Von Peter Hossli
Ein Spaziergang im Inneren einer Wolke könnte zum sonderbarsten und bizarrsten Erlebnis der Expo.02 werden. Eine Wolke? Tatsächlich wird das Gebilde mit den Wänden aus Nebel von aussen wie ein unscharfes Ufo aussehen. In der Mitte hat es ein Loch. Wie eine schwere Regenwolke schwebt die Erscheinung über der Wasseroberfläche. Innen, durch einen dichten Nebelvorhang vor Blicken geschützt, führt eine solide Metallkonstruktion die Besucher über Spazierwege zu multimedialen Installationen.
Ausgedacht hat sich den genialischen Bau ein amerikanisches Architekten- und Künstlerpaar, Elizabeth Diller und Ricardo Scofidio Scofidio. In deren engen Dachgeschoss-Loft im East Village von Manhattan entwarfen sie, was bereits als Geheimtipp jener Landesausstellung gilt, die bisher hauptsächlich durch wilde Querelen und Geldnot auffiel: Blur, eine künstliche, rund 100 Meter lange Wolke, die über dem Neuenburgersee schwebt. 12 500 Düsen erzeugen Nebel, der um das ovale Nichts schwebt. Ausgeklügelte Messgeräte prüfen die Wetterverhältnisse und passen die Nebeldichte an.
Unterhalb der Wolke und ihrer versteckten Stahlkonstruktion liegt eine Sushi-Bar. Ihre Wände sind auch etwas Besonderes: Nämlich ein Aquarium. Hier kann man rohen Fisch essen und gleichzeitig dem Treiben der Aale zuschauen. Vom Ufer aus führt ein Steg hin – falls sich noch Sponsoren für das kühne Lokal finden lassen. Mit Salamitaktik begegnet die neue Expo-Leitung derzeit dem akuten Spardruck. So schrumpfte die Wolke von Diller, 45, und Scofidio, 64, in Länge und Breite. Der Sushi-Genuss wurde von der Blaupause vorerst restlos gestrichen. Aufgeben mag das Paar noch nicht. Es sucht aktiv alternative Geldgeber. «Klappts, wird die japanische Küche unterm kalten Dunst gedeihen», hofft Ricardo Scofidio.
Die Expo und damit die Schweiz dürften sich glücklich schätzen. Die in Polen geborene Elizabeth Diller und der Ur-New-Yorker Scofidio zählen zu den innovativsten und gefragtesten Architekten der Gegenwart. Sie sind gleichzeitig auch Künstler, welche die Baukunst durch den Einbezug aufregender Medien beleben und erweitern. «Die einzigen Architekten, die die Ankunft des 21. Jahrhunderts erkannt haben», sagt ein Kunstkritiker der «New York Times». Echte Vordenker. Ihre Expo-Wolke Blur könnte zur «Ikone der Landesausstellung» werden, schwärmt der Ausstellungsleiter von Yverdon-les-Bains, Sergio Cavero.
Die geplante Wolke ist ein weiterer Beweis für präzise Visionen des Duos. Zur inmitten Europas schwebenden Schweiz passt die Metapher. Als dominierendes Medium verwendet das Gespann verdampfendes Wasser. Zwar erzeugen sie damit eine Art Bau mit Eigenschaften, allerdings ohne jeglichen Raum. Grenzen oder traditionelle architektonische Disziplinen verschwinden. Und, dem spassigen Naturell des Paars entsprechend, ist die Skulptur höchst amüsant. «Wir wollten schon immer künstliches Wetter machen», sagt Elizabeth Diller. Denn: Wetter werde gemeinhin unterschätzt. Dabei seis «die lautlose Macht, die die Welt regiert», sagt sie.
Diller spricht unaufhörlich, die grossen Augen stets auf der Suche nach Blickkontakt. «Ich höre mir gerne beim Reden zu», feixt sie, darum unterrichte sie an der Universität Architektur. Er, ebenfalls als Professor tätig, lauscht oft. Wenn er was sagt, ists präzise und gescheit. Bedächtig und elegant sitzt er auf einem Klappstuhl.
Seit über zwanzig Jahren wirken und leben die beiden zusammen. Ihre Firma beschäftigt derzeit zwei Architekten, manchmal zwanzig, dann wieder niemanden. «Wir wollen flexibel bleiben», sagt sie. Auf die Frage, wie zwei derart starke Persönlichkeiten harmonieren, antwortet er: «Wir streiten nonstop.» Sie fährt fort: «Dann liegt ein riesiges Blutbad auf dem Boden.» Wie so oft präzisiert er: «Beim Arbeiten sprechen wir unsere tiefsten und reinsten Gefühle an.»
Scofidio entstammt einer Musikerfamilie, deren Wurzeln in Sizilien und bei den amerikanischen Indianern liegen. Diller kam mit sechs in die USA und wollte Filme drehen. Jetzt sind sie heimliche Stars, porträtiert in «Time» oder «Wired», gefeiert in der «New York Times» sowie in Fachzeitschriften. Gedanken an den plötzlichen Ruhm verschwenden sie kaum. «Wir schicken Mama die Artikel und Fotos nach Florida», sagt sie. Mutters spröde Rückmeldung: «Dein Haar war ungekämmt.»
Weit reicht das künstlerische Spektrum von Diller + Scofidio. Sie bauen Häuser und öffentliche Kunst, realisieren Theaterstücke, schmücken wie jetzt am New Yorker Flughafen JFK nackte Wände mit bewegten Bildern, oder sie entwerfen Alltagsgegenstände wie Gläser.
In Montreal inszenierte das Paar unlängst eine Ausstellung über die Geschichte der Rasenplätze zwischen US-Wohnhäusern. In einer Wochenendhütte auf Long Island sollte eine Videokamera die jeweils beste Aussicht einfangen und in die Stube projizieren. Das künstlich fabrizierte Bild würde im Kontrast zum tatsächlichen Ausblick stehen; der verwegene Bau wurde nie realisiert. Unter die durchsichtige Eisfläche einer Eishockeyhalle in Florida beabsichtigt das Paar jetzt einen riesigen Bildschirm zu legen. Der wird Live-Bilder des laufenden Spiels übertragen.
Einem Sakrileg der Moderne näherten sie sich im Seagram Building in Manhattan an, dem einzigen Gebäude, das Ludwig Mies van der Rohe in New York schuf. In dessen Erdgeschoss renovierten Diller + Scofidio das ausgebrannte Restaurant von Stararchitekt Philip Johnson. Entstanden ist The Brasserie, ein visuelles Feuerwerk von Verpflegungsstätte. Abgesehen vom Geschirr und den Möbeln haben die beiden jede Einzelheit gestaltet, vom milchigen Glas oberhalb der Bar bis zur mit einer Videokamera bestückten Eingangstreppe. Diese überträgt mit 20-minütiger Verspätung das Erscheinen aller Gäste. «Wir zeigen den Essern ihre Ankunft», sagt sie. Ein typischer Diller-Scofidio-Witz.
Auch Johnson gefalle der gewagte Umbau. Der 94-jährige Architekt isst mindestens einmal die Woche in der Brasserie. Er gratulierte Diller telefonisch: «Schon immer wusste ich, dass ihr gescheit seit. Endlich habt ihr eure Intelligenz der Architektur gewidmet.»
Die Brasserie war das erste kommerzielle Projekt von Diller + Scofidio. Ihre politische Verwurzelung in den rebellischen Sechzigern hat es lange nicht zugelassen, Gelder von der Wirtschaft zu nehmen. Die Neunzigerjahre haben die Linien zwischen Kunst und Kommerz nun aufgebrochen.
Diller + Scofidio sind intellektuelle Architekten. Theorie bestimmt ihr Wirken. In der Bibliothek stehen die Werke moderner und postmoderner Autoren. Lacan. Deleuze. Derrida. Irigaray. Heute an Universitäten geführte Debatten über die Psychoanalyse oder feministische Theorie fliessen in ihre Arbeit ein. Trotz dieser Theorieversessenheit entwerfen die beiden selten für die Schublade.
«Für Künstler sind wir Architekten, für Architekten Künstler», sagt Scofidio. Beide halten solche Kategorien sowieso für «hilflos veraltet». Die Welt sei spätes-tens seit dem Mauerfall in Berlin nicht mehr einfach nur schwarz und weiss. Die Trennung zwischen Avantgarde und Mainstream sei passé. «Es ist eine gute Zeit, innovative Architektur zu betreiben», sagt Scofidio.
Geld, fügt er an, hätten sie als Künstlerpaar natürlich mehr machen können. Doch das spielte nie eine Rolle. Jahrelang finanzierten sie ihre Arbeit per Kreditkarte. 1999 erhielten sie als erste Architekten den mit 375 000 Dollar dotierten Preis der MacArthur-Stiftung. Sie zahlten damit ausstehende Steuern nach.