Von Peter Hossli (Text) und Niels Ackermann (Fotos)

Kurz zuvor war das Ergebnis der Genfer Uno-Konferenz zu Syrien bekannt geworden. Die Teilnehmer einigten sich, eine Übergangsregierung mit allen Parteien anzustreben. Explizit nicht ausgeschlossen wird dabei der syrische Präsident Bashar al-Assad (46), seit Jahren ein enger Verbündeter der Russen.
Clinton (64) erhob die Stimme – und widersprach. «Assad muss gehen», sagte sie. «Niemand mit Blut an den Händen darf der syrischen Regierung angehören.» Täglich verlören in Syrien mehr als hundert Menschen ihr Leben. «Das sind so viele, wie hier Journalisten sitzen.»
Moderater drückte es der Sondergesandte der Uno für Syrien aus. «Wir arbeiten zusammen, um die Gewalt in Syrien zu beenden», sagte Kofi Annan (74). Er hatte die fünf Vetomächte nach Genf geladen: Russland, China, Frankreich, Grossbritannien und USA, dazu Spitzendiplomaten von der Türkei, Arabischer Liga und EU.

Der Ex-Generalsekretär der Uno wirkte müde. «Es war ein langer Tag, ich danke euch allen, die durchgehalten haben.»
Genf erwachte gestern mit guten Nachrichten. Clinton und ihr russischer Amtskollege Sergei Lawrow (62) hätten ihre Positionen angeglichen, heisst es.
Stimmen die Russen einer neuen syrischen Regierung ohne Assad zu? Ohne die Familie, die Russland einen strategischen Marinehafen am Mittelmeer nutzen lässt?
Keine Frage beschäftigt die Diplomaten an diesem schwülen Morgen mehr. Um acht rollen die ersten schwarzen Limousinen vor das Palais des Nations. Sie gehen widerwillig durch Metalldetektoren. «Das ist mir noch nie passiert», meckert ein Amerikaner, legt genervt den Blackberry aufs Rollband.
An den kahlen Aussenwänden des Uno-Palais sind furchteinflössende Plakate zu sehen, darauf Assad. Blut trieft über sein grimmiges Gesicht. «10000 Tote», steht da. Und: «Öffnet endlich die Augen!»

Beim Eingang vor dem Konferenzsaal streiten Kameraleute um die besten Plätze. Sie knipsen und filmen die kurzen Momente, in denen Diplomaten über den roten Teppich schreiten.
Früh erscheint der Initiator der Konferenz. Um 8.32 Uhr ist Kofi Annan in Begleitung zweier Wächter da. Sein Lachen ist verkniffen. Der Spitzendiplomat weiss: Dass alle hier sind, ist sein Erfolg.
Okay, alle sind es nicht. Zwei wichtige Akteure fehlen. Amerika hat sich gegen die Teilnahme des Irans gewehrt, Russland gegen Saudi-Arabien. Dabei führen Iraner und Saudis in Syrien einen Stellvertreterkrieg. Teheran unterstützt das Regime von Präsident Assad. Riad die Aufständischen.
Kurz nach Annan erscheint Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon (68), gefolgt vom chinesischen Aussenminister Yang Jiechi (62). Derweil beschnüffelt ein Deutscher Schäferhund Taschen und Fernsehkameras. Sprengstoff sucht das Tier. «Die Sicherheit ist strikter als sonst», so ein Uno-Korrespondent.

Der «Rockstar der Diplomatie», wie die «New York Times» sie nennt, kam als Letzte. Sie weiss: Sie hat die Macht, andere warten zu lassen. Kaum ist Clinton weg, räumen die Fotografen die Kameras zur Seite.
Wiederholt verschiebt sich der Konferenzbeginn. Von zehn auf elf, dann auf 11.30 Uhr. Warum? «Die bilateralen Gespräche dauern viel länger als geplant», sagt eine UN-Sprecherin. Ein gutes Zeichen.
Kurz vor zwölf eröffnet Kofi Annan die Sitzung: «Liebe Freunde, wir sollten gar nicht hier sein.»
Längst sei eine Lösung überfällig. «Die Krise hat sich aber verschärft.» Besorgniserregend, was er sagt. Von «internationalen Terroristen» ist die Rede, die sich in Syrien festkrallen, von drohenden religiösen Konflikten, einem «brutalen instabilen Land voller Waffen».
Annan wirkt ernst. «Keiner soll anzweifeln, wie extrem gefährlich dieser Konflikt ist: für Syrien, die Region, die ganze Welt.»
Für einen Diplomaten spricht er ungewöhnlich direkt. Er bläut den Kollegen ein, sich endlich nützlich zu machen. Und dann dämpft er die Erwartungen. «Diese Krise lässt sich nicht an einem Tag lösen, wir müssen uns darauf einigen weiterzumachen, gemeinsam und jeder für sich – in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten.»

Interview mit EDA-Vorsteher Didier Burkhalter zur Syrien-Konferenz