gab Zeitungs- und Magazinartikel, Fernsehshows, Bücher. Anwälte wurden beschäftigt, Detektive, Psychologen. Es war pompöser als alles, was ich bisher erlebt hatte, Filmpremieren und Oscar-Verleihungen eingeschlossen.»

Lustig sei das überhaupt nicht gewesen. «Aber ich empfand es als ironisch – und ich verstand, warum die Medien so interessiert waren», so Allen. «Meine Geschichte und die Geschichten der anderen hatten etwas Aufregendes und Unterhaltsames.»

Oft stehen Mediathons in der Kritik. Vor allem, weil Geschwindigkeit wichtiger ist als Fakten. Die Berichterstattung ist meist gespickt mit Halbwahrheiten, Überhöhungen, Fiktion. Ganz bewusst. «Das Publikum mag Unterhaltung einfach besser als Information», sagte der Verleger William Randolph Hearst während des Lindbergh-Prozesses.

Woody Allen bringt es auf den Punkt: «Hat das Publikum die Wahl zwischen gut und schlecht, wählt es immer schlecht. Deshalb servieren die Medien uns Junk.»

Jeder Mediathon geht zu Ende, jede Geschichte verliert ihren Reiz. Publikum und Medien aber wollen den nächsten Kick. «Drama macht süchtig», schreibt Rich. «Die Sucht betrifft nicht nur die Konsumenten von Mediathons, sondern jene, die darüber schreiben.» Also die Journalisten.