Von Peter Hossli (Text) und Karl-Heinz Hug (Fotos)

Spät erst erscheint Johann Schneider-Ammann. Er muss durch die Bellevue-Lobby, er übernachtet hier statt in seinem Haus in Langenthal. «Er schützt seine Privatsphäre», sagt sein Sprecher Lukas Jenzer. Verhindern wollte er, dass ihn Journalisten frühmorgens zu Hause abfangen. «Sein Haus ist tabu, das war schon immer so und das wird sich nicht ändern, sollte er Bundesrat werden.»
Schneider-Ammann trinkt noch ein Bier, «um besser zu schlafen».

Pünktlich um sieben, wie abgemacht, betritt der Berner Nationalrat die Lobby, begleitet von seiner Frau, der Tiermedizinerin Katharina Ammann. Die beiden kennen sich seit der Schulzeit. Dabei ist auch Tochter Daniela, 29. «Wir waren die ganze Nacht nervös», sagt der 58-Jährige, «ich bin froh, wenn es rasch durch ist.» Er geht zur Réception, bestellt ein Zimmer für seinen Sohn. «Nicht zum Schlafen, zum Duschen.» Hans-Christian, 31, wird wenig später von Singapur kommend in Zürich landen. Er absolviert in Südostasien ein Businessstudium. Eigens für die Wahl des Vaters ist er in die Schweiz geflogen.
Im Hotellift bindet sich Schneider-Ammann eine Krawatte um, blau mit Schweizer Kreuzen verziert. Sonst eher kamerascheu lässt er sich an diesem Tag dabei fotografieren. Gefragt, ob es nicht komisch sei, sich selbst zum Bundesrat zu wählen, antwortet er: «Ich habe noch nie gesagt, wem ich meine Stimme gebe.»

Ob er noch Zeit hätte für einen Kaffee, fragt Schneider-Ammann seinen Sprecher. «Nein, wir müssen los.»
Vor dem Hotel wartet die Reporterin einer Lokalzeitung. «Wie haben Sie geschlafen?» «Nicht schlecht.» Jetzt begleiten ihn vier bewaffnete Beamte der Berner Kantonspolizei. «Nur nicht zu viel Aufsehen», sagt Schneider-Ammann. «Keine Sorge, wir sind einfach für den Rest des Tages für Sie da», sagt der Polizeikommandant. Schneider-Ammann antwortet: «Ich hoffe, Sie sind nicht so nervös wie wir.»
Zügig schreitet er mit grossen Schritten die knapp hundert Meter zum Bundeshaus. «Machen lässt sich jetzt nichts mehr», gibt er der Lokaljournalistin zu Protokoll. «Die Meinungen im Parlament stehen ohnehin fest.»
Hat der international ausgerichtete Unternehmer keine Angst, als Bundesrat auf die Schweiz reduziert zu werden? «Es gibt in der Schweiz zwei Geschwindigkeiten, die wirtschaftliche und die politische, die eine ist schneller, die andere langsamer, beide sind aber wichtig.»

Er begrüsst die Delegation aus Langenthal, die vor dem Bundeshaus auf ihn gewartet hat. Schüttelt Hände, küsst Wangen, drückt Körper. «Sali, Hannes» «Guten Morgen, Herr Schneider.»
Nochmals bespricht er mit der Familie den Tag, stellt sicher, dass der Sohn weiss, wohin er muss. Um 7.37 Uhr geht er ins Bundeshaus, gibt dem staatlichen Fernsehen ein Interview, palavert, erzählt zum x-ten mal wie er die Nacht erlebt hat. «Ich habe einigermassen gut geschlafen», sagt er nun. «Natürlich bin ich nicht der Favorit.» Ein Journalist von «24 heures» zückt sein iPhone, führt ein kurzes Video-Interview. Das Französisch? Eher holprig.

Auf der Treppe trifft er die grüne Nationalrätin Marlies Bänziger, erzählt ihr, warum er in Bern und nicht in Langenthal übernachtet hat. «Die Journalisten wollten mich vor meiner Haustüre abfangen, ich habe meiner Frau versprochen, dass sie ihre Ruhe hat, daran halte ich mich.»
Er gibt noch ein Interview auf Französisch. Jetzt spürt man schon Nervosität bei ihm. Zwei Minuten vor acht betritt er den Nationalratssaal, nimmt neben dem FDP-Parteipräsidentem Fulvio Pelli Platz. Er faltet die Hände, als würde er beten, lacht herzlich während der Abschiedsrede von Bundesrats Moritz Leuenberger, schaut auf seinen Blackberry, liest ein Mail, steckt ihn weg, verschränkt die Arme, wirkt jetzt wieder ruhiger. Während der Rede von Hans-Rudolf Merz scheint es manchmal, als sei er eingenickt.

9.28 Uhr. Der erste Wahlgang endet wie erwartet ohne Resultat. Schneider-Ammann dreht sich zu Pelli, bespricht die Resultate. Der zweite Durchgang läuft.
9.40 Uhr. Er telefoniert, wirkt entspannt, lächelt.
9.48 Uhr. Die Bernerin Simonetta Sommaruga liegt bei der Ersatzwahl von Moritz Leuenberger vorne. Wird sie gewählt, weiss der Berner Schneider-Ammann, mindert das seine Chancen. Zwar ist die Kantonsklausel vom Tisch. Aber niemand sieht gerne zwei Vertreter desselben Kantons im Bundesrat.

10.03 Uhr. Die Zürcherin Jacqueline Fehr scheidet im dritten Wahlgang aus. Sommaruga ist so gut wie gewählt, obwohl noch ein vierter Wahlgang notwendig ist.
10.14 Uhr. Schneider-Ammann steht auf, geht zu Ständerätin Sommaruga, küsst sie, kurz nur, fast widerwillig. Wie alle im Saal weiss er – niemand kann ihr die Wahl noch nehmen. Und das ist nicht gut für Schneider-Ammann.
10.19 Uhr. Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer gibt das Ergebnis bekannt. Schneider-Ammann legt die Hand vor den Mund. «Gewählt ist mit 159 Stimmen Simonetta Sommaruga.» Er steht auf, applaudiert und küsst Simonetta Sommaruga ein weiteres Mal.
10.26 Uhr. Die Ersatzwahl für den Sitz von Hans-Rudolf Merz beginnt. Schneider-Ammann will sie gewinnen. Hinter ihm lässt sich Sommaruga feiern. Sie ist schon dort, wo er gerne hinwill. Versunken sitzt er in seinem Stuhl, streicht mit den Fingern über die Lippen. Schweigt.
10.45 Uhr Der erste Wahlgang beginnt. Einen langen Namen schreibt Johann Schneider-Ammann auf den Wahlzettel. Faltet den Zettel, streicht den Falz mit den Fingern flach, wirft ihn in die Urne, verlässt den Saal.
Kurz nach elf verliest Bruderer das Resultat des ersten Wahlgangs. Schneider-Ammann liegt an dritter Stelle, hinter der Grünen Kandidatin und dem SVP-Kandidaten. Aber vor Karin Keller-Sutter. Das ist wichtig.
Schneider-Ammann hält jetzt an seinem schmalen Nationalratspult Hof, redet lange mit dem Freiburger SP-Ständerat Alain Berset. Beim zweiten Wahlgang liegt er erstmals vorne. Er lacht, Parlamentarier jeder Couleur kommen zu ihm, er scherzt. Wer vorne liegt, hat es einfacher. Einflussreiche FDP-Parlamentarier stehen bei ihm. Gabi Huber, Felix Gutzwiller, Filippo Leutenegger. Alle bekritzeln Zettel, rechnen, reden.

12.16 Uhr. Pascale Bruderer läutet die Glocke. Schneider-Ammann hat seine Finger auf die Lippen gelegt. Die Fotografen zielen. «Gewählt ist mit 144 Stimmen Johann Schneider-Ammann.» Er rollt die Augen, als könnte er es nicht glauben, küsst Gabi Huber, schüttelt Hände, greift einen Blumenstrauss, und gibt ihn gleich wieder zurück. Dann schreitet er durch die Tischreihen zum Rednerpult. Brillant ist seine in allen vier Landessprachen gehaltene Siegesrede nicht. Eher hölzern trägt er sie vor. Noch ist die enorme Anspannung nicht von ihm gewichen.
12.24 Uhr. Die Vereidigung. Schneider-Ammann zupft sein Jackett zurecht. Vor ihm wird Simonetta Sommaruga vereidigt. Sie wählt die unreligiöse Form. Dann ist es für Johann Schneider-Ammann so weit. Auch er legt seinen Eid ab – dies mal vor Gott. Jetzt ist er Bundesrat.