«Clinton sollte sein Schweigen brechen»

Der populäre CNN-Talkmaster würde Bill Clinton fragen, ob er Monica Lewinsky überhaupt kenne, falls der US-Präsident in seine Talkshow käme.

Von Peter Hossli

king_hossliAmerikanische Helden wissen stets gute Geschichten zu erzählen. Bei Larry King, 64, dem populären Talkmaster auf CNN, ist es die des mausarmen Tellerwäschers, der es zum Millionär schaffte. 1956 putzte King als Lawrence Harvey Zeiger die Böden einer lokalen Radiostation in Miami, Florida. Als der Dienst habende Morgenmoderator eines Tages nicht erschien, sprang King als Ersatz ein. Fortan nannte sich der in Brooklyn geborene Zeiger Larry King, «Zeiger tönte zu jüdisch». Seither führte er über 30 000 Interviews, zuerst im Radio, dann im Fernsehen. Seine Gäste befragt er live. 1985 holte ihn CNN-Gründer Ted Turner nach Washington, von wo aus er sechsmal wöchentlich «Larry King Live» moderiert. Seit der texanische Milliardär Ross Perot in «Larry King Live» seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gab, gilt King als Königsmacher. Neben Politikern gehören Hollywood-Regisseure und Schauspieler zu seinen Gästen. Am liebsten empfängt King allerdings Sportler. Er ist grosser Fan der New York Yankees, der lokalen Baseball-Mannschaft. In der Schweiz ist Larry King auf CNN um 3 Uhr früh live zu sehen.

Mister King, seit zehn Tagen berichten die amerikanischen Medien rund um die Uhr über die angeblichen sexuellen Aktivitäten des Präsidenten. Trotzdem steigt die Popularitätsrate Clintons rasant. Warum?
Larry King: Alle wundern sich. Das gabs noch nie. Zum einen ist Clinton ungemein beliebt. Er macht seine Sache gut. Die Leute sind zufrieden, Arbeitslosigkeit, Inflation und Zinsen sind tief. Kein Krieg. Die Probleme, die er jetzt hat, sind privater Natur. Er hat nichts Illegales getan. Ein wenig Sex. Seit Jahren weiss man ja, dass er damit Probleme hat. Für die meisten Amerikaner sind Clinton und Monica Lewinsky zwei Erwachsene, deren Privatleben niemanden etwas angeht.

Clinton hätte seine Machtposition ausnützen und Lewinsky drängen können. Diese Frage stellt keiner. Hat Political Correctness ausgedient?
King: Ja. Jene Political Correctness der neunziger Jahre ist vorbei.

Amerika wird erwachsen?
King: Kann man sagen. Aber: Die moralischen Werte wechseln ständig. Lange Zeit konnte kein Katholik Präsident werden. Dann wurde John F. Kennedy gewählt, ein Katholik. Ein geschiedener Mann hatte kein Chance aufs höchste Amt. Dann kam Reagan, ein geschiedener und wieder verheirateter Mann.

Ein Präsident, dem ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin nachgesagt wird, kommt heute ungeschoren davon?
King: Vor zwanzig Jahren hätte er sofort gehen müssen. Heute ists egal.

Trotzdem: Jeder schaut hin.
King: Klar, Sex interessiert immer. Wenn CNN heute Abend eine Stunde Geschlechtsverkehr zeigen würde, hätten wir die besten Quoten aller Zeiten.

Warum sind Amerikaner so besessen vom Sex anderer Leute?
King: Jahrzehntelang habe ich versucht, das herauszufinden. Ich weiss es nicht. Wir sind besessener als die Europäer. An Mitterrands Beerdigung nahmen seine Frau und die Geliebte teil. Hier ist das unmöglich. Amerika ist zu puritanisch.

Sie selbst verzichten auf Fragen über Sex. Dabei sind bekannte Filmstars, einflussreiche Politiker oder schnelle Sportler ihre Gäste.
King: Was Sie, ein Schauspieler oder der Präsident im Bett so treiben, geht mich doch nichts an.

Es triebe die Quoten höher.
King: Ich könnte nie jemanden mit einem versteckten Mikrofon beschatten oder eine fremde Schublade öffnen. Privates ist für die Leistung nicht relevant.

Das Sexleben von Politikern ist demnach nicht relevant?
King: JFK? Ein sehr guter Präsident. Clinton? Ein ziemlich guter Präsident. Roosevelt hatte während Jahren eine Liebhaberin. Trotzdem war er ein guter Präsident. Es gibt etliche erfolgreiche Manager, die viele Frauen haben.

Und die Moral der Geschichte?
King: Sex hat nichts mit der Leistung bei der Arbeit zu tun. Oder aber: Viel Sex steigert sogar die Leistung.

Die Verlierer der Affäre Clinton/Lewinsky sind die Medien. Sie erzählen Gerüchte statt Fakten.
King: Ja. Wir sind die Bösen. Der Konkurrenzkampf ist enorm geworden. Innert Minuten wird aus einem Hinweis eine Geschichte mit Nachrichtenwert.

Die “New York Times” oder die “Washington Post” werfen Fernsehsendern wie CNN vorschnelle Veröffentlichung vor.
King: Heuchelei. Meiner Meinung nach ist es besser, ein Story zu senden und sich im Falle eines Fehlers zu entschuldigen. Man kann nicht alles dreimal überprüfen.

Was würden Sie Clinton fragen, wäre er heute Abend Ihr Gast?
King: Das, was ihn nicht einmal seine engen Berater gefragt haben: “Kennen Sie Monica Lewinsky?” Das hat ihn nie jemand gefragt. Clinton hat nie zugegeben, Monica Lewinsky zu kennen.

Wenn er sie kennt, entstünde ein Gespräch. Wie fragen Sie weiter?
King: Wie war die Beziehung? Was passierte? Wie geht die ganze Geschichte?

Und, kommt Clinton?
King: Wir arbeiten daran.

Mit Aussicht auf Erfolg?
King: Clinton schuldet dem amerikanischen Volk eine detaillierte Schilderung der Vorfälle. Vielleicht waren die beiden Freunde, vielleicht war sie in ihn verliebt, vielleicht ist Lewinsky verrückt. Niemand weiss genau, was wirklich passiert ist. Doch: Wer schweigt, bleibt verdächtig.

Weil er Ihr Freund ist, bricht Clinton sein Schweigen bei Ihnen?
King: Wir hoffen es. Wenn er es nicht tut, ändert sich nichts. Er ist zu beliebt. Clinton könnte des Mordes angeklagt werden, seine Popularität nähme zu.

Politik ist Showbusiness. Washington ist Hollywood an der Ostküste.
King:: Das sage ich seit Jahren. Unterschiedlich sind nur die Produkte: Washington fabriziert Politik, Hollywood Unterhaltung. An beiden Orten wird viel gelogen, ist das Mittagessen wichtiger als das Abendessen. Beidenortes sagen alle: “Ich ruf dich an.” Es gibt viele Falschspieler in D. C. und in L. A. Aber: die zwei Städte mögen sich. Washington liebt die Filmstars, und Hollywood liebt den Einfluss und die Macht der Politiker.

Die Politiker könnten in L. A. den Umgang mit der Kamera lernen.
King: Sie müssen es. Das Fernsehen wird täglich einflussreicher. Es zu bekämpfen, ist ein Witz. Wer am Fernsehen nicht gut aussieht, gewinnt keine Wahl. Lincoln hätte keine Chance gehabt. Seine Stimme war zu hoch, er zu hässlich.

Bill Clinton, mehrmals Ihr Gast, sieht am TV hingegen perfekt aus.
King: Er beherrscht das Medium wie kein anderer. Was Zeitungen über ihn schreiben, hat keine Bedeutung – solange er am Fernsehen toll wirkt. Ob Hitler am TV Erfolg gehabt hätte, ist nicht sicher.

Er hatte Regisseurin Leni Riefenstahl, die Filme über ihn drehte.
King: Das waren Inszenierungen. Hätte er live auftreten müssen, hätte er die Leute wahrscheinlich genervt. Fürs Fernsehen war Hitler zu laut, zu bombastisch.

Fernsehen ist Macht. Sie haben viel Macht. Geniessen Sie das?
King: Ich geniesse meine Arbeit. Als Macht habe ich sie nie betrachtet. Ich mache noch immer dasselbe wie damals in Miami bei einer lokalen Radiostation: Ich befrage Leute. Der einzige Unterschied zu früher: Heute sende ich weltweit.

Könnten Sie einen Präsidenten ins Amt hieven?
King: CNN kann das. Ich selbst fülle nur zwei Stunden Sendezeit pro Tag.

Ihnen fehlt die Härte. Warum sind Sie stets so nett mit Ihren Gästen?
King: Wer mir das vorwirft, versteht meine Interview-Technik nicht. Meine Show ist keine Pressekonferenz. Ich will etwas über meine Gäste erfahren. Miss Lewinsky interessiert mich als Person genauso wie als Clintons Volontärin.

Beschreiben Sie diese Technik.
King: Ein Interview ist etwas Einmaliges. Eine intime Beziehung, die zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde dauert. Wenn mir jemand eine gute Geschichte erzählt, will ich sie auch hören. Sonst habe ich nichts von dieser Beziehung. Ich lasse den Leuten Zeit.

Ihnen fehlt die Aggressivität?
King: Für jemandem, dem die Aggressivität fehlen soll, habe ich schon ziemlich viele News produziert.

Sie haben viele Freunde unter Politikern oder Filmstars. Verlieren Sie da nicht die Objektivität?
King: Einen Vorwurf lasse ich gelten: Ich bin zu objektiv. Was die Freundschaften betrifft, so haben sie nur den Nachteil, dass ich zu viel über jemanden wissen könnte. Fragen, bei denen ich die Antwort schon weiss, stelle ich ungern. Oft lese ich nichts über einen Gast. Wenn ich zu viel weiss, geht die Neugier verloren.

Das verhindert Kontroversen.
King: Kontroverse ja. Aber: Ich will niemanden blossstellen. Die dümmste Frage, die man Clinton jetzt stellen könnte, lautet: “Haben Sie mit Monica Lewinsky geschlafen?” Eine effektvolle Frage, sicher. Alle schauen hin. Eine Antwort wird man nie bekommen. Wer Informationen will, darf nicht aggressiv sein.

Wie holen Sie Informationen?
King: Ich erforsche. Bricht ein Feuer aus, fragt jeder Journalist den Feuerwehrmann: “Was war die Ursache?” Ich frage ihn: “Warum rennen Sie in brennende Häuser und löschen Feuer?”

So bekommen Sie eine nette Antwort ohne Nachrichtenwert.
King: Aber Sie kennen die Person, mit der ich gesprochen habe. Gestern interviewte ich zum Beispiel Karla Faye Tucker, die erste Frau, die seit über einem Jahrzehnt in den USA wegen Mordes hingerichtet wird. Danach wusste man nichts Neues über den Fall, aber man kannte die Frau.

Sterben wird sie so oder so.
King: Wer die Sendung gesehen hat, wird kaum sagen, die Welt sei ein besserer Ort, wenn man sie tötet.

Alle Grossen waren bei Ihnen zu Besuch. Welchen Gast wünschen Sie sich noch?
King: Mein Produzent wünscht sich Monica Lewinsky. Ich will den Papst.

Ein erzkonservativer Mann.
King: Nicht nur. In sozialen Fragen ist er sehr liberal. Er ist ein Gegner des Kapitalismus und somit ein Gegner Amerikas. Was die Religion betrifft, ist er sehr konservativ, ein Mann aus einem anderen Jahrhundert. Er lebte unter Hitler und unter Stalin. Er spricht viele Sprachen, schrieb Theater. Und er entkam einem Attentat. Welch vielfältige Facetten. Der Papst ist interessanter als Miss Lewinsky.

Die Produzenten würden Lewinsky wählen. Wer entscheidet?
King: In diesem Fall müsste ich mich den Produzenten fügen.

Was interessiert Sie nicht?
King: Königshäuser. Blaues Blut. Denen wurde doch alles in die Wiege gelegt.

Trotzdem machten Sie zahlreiche Sendungen über Dianas Tod.
King: Die Tragödie ist eine tolle Geschichte. Aber: Prinz Charles? Soll ich mich vor dem etwa verbeugen?

Sie wollen ihn nicht als Gast?
King: Doch, ich würde ihn fragen, wie es ist, Prinz Charles zu sein. Ich bevorzuge Leute, die selbst etwas erreicht haben. Reich Geborene lassen mich kalt. Solche, die reich werden, sind spannend.

Macher wie Sie. Darunter litt Ihr Privatleben. Sie waren achtmal verheiratet. Sind sie ein Workaholic?
King: Als Jude heiratet man jene Frau, die man liebt. Ich liebte verschiedene Frauen in verschiedenen Phasen meines Lebens. Keine meiner Exfrauen wird Ihnen sagen, ich hätte sie schlecht behandelt. Mein Problem war meine Arbeit. Die stand immer an erster Stelle.

Nicht so bei Clinton.
King: Über Clinton lässt sich eines mit Bestimmtheit sagen. Schwul ist er nicht.

CNN und die anderen News-Sender verlieren Zuschauer. Es gibt keine Kriege mehr. Das amerikanische Publikum kümmern harte Fakten weniger als Sex oder Esoterik.
King: Boulevard verkauft. Nehmen wir an: Auf Kanal 1 gibt Clinton bekannt, er wolle Irak bombardieren. Gleichzeitig talkt Monica Lewinsky auf Kanal 2. Was erzielt die höheren Quoten?

Monica Lewinsky.
King: Natürlich. Obwohl in Irak Leute sterben. Welche Sendung würden Sie als Produzent aufschalten?

Monica Lewinsky.
King: Die Medienwelt denkt genau so.