Von Peter Hossli (Text) und Charly Kurz (Fotos)
Wie ein General vor dem entscheidenden Gefecht stellt sich Ronnie Roles breitbeinig vor seine sieben Mannen. Kurz erläutert der Kommandant der privaten Feuerwe hr den heutigen Plan. Dann schreit er «Feuer frei». Eine bauchige Flamme peitscht in den weiten Himmel. Binnen Sekunden erwärmt sich die Luft von unter null auf über fünfzig Grad Celsius. Zwei stämmige Kerle greifen sich je ein Wellblech und pirschen mit dem Hitzeschild zur flackernden Ölquelle. Gebannt analysieren sie das Leck. «Gut gemacht», rühmt Roles, der Chef.
Roles und seine Truppe arbeiten für Cudd Well Control, eine von weltweit bloss vier Firmen, die brennende Ölquellen löschen können. Seit Wochen proben sie den Ernstfall. Neben dem Kriegselend droht ihm Irak nämlich eine ökologische Katastrophe von unvorstellbarem Ausmass. Ein Déjà-vu des Infernos von Kuwait, wo 1991 fast 800 Quellen loderten.
Bald könnten 1500 Quellen brennen, angezündet und gesprengt vom irakischen Diktator Saddam Hussein. Keine Zweifel daran hat Chris Carson, 54, ein besonnener Mann, der wenig redet und bei seinem damaligen Einsatz in Kuwait wegen des Ölrauchs wochenlang kein Tageslicht gesehen hatte. «Das irakische Öl wird bestimmt brennen», sagt er, «Saddam hat ja nichts mehr zu verlieren.»
Iraks umfangreiche Ölreserven seien mit Minen versehen, sagte jüngst die Pentagon-Sprecherin. Bereits in den ersten Kriegsstunden zirkulierten Gerüchte, die südlichen Quellen um Basra würden brennen. Wie nach Ende des ersten Golfkrieges werden die Sieger wohl zuerst ein monströses Feuer löschen müssen. Mindestens verdoppeln dürfte sich dann der Rohölpreis, von jetzt 35 auf über 70 Dollar pro Fass.
An die wirtschaftlichen Folgen dessen denkt die Feuerwehr an diesem frostigen Morgen nicht. Stumm legen sie Leitungen und prüfen Geräte. «Wir üben gewissenhaft und stellen uns auf das Schlimmste ein», sagt Roles, 46, ein breitschultriger Kerl, aufgewachsen auf einem Bauernhof. Unter seiner Leitung zündet Cudd jeweils zwei Mal die Woche ein Feuer in Elk City, Oklahoma, mitten in Amerikas Weideland. Nicht Erdöl, ein Gemisch aus Diesel und Gas züngelt und füllt den Himmel mit schwarzem Rauch.
Um sich zu schützen, ziehen die Feuerwehrleute glänzende orange Overalls an, Handschuhe, feuerfeste Unterhosen sowie feste Lederstiefel. Mittlerweile tragen alle ausschliesslich Schutzhelme aus Stahl. Früher schmolz nicht selten ein Plastikhelm und versengte die Kopfhaut. Auf der linken Schulter prangt bei jedem ein kleines Sternenbanner, auf der rechten die Flagge des Staates, wo er arbeitet, entweder von Texas oder von Oklahoma.
Die meisten seien Bauernsöhne, «die es geschafft haben», beschreibt Ronnie Roles seine Mannschaft. Statt für 400 Dollar die Woche Heu zu gabeln, würden sie nun für 15000 Dollar am Tag Ölfelder löschen. Es ist die Königsdisziplin der Feuerwehr. Die heroischen Brandwächter kennen sich vom Einsatz in Kuwait und stellen sich nun auf dessen Wiederholung ein. Mit einem Unterschied – im Irak soll es nun viel schrecklicher werden.
«Kuwait war ein Spaziergang im Vergleich zu dem, was der Irak bringt», sagt Roles, der das Feuer vor zwölf Jahren als «Traum jeden Feuerwehrmannes» bezeichnet. Sein Kollege, der 40-jährige Todd McCoy, erwartet nichts weniger als «ein Spektakel» und «ein Riesenfeuer».
Bis nach Frankreich dürfte es die schwarze Wolke tragen und das Klima durcheinander wirbeln, sagt er. Waren die Quellen im Ministaat Kuwait binnen eines knappen Jahres gelöscht, droht das Rohöl im Irak fünf Jahre lang in Flammen zu stehen. Die dortigen Quellen fördern nämlich grössere Menge als jene in Kuwait, 50000 Fass pro Tag, statt 10000.
Täglich eine Quelle konnte die Brandwache in Kuwait zähmen, im Irak veranschlagt sie «mindestens eine Woche pro Quelle», sagt Roles. Hatten zurückziehende irakische Soldaten die kuwaitischen Zapfhahnen mit Bazookas beschossen und sie an der Oberfläche zerstört, drohen nun unterirdische Sprengungen.
Schwere gesundheitliche Folgen prophezeit Michael Renner, Forscher bei der Umweltorganisation Worldwatch Institute. Tausende, wenn nicht Zehntausende Menschen könnten an den Langzeitfolgen sterben. Eine «massive Menge toxischer Stoffe» werde in die Atmosphäre abgegeben, so Renner Ob das Klima beeinträchtig werde, hänge von der Zahl der zerstörten Quellen und der Dauer des Brandes ab. Die fragile Wüstenökologie drohe «über Jahre zerstört zu werden».
Zumal manchenorts das Wasser fehlt. Der grösste Teil des Petroleums liegt weitab vom Meer, teilweise in gebirgigen, schwer zugänglichen Regionen. Um dort die nötigen Millionen von Tonnen Wasser hinzubringen, will Cudd tiefe Löcher buddeln, Grundwasser abschöpfen, mit Lastern Fässer hinkarren und die irakischen Lebensadern Euphrat und Tigris absaugen. Es wird befürchtet, dass Hussein die Flüsse mit Öl auffüllt – was das Wasser nicht nur vergiften, sondern fürs Löschen unbrauchbar machen würde.
Wasser kühlt, schneidet, und es löscht. «Es ist unser bester Freund», sagt Gabe Gibbson, 36, der in Kuwait mit 24 Jahren bei weitem der Jüngste war. Ein bulliger, eher kleiner Ingenieur. Er bückt sich und überprüft achtsam ein letztes Mal die Ventile und Schläuche, durch die demnächst über 160000 Liter pro Minute strömen. Zwei etwa zwanzig Meter voneinander entfernte Düsen jagen die nasse Masse in gegenseitiger Richtung. So entsteht ein kühlender Vorhang, hinter dem sich die Männer vor der Hitze schützen.
Ein zweites, unabhängiges Wassersystem erledigt den schwierigsten Teil des Löschprozesses: die saubere Abtrennung des zermalmten Quellkopfs. Öl brennt dann fessellos, nachdem eine Detonation den Zapfhahn an der Spitze der Quelle zerfetzt hat. Statt schnurgerade in die Höhe, schiesst der kostbare Saft in alle Richtungen. Das stoppt bloss ein exakter Schnitt unterhalb des defekten Stücks.
Die Rasur besorgt ausgefeilte, wenn auch schlichte Technik: ein unter Hochdruck stehender Abstechschleifer. Dabei wird ein Wasser-Sand-Gemisch mit enormer Leistung durch zwei hauchdünne Düsen getrieben. So entstehen zwei messerscharfe Strahlen, die sich wie eine Säge durch den Stahlmantel fressen. Je nach Dicke des Rohrs gelingts binnen einer halben Stunde oder eines Tages. Beim heutigen Training Elk City dauert es nicht einmal zwanzig Minuten. Befestigt ist die Schneidemaschine an einem langen Kran, den ein Bulldozer gemächlich millimeterweise nach vorne stösst.
Vor dessen Einsatz versammeln sich die Männer zum Appell. Jeder trägt seinen Namen in ein Logbuch ein, der Sicherheit wegen. Man ist stolz, noch nie einen Mann verloren zu haben. Selbst in Kuwait gab es nur bei Verkehrsunfällen Tote. Es wird kaum geredet. Der enorme Druck, mit dem das Öl aus dem Boden rauscht, erzeugt stets einen betäubenden Lärm, so dass die Feuerwehr wortlos mit Handzeichen kommunizieren muss.
Plötzlich streifen alle ihr Helme ab und senken die Köpfe. Bis auf Pastor Mark Little, ein untersetzter Mann mit warmer Stimme. Er beginnt zu beten und schliesst die kurze Andacht mit dem Satz: «Möge Jesus Euch schützen. Amen.»
Wie nichts verbinde der Glaube an Gott die Truppe, sagt er. Auf dem Ölfeld müsse man fähig sein, höllische Ängste zu überwinden, sagt Todd McCoy, ein schöner, ja cooler Typ, ständig eine glimmende Zigarillo im Mundwinkel, dazu eine modische Sonnenbrille. «Für mich als Christ ist das einfach», sagt er. «Gott sorgt für mich, sicher auch im Irak.»
Das Feuer ist rasch unter Kontrolle. Mit Hochdruck spritzt Carson Wasser auf die geköpfte Übungsquelle. Ein feiner Regenbogen schweift am Himmel. Draussen im Feld würden oft ebenfalls bloss mit Wasser gelöscht. Nur bei besonders grossen Bränden müsse Sprengstoff eingesetzt werden. Eine mächtige Explosion sauge dann im weiten Umkreis der Quelle sämtlichen Sauerstoff ab.
Doch ist es überhaupt möglich, 1500 gleichzeitig brennende Quellen zu löschen? «In unserem Geschäft hat der Satz ‹das geht nicht› nichts zu suchen», sagt Roles. Er mache sich schon Gedanken, allerdings nur über Details. «Du darfst immer nur an jene Quelle denken, die Du gerade löschst. Sonst wirst Du irre.»
Mit der grimmigen Realität im Irak habe das mickrige Feuerchen von Elk City wenig gemein, sagt er. Es gehe jetzt noch darum, den Prozess zu automatisieren. «Im Feld ist es heisser, lauter, stinkiger, da müssen wir uns blind verstehen.»
Vorerst gehen drei Teams mit fünf Leuten. Das Material ist gewartet und steht bereit, in den USA und in Algerien. Auf dem Rücksitz von Todd McCoys Truck liegt ein Koffer, gepackt mit feuerfesten Unterhosen, einer Zahnbürste, Rasierapparat und Trockennahrung. Auf Alkohol verzichtet er. Klingelt das Telefon, darf ihm nicht der Schädel brummen. Binnen 48 Stunden muss die Truppe und Ausrüstung in Position fliegen, mit einer russischen Transportmaschine.
Es sind echte Männer, die in den Irak reisen. Gross, kräftig gebaut. Unter dem Helm wächst bei vielen kein Haar mehr. Einige sind Grossväter mit Bäuchen, die selbst die Overalle nicht verbergen. Das ideale Alter liege bei 50 Jahren. Der Texaner Red Adair, der in Kuwait zur Kultfigur wurde, arbeitete bis Ende siebzig. Mittlerweile ist er 88 und pensioniert. «Er würde sofort in den Irak gehen – wenn ihn seine Frau liesse», sagt einer.
Es mache süchtig, Ölfelder zu löschen, erzählt Tom Olliver, 43-jährig, kahl und ständig zu einem Spässchen aufgelegt. Er ist der Witzbold der Truppe. «Das Ganze geht Dir unter die Haut – und es geht direkt ins Blut. Hat Dich der Virus gepackt, kannst Du nicht mehr aufhören.»
Vorerst stellt er sich auf 30 Tage Irak ein, ohne Pause. Dann fliegen er zurück, ruht einen Monat – und geht gleich wieder hin. «Es laugt Dich schon aus», sagt McCoy, «Du musst nonstop Wasser trinken, sonst verdurstet Dein Körper in der Hitze.» Hunderte von Menschen werden im Irak damit beschäftig sein, die Feuerwehrleute nonstop mit kühlem Wasser zu übergiessen, damit sie nicht dehydrieren.
Ein exklusiver Club geht in den Nahen Ost. Weltweit sind nur 100 Feuerwehrleute in der Lage, brennende Quellen zu löschen. Für Cudd, eine Ölservicefirma mit 1500 Angestellten, arbeiten deren 40. Der Rest verteilt sich auf zwei kleinere amerikanische sowie ein kanadisches Unternehmen. Hinzu kommen die Freelancer, die den angeschlagenen Quellen nachreisen. Die Anzahl gelöschter Quellen bestimmt jeweils ihr Honorar. Politik spielt dabei keine Rolle, solange das Geld stimmt. Zahlten die Sowjets im voraus, flog die Feuerwehr selbst während des Kalten Krieges stets nach Russland.
«Unsere Löhne sind ausgezeichnet», sagt Steve Winters, mit über 600 gelöschten Quellen einer der erfahrendsten und somit teuersten Cudd-Leuten. Drei seiner vier Kinder studieren. «Das brennende Erdöl zahlt ihre Studiengebühren», sagt Winters. «Wer sagt, er lösche nicht auch wegen des Geldes, der lügt.»
Teuer ist nicht nur das Personal. Für die Ausrüstung verlangt Cudd täglich mehr als hundert Tausend Dollar. In Kuwait kostet das Löschen 24 Milliarden Dollar. Ein stolzer Preis, der sich rechnet. Täglich verschlangen die Flammen pro Quelle bis zu einer halben Million Dollar.
In Kuwait zahlte die staatliche Ölgesellschaft, in Bar und im voraus. Im Irak wird es komplizierter. «Wir gehen erst, wenn wir wissen, wer uns entlöhnt», sagt Roles. Sein Gesicht strotzt vor Selbstsicherheit. Er weiss, er wird gebraucht.
Cudd habe direkt mit General Tommy Franks verhandelt, sagt Roles. über Sicherheit und über Geld. «Solange Kugeln fliegen, geht wir nicht rein.» Wache schieben wird die US-Armee. Den Löschauftrag erteilt Franks, der nach Kriegsende in Bagdad regieren und den Aufbau ziviler Strukturen überwachen soll. Doch wer zahlt? «Die Quellen, die wir löschen und reparieren, werden das fördern, mit dem wir bezahlt werden», so Roles. «Das Öl Iraks ist unser Honorar.»
Dass es in diesem Krieg ums Öl geht, streitet er ab. Die Aufgabe sei erhabener. Im Zentrum stünde die Sicherheit Amerikas, wie das Präsident George W. Bush «deutlich» dargelegt habe. «Ich halte Bush für den feinsten Präsidenten, den die USA je hatte», sagt Roles. «Er steht in direktem Kontakt mit Gott dem Allmächtigen. Bevor er seine Entscheidungen trifft, konsultiert Bush stets Gott.»






hussein soll weg. ich werde versuchen die feuerwehrmänner ihre arbeit machen zu lassen.