Viele Sieger und ein Verlierer

Simpson, Lewinsky, Jackson: Warum prominente Opfer für die US-TV-Stationen Millionen von Dollar wert sind. Die Strafklage gegen Popstar Michael Jackson ist ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk für die amerikanischen News-Sender. Nichts beschert ihnen höhere Quoten und Werbetarife als Endlosgeschichten über Sex, Stars und Verbrechen.

Von Peter Hossli

jacko.gifMit Insiderpoesie beschreibt ein Branchenblatt die Michael-Jackson-Saga treffend. «TV’s Wacko About Jacko», titelte «Daily Variety» noch vor der Verhaftung des King of Pop. «Das Fernsehen ist verrückt nach Jackson.» Aus gutem Grund. Die unaufhörliche televisionäre Wiederholung des Vorwurfs, Jackson habe einen Buben sexuell ausgebeutet, peitscht die Quoten von News-Sendern wie CNN oder Fox hoch. Der Fall kommt gerade richtig. In dieser Woche wurde wieder gemessen, wie viele Augenpaare im November welchem Sender folgten. Je besser das Resultat ist, desto höher sind die Werbetarife im nächsten Monat.

Deshalb erscheint nun Jackson – seit Jahren ein Quotengarant – auf allen Kanälen, in allen Lebenslagen: vom Gerücht, er würde angeklagt, über die Verhaftung bis hin zur Entlassung gegen Kaution. Zu diesen News kommen unendlich viele Stunden mit Analysen und juristischen Experten hinzu. Bomben in Istanbul oder das Gipfeltreffen Blair/Bush in London gerieten zur Nebensache. Stattdessen brachten die Aufnahmen eines Geländewagens, in dem Jackson sass, ein Déjà-vu-Erlebnis. 1994 fing ein Helikopter jenen Ford Bronco ein, in dem der Ex-Footballstar O. J. Simpson flüchtete.

Simpson war angeklagt, seine Gattin und deren Liebhaber erstochen zu haben. Monatelang folgte die ganze Nation den Übertragungen aus dem Gericht. Den Freispruch im Oktober 1995 sahen 80 Millionen. Derart hohe Quoten erreicht hier zu Lande nur die Superbowl, das Finale der Footballsaison.

Ein Medienmarathon puscht die Quoten nach oben

Die Simpson-Story war der zwischenzeitliche Höhepunkt eines prosperierenden TV-Genres – der Ein-Themen-Shows. Das Publikum fasziniert offenbar nichts stärker als aufregende Storys, die sich wochenlang breitwalzen und mit einem griffigen Slogan umschreiben lassen. Zu Quotenhits gerieten etwa Dianas Tod in Paris, das Drama um den Kubaner Elián und der Seitensprung von Clinton mit Monica Lewinsky. Als «Mediathon» – Medienmarathon – beschreibt der US-Autor Frank Rich das Genre. Der News-Sender CNN hat ihn erfunden, als er 1991 den Wüstenkrieg am Persischen Golf als pausenlos aufbereitetes Drama darstellte und damit den Durchbruch schaffte. Mittlerweile gibt es drei US-Sender, die pausenlos nur Nachrichten bringen.

Sie alle dürsten jetzt nach dem nächsten Mediathon. Denn das Publikum wolle Geschichten, in denen «Seifenopern, der Medienzirkus und Boulevardjournalismus zu einer Hybris verschmelzen», so Rich. Profaner ausgedrückt: Es will Sex, Stars, Geld und Verbrechen. Die Sender vermischen all das zu einem Brei, der wie ein endloser Wasserfall aufs Publikum niederprasselt. Fehlen Ingredienzien, reicht es oft nicht zu Mediathon-Würden. Trotz der enormen Tragweite beachteten die TV-Stationen die Milliardenpleite von Enron kaum – es mangelte an Sex und Stars.

Doch lässt sich mit Mediathons Geld verdienen? CNN und Fox mochten dazu nicht Stellung beziehen. Statistiken der letzten zehn Jahre belegen aber den Erfolg der jeweiligen Konzentration auf eine einzige Geschichte. Bis zu 25 Prozent mehr Zuschauer sassen vor den Geräten, nachdem John F. Kennedy jun. 1999 mit seiner Cessna eine Bruchlandung vollführte und dabei starb. Noch in der dritten Woche nach dem Unfall von Lady Diana registrierten die TV-Stationen 20 Prozent mehr Zuschauer als üblich.

Eine Ausnahme. Laut der Analystin Stacy Koerner von der Medienforschungsfirma Initiative Media «sacken die Quoten nach höchstens zwei Wochen ab». Deshalb gelüstet es alle Sender konstant nach immer neuen Dauerbrennern, mit Vorteil Boulevardstorys. Denn Bilder aus Bagdad sind einiges teurer als solche aus Santa Barbara.

Michael Jackson, da sind sich die TV-Macher einig, ist jeden Aufwand wert. 27 Millionen schauten letzten Februar zu, als ABC einen Dokumentarfilm über Jacko ausstrahlte. Die Geschichte werde Quoten und Tarife um etliche Prozente antreiben, sagt Analystin Koerner.

Der Jackson-Fall besitzt alles für einen TV-Renner

Angesichts der konstanten Terrorangst falle der Erfolg eines Mediathons heute nicht mehr so durchschlagend aus wie vor fünf Jahren. Allerdings dürfte der Quotenschub der Jackson-Story signifikant sein und sehr lange andauern, so Koerner. Jene Werbekunden, die bereits Spots gebucht haben und in diesem Umfeld mehr Beachtung finden, profitieren am meisten. Das Nachsehen hätten diejenigen, die nun zu höheren Tarifen buchen müssten.

Was lockt, ist eine Geschichte, die so amerikanisch ist wie ein «Cheesecake». Es geht um Aufstieg und Fall, komplexe ethnische Identität, die Verherrlichung von Stars – und sehr viel Geld. Von Kindesbeinen an steht Jackson auf der Bühne und verkauft CD mit Rekordumsätzen. Das einst schwarze Popidol sieht nach etlichen Operationen ethnisch weiss aus – und ist von der Polizei auf dem Verhaftungsschein doch als «B» für black, schwarz, eingestuft worden. Seit Jahren kursieren Pädophilie-Gerüchte. Eines seiner Kinder liess er einst vor laufenden Kameras aus einem Berliner Hotelzimmer baumeln. Ein Element fehle allerdings der Geschichte, sagt Koerner: die Überraschung. «Pädophilie und Michael Jackson? Das schockiert niemanden.»

Jackos Finanznöte
Online (www.mjnews.us) verkündet Michael Jackson, 45, seinen Fans, dass er unschuldig sei. Diese drückten in Kundgebungen weltweit ihre Sympathie für den Popstar aus. «Der Skandal hilft, Platten zu verkaufen», sagt Kulturkritiker Jonathan Stein. Er widerspricht der allgemeinen Auffassung, die Anklage werde Jackson finanziell ruinieren. «Die Fans haben ihn jahrelang verteidigt, sie werden das weiterhin tun.» Der Popstar wird bestimmt von der enormen Nachfrage nach dokumentarischen Aufnahmen, die ihm gehören, profitieren. Wann immer eine TV-Station den Moonwalk ausstrahlt, kassiert Jackson. Das hat er bitter nötig. Gemäss Recherchen der Londoner «Times» hat Jackson finanzielle Probleme. Seine drei letzten CD verkauften sich miserabel. Er soll 240 Millionen Dollar Schulden haben und verprasse monatlich eine Million. Allenfalls muss er nun den Anteil an den Rechten von 251 Beatles-Songs verkaufen, seinen lukrativsten Einnahmequellen. Sie bringen ihm jährlich 34 Millionen Dollar ein.