Text: Peter Hossli Fotos: Stefan Falke

Eine Woche vor dem Wechsel im Weissen Haus ist im texanischen Crawford die Euphorie verebbt, die Bushs Zuzug einst entfachte. Unter riesigem Himmel trat er hier seine nationale Laufbahn an. 1999 kaufte er eine Ranch. Das verlieh ihm das Image des Cowboys, der rascher schiesst als denkt.
Es verhalf ihm zum Wahlsieg und trug Goldgräberstimmung in den 705-Menschen-Ort zwischen Austin und Dallas. Die abgetakelte Innenstadt erhielt einen Facelift. Sechs Souvenirläden öffneten. Nach dem Terror im Herbst 2001 blühte die Stadt weiter auf. Fortan betrieb Bush auf der Ranch Aussenpolitik, er lud Staatschefs wie Wladimir Putin und Tony Blair nach Crawford, gab hier Befehle für militärische Operationen, hatte Angela Merkel und Silvio Berlusconi zu Gast. «Amerika rückte näher, huldigte dem Präsidenten und pilgerte nach Crawford», sagt Burgess. «Ob T-Shirt, Teetassenwärmer oder Mausmatte, alles in rot-weiss-blau verkaufte.»

Tausende zogen im August 2005 nach Crawford. Sie prangten den Irakkrieg an und standen Cindy Sheehan bei, die von Bush Klärung zum Tod ihres Sohnes forderte. Der Aufmarsch bei 40 Grad Sommerhitze änderte Crawford für immer. «Kinder sahen wie Leute nackt in Autos schliefen und im Strassengraben Geschäfte erledigten», sagt Burgess. «Mein 10-jähriger Sohn war traumatisiert.»
Nun ist Ruhe eingekehrt. Eine einzige Ampel reicht für den spärlichen Verkehr. Entlang der Main Street zwängen sich zwei Tankstellen, ein Restaurant, die Lodge der Freimaurer, ein Coiffeur und ein Fitnessstudio. Fast ein Dutzend Läden stehen leer. Eine bunte Tafel preist Bush Wings an, in Speck gewickelte frittierte Pouletflügel. Andere Gesten an Bush stammen aus heitererer Zeit. Über einer verrosteten Karre prangt ein erbleichtes Bild von George und Laura Bush, dazu der Wahlkampfslogan «W ‘04». Vergilbte Fotos, auf denen Bush einheimische Schultern klopft, hängen an der Wand des Coffee Houses, neben einer Bush-Pappfigur.
Kürzlich noch flatterte auf dem 25 Meter hohen Getreidespeicher in der Stadtmitte ein gigantisches Plakat. «This is Bush Country» war von weitem zu lesen. Ein Herbststurm fegte es weg. Keiner nahm sich die Mühe, es wieder aufzuhängen. Fuhr einst jedes Auto mit Bush-Kleber herum, sind solche Bekenntnisse rar geworden.

An der Tankstelle kriegen Hungrige über Mittag klebrige Snacks und Brause. Charlotte Latting nimmt Bestellungen für Hamburger und Fritten auf, die ein Koch innert Minuten richtet. «Ich bin froh, verlässt Bush das Weisse Haus», sagt die 48-Jährige. «Er brachte Amerika und Crawford nichts.» Sie streckt einem Kunden einen Papierbecher hin. Er füllt ihn an der Limonadenzapfstelle. Bush habe die Stadt missbraucht. «Er ist ein Ölmann, kein Cowboy.»

Leidenschaftliche Anhänger hat der Präsident in Crawford nach wie vor. «Er ist ein guter Mann», sagt Lehrerin Marylin Judy, 52. In ihrem Klassenzimmer hängen gerahmte Fotos, die sie mit dem Ehepaar Bush zeigen. «Kein anderer Präsident meisterte grössere Probleme», sagt die Brünette mit dem netten Lächeln. «Er hat uns vor neuen Terrorangriffen bewahrt.»

Zuletzt zeigt sie das präsidiale Museum, das Primarschüler in einem Klassenzimmer angelegt haben. Es besteht aus Zeitungsartikel, Fotos und Bastelarbeiten. Bis Ende Monat muss sie für das Zeug einen neuen Raum finden, sonst landet es im Müll. «Die Schule braucht das Zimmer.»
Deutsche besiedelten die Gegend im 19. Jahrhundert. Sie fanden Weideland für Schafe und Äcker für Baumwolle. Noch heute sind viele Grabinschriften Deutsch. Land wird über Generationen vererbt. Highschool Sweathearts heiraten, gründen kinderreiche Familien, enden im selben Grab.

Just stoppen ein Minivan und zwei Geländewagen. «Wo geht es zum Präsident?», röhrt der vorderste Fahrer. «Geradeaus, drei Meilen», sagt Lynch und winkt gefällig. «Zu sehen gibt es nichts.»
Ihr Idyll platzte als Bush einzog, sagen die Lynchs, Nachbarn des Präsidenten. Fuhren früher täglich drei Autos vorbei, seien es zeitweise Hunderte gewesen. Ständig hämmerten Helikopter über ihr Dach. Keith zog Autos von Fahrern aus den Gräben, die enge Strassen nicht gewohnt sind. «Hoffentlich hört das nun auf, Verkehr macht mürbe.»
Gute Anrainer seien Bush und seine Entourage nicht. Der Präsident stellte sich nicht vor, sagt Billy Lu. Einmal nur hätte er die lokale Kirche besucht. «Hier grüsst man sich, Secret-Service-Agenten grüssen nie», sagt sie. «Bin ich nicht hübsch genug?»

Drei Laster donnern an der Lynch-Farm vorbei und passieren ein oranges Verkehrschild, das jegliches Stoppen untersagt. Nach drei Meilen halten sie vor einer Wohnwagensiedlung, die Agenten des Secret Services beherbergt. Arbeiter verladen Antennen und Kabel. Es pressiert. Bis am 20. Januar wird das Western White House abgebaut, der direkte Draht zur Atombombe gekappt, die Schutzanlage demoliert.

Wie viele Farmer in Crawford ist er froh, wenn Bush abtritt und sich in Dallas statt Crawford niederlässt. «Alles wird einfacher», sagt Neuman. Zu oft musste er den Tagesablauf nach dem Secret Service richten. Er wählt konservativ, will einen kleinen Staat und in Ruhe gelassen werden. Ausgerechnet er hatte den mächtigsten Staat vor der Haustüre. Was bleibt? «Regieren ist eine verrückte Sache.»