Magisch und eigenständig

Die Sängerinnen Linda Ronstadt, Dolly Parton und Emmylou Harris präsentieren «Trio II», die Nachfolgeplatte eines Country-Meilensteins.

Von Peter Hossli

Angetan hatten es ihr die Kleinstadtnutten, die roten Lippen und engen Röcke, die tiefen Ausschnitte und die endlosen Absätze der «läufigen Ladys».

Als dann die strenge Mutter dem Töchterchen noch einbläute, die leichten Mädchen seien nichts als «Trash», Abschaum, da wusste die kleine und mausarme Dolly, wie sie dereinst aussehen würde – so billig wie die Huren an der dunklen Ecke. «Wie Trash», sagt Dolly Parton, heute 53 und hundertfache Millionärin im Gewand einer würdevoll gealterten Kleinstadtnutte, «nur so fühle ich mich wirklich wohl in der Haut.»

Selbst hier in der Grossstadt. Im fensterlosen Ballsaal des New-Yorker Fünfsternehotels «The Pierre» ist sie die überdrehte und aufgedonnerte Diva unter drei Legenden der Musikgeschichte. Die lauteste und frechste der drei reifen Southern Belles. Gemeinsam mit Emmylou Harris und Linda Ronstadt bewirbt Parton das zweite Trioalbum.

Jetzt liegt «Trio II» in den Läden, die Nachfolgeplatte eines Country-Phänomens von 1987. Damals sangen die drei Ausnahmekönnerinnen erstmals harmonisch. Entstanden sei ein «Meisterwerk», ein «Meilenstein der Country-Geschichte», jubelten Kritiker. Über zwei Millionen Mal verkaufte sich «Trio».

Drei der eigenständigsten Stimmen – Partons Soprano, Ronstadts Alto und Harris’ Vibrato – verschmolzen zu einem «schimmernden Wunder», schwärmt das Magazin «Rolling Stone». Das habe sich jetzt wiederholt: «Sie klingen magisch.»

Artig und in einer Reihe setzen sie sich hin, auf separate Stühle, nicht auf die bereitgestellte Plüschcouch. Natürlich sind alle «ausgesprochen glücklich», hier zu sein, und «mehr als zufrieden» mit dem neuen Album. «It was so much fun.» Freundschaftlich duzt man sich.

Dolly witzelt unaufhörlich. Der Heustock, den man gelegentlich mit Country assoziiere, komme ihr nicht auf die Bühne. «Den trage ich als Perücke auf dem Kopf.» Ihr Gesicht ist faltenfrei, nur die Hände zeigen ihr Alter. «Niemand wirkt von aussen artifizieller als ich», sagt sie, «und niemand ist so echt im Innern.»

Emmylou, 51, das graue Echthaar offen tragend, bleibt stets sachlich und will «ausschliesslich über Musik sprechen».

Linda, 52, mit den Jahren etwas fester geworden und die politischste der Damen, doziert über Nixon – «ein Verbrecher» – und Clinton – «ein hervorragender Prä- sident». Bis sie von Harris, der strengen wie schönen Frau, gestoppt wird. «Lassen wir die Politik», sagt sie. Nur Dolly mag noch was zu Clinton anmerken, als sie nach der Moral im US-Süden gefragt wird: «Südstaatler besitzen kein exklusives Recht darauf, geil zu sein. Und ich habe überhaupt keine Moral. Amen.»

Dann erzählt Parton vom Kleidchen, das sie auf dem vierzig Jahre alten Schwarzweissbild auf dem Cover der neuen Platte trägt. Die Jacke, von ihrer Mutter genäht, habe das Trio begründet. Mitte der Siebzigerjahre schrieb sie einen wehmütigen Song darüber. Harris wollte ihn einspielen. Die beiden trafen sich 1975 in Los Angeles. Harris lud Freundin Ronstadt zu Kaffee und Kuchen mit Parton ein. Spasseshalber begannen die drei zu singen. Auf Anhieb stimmte alles.

Zwölf Jahre später nahmen sie «Trio» auf. Jetzt, weitere zwölf Jahre später, liegt «Trio II» vor. Was einst als Singstunde in der gemütlichen Stube begann, sagt Ronstadt, sei zu «wahrer Magie» geworden.

Mirakulös genug ist das Erscheinen der zweiten Platte. Jahrelang stritt sich das famose Trio, privat wie öffentlich. Man ging getrennte Wege und redete öfter schlecht voneinander. «Dollys Geschmack liegt sehr weit von unserem entfernt», sagte Ronstadt vor drei Jahren im Magazin «Goldmine». Es sei «ärgerlich und anstrengend» gewesen, sich dem «besonderen Stil von Dolly» anzupassen. Deutlicher noch äusserte sich Harris, die besonnenste Trio-Frau: «Dolly hält sich nie an Abmachungen», sagte sie. «Entschuldigt sie sich nicht, ist Schluss.»

Klar, alles sei ihr Fehler gewesen, sagt Parton heute, sie habe Mist gebaut. Die beiden anderen hätten Geld bereitgestellt und reichlich Zeit reserviert, um «Trio II» zu beenden und zu vermarkten. «Ich habe geklemmt.» Reuevoll hebt Parton die Stimme. Wegen ihr habe die bereits 1994 fast fertig gestellte Platte jahrelang in der Schublade gelegen. Die Presse spiele das Gerede vom Streit jedoch hoch, beschwichtigt Harris. «Er waren Terminprobleme. That’s it.»

Nun herrsche Friede. Zusammen touren mögen sie aber nicht. Damals wie heute verzichten die drei auf gemeinsame Konzerte. Abgesehen von wenigen Fernsehauftritten singt das Trio nie öffentlich. Zwar könnten sie ein Vermögen machen, sagt Parton. Zeit hierfür findet keine. Wochenlang üben und dann Monate miteinander verbringen? Das möchte sie nun wirklich nicht, sagt Ronstadt. «Wir sind drei starke Persönlichkeiten, die alle eigenen Karrieren nachgehen», sagt Harris. «Das Opfer wäre mir zu gross.»

Dabei sahen alle schon bessere Zeiten. Seit dem ersten Album hat sich Country gewandelt. Eben fiel die traditionsreiche Plattenfirma Decca dem Seagram/PolyGram-Deal zum Opfer. Etliche ältere Stars verloren ihre Verträge, selbst Dolly Parton. Die Radios, für die Vermarktung besonders wichtig, spielen vornehmlich Songs von 22-jährigen Frauen. Die, sagt Harris, «tönen gleichförmig, inhaltslos».

Kinderbilder zieren das «Trio II»-Cover. «Das Musikbusiness ist sexistisch», sagt Ronstadt, «wer nicht mehr jung aussieht, ist weg.» Neu sei das nicht. «Als ich erstmals nach Los Angeles kam, sagte man mir, es gebe vier Geschlechter: Männer, Frauen, Homosexuelle und junge Sängerinnen.» Letztere müssten mit allen ins Bett. Produzenten interessierten steile Umsatzkurven, sagt Harris, schöne Stimmen dagegen kaum mehr. Perfekt vermarktete Fliessbandsänger hätten heute die besten Chancen. Schuld trage nicht nur die Musikindustrie. «Vielen Musikern ist das Wort «nein» nicht geläufig», sagt Harris. Statt sich bei einem unabhängigen Label zuerst die Sporen abzuverdienen und die Stimme auszubilden, hofften viele auf den sofortigen Millionenvertrag.

Das Tief ziehe vorüber, glaubt Parton. Sie verkaufe ihre Songs bald übers Internet. Und sie lege sich eine eigene Country-Radiostation zu. «Dort kann man wieder Dolly hören – und das Trio.»