Von Peter Hossli (Text) und Andreas Meier (Fotos)
Barfuss eilt der feingliedrige Junge über den säuberlich geschnittenen Rasen. Er schnappt sich einen Fussball und beginnt zu jonglieren. Es ist halb acht in der Früh. Von der Lagune, welche die Millionenmetropole Abidjan umspült, weht ein warmer Wind. Der Bub ist nicht allein. Zwanzig Lederbälle tanzen auf nackten Füssen von zwanzig Knaben. «Nehmt noch einen Tennisball», ruft ein kräftiger Mann mit grauem Haar. Sein Französisch tönt berndeutsch. Assoumou Aka, der hagere Bub, hebt einen Filzball vom Boden und schlenzt ihn zum Himmel. Er bückt sich, stoppt ihn mit dem Nacken, lässt den Tennisball auf den rechten Fuss fallen und beginnt zu jonglieren. Um seinen Körper lässt er einen Fussball kreisen.
Solch anspruchsvolle Akrobatik sieht bei Assoumou spielerisch leicht aus. Als hätte der 15-Jährige sein Leben lang nichts anderes getan. «Bravo», lobt der Coach.

Mit Freude führt Ammann seit Sommer 2008 die beste Talentschmiede Afrikas. Sie bietet 25 hochbegabten Junioren im Alter von 13 bis 16 Jahren Platz. Deren Ziel: den Profi-Vertrag bei einem europäischen Spitzenverein.
Weder lesen noch schreiben können viele, wenn sie ankommen. Sie büffeln Mathematik, lesen Bücher und schreiben Aufsätze. Eine breite schulische Bildung sei wichtig, sagt Ammann: «Nur wer das Hirn trainiert, hat auf dem Fussballplatz Erfolg.»
25 000 Franken pro Spieler

Ärzte und Köchinnen kümmern sich um die Buben, Gärtner, sieben Lehrer und die besten Coaches des Landes. Insgesamt umfasst der Betreuerstab 31 Personen. Das Gelände ist luxuriös. Zur Abkühlung springen die Kinder in den Swimmingpool. Kicken Fussballer in Côte d’Ivoire oft barfuss auf kaputten Strassen, üben sie hier auf Gras mit bestem Material und tragen selbst wenn sie trainieren Schienbeinschoner. Rund 25 000 Franken gibt der Klub pro Jahr und Knabe aus. Das finanziert Asec Mimosas mit Sponsoren und dem Spielerverkauf.

Fluch und Segen sind solche Erfolge für den ivorischen Fussball. Top-Spieler kommen bei Top-Klubs unter. Gleichzeitig fallen zwielichtige Späher über das Land herein, auf der Suche nach billigen Talenten. Betrieb Asec Mimosas 1997 noch die einzige Fussballschule des Landes, gibt es heute über 300. Von einem auf dreissig ist die Zahl ivorischer Spieleragenten angewachsen. Die wollen schnelles Geld machen und schieben mittelmässige Spieler in zweitklassige Fussballländer ab, nach Vietnam oder auf die arabische Halbinsel. Von «modernem Menschenhandel» spricht Ammann. Seine Spieler haben keine Agenten.

Unlängst schickte er einen talentierten Bub heim. Er hatte sich den Namen Zidane zugelegt. «Zwar konnte er gut Fussball spielen, aber er kann nicht leiden.» Ammann nippt an einer Tasse mit gesüsstem Schwarztee. «Mit den besten gehe ich am härtesten um.»
Drei verschiedene Alter

Der Chefcoach will wissen, was gut lief, was nicht. Die Buben sind selbstkritisch.
«Ich habe zu viele technische Fehler gemacht. »
«Ich habe zu oft im falschen Moment gedribbelt.»
«Ich habe zu viel Kraft eingesetzt und Schüsse verzogen», sagt Assoumou, der drahtige Mittelfeldspieler.

Die Spieler stehen auf, duschen, tauschen die Fussballstiefel mit Sandalen, essen was Kleines.
Um 10 beginnt der Unterricht. Acht Teenager sitzen auf harten Holzbänken. Der Lehrer trägt ein buntes Hemd und Bluejeans. Mit Kreide kritzelt er spanische Worte auf die Schiefertafel. Die Schüler sprechen sie nach. «Das tönt hölzern», sagt Ammann, der den Kopf ins Schulzimmer streckt. «Wenn ihr zu Barcelona wollt, müsst ihr besseres Spanisch sprechen.»

Von Montag bis am Samstag leben die Schüler auf dem Gelände der Akademie. Zu viert teilen sie ein mit Stockbetten ausgestattetes Zimmer. Die Schlafräume sind nach den Stars benannt, die in Europa kicken. Ein Bus sammelt die Kinder in Abidjan und den umliegenden Dörfern ein und fährt sie zum Trainingsgelände Sol Beni am östlichen Rand der Metropole.

Die Familien sind kinderreich, die Schulen teuer. Oft ziehen Mütter die Kinder alleine gross. Sie behalten die Mädchen in der Küche, die Buben schicken sie raus auf die Strasse. Sie sollen Bälle treten. Fussball, wissen die Mütter, ist einer der wenigen Wege aus der Misere.
Das Paradies von Afrika

Um vier Uhr beginnt ein eineinhalbstündiges Training. Oft spielen sie einen Match, stets Freundschaftsspiele, vier Mal zwanzig Minuten, damit genügend Pausen für die Analyse drin liegen. «Qualität statt Quantität », bläut Ammann ihnen ein. «Spielt wenige Pässe, dafür gute.» Zwischen 18 und 19 Uhr erledigen die Buben ihre Hausaufgaben. Sie legen sich nach dem Abendessen schlafen. Am nächsten Morgen um sechs ist bereits wieder Tagwache.

Zu Barcelona will er – wie die anderen auch –, «weil das Team am schönsten spielt», sagt er. «Kurze und schnelle Pässe, kein Pass zu viel.»
Einmal «genug Geld für meine Familie» will er verdienen. Doch das Geld treibe ihn nicht. «Es ist einfach mein Ziel, in Europa zu spielen.» Was, wenn es nicht gelingt? Eine kuriose Frage, findet er. «Klar schaff ich es.»
Zumal ihm mit Ammann ein Coach zur Seite stehe, der ihm helfe. «Er macht aus uns Jungs echte Männer», sagt Aka. Taktisch schule er sie, mental, technisch – und menschlich. «Er ist wie ein Papa für uns.»
Ammann kam 1997 nach Côte d’Ivoire. In Paris hatte er sich in eine Ivorerin verliebt. Sie brachte ihn nach Afrika. Er leitete ein Projekt der Fifa, organisierte die ivorische Trainerausbildung und eine Juniorenmeisterschaft. Als im November 2004 der Bürgerkrieg ausbrach und sich die Lebensqualität verschlechterte, akzeptierte er eine Offerte des FC Thun als Geschäftsführer und Sportchef.
Afrika liess ihn nicht los, die Schweiz war ihm zu klein. Er lebt gern an einem Ort, wo es warm ist. Die 13 Malaria-Schübe, die ihn bisher befallen haben, nimmt er in Kauf. «Jeden Tag aufzustehen und nicht zu überlegen, was man anziehen muss, ist ein befreiendes und herrliches Gefühl», sagt er.

Nach dem Mittagsschlaf steht Englisch auf dem Stundenplan. Erst wenige Brocken spricht Assoumou. «Mein Spanisch ist besser », sagt er. Er will ja zu Barcelona, nicht nach England. «Nur wenn Barcelona mich nicht nimmt, gehe ich zu Chelsea.»