Articles by Peter Hossli, a curious reporter who always finds a good story

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Es schneite die Asche der Zwillinge

9/11 veraenderte das Leben vieler Menschen – auch meines. Vor zehn Jahren berichtete ich vor Ort ueber den Terror. Ein Stück Erinnerung und eine Mediengeschichte.

Von Peter Hossli

centerDie schöne Norwegerin teilte es mir zuerst mit. Die Grafikerin in meinem Büro, mit der ich schon lange hatte sprechen wollen, wozu ich aber zu scheu war. «Ein Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen», sagte sie. «Mein Freund beobachtete es vom Fenster aus.» Sie hat einen Freund? Sicher ein Kleinflugzeug, eine Piper, war der zweite Gedanke. «Was für ein Flugzeug?» «Keine Ahnung», sagte sie und verschwand.

Sofort rief ich in Zürich an, auf der Redaktion von «Facts». «Schmitt», meldete sich der Blattmacher. «Ein Flieger steckt im World Trade Center, willst du eine Geschichte dazu?» «Ist etwas weit weg von der Schweiz, vielleicht eine halbe Seite.»

Worte, die selbst zehn Jahre später eigenartig berühren. An die desinteressierte Tonlage in Schmitts Stimme erinnere ich mich so genau wie an das klare Wetter am 11. September – es war der schönste Tag des Jahres. Früh war ich im Büro gewesen, bereitete ein Interview vor mit einem Anwalt, der hauptberuflich Diktatoren jagt.

Eine halbe Seite? Wieder so ein Redaktor, der vom Bürosessel die Welt erklären will, dachte ich, hat wohl keine Lust, am Abschlusstag das Heft umzustellen.

Heute lachen Schmitt und ich darüber.

Just eilte ich an die Ecke 17. Strasse und Sixth Avenue, mitten im Bohemienquartier Chelsea. Von hier war die Sicht frei auf die Twin Towers, die Zwillingstürme. Plötzlich zerschnitten gellende Schreie die Ruhe. «No, oh no, no!» Ein dumpfer Knall, ein feuriger Ballon, der sich an der Ostseite des Wolkenkratzers aufblies. Soeben hatte ein zweites Flugzeug den südlichen Zwilling getroffen. Keine Piper, das war ein Jet.

Kurz nach 9 Uhr wusste die Welt, New York wird attackiert.

Der Auslandsredaktor rief an. «Fred am Apparat, wir brauchen dich.» «Was wollt ihr?» «Unklar, wir melden uns, geh raus, schreibe auf, was du siehst.»

Nicht einfach, am 11. September 2001. Reporter schreiben über Schicksale anderer, sind Beobachter, nicht Beteiligte. Das war damals nicht so. Terroristen griffen meine Stadt an. Meine Freunde und ich gehörten zu den Überlebenden.

Das Büro lag zwei Meilen nördlich vom World Trade Center entfernt. Ich rannte südwärts, dorthin, wo es brannte. Sirenen heulten, Hubschrauber surrten, Menschen flohen. An der Franklin Street, 500 Meter von Ground Zero entfernt, errichtete die Polizei hölzerne Barrikaden. Nur Ärzte durften durch.

Der Blick schweifte nach oben, entlang der silbernen Türme, aus deren Spitzen grauer Rauch qualmte. «Da springt einer», rief ein Fahrradkurier mit verstörter Stimme. Menschen, die nicht ersticken wollten, warfen sich von den obersten Etagen aus den Fenstern. Ein Anblick, der sich tief ins Gedächtnis eingeprägt hat. Noch heute läuft er wie ein Zeitraffer ab – wie überhaupt der ganze Tag. «Geht nach Hause», trieb ein schwarzer Polizist uns Gaffer weg.

Wie angeheftet standen ein paar Hundert Menschen auf der Strasse, starrten bewegungslos die lodernden Türme an. Etliche umringten einen offenen Jeep, an dessen Dach ein Sternenbanner flatterte. Aus dem Radio erfuhren sie, vermutlich islamische Terroristen hätten zwei Flugzeuge gekapert und ins World Trade Center geflogen.

«Es ist unmöglich, dass diese Konstruktion einen solchen Schaden aushält», sagte ein Bauarbeiter neben mir, ein kräftiger Kerl im geripptem Unterleibchen und Helm. «Bei dieser Hitze schmelzen die Stahlträger, die Türme implodieren.» Diese Geschichte erzähle ich noch heute allen, die mit der Verschwörungstheorie hausieren, nur eine Bombe hätte das World Trade Center fällen können.

Löscht die Feuerwehr den Brand von oben? Retten die Polizeihubschrauber die Menschen? Stille Hoffnungen, die sich alsbald zerschlugen. Recht bekam der Bauarbeiter. Zuerst fiel der Süd­, dann der Nordturm.

Etwas so Schreckliches hatte ich noch nie gesehen. Gewaltige Bauten, die in den Himmel ragten, von weither sichtbar, die uns Heimkehrenden nach einer Reise den Weg zurück in die Stadt wiesen, sackten einfach ab, in ein qualmendes Nichts. Wie bei einem Vulkan durchschnitt ein enormer Geröll­ und Aschepilz den Spätsommerhimmel. Neben mir jaulten Menschen. Fremde fielen sich in die Arme, spendeten Trost. Erwachsene Men­schen heulten.

Vor Telefonzellen stellten sich viele New Yorker geduldig in Reihen. Ihre Mobiltelefone waren verstummt. Sie riefen den Ehemann an, das Kind, die Freundin. Fragten: «Bist du okay»?

Das Interview mit dem Diktatorenjäger sagte ich ab. Die Redaktion in Zürich wusste nun, was sie wollte. Sie lieferten Hintergründe, «du schreibst persönlich, was du erlebst», sagte Fred. Wie ich eine befreundete Filmemacherin, die neben den Türmen wohnte, den ganzen Tag über suchte – und abends in Harlem fand. Wie der Schutt den Rasenplatz zerstörte, auf dem ich stets donnerstags Fussball gespielt hatte. Wie sich das befreiende Gefühl pulverisierte, in einer sicheren Stadt zu leben.

Kirsten – eine Bildredaktorin – erreichte mich am Telefon. «Unsere Fotografen kommen nicht in die Stadt rein, kauf dir eine digitale Kamera, mach Porträts von New Yorkern.» Die Polizei hatte die Brücken und Tunnels nach Manhattan geschlossen, aus Angst vor Autobomben.

Das Gespräch mit Kirsten war das letzte Telefon an diesem Tag. Abrupt verstummte das Festnetz. Fortan lief die Kommunikation nur noch per E­Mail. Aus der Schweiz erreichten mich elektronische Nachrichten von Freunden und Verwandten, sogar von Menschen, die sich jahrelang nicht gemeldet hatten. Ob ich noch lebe, wollten sie wissen.

Bereits gegen Mittag wirkte die Acht­Millionen­Metropole leer, die meisten Geschäfte hatten das Personal heimgeschickt. Offen waren die Fotoläden auf der 18. Strasse. Für 1400 Dollar erstand ich eine digitale Kamera, Marke Epson, Auflösung 3,3 Megapixel. Zog danach durch die Strassen, fotografierte New Yorker, fragte nach ihrem Befinden – «es war, wie wenn mich jemand in den Bauch geboxt hätte» – «surreal» – «ein Tag, an dem New York in die Augen Gottes blickte».

pete11Jahre später traf ich in einer Zürcher Badi einen der damaligen Bildredaktoren. «Das ist der Hossli», stellte er mich einer Begleiterin vor. «Am 11. September kaufte er eine digitale Kamera, warf sich ins Getümmel und fotografierte für uns.» Bildredaktoren, erfuhr ich, erzählen sich diese Anekdote. Nicht wegen der Qualität der Bilder, die war mies. Ein Detail aber beeindruckt sie: Die Kamera war von Einwegbatterien betrieben, nicht von einem Akku, der zuerst hätte aufgeladen werden müssen. Der Vorteil: Ich konnte sofort loslegen.

Es schneite, als meine Freundin und ich vor zehn Jahren zu Hause in Brooklyn ankamen. Nicht Schnee fiel vom Himmel. Es war die Asche der Zwillinge.

Anderntags bedankte sich Fred. «An diese Geschichte wirst du dich noch lange erinnern.» Sie hätten ein ganzes Heft zu 9/11 gemacht, nicht nur eine halbe Seite.

Und die schöne Norwegerin? Kam nie mehr ins Büro.

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1 Comment

  1. Spannender Artikel. Nur die Aussage zur Verschwörungstheorie finde ich gar etwas naiv! Alleine die Tatsache, dass irgen eine Feuerwehrman meint, die Türme werden wegen der Hitze einstürzen ist noch lange kein Beweis für die “offizielle” Version der US-Regierung. Frühere hatte man auch behauptet, die Erde kann doch nicht rund sein, sonst würde man ja schliesslich von der Erde fallen. Übrigens: Sowohl Architekten wie diverse Wissenschaftler behaupten, dass ein Hochhaus aus Stahl und Beton wie die WTC nicht alleine durch ein Brand zum Einsturz gebracht werden können. Ausserdem wie können Sie mir erklären, dass die Türme der WTC gleich schnell eingesürzt sind wie im freien Fall, wenn in den unteren 80 Stockwerke kein Brand stattgefunden hat? Wieso hat man auf Ground Zero Spuren des Explosivs Thermit gefunden etc. etc.? Die Wahrheit ist manchmal komplexer als man es gerne hätte.

    Matthias

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