Von Peter Hossli (Text) und Thomas Lüthi (Fotos)

Einer grinst. «Hello everybody», sagt Kwaku (35), schnappt sich den Plastiksack mit seiner Habe. Er ist Ghanaer. Ein Senegalese steigt aus, ein Gambier, einer aus Guinea-Bissau – dazu 33 Nigerianer. «Ich liebe Schnee», witzelt Kwaku, trottet fröstelnd vorbei am Zaun und am dickhalsigen Wächter der Securitas, verschwindet im dunklen Loch, das in den Untergrund führt.
Seit Donnerstag leben 37 Afrikaner im unterirdischen Militärspital der Gemeinde Nottwil LU, neben dem famosen Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ). Nächste Woche kommen weitere Asylbewerber hier an, ebenso die Woche darauf – und in der Gemeinde Nottwil hat kaum jemand etwas dagegen.
Regt sich landesweit Widerstand gegen Asylzentren, geht Nottwil pragmatisch vor. «Es gibt eine Notsituation im Asylwesen», sagt Gemeindepräsident Walter Steffen. «Eine ablehnende Haltung bringt uns nicht weiter», sagt er. «Wir wollen Hand bieten.»

Anders Nottwil. «Wir helfen – unter gewissen Bedingungen», so Steffen. Das Bundesamt für Migration (BFM) sagte ihm Sicherheit zu. Er liess das Dorf in offene und geschlossene Gebiete aufteilen. Für Asylbewerber gesperrt sind das SPZ, die Schule, das Alters- und Pflegeheim, ebenso der Camping-Platz. Wächter sichern die «sensiblen Zonen», wie die Tabu-Orte offiziell heissen. Rund um die Uhr patrouilliert die Securitas.
Es ist Freitag, bitterkalt. Die Sonne scheint. Eine erste Nacht unter Tag haben die Asylbewerber hinter sich. «Klar, hatte ich Angst», sagt Kenneth (31), Nigerianer, eine Wollmütze bedeckt seinen Kopf. Er ist Maurer, arbeitete jahrelang als Tagelöhner in Libyen. Als im Sommer 2011 das Regime von Diktator Gaddafi zerbrach, floh er im Boot über das Mittelmeer, landete auf der italienischen Insel Lampedusa. Nach eineinhalb Jahren in Italien kam er letzten Dezember in Chiasso TI an.
Er klagt nicht, obwohl er das Gefühl hatte, hinter Gittern zu schlafen. «Die Leute sind fantastisch, ich fühle mich willkommen.» Er bittet den Reporter, ihm ein paar deutsche Worte beizubringen. «Ich möchte mit den Schweizern reden können.»

Das Militärspital eigne sich gut. «Sich dagegen zu wehren, löst das Problem nicht.» Er erinnert sich: «Paraplegiker wurden 1985 von dieser Gemeinde willkommen geheissen, was nicht überall so war.»

Keiner war in der Schweiz kriminell. Die meisten bleiben drei, vier Wochen, bis zum Entscheid. «Es ist eine komfortable Anlage», sagt Urs von Däniken, Projektleiter Bundesunterkünfte beim BFM. Das Spital biete bis zu 750 Patienten Platz. Maximal seien 186 Asylsuchende hier, in Zimmern mit bis zu 18 Betten.
Es ist die siebte militärische Anlage, die das Bundesamt für Migration für Asylbewerber nutzt, die dritte unterirdische. Insgesamt sind 600 Asylsuchende in Unterkünften der Armee untergebracht. Ein Klacks. Jede Woche gehen beim Bund gegenwärtig 400 Asylgesuche ein. Von Däniken rechnet vor: «Nottwil deckt nicht einmal den Bedarf einer Woche ab.»

Sein Team richtet das Frühstück her – Milch, Butter, Brot, Konfitüre, Kaffee. Köche des SPZ kochen Mittag- und Abendessen. «Wir sorgen für Ruhe und für Ordnung», erklärt Friedli seinen Auftrag. «Wir sind nett, solange die Asylbewerber nett zu uns sind. Macht einer Probleme, machen wir ihm Probleme.» Er ist zuversichtlich: «Es kommt gut.»
Eines fürchtet der Gemeindepräsident: wenn sich die jungen Kerle langweilen. «Liegt Schnee, können sie Wege räumen», sagt Steffen. «Es ist uns aber nicht möglich, 180 Männer zu beschäftigen.»

Vor dem Eingang des Militärspitals wartet Bruno Hübscher. Er ist katholischer Diakon in Nottwil. Ein Stirnband schützt seine Ohren vor der Kälte. Der Seelsorger lädt die Asylsuchenden ins Vikariatshaus. Einen «warmen Ort» will er anbieten. «Wo der Kaffee gratis ist, wohlgesinnte Leute da sind.»
Vier Nigerianer gehen an ihm vorbei. Lust auf Kuchen der Kirche haben sie nicht. «Wir schauen uns lieber das Dorf an», sagt einer. Kennt er die Schweiz? «Sie schlug uns 2009 an der Junioren-WM.» Zwei Fussgänger sprechen sie an, erst französisch, dann englisch, raten ihnen, sich an die Sonne zu stellen statt im Schatten zu schlottern. Nichts hätten sie gegen das Zentrum, betont einer. «Reisen wir zu ihnen, sehen sie doch, wie reich wir alle sind», sagt er. «Kein Wunder, wollen sie zu uns kommen.»
Zwanzig Asylbewerber verlassen das Spital, folgen der Einladung. Frierend marschieren sie ins Oberdorf, zu dünn sind die Sohlen ihrer Schuhe. Tief ins Gesicht gezogen hat Cool seine Kapuze. Er ist 35, sieht aus wie 50, stammt aus Nigeria, kam aus Libyen nach Italien, dann nach Chiasso. Auf dem Boot traf er den Tischler Emmanuel. «Wie überlebt einer in der Schweiz?», fragt Emmanuel. Cool lacht. «Eine schwierige Frage», sagt er. «Die Schweiz ist ein Paradies, im Paradies darf aber nicht jeder sein.» Beide wollen bleiben – hoffen wohl vergebens. «Die Chance für Nigerianer, in der Schweiz Asyl zu erhalten, ist erfahrungsgemäss sehr gering», sagt von Däniken.

Acht Jahre lebte Kwaku in Italien. Zuvor floh er, weil seine Familie in Ghana gefährdet war. «Jetzt bin ich aus Italien geflüchtet», sagt er. «Dieses Land ist voller Rassisten und Faschisten – als Schwarzer bist du bedroht, für jeden ein Drogendealer, sieht dich ein Polizist mit Weissen reden, greift er dich an.»
Hier in Nottwil hätte ihm jemand nach einem Tag Kuchen und Kaffee angeboten. «Das ist mir in acht Jahren Italien nie passiert.»
Lange hält dieses Idyll kaum. Am 6. Juli schliesst das Spital, das Zentrum ist temporär. Dann kommen drei Jahre keine Asylbewerber mehr nach Nottwil. Grund wohl, warum alle gelassen mit der Unterkunft im Untergrund umgehen.
