Von Peter Hossli (Text) und Nicolas Righetti (Fotos)

Über Umwege erreichte er Amerika. Ein Lieferwagen brachte ihn von Interlaken nach Rotterdam. Auf einem Bananenfrachter reiste er im Herbst 2005 nach Panama. Über Landstrassen gelangte er nach New York, gehüllt in eine Decke auf dem Rücksitz eines Jeeps.
Diese abenteuerliche Story erzählt ein Jurassier in New York. Stimmt sie? Vielleicht.
Sie passt zum Unspunnenstein, einem sagenhaften Brocken aus Grimselgranit.

Seit 1984 bewegt er die Schweiz. Damals klauten ihn die Béliers, die Widder, ein erstes Mal. Für sie ist die Jurafrage ungeklärt. 2001 gaben sie ihn zurück. Vor fünf Jahren, im August 2005, raubten sie den Klotz erneut.
Wo er sich heute befindet, wissen nur wenige. Dafür jagen sich Gerüchte, breiten sich Legenden aus. Einmal liegt der Stein in einem Güllenloch, unter dem Eisfeld von Tramelan, dann in den Tiefen des Thunersees, zu Sand zermalmt. Und – diese These hält sich hartnäckig – die Ex-Miss-Texas Shawne Fielding hat ihn in einer Feuerstelle verarbeitet.

Sie führen in die Schalterhalle. Aus Lautsprechern dröhnt Rock ‘n’ Roll. Ein weisslicher Granitbrocken liegt auf einem Marmorsockel. Es ist Stein Nummer drei, angefertigt 1985, nach dem ersten Diebstahl des zweiten Steins. Bewegt ihn einer, schrillen sofort Sirenen. Als Sportgerät taugte er nicht mehr. Mehrmals fiel er zu Boden, hat einige Ecken und drei Kilogramm Gewicht eingebüsst.
Vor drei Jahren stiegen die Interlakner Turner erneut hoch zur Grimsel, holten einen weiteren Granitklotz. Ein Steinmetz haute ihn zu, schmirgelte ihn ab und fertigte Stein Nummer vier. «Der Stein von 2007 ist unser neuer Original-Unspunnenstein», sagt Michel. Er wird im August am diesjährigen Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest gestossen.

Steinstösser Michel hebt den matt schimmernden Mocken auf ein Wägelchen, rollt es raus. Der Fotograf setzt Licht. Zimmermann beobachtet genau, was er tut, was der Reporter notiert – als drehten George Clooney und seine Elf gerade ein krummes Ding.
Wir schreiben das Jahr 1805. Die Berner Oberländer beleben das folkloristische Unspunnenfest neu. Dieses geht auf den Beginn des 13. Jahrhunderts zurück, als sich auf einer Wiese unterhalb der Burg zu Unspunnen die Landberner mit den Städtern aussöhnten.
Älpler ziehen ihre besten Trachten an, essen und trinken, singen und tanzen. Auswärtige – Appenzeller? Innerschweizer? – bringen einen Steinklotz mit. Es ist der erste Unspunnenstein. Er wiegt 92 Kilogramm. Kräftige Festgänger stossen ihn ins Weite. Offenbar so weit, dass sie ihn nicht mehr finden.
Drei Jahre später, 1808, stossen sie erneut auf der Unspunnenwiese. Mit einem Findling, den der Gletscher von der Grimsel ins Tal gerollt und dort vor Tausenden von Jahren liegen gelassen hatte. Oval wie ein Ei sah Stein Nummer zwei aus, wog 167 Pfund, 83,5 Kilo.

Ein bisschen an Gewicht hatte er verloren, eine Delle wies er auf. Weil die Bauern auf ihm die Sensen gedengelt hatten.
Fortan gehört der Unspunnenstein den Turnern von Interlaken. Sie lagern ihn im Geräteschuppen, leihen ihn an Schwing- und Älplerfeste aus. Mit den Jahren steigt sein Ansehen und die Bewunderung für Mannen, die ihn stemmen und stossen können. Er schafft es ins Touristikmuseum von Interlaken, wo ihn Besucher aus aller Welt bestaunen.
Am 3. Juni 1984 – die Kassenfrau des Museums strickt – hieven ihn drei Béliers aus dem hinteren Fenster. Damit wollen sie die Vereinigung des Juras erzwingen. Drei französischsprachige protestantische Südbezirke – Courtelary, Moutier und La Neuveville – waren 1979 bei der Gründung des katholischen Kantons Jura bei Bern geblieben. «Der Stein ist ein Symbol für altbekanntes deutschschweizerisches Brauchtum», bekannten sich die Jurassier. «Er ist nun als Geisel in unserer Hand.»
Bis er im Sommer 2001 wieder auftaucht, am Marché-Concours in Saignelégier, den Pferdetagen in den jurassischen Freibergen. Er hat 2345 Gramm verloren. Zwölf Europasterne sind eingemeisselt, dazu das Datum «6. Dezember 1992». An diesem Tag hatte die Schweiz den Beitritt zum EWR verworfen, zum europäischen Wirtschaftsraum.
Erzürnt nehmen die Interlakner Turner ihren verunstalteten Klotz mit heim. Vier Jahre später entwenden ihn langhaarige Kerle erneut.

Es ging schnell. Mit einer Eisenzange schnitten sie die fingerdicke Kette entzwei, hoben den Brocken vom Sockel. Zwei Räuber eilten mit einer Tasche runter zur Aare. Die anderen schleppten sich und den Stein über die Treppe zur Tiefgarage. Das Ablenkungsmanöver klappte. Die Verfolger – zwei Hotelangestellte – rannten zur Aare.

Zurück blieb ein Päckchen. Darin lag ein Pflasterstein, rot-weiss bemalt mit dem Jura-Wappen. «Ein klares Zeichen, dass es wieder die Jurassier waren», sagt Zimmermann, der den steinernen Würfel mit nach Hause nahm.
Eine Woche vor dem Raub hatten Jurassier in Interlaken demonstriert. Unzufrieden waren sie mit den Beiträgen des Bundes an den Berner und den jurassischen Jura. Es werde «was passieren», stand auf Flugblättern, die sie verteilt hatten. «Wir hätten gewarnt sein sollen», sagt Zimmermann. «Die jungen Béliers wollten auf sich aufmerksam machen», sagt er. «Sie waren wütend, dass die Alten den Stein 2001 zurückgaben.» Die «Berner Zeitung» vermutete «jurassische Heisssporne» hinter der Tat. Der grosse Kiesel befinde sich «wieder in jurassischer Hand», bekannten die Widder aus dem Jura.
Am Tag des Diebstahls regnete es. Es regnete in der Nacht, es regnete in den Tagen danach. Seen und Flüsse traten über. Das Wasser spülte den Stein aus Presse und Sinn.

Seine innige Beziehung zum Stein geht auf eine unwirkliche Begegnung im Jahr 1972 zurück. Er sah ihn an einer Kreuzung. «Da lag er einfach so da.» Steinstösser hatten vergessen, den Felsklotz zurückzubringen. «Damals wuchs er mir ans Herz», sagt der Interlakner Turner. «Jemand musste sich um ihn kümmern.»
Er gibt nicht auf, will ihn wiederhaben. «Der Stein lebt», ist er sicher. Er sei nicht zerkleinert worden, er liege nicht im See. «Der Stein hat nur einen symbolischen Wert. Wer ihn vernichtet, zerstört diesen.» Eine Geisel tötet man nicht.

Er folgt stets demselben Ritual. Wärmt erst die Muskeln mit Liegestützen. Nässt die Finger mit Spucke. Greift sich den Trainingsstein, reisst den Mocken hoch, stemmt ihn auf die Brust, atmet ein, aus – und reckt ihn zum Himmel. Rennt mit gestreckten Armen 10 Meter weit, stösst den Klinker mit einem Urschrei weg. Nach knapp vier Metern landet er im Kies.
Er stosse, um «dieses irrsinnige Gewicht des Naturprodukts zu bändigen», sagt Michel. Steinstösser müssten gross sein, einen robusten Körperbau haben. Und sie müssten leiden können. «Es schmerzt mich überall.»

Ein Pendler aus Luzern ortete den Unspunnenstein unlängst in La Chaux-de-Fonds. Als eine Berner Heilerin davon erfuhr, pendelte sie ebenfalls – und machte ihn in einem Bachbett im Kandertal aus. Es waren die ersten «echten Hinweise». Sofort benachrichtigte Zimmermann die Kantonspolizei. Die wollte nicht aufgrund von Pendlern ermitteln. «Die Polizei blockt bewusst ab», sagt der Turner.
Tatsächlich hält sich diese bedeckt. «Die Kantonspolizei kann Ihnen zur vorliegenden Angelegenheit keine Auskunftsperson zur Verfügung stellen», lässt ein Polizeisprecher ausrichten. Akteneinsicht gewährt sie nicht – obwohl Bern seit 1. Januar 1995 das «Öffentlichkeitsprinzip» in der Kantonsverfassung verankert hat. Jede Person hat das Recht, Akten zu sehen – «soweit dem keine überwiegenden öffentlichen oder privaten Interessen entgegenstehen.» Bei einem Findling trifft das wohl zu.
Die Suche geht weiter zu Shawne Fielding. Die Texanerin hat den Stein im August 2001 in Saignelégier erhalten, weil sie damals eine Attraktion im Land war. Und sie hat die Leute getroffen, die ihn gestohlen hatten.
Beim Lunch in Zürich trägt sie Jeans, eine rote Bluse, bestellt Champagner, einen Tomaten-Mozzarella-Salat. Nein, sie habe den Stein nicht zu einem Cheminée verarbeitet. Und sie fordert: «Ich will ihn wiederhaben.» Sie nimmt einen Schluck Sprudelwein. «Ich verspreche, ihn nie aus den Augen zu lassen.»
Sie erzählt, wie sie damals als Botschafterin der nationalen Expo 02 nach Saignelégier gereist war. Wie sie mit dem Versprechen auf ein Geschenk in einen dunklen Raum gelockt worden sei, dort ein riesiges Bonbon auf einem Tisch vorgefunden hatte. Sie packte es aus – und war enttäuscht. «Ich wollte etwas Kostbares und bekam ein Stück Fels.»
An den Mann, «der den Stein gestohlen hatte», erinnert sie sich. «Wie ein Bär» sah er aus, kräftig, riesige Pranken, ein Bart, sprach französisch. «Es war ein mythischer Kerl.» Warum ist sie sicher, dass er den Unspunnenstein raubte? «Sein Grinsen verriet ihn.»

Wo ist er jetzt? «In der Küche einer alten Frau», glaubt Fielding. «Frauen können im Gegensatz zu Männern Geheimnisse halten.»
Zum Abschied hat die Texanerin noch eine Botschaft an die Béliers: «Gebt mir den Stein, ich sorge mich wie eine Mutter um ihn.»
Wir fragen Jean-François Roth, zwischen 1995 und 2006 jurassischer Regierungsrat. Massgeblich trieb er die Rückgabe des Steins an Fielding voran. Wenn einer weiss, wo er heute ist, dann Roth. Drei Wochen meldet er sich nicht. Schreckt ihn die offizielle Anfrage zum «pierre d’Unspunnen»?
Endlich. Er ruft zurück. «Keine Ahnung» habe er, wo der Stein sei. «Vor Ihrem Anruf habe ich fünf Jahre nichts davon gehört.» Zwar sei für Jurassier die Rückgabe des Südens nach wie vor «zentral». Es sei aber «eine neue Zeit» angebrochen, sagt Roth. «Wir fühlen uns mittlerweile auch als Schweizer.»
Doch wo ist der Stein? «Gehen Sie nach Saignelégier, fragen Sie nach René Girardin, der ist dort Bürgermeister, der weiss etwas.»
Der Weg von Zürich in die Freiberge ist beschwerlich. Viermal ist der Zug zu wechseln, langsam ruckelt er vom Südfuss hinauf in den Jura. Durch Klusen, vorbei an stillgelegten Uhrenfabriken, stillstehenden Windrädern, frisch gemähten Wiesen, an Hängen und Hügeln. Die sind schroffer als jene im Mittelland, aber sanfter als in den Alpen.

Nein, er habe «aucune idée», sagt Gemeindepräsident René Girardin. Er ist gross, grau, schlank, war Bélier, ein Schafbock, wie so viele jugendliche Jurassier. Bis er die Alterslimite von 32 Jahren erreicht hatte, kämpfte er für die «Befreiung des Juras vom Berner Joch». Meist gewaltlos, mit «actions drôles», witzigen Taten, über die alle ausser die Berner lachten.
Etwa der Klau des Unspunnensteins. Wo der heute ist, wüssten höchstens fünf Menschen, sagt Girardin. Bewusst halten die rund 200 Béliers den Kreis der Eingeweihten klein. Im Bild sind nur die Chefs. Sie besprechen alles mündlich, nichts am Telefon. «Sie werden ihn nie finden», sagt er. Selbst wenn jemand was wisse, sage er nichts. «Jurassier denunzieren keine anderen Jurassier», sagt er. «Nie.»

Natürlich, sagt er, er sei Bélier gewesen. Ein «ganzes Leben» habe er für die Befreiung des Juras gekämpft. Also doch – der Pferdekenner steht dem Unspunnenstein näher, als er ursprünglich vorgibt. Erklärt, «le caillou», der Kiesel, sei für die Jurassier ein Symbol für die gesamte Deutschschweiz. «Und mit solchen Symbolen ulken wir gerne herum.»
Albern ja, aber nur originell. «Es ist nicht lustig, dieselbe Aktion zweimal zu machen», verurteilt er den nochmaligen Diebstahl von 2005. «Der zweite Klau hat die Symbolik des ersten verringert.» Wer wars? «Aucune idée.»
Er reicht die Hand zum Abschied, nimmt Visitenkarten. «Melden Sie sich, wenn Ihnen noch was einfällt.» Überlegt, greift sich ins lichte blonde Haar. «Mir fällt nichts mehr ein.» «Tatsächlich?» «Okay, fragen Sie im Café du Soleil nach Benjamin, der kellnert dort.»
Doch Benjamin ist nicht da. Und offenbar weiss der nicht viel, sagt zumindest sein Nachbar. «Wenn einer was über den Unspunnenstein weiss, dann der Wermeille.» Der kontrolliere das jurassische Parlament.
Zurück zum Hof des Rosskenners. Der sitzt auf dem Traktor, zieht den Heuwagen. «Alle sagen, Sie wüssten, wo der Stein ist.» «Wer sagt das?» «Alle.» «Wer?» «Die im Soleil, der Nachbar von Benjamin.» Er zuckt zusammen. «Bin gleich zurück.»
Fünf Minuten verstreichen, zehn, fünfzehn. Nach zwanzig Minuten erscheint er mit einem bekritzelten gelben Zettel in der Hand, diktiert eine Telefonnummer. «Rufen Sie den hier an, der weiss was, oder weiss sicher, wer was weiss.»

Eine heisse Spur. Montag, 16 Uhr. Das Telefon klingelt. «Allô?» Können wir den Stein fotografieren? Wie 1999, als Fotograf Michael von Graffenried mit verbundenen Augen nach Brüssel gefahren wurde und den Stein in einem Keller ablichten durfte. «Oui», sagt er.
Dann ist es lange still. «Je ne sais rien.» Nichts will er plötzlich wissen. Nein, «im Jura ist la pierre d’Unspunnen sicher nicht, er ist weit weg», sagt er und hängt auf.
Also doch. Er ist in New York.