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“Es reicht nicht, eine Frau zu sein”

Die neue US-Botschafterin über die Kongresswahlen in Amerika, Frauen in der Politik – und wie sie sich bemüht, Barack Obama endlich in die Schweiz zu bringen.

Interview: Peter Hossli Fotos: Remo Nägeli

suzi_levineStop it, Vegas», geheisst Suzi LeVine ihren Pudel. Der Hund springt in ihrer Residenz den Reporter an. An den Wänden hängen Fotos, die LeVine mit Barack Obama zeigen. Für den US-Präsidenten sammelte sie Geld. Er verdankte es ihr mit dem Amt in Bern.

Frau Botschafterin, die USA und die Schweiz sind seit 1848 Schwester-Republiken. Wie oft sehen Sie Ihre eigenen Geschwister?
Suzi LeVine: Zuletzt vor zwei Wochen in Washington. Leider sehe ich sie nur selten.

Noch nie hat ein US-Präsident die Schweiz besucht. Das ist unhöflich.
Nicht nur unsere Präsidenten sind Geschwister, sondern alle Schweizer und alle Amerikaner. Da sehen wir uns recht oft.

Bundespräsident Didier Burk­halter hat Obama im September eingeladen. Es wäre ein Affront, diese Einladung auszuschlagen.
Derzeit arbeite ich mit Mitgliedern der Schweizer Regierung und mit Geschäftsleuten auf einen Punkt hin, bei dem es Sinn machen könnte, den Präsidenten zu involvieren.

Es ist doch so: Die Schweiz ist für die USA nicht mehr wichtig.
Falsch! Die Welt und die USA schätzen die Schweiz sehr. Sie ist in den USA ein grösserer Investor als China, Russland, Indien und Brasilien zusammen. US-Firmen beschäftigen in der Schweiz 80 000 Leute.

Gleichwohl hängt seit Jahren der Steuerstreit wie das Schwert des Damokles über den USA und der Schweiz.
Die griechische Mythologie fasziniert mich! Ihr Bild aber ist schief. Denn der Steuerstreit ist kein einziges grosses Problem, sondern es sind viele kleine Probleme.

Sie gelten als Problemlöserin. Beim Steuerstreit können Sie kaum eingreifen. Frustriert?
Es liegt an mir zu erklären, dass es beim Streit um US-Steuerbetrüger geht – und nicht um die Schweiz.

Bitte? Schweizer Banken zahlen horrende Bussen an die USA!
Die USA haben Bussen in der Höhe von 127 Milliarden Dollar auferlegt. Nur drei Prozent davon zahlten Schweizer Banken.

Was alle wissen wollen: Wann endlich ist der Streit beigelegt?
Der Prozess ist in vollem Gange. Es ist jedoch wichtiger, ihn richtig abzuwickeln als möglichst schnell.

Die USA verhandeln mit der EU über freien Handel. Wann lädt Amerika die Schweiz zu diesen Gesprächen ein?
Wir sind ja über die WTO miteinander im Gespräch. Ständig informieren wir die Schweiz darüber, wie es mit der EU läuft. Die Trans-Atlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) ist aber spezifisch für die EU und die USA angelegt und kann keine Blaupause sein für die Schweiz.

levine_hossliDie Schweiz befürchtet, als Nicht-EU-Land beim freien Handel mit den USA an Boden zu verlieren.
Die TTIP-Verhandlungen bringen sicher einige gute Ideen, wie freier Handel mit der Schweiz aussehen könnte. Darüber werden wir reden.

Aber erst, wenn TTIP steht?
Ja, sicher nicht gleichzeitig. Ich kann aber alle beruhigen: Die TTIP beeinträchtigt die US-Beziehungen zur Schweiz nicht. Im Gegenteil, es spornt uns an, ebenfalls ein Handelsabkommen mit der Schweiz zu schliessen. Zumal das Handels­volumen zwischen beiden Ländern 140 Milliarden Dollar umfasst.

Ihr Vorgänger als US-Botschafter, Don Beyer, bewirbt sich am Dienstag um ein Amt im US-Kongress. Eine Option für Sie?
Mein Fokus liegt klar auf heute und morgen – und auf der Zeit bis im Januar 2017, oder wie lange ich den USA in Bern noch dienen darf.

Die Kandidaten bei den Kongresswahlen geben sechs Milliarden Dollar für Wahlwerbung aus. Kann das demokratisch sein?
Sie geben so viel aus wie ganz Amerika jeweils für Halloween-Zeltli.

Nochmals: Ist das demokratisch?
Politik gedeiht am besten von unten nach oben. Ich habe Geld gesammelt für Kandidaten, bin von Tür zu Tür gegangen, habe telefoniert, andere für Politik motiviert. Je mehr Menschen involviert sind – und Spenden gehören dazu –, desto höher die Wahlbeteiligung.

Kaum sind US-Parlamentarier gewählt, müssen sie wieder Geld für ihre Wiederwahl sammeln. US-Milliardäre wie die Koch-Brüder kaufen ganze Wahlen.
Es liegt nicht an mir zu kommentieren, wer was wem bezahlt. Ich bin aber sehr stolz auf die amerikanische Demokratie. Dieses Jahr haben wir in 27 Bundesstaaten nicht nur Wahlen, sondern zusätzlich Abstimmungen.

Die Demokraten verlieren wohl die Mehrheit im Senat. Weil Obama unbeliebt ist?
Der Präsident fällt keine Entscheide aufgrund von Umfragen. Seine Politik muss gut sein für alle Amerikaner, nicht nur für 49 oder 51 Prozent. Er hat Ausserordentliches geleistet. Bei Amtsantritt verlor die US-Wirtschaft jeden Monat 80 000 Jobs. Jetzt schaffen wir monatlich über 200000 neue Stellen.

Verlieren die Demokraten den Senat, wäre Obama eine «lahme Ente» – ein Präsident ohne Macht. Dabei braucht die Welt ein starkes Amerika.
Egal, welche Partei die Macht hat, die USA versuchen stets, die Welt sicherer zu machen. Egal, wer am Dienstag gewinnt – die USA bleiben eine Nation, die weltweit hilft. Zudem hat es Obama geschafft, viele Na­tionen bei der Lösung globaler Probleme einzubinden, etwa um Ebola unter Kontrolle zu kriegen oder den Terrorismus an den Wurzeln zu bekämpfen.

Warum setzen Sie sich für Frauen auf Chefposten ein?
Jede Gesellschaft wird stärker, wenn Frauen gleichberechtigt sind. «Frauenrechte sind Menschenrechte», sagte Ex-Aussenministerin Hillary Clinton.

Sie unterstützten 2008 aber Obama, nicht Hillary Clinton.
Ich traf Obama im März 2005, war hochschwanger. Er legte seine Hand auf meine Schulter und fragte: «Wie fühlen Sie sich?» Da war mir klar: Das ist ein aussergewöhnlicher Mann. Und ich würde alles tun, damit er Präsident der USA wird …

… und nicht eine Frau?
Mein Entscheid hing einzig von der Person ab, nicht von ihrem Geschlecht, nicht von ihrer Hautfarbe. Heute bin ich sehr stolz, Obama in der Schweiz vertreten zu dürfen.

Dann zieht 2017 die erste Frau ins Weisse Haus?
Unser nächster Präsident muss sich für die Umwelt einsetzen und die Beziehungen zur Welt weiter stärken. Kann das eine Frau? Natürlich! Aber es reicht nicht, eine Frau zu sein.

Suzi LeVine (44) ist keine klassische Diplomatin – und sagt: «Mein ganzes Leben lang habe ich Menschen zusammengebracht.» Sie war Managerin bei Microsoft, arbeitete beim Online-Travel-Service Expedia, sammelte für Organisationen – und Barack Obama. Sie ist aktiv auf Twitter. Als erste US-Botschafterin der Welt legte sie ihren Amtseid auf einer elektronischen Ausgabe der Verfassung ab. LeVine ist verheiratet mit einem Weinhändler und hat zwei Kinder.