“…dann gibt es keine Unfälle und Staus mehr”

BMW-Vorstand Peter Schwarzenbauer über die Vermietung von Autos im Minutentakt und die grösste Herausforderung in der Geschichte der Autoindustrie.

Interview: Peter Hossli

Herr Schwarzenbauer, was haben Sie gegen das amerikanische Action-Kino?
Warum soll ich etwas dagegen haben?

BMW baut immer mehr Elektromobile. Deren Motoren machen keinen Lärm, bei Verfolgungsjagden explodieren sie nicht.
Bei Actionfilmen entsteht schon heute das meiste durch künstliche Intelligenz am Computer.

Ein «Fast and Furious»-Film mit einem Elektro-BMW scheint schwer vorstellbar.
Autos können in Filmen künftig noch schnel- ler rasen. Ein Elektromotor kann potenziell rascher beschleunigen als ein Verbrenner.

Die grosse Mehrzahl neu fabrizierter Autos wird von Benzin und Diesel betrieben. Wann haben E-Autos die Mehrheit?
Das ist die 100-Milliarden-Dollar-Frage. Es hängt von der Akzeptanz der Technolo- gie ab, den Reichweiten der Batterien, der Infrastruktur und den Preisen. Aus diesen Elementen ergibt sich schliesslich der berühmte Tipping-Point.

Was ist Ihre persönliche Prognose?
Schwer vorherzusagen, aber bis 2025 wird der Anteil an elektrifizierten Fahrzeugen wahr- scheinlich zwischen 15 und 25 Prozent liegen.

Die Industrie in Süddeutschland ist seit Jahrzehnten auf den Verbrennungsmotor ausgerichtet. Wie soll diese Umwälzung gelingen?
Wir legen nicht einfach den Schalter um. Der Veränderungsprozess dauert Jahre. Der wichtigste Schritt ist, dass wir auf der gleichen Produktionsstrasse sowohl Autos mit Elektro- wie auch Verbrennungsmotoren fertigen können. Entscheidend ist, dass man rasch reagieren kann und flexibel bleibt.

Der US-Autobauer Tesla setzte immer auf Elektromobilität und muss keine 100-jährige Technologie abstossen. Wie gross ist die Gefahr, dass er schneller in der Zukunft ankommt als BMW?
Firmen wie Tesla nehmen wir ernst. Es ist beeindruckend, was sie für die Elektromo- bilität getan haben. Allerdings ist in den nächsten Jahren ein enormer Investitionsbedarf nötig, nicht nur für die Elektromobilität, sondern für autonomes Fahren, künstliche Intelligenz, die Digitalisierung. Es ist die grösste Herausforderung in der Geschichte der Autoindustrie. BMW kann das mit eigenen Mitteln stemmen. Andere sind heute noch nicht profitabel oder haben nicht die Mittel für diese Investitionen.

Nicht Google und Apple. Deren Kassen sind prall gefüllt. Was, wenn einer dieser Konzerne zum Autobauer wird?
Ob die Techfirmen im Silicon Valley Autos bauen wollen, wird sich zeigen. Dass sie Technologien entwickeln möchten, die autonomes Fahren ermöglichen, da bin ich mir sicher. Sie wollen, dass alle ihre Techno- logie benutzen. Ob aber alle zu Autobauern werden, bezweifle ich.

Also keine Gefahr aus dem Silicon Valley?
BMW lernt gerade, eine Techfirma zu werden. Das bedingt, dass wir vieles schneller machen. Die Techfirmen im Silicon Valley wiederum müssen lernen, Autos zu bauen – das ist noch viel komplexer.

Techfirmen wollen die Auto- und Maschinenbauer von ihrer Software abhängig machen. Wie wehren Sie sich gegen diese trojanischen Pferde?
Kunden müssen sich zwei Fragen stellen. Erstens, bei wem sind ihre persönlichen Daten sicher? Wir optimieren mit Daten die Mobilität, die anderen verdienen damit Geld. Zweitens, wem trauen Sie es eher zu, ein sicheres Roboterauto zu bauen? Demjenigen, der das erste Auto überhaupt baut? Oder jemandem, der seit über 100 Jahren beweist, er kann sichere Maschinen bauen.

Junge Menschen sind mit Apple und Google gross geworden. Sie vertrauen diesen Firmen.
Unterschätzen Sie den Premium-Anspruch nicht. Nicht alle wollen im gleichen viereckigen Kasten fahren. Menschen sind bereit, für etwas Besseres und Angenehmeres einen höheren Preis zu bezahlen.

Wissen Sie, wie gross mein Auto ist?
Dafür kenne ich Sie zu wenig.

Es steckt in meiner Tasche: die App von Uber. Damit kann ich in jeder richtigen Stadt der Welt ein Auto fahren. Uber widerlegt das Premium-Argument.
Warum gibt es Uber Lux? Wenn Sie nur von A nach B fahren wollen, können Sie immer mit Uber X fahren. Trotzdem hat Uber Lux einen Anteil von 15 Prozent. Es ist einTrugschluss zu glauben, Ihre Mobilität liege auf Ihrem iPhone. So lange wir nicht beamen können, muss da draussen irgendwann ein Auto erscheinen, dass Sie fährt.

Wie besitzen wir künftig Autos?
Es wird einen Unterschied geben zwischen der Stadt und ländlichen Gegenden. Auf dem Land fahren Menschen eigene Autos. In Städten wird Mobilität verfügbar sein wie Wasser und das Internet. Da wird es in den nächsten Jahren eine weitere Verschiebung geben vom Besitz zum Nutzen. Der Sharing- Gedanke wird immer interessanter für uns.

Wie meinen Sie das?
Früher kaufte man das Auto bar beim Händler. Dann kam Leasing und der Markt explodierte, vor allem im Premium-Segment. Plötzlich leistet man sich durch die monat- liche Rate etwas Besseres. Verkaufen wir künftig Premiumautos im Minutentakt, wird der Markt viel grösser sein als heute.

Weil sich jeder einen BMW der 7er-Reihe leisten kann?
Nicht täglich, aber vielleicht zweimal im Monat kauft man sich per Handy nach dem Theaterbesuch eine Fahrt mit dem 7er-BMW.

Damit steigern Sie den Umsatz?
Leasen Sie ein Auto, zahlen Sie eine monat- liche Rate für die Nutzung. Im Moment kriegen wir sagen wir mal 790 Franken im Monat für ein Auto. Wenn ich das gleiche Auto den ganzen Tag im Minutentakt vermiete, hole ich viel mehr heraus.

BMW will bis 2021 selbstfahrende Autos in Serie herstellen. Geht da nicht die Freude am Autofahren verloren?
Wenn Sie in Zürich im Stau stehen, haben Sie keine Freude. Sie kommt zurück, wenn Sie am Wochenende in die Berge fahren. Beim autonomen Fahren organisieren wir die tote Zeit neu. Statt ständig ein paar Meter zu fahren und dann zu warten, können Sie diese Zeit besser nutzen. Wollen Sie dann am Wochenende das Fahrerlebnis geniessen, können Sie das tun.

Sie nehmen nicht den Lenker weg?
Den Lenker lassen wir bewusst drin. Bei unseren voll autonomen Fahrzeugen wird es die Möglichkeit geben, am Wochenende einen schönen Ausflug zu machen. Der Kunde soll weiterhin entscheiden, ob er selber fahren oder sich fahren lassen will.

Es ist schwer vorstellbar, dass auf der gleichen Strasse autonome und selbst gesteuerte Autos verkehren.
Es ist nicht möglich, gleichzeitig dumme und intelligente Autos im Stadtverkehr zu haben. Städte werden vielleicht Bereiche definieren müssen, wo Sie nur autonom fahren dürfen.

Bis 2021 sind Städte noch nicht so weit.
Die Einführungsphase wird Jahre dauern. Aber es wird bis dann Städte geben, die ganze Viertel haben werden für autonomes Fahren.

Es geht ja nicht nur um die Technologie, sondern um die Psychologie der Kunden. Sie müssen dafür bereit sein.
Nötig ist eine schrittweise Annäherung. Jugendliche gehen mit diesen Themen anders um als wir, sie wachsen digital auf und haben mehr Vertrauen in Technologie.

Was passiert, wenn ein Roboterauto erstmals einen Menschen totfährt?
Jeder Unfall ist einer zu viel. In den USA gibt es jährlich 30 000 Verkehrstote. Mit autonomen Fahrzeugen wird sich das laut Studien auf ca. 5000 reduzieren. Das ist ja um einiges weniger als wir heute haben.

Wer haftet, wenn das selbstfahrende Auto den Unfall verursacht?
Finanziell lässt sich das lösen. Wir könnten beispielsweise bei jeder Fahrt ein paar Cents in einen Fonds geben. Passiert etwas, wird das über diesen Fonds geregelt.

Wer wird bei der technologischen Entwicklung die Führung haben, die Europäer oder die Amerikaner?
Im Silicon Valley habe ich diesen neuen Begriff «frenemy» gelernt , die Verbindung aus friend und enemy, Freund und Feind. Wir sind Kunde von Google, machen Werbung bei Google. Es gibt Bereiche, da haben wir gleiche Interessen. Beide wollen das 5G-Netz dramatisch ausbauen. Denn ohne 5G kann man nicht autonom fahren. Steigt Google in die Mobilität ein, werden wir dort aber auch zu Wettbewerbern.

Viele Menschen haben Angst vor der Digitalisierung. Heute arbeiten 125 000 Personen für BMW. Werden es im Zuge der Veränderung mehr oder weniger sein?
Das kann ich nicht sagen. Die Geschichte zeigt aber, dass jede Veränderung immer mehr Stellen geschaffen als gekostet hat.

Seit über 40 Jahren höre ich am Radio Staunachrichten. Wann endlich lösen Sie das grösste Problem der Mobilität?
Wenn in Städten alle Autos autonom fahren. Dann gibt es keine Staus und Unfälle mehr.

Was noch Jahre dauert.
Es gibt Technologien, die einiges verbessern würden. Dreissig Prozent des Verkehrsauf- kommens in der Stadt ist Parkplatzsuche. Würden Autofahrer Parkplatzmanagement- Lösungen und Services, wie etwa unseren Dienst ParkNow nutzen, könnten wir das Ver- kehrsaufkommen schon um dreissig Prozent senken. Eine intelligentere Schaltung der Ampeln könnte Staus und CO2-Ausstoss weiter vermindern.