Von Peter Hossli (Text) und Robert Huber (Fotos)

Die 74-jährige zierliche Dame mit den weissen Locken und den goldenen Ohrringen muss es wissen. Dreissig Jahre lang hat sie für General Motors gearbeitet, für den grössten Autohersteller der USA. Für Buicks wie Chevys fertigte Erin Priest in Anderson Bestandteile. Alle GM-Marken hat sie ausprobiert. Einmal jährlich kaufte sie sich jeweils ein neues Auto. Weil sie den «unverbrauchten Duft» von Interieurs so sehr möge, sagt sie. Den Nasenschmaus konnte sich die Arbeiterin leisten. «GM zahlte gut und gewährte uns happige Nachlässe.»
In den letzten Jahren hat Priest Mass gehalten. Noch immer fährt sie einen Buick Baujahr 1997. Statt zu kaufen, äugte sie in die Ausstellungsräume. Jetzt will sie wieder zulange. Natürlich bei GM. Wegen den Rabatten sei sie loyal, sagt Priest, «und weil General Motors mir den Lebensabend sichert.»
Nicht nur ihr, einer ganzen Stadt im Mittleren Westen Amerikas. Über 10000 GM-Rentner leben in Anderson. Ihre Pensionen sind die wichtigste Einnahmequelle einer schrumpfenden Stadt.

So leistete der Autoriese jahrzehntelang drei Viertel der ökonomischen Basis Andersons. Heute – der Konzern zog 1999 vollständig aus – leistet GM noch immer das Gros der Einkünfte. Durch die vielen fidelen Pensionäre, die nach nur 30 Jahren am Fliessband von General Motors neben der generösen Rente noch die Krankenkasse bezahlt kriegen.
Wie ein überalterter Sozialstaat ist GM deswegen ins Schlingern und an den Rand des Bankrottes geraten. So sank der Anteil am US-Automarkt von einst 50 auf 25 Prozent. Bloss noch 141’000 Arbeiter müssen heute einen Profit erwirtschaften, um den Ruhestand von 463’000 Pensionären zu bezahlen. Das kostet den GM-Pensions-Fund jährlich 6 Milliarden Dollar.
Geld, von dem Anderson lebt. Gut lebt. Zwar hat sich die Bevölkerungszahl reduziert, von fast achtzig auf unter sechzig Tausend. Geblieben sind gesunde und begüterte Alte, die sich mit ihren GM-Renten ein Dasein in den guten alten Zeiten gönnen. Es sind die zufriedenen Hauptfiguren einer Chronik des angekündigten Endes. «Uns gehört diese Stadt, wir haben hier das Sagen», sagt Erin Priest stolz. Dann erklärt sie, mit Wehmut, was nach ihnen folgen werde. «Sind wir Rentner mal weg, wird Anderson wohl zur Geisterstadt.»
Aber erst dann. Noch lebt Anderson, das heisst dort, wo die Alten hingehen und ihre Pensionen ausgeben. Sie kaufen Autos, shoppen in der Mounds Mall, dem baufälligen Einkaufszentrum an der Scatterfields Road, das einst extra für die Fabrikarbeiter erstellt wurde. Ihre Steuern halten die städtische Wasser- und Stromversorgung im Gang. Samstags wetten sie auf der Pferderennbahn. Unter der Woche wetten sie beim Karten- und Bingospiel.

Jeden Montagnachmittag kegelt Elisabeth Cobble mit 80 anderen Alten in der Cooper’s Bowling Alley, eine klassische Kegelbahn, erbaut mitten im GM-Boom. Mindestens sechzig der grauen oder kahlen Kegler waren einst bei General Motors, schätzt Cobble. Mit Wachs überzogene Böden glänzen, die Tische sind orange grell, die Sessel rot gepolstert. Auf die Bahn darf nur, wer Schuhe mit Gummisohlen trägt. Mit viel Verve treibt Cobble eine schwere Kunststoffkugel nach vorne, von Arthritis keine Spur. Zwei Kegel bleiben stehen. «GM hat gut für uns gesorgt und sorgt noch immer für uns», sagt Cobble, die 38 Jahre lang als Inspektorin schaffte. Sie kegle, «wegen den wunderbaren Leuten», die sie in der Fabrik kennen gelernt hat. Als GM ging, weinte sie.
Wenig Zeit für Tränen hat Bill Pitts. Er steht hinter der Theke des Lemon Drops, einem zitronengelb angestrichen Dinner aus den fünfziger Jahren. Auf jeder Hand balanciert der gross gewachsene breitschultrige Kerl zwei Teller, gefüllt mit fettigen Fritten und saftigen Hamburgern, die er in einem der gepolsterten Separees serviert. Die Zeit scheint hier stehen geblieben, das nostalgische Ambiente erinnert an Gemälde von Edward Hopper. Draussen blinkt eine Neon-Leuchtreklame, drinnen glänzt im gelb schummerigen Licht der Chromstahl der Barhocker. In der Friteuse siedet Öl. Die kühle Ingwer-Limonade gibts mit viel Eis in kantigen Gläsern.
Pitts übernahm den Lemon Drop 1972, kurz darauf kam die Ölkrise. Japanische Kleinwagen drängten auf den US-Markt und verdrängten die durstigen amerikanischen Benzinschlucker. GM schloss erste Fabriken. Schlecht für sein Geschäft sei das nicht gewesen. «Früher kamen die Arbeiter zu mir, jetzt kommen sie halt als Pensionäre», sagt Pitts, der um die Hüften eine kurze weisse Schürze trägt.

Aus Gewohnheit kämen sie hierher. Und, weil sie von früher schwärmen wollen, sagt Ferguson, die 1941 bei GM eintrat. Der Konzern aus Detroit, einst der weltgrösste, beschäftigte damals ihre gesamte Familie. Drei Brüder und drei Schwestern schufteten bei GM, ebenso die Mutter und der Vater. Sie selbst hat keine Kinder – und ist froh darüber. «Sie müssten sonst von hier weg.»
Weil es in Anderson kaum mehr Jobs gibt, die mehr als zehn Dollar die Stunde zahlen. Zum Vergleich: Ein GM-Arbeiter verdient gegenwärtig etwa 35 Dollar. Gab es hier einst Zehntausende solcher Top-Jobs, heuern die Jungen nun bei McDonald’s oder Wal-Mart an. Die zahlen oft gerade mal das gesetzliche Minimum von 5,15 Dollar.
Weit weniger als Flo Ferguson kriegt. GM schickt ihr monatlich einen Scheck über 1500 Dollar, hinzukommen rund 600 Dollar von der staatlichen Sozialversicherung. Die GM-Kasse übernimmt sämtliche Arzt- und Spitalkosten. Ihr Haus ist längst abbezahlt. So lässt sich in Anderson, wo im Lemon Drop der Hamburger 1,51 Dollar kostet, ganz gut leben – noch bis der letzte Rentner weg ist.
Ein Tag, den Wirt Bill Pitts bewusst verdrängt. «Mein Haar ist grau. Sind die Alten mal weg, bin ich auch nicht mehr hier.» Und Anderson? «Verschwindet von der Landkarte.»



Dennoch weiss sie, was der Stadt, die sie einst krönte, blüht. «Anderson kommt nie mehr zurück.» Am Nebentisch hebt Eugene Yates, 84, eine dunkle Sonnenbrille von den Augen und pflichtet bei. Fünfzig Jahre lang hat der kahlköpfige Bankier in Anderson Geld verwaltet und ausgeliehen. Er hat die guten Zeiten – «es war Boom, Boom, Boom» – und die schlechten gesehen. Vergeblich warte die Stadt heute auf die Wende. Zu drastisch nähmen etwa die Hausenteignungen zu. Wer bei McDonald’s jobbt, kann die Hypothek nicht mehr bezahlen. Viele würden deswegen abwandern. «Es bräuchte etliche neue Fabriken, um das von GM hinterlassene Loch zu stopfen.» Yates hält inne. «Die werden nicht kommen. Anderson ist bald nur noch eine Schlafstadt.»
Ein Schicksal, das in den nächsten Jahren mancher US-Ortschaft mit noch bestehenden GM-Fabriken droht. Anfang Jahr hat General Motors angekündigt, weitere 30’000 Arbeiter zu entlassen.

Notfalls mit dem Schlaghammer. Smith streckt sein fleischiges Gesicht in die blitzenden Kameras. Er steht vor einer alten Fabrik mitten in der Stadt. Das viel zu hohe Podium reicht ihm bis zur Brust. Vor einer handvoll Lokalreporter hebt er den linken Daumen. Ein Zeichen für den Bagger-Führer, die verblichene rosarote Steinwand der einstigen Sägerei niederzureissen. Ein Anfang sei das, kein Ende, spricht Smith floskelhaft ins Mikrofon. «Wir schaffen Platz für neue Fabriken.»
Die sucht er weltweit. Nach China will er reisen, in Israel und Japan war er bereits, hat Steuergeschenke versprochen, die Vorzüge seiner Stadt angepriesen, die zentrale Lage, die vielen ehemaligen GM-Ingenieure. Die neu gepflasterten Strassen, das Glasfaserkabel, das Anderson ans schnelle Internet anschliesse. Oder die Blumenkisten, die er an Brücken anbringen lässt.
Fehlen nur noch neue Arbeitsplätze. Der gläserne Industriepark am Stadtrand, den ein Ex-GM-Manager seit einem Jahr leitet, hat noch keine innovative Firma hervorgebracht. Trotzdem gibt sich Smith zuversichtlich. «Schauen Sie sich diesen Verkehr an.» Er deutet auf eine befahrene, von Imbiss-Lokalen gesäumte Durchgangsstrasse. «Verkehr – das ist unserer Potenzial.» Erst mit der Frage, bis wann das Comeback denn gelinge, gerät er ins Hadern. «Sicher kann das niemand sagen, es kommt nicht über Nacht.»

Wenn nur der engmaschige Stacheldraht nicht wäre, der das Land der Zukunft einzäunt, die gesamten 80 Hektaren verseuchte Industrie-Brache. Darauf wuchert ein bisschen Unkraut, der Rest ist zubetoniert. Darunter lagern Tonnen von Chemie- und Ölresten, die GM versickern liess. Landbesitzer General Motors sei gesetzlich verpflichtet, es zu entseuchen, sagt der Bürgermeister. Eine teure Pflicht, die GM angesichts des horrenden Verlustes von 10,6 Milliarden Dollar im letzten Jahr möglichst lange hinauszögern möchte. Bis heute anerkennt GM die Verantwortung für das vermeintliche Umweltproblem nicht. Für Anderson wird arg, falls GM, wie von einigen Analysten prophezeit, Bankrott erklären würde. «Dann würde sich die Entseuchung und damit unsere Wende um Jahre, wenn nicht um Jahrzehnte hinaus zögern», gibt Smith unumwunden zu.
Nicht nur das. Versiegen würden die Grundstück-Steuern, die GM nach wie vor zahlt. Gekürzt oder gar wegfallen könnten die Renten der Alten.

Die ältestes ist die angriffigste. «Gier und Washington haben uns zerstört», sagt Iva Hazelbaker. Sie ist 97 Jahre alt. Stolz trägt sie die blaue Windjacke mit dem Logo der Union. Ihre Augen sind wach, der Verstand scharf. Mit dem Stock geht sie rasch und aufrecht. «Ich bin gesund, weil GM mir gute Jobs gab», sagt sie und korrigiert sich. «Wir mussten für alles kämpfen.»
Auch für die wichtigste Zeile ihres Vertrags, die besagt, sie hätte Anrecht auf eine monatliche Rente «bis ans Lebensende» in der Höhe vom letzten Lohn. «So lange ich diese kriege, geht es mir gut», sagt Hazelbaker, «aber nur so lang.» Die Aussage dämpft die Stimmung bei den Pensionären. Alle haben Angst, der Autoriese würde vor dem Konkursgericht versuchen, die Renten zu minimieren oder abzutreten. «Ein Bankrott macht für GM wenig Sinn», entwarnt Firmensprecher John McDonald per E-Mail.
Hazelbaker glaubt ihm nicht. Die Seniorin beschuldigt Politiker, die Handelsschranken niedergerissen hatten, und die GM-Manager, die darauf die Jobs in Billiglohnländer exportierten. Die Pläne des Bürgermeisters – «ein Wicht, der wichtig tut und viel Wind produziert» – tut Hazelbaker ab. «Die High-Tech-Jobs gehen doch nach Indien, die kommen nicht nach Anderson.» Niemand solle sich wundern, verkaufe GM heute weniger Autos. «Der Konzern nahm den eigenen Kunden die Arbeit weg», sagt sie.
