Von Peter Hossli (Text) und Stefan Falke (Fotos)

Lynch friert, weil sie an Barack Obama glaubt, an den charismatischen Senator aus Illinois. Geht es nach ihr, wird er im November zum US-Präsidenten gewählt. «Er hat gute aussenpolitische Ideen», sagt sie. «Und er bringt frisches Blut ins Weisse Haus.» Sie reibt die Hände, zieht die Mütze tief ins Gesicht. «Warum nur sind die Vorwahlen nicht im Juni?»
An der Ecke 145. Strasse / Broadway in Harlem verteilt Martima Garcia Flugblätter. «Vota por Hillary», ruft die 49-jährige Schauspielerin den Passanten zu, wählt Hillary, erst spanisch, dann englisch. Das lange schwarze Haar hat sie in eine violette Kunstwollmütze gehüllt, die zum lila Lidschatten passt. «Wenn ich für Hillary Clinton auf der Strasse stehe, friere ich nie», sagt Garcia. «Ich tue alles, damit sie Präsidentin wird.» Ein Bus hält, sie springt aufs Trittbrett, lehnt sich rein und gibt dem Fahrer ein Hillary-Schild. «Sie kümmert sich um Dinge, die den Leuten wirklich wichtig sind», sagt Garcia, «um Schulen, Kinder, Spitäler.»

In den Strassen New Yorks tobt der Wahlkampf, gefochten von einem Heer Freiwilliger wie Martima Garcia und Elizabeth Lynch. Erstmals seit Jahren ist der Wahlausgang in New York wieder wichtig. Der bevölkerungsreiche Staat wählt seine Parteidelegierten so früh wie nie zuvor, gemeinsam mit 21 anderen am nächsten Dienstag, dem Super Tuesday. Um die Wahlleute der Demokraten, die im August den Kandidaten küren, ist ein heftiges Gerangel entbrannt. Zumal der Wettstreit zwischen Obama und Clinton äusserst knapp wird.
Die liberale Metropole ist gespalten. Als Senatorin des Staates New York besitzt Clinton Heimvorteil. Obama hingegen hat eine Schar energetischer Helfer hinter sich. Sie halten für ihn Salsapartys ab. Für sie gibt es Frühstückstreffen. Die Fenster der feudalen Häuser in Brooklyn Heights zieren weiss-rot-blaue «Hillary for President»-Plakate. Wer nach Williamsburg fährt, ins Quartier der Lebenskünstler, Dichterinnen und Maler, sieht fast nur hellblaue Obama-Schilder. Arbeiterquartiere wie Carroll Gardens oder West Harlem stehen hinter Clinton, schicke Gegenden wie Fort Greene in Brooklyn unterstützen Obama, ebenso die Barbiere im schwarzen Viertel Bedford-Stuyvesant.

Das Bier lockert die Stimmung auf. Während die Kandidaten sich am Fernsehen streiten, wird in der Bar geflirtet. «Bei den Obama-Anhängern hat es die schönsten Typen», sagt eine junge Frau. «Schreiben Sie, die Obama-Leute sind sexy, die Clinton-Leute prüde.»

Die Türen öffnen sich. Doch voran geht es nur langsam. Vor dem Durchlass überprüfen starke Kerle mit Kopfhörern im Ohr jeden Einzelnen – der einstigen First Lady steht der Schutz des Secret Service zu. Niemand beklagt sich. Alle haben 100 Dollar bezahlt, um Clinton live zu erleben.
Hillary Clinton weiss, wie wichtig ihr Abschneiden in New York ist. Gewinnt sie glorios, wird das als Signal für November gedeutet. Fällt der Sieg knapper als erwartet aus, gilt sie als schlagbar. Deshalb hat sie heute den Wahlkampf in umstritteneren Staaten unterbrochen und ist für das Fundraising nach Manhattan gereist.

Sie weiss: Wer immer im Januar diese USA übernimmt, trifft auf ein verändertes Land. Vor acht Jahren brummten die Börsen, gab es mehr Stellen als Jobsucher, war Amerikas Hegemonie unangefochten, ebenso der Respekt, den man den USA zollte. Die damaligen Kandidaten fürs höchste Amt im Staat – Al Gore und George W. Bush – hatten Mühe, sich um Themen zu streiten. Etwas Banales wie Gores Seufzer während den Debatten entschied die Wahl.
9 / 11 und acht Jahre Bush haben einiges umgekrempelt. Ein teurer Krieg ohne Ende und Steuergeschenke trieben den Staatshaushalt ins Minus. Zuerst platzte die Internet-Blase, dann knickten kriminelle Firmenchefs und nun die Kreditkrise den Dow-Jones-Index. Der hohe Benzinpreis zerrt am Budget manch einer Familie. Der Irak-Feldzug und die Arroganz der Bush-Regierung trübten das Ansehen der USA – ein schmerzhafter Fakt, den viele Amerikaner ungern eingestehen.

Am Tisch nebenan sitzt Theresa Thanjan, eine 35-jährige, ganz in Schwarz gekleidete Filmemacherin. Sie hat drei Schachteln Pizza, eine Packung Cola Zero und eine Flasche Rotwein mitgebracht. «‹Spass und Politik›, lautet unser Motto», sagt sie. Mit einem dicken Filzstift schreibt sie «Südostasiaten für Obama» auf ein weisses Schild, das sie an einem Marsch für Obama mittragen will. Ihre Eltern kamen aus Indien in die USA, sie ist Amerikanerin erster Generation. Deshalb mag sie Obama. «Er ist ein internationaler Mensch, sein Vater ist Kenianer, er hat in Indonesien gelebt, er kennt die Welt, das brauchen wir jetzt.» Zehn Stunden pro Woche dient sie Obama ehrenamtlich – «weil mich nie zuvor ein Kandidat derart inspiriert hat, das ist eine einmalige Chance.» Sie schnappt sich ein Stück Pizza und beisst zu. «Eines Tages will ich meinen Kindern erzählen, ich habe Barack zum Wahlsieg verholfen.»

Beim Columbus Circle trifft die Obama-Kolonne auf eine Gruppe von Clinton-Anhängern. Buhrufe duellieren sich. Die Clinton-Fans sind in der Minderheit. Warum? «Weil wir uns in der ganzen Stadt verteilen», sagt Cynthia Drew, eine 43-jährige Businessplanerin an der Wall Street. Sie hat sich vor einem Hillary-Banner aufgestellt und verteilt Flugblätter. «Dort drüben hat es fast nur junge Leute, bei uns sind alle vertreten.» Clinton sei die «klar bessere Kandidatin», sagt sie. «Sie hat mehr Erfahrung.» Den häufigen Vorwurf, Clinton schrecke vor nichts zurück, erachtet Drew als positive Eigenschaft. «Sie tut alles, um zu erreichen, was sie erreichen will», lobt sie den Ehrgeiz Clintons. «Hillary hat, was Politiker brauchen: eine starke Meinung.»

Solche Aussagen belegen die Risse in der demokratischen Partei. Hillary-Wähler mögen Obama nicht, Obama-Fans würden ihre Stimme nie Clinton geben. So wird der Super Tuesday zur Richtungswahl. Dabei geht es nicht um die erste Frau oder den ersten Schwarzen. Die junge Garde um Obama möchte die Baby-Boomer ablösen. Er setzt auf eine linkere Politik mit höherer Staatsquote, mehr Offenheit für Immigranten und versöhnlicher Diplomatie. Sie steht in der politischen Mitte, im Zentrum der Machbarkeit. Während Obama die USA mit vagen Visionen führen will, sieht Clinton das Weisse Haus als Exekutive, die mit dem Parlament ringt. Er ist der Visionär, der glaubt, er könne die Kluft im Land mit Enthusiasmus schmälern und Amerika zu grandiosen Taten treiben. Sie ist die Managerin, vertraut mit zermürbender Regierungsarbeit. Sieht sich Obama als Advokat der Erneuerung, glaubt sie an die Macht des Möglichen. Demnach ändern präsidiale Signaturen unter Gesetze die Welt, nicht anmutige Worte.
Ebenso unterschiedlich sind die Wahlkämpfe organisiert. Clinton leitet eine Kampagne von oben nach unten. Obama lässt von unten nach oben für sich streiten. Eine halbe Million Freiwilliger hat sich auf seiner Website eingeschrieben. Selbständig halten sie Partys und Veranstaltungen ab. Sie publizieren Blogs, basteln Poster, gründen Gruppen wie «Brooklyn für Obama» oder «Mütter für Obama».
Clintons Kampagne ist straff geführt. «Wir kriegen täglich Anweisungen aus Washington», sagt Eugenia Naletova, die für Clinton auf Stimmenfang geht. «Wir machen keine Partys, wir rekrutieren Wähler.»
Hinter Clinton stehen Wählerinnen und Wähler, die konkrete Anliegen haben. Obama hingegen beflügelt Menschen über Themen hinweg. «Obama ist der John F. Kennedy des 21. Jahrhunderts», sagt Bill Siegmann, ein 65-jähriger Pensionär, der einst das Museum for African Art leitete. «Er ist neu und hat im Gegensatz zu Clinton keine Feinde.»

Das gelingt derzeit Obama. Am Tag nach seinem Wahlsieg in South Carolina versammeln sich rund 500 seiner Anhänger auf den Treppen der New Yorker City Hall. Sie schwenken Schilder, brüllen Schlachtrufe. «Fired Up, ready to go», peitscht Lamont Carolina ein. «O-O-Obama» antwortet der Chor – und natürlich «yes, we can».
«Wer hat in South Carolina gewonnen?», ruft Lamont in die Menge. «Obama!» «Wer verändert die Welt?» «Obama!» «Wer verändert Amerika?» «Obama!» «Wer kommt aus Brooklyn?» «Wiiiiiiiiir!» «Wer gewinnt in Brooklyn?» «Obama!»
I wish I could translate, the pictures look great! Go Obama!