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Der Amtsantritt

Kalt, friedlich und fröhlich – ein Fest der Schwarzen war die Amtseinführung von Barack Obama. Ein Augenschein in Washington D.C.

Von Peter Hossli

was1.jpgLos geht es um fünf Uhr früh, eine Stunde später als der Concierge am Abend vor dem geschichtsträchtigen Eid riet. «Zwei Millionen fahren per Bahn in die Stadt, das dauert», warnte er. «Ziehen Sie sich warm an.»

Minus zehn Grad Celsius zeigt das Thermometer um fünf. Zwei Paar Socken sind angezogen, ebenso Thermounterwäsche, über Hemd und Anzug eine Daunenjacke, dazu Schal und Wollmütze. Zum Frühstück gibt es Müesliriegel. Unverhofft strahlt vor dem Hotelzimmer das hoffnungsvolle Gesicht von Barack Obama. «Ein historischer Tag», titelt «USA Today», das Blatt liegt vor der Tür. Selbstsicher und einnehmend lacht der neue Präsident von einer Fotografie herab. «Heute übernimmt Obama die Macht», schreibt die Zeitung.

In etwa sieben Stunden. Es ist dunkel in Washington und bitterkalt. Und doch scheint die ganze Stadt guten Mutes und bereits auf den Beinen. Eine Gruppe vermummter Gestalten fährt im Hotelbus zur Metro-Station. «Hast Du das Ticket?», fragt ein stattlicher schwarzer Mann, elegant gekleidet mit Krawatte, dunklem Mantel und Hut mit breiter Krempe auf Haupt. Just greift seine Frau in den Zobel und streckt ihm die Karte für die Inauguration hin. «Ja, ich habs, ja, ich habs.» Sie grinst. Ist stolz. Aus Alabama sei sie angereist, sagt die pensionierte Köchin. Als Teenager musste sie im Bus noch hinten sitzen. «Ein Leben lang habe ich auf diesen Moment gewartet.»

Ein Fest der Schwarzen ist die Amtseinführung Obamas. Einer von ihnen wird heute Präsident, nimmt eine Hürde, die einst als unüberwindbar galt. Aus Atlanta sind Schwarze angereist, aus Brooklyn, Detroit, Harlem, Miami. Als gingen sie in die Kirche tragen sie Sonntagsrobben, Frauen Pelze, Männer edle Mäntel. «Mit eigenen Augen will ich sehen, ob sie ihn tatsächlich vereidigen», sagt eine Lehrerin aus New Orleans.

Am Reagan Airport und am Pentagon vorbei führt die Metro über eine Brücke nach Washington. Der Zug stockt, hält, gleitet schleppend. Nach drei Stationen ist er zu voll, um weitere Passagiere aufzunehmen. Eine Mutter und ein Vater, die aus Oregon anreisten, geben Tochter und Sohn Brötchen zu essen. Die Mutter streift ihnen Skimützen über. «Ich will den Kindern zeigen, wie friedlich in Amerika demokratische Machtwechsel sind», sagt der Vater. «Ist das Ihre erste Inauguration», fragt eine junge Anwältin aus Arizona das Elternpaar. Beide nicken. «Und für Sie?» «Ja, zuvor gab es ja wenig zu feiern.»

was3.jpgKurz nach sechs hält der Zug bei der Station «Capitol South», hinter dem Capitol, wo Obama in sechs Stunden den Eid ablegt. Eine Rolltreppe führt in die eisige Nacht. Von überall strömen Menschen herbei, huschen still durchs Dunkle. «Euch allen wünsche ich ein tolles Fest», ruft eine laute Stimme mit New Yorker Akzent. Es ist Chuck Schumer, Senator aus New York. Trotz reserviertem Sitz auf der Haupttribüne ist er früh aufgestanden, «um mit Euch zu feiern», sagt er. Washington ist ein bisschen wie Aarau aufgemotzt mit Grandezza. Um fünf, wenn die Büros schliessen und die Beamten in die Vorstädte verschwinden, kehrt schon Ruhe ein. Heute aber sind die Strassen voll, lachen und küssen Menschen, tollen Kinder.

Vor dem orangen Eingangstor bildet sich eine zwei Meilen lange Schlange. Der Concierge hatte doch Recht. Artig stellen sich die Frierenden in die Reihe. Erst in zwei Stunden geht das Tor auf. Viele tanzen, um warm zu bleiben, andere hüpfen, Paare kuscheln. Der angekündigte Schnee bleibt aus. Um sieben geht die Sonne auf. Fremde palavern miteinander. «Das ist die spannendste Zeit meines Lebens», sagt ein 45-jähriger Programmier, der aus San Francisco angereist ist. «Das Land steckt tief in der Krise und wählt einen Präsident, der gigantisch Hoffnung macht.» Was Obama tun muss, glaubt er wissen zu. «Er muss das Gefühl vermitteln, sich um uns zu kümmern. Bush tat das nie.»

was.jpgUm acht öffnet das Tor. Gemächlich zuckelt der Menschenzug auf eine Reihe von Metalldetektoren zu. Ein älterer Herr, der gestern den orangen Sektor ausgekundschaftet hat, will wissen, in welcher Sektion der Reporter sitzt. «16, rechts neben der Treppe.» «Von da sieht man nichts», sagt er. Nach drei Stunden Kälte kommt das nicht gut an.

Rasch füllt sich die Sektion 16. Das Podium, wo Obama in vier Stunden reden wird, ist nur dreissig Meter entfernt. Ha – gar nichts versperrt den Blick. Ein zweiter Müesliriegel stillt den Hunger. Unaufhörlich dröhnt nun Marschmusik aus den Boxen. Buben spielen mit Gameboys. Ein Mädchen schläft auf den Beinen ihres Vaters. Familien lassen sich fotografieren. Die Stimmung ist heiter.

Die Menge raunt als sich das Schauspielerehepaar Tim Robbins und Susan Sarandon vordrängt. Kurz darauf folgt Fernsehtalkerin Oprah Winfrey. Eine Reihe entfernt sitzt Supermodel Tyra Banks wie alle anderen auf einem braunen Klappstuhl aus hartem Plastik. «Wo ist die Toilette», fragt sie. «Dahinten, in den blauen Plastikhäuschen.» Ihre Augen erstarren. Da geht sie nicht hin. Ein Blick zurück auf die Mall offenbart ein Menschenmeer. Wow. Später heisst es, es seien so viele wie nie zuvor gekommen. Vielleicht zwei Millionen Menschen.

was5.jpgVor zehn stimmt der Knaben- und Mädchenchor von San Francisco die Hymne «America the Beautiful» an. Es scheint nun wärmer. Adrenalin jagt durchs Blut, weil das Event bald beginnt. Aber auch, weil George W. Bush nur noch zwei Stunden Präsident ist. Zu Ende geht eine Epoche, in der man sich rechtfertigen musste, die USA zu mögen. Vorbei ist eine Präsidentschaft ohne Höhe- und mit vielen Tiefpunkten. Ein Regent tritt ab, der die erhabene amerikanische Verfassung verriet; der nach dem Terror vom 11. September 2001, als die Welt solidarisch zu ihm stand, eine Chance verpasste; der Foltern liess, Reiche begünstigte und Arme verachtete; der illegal gegen Irak Krieg führte; der die Sprache verunglimpfte, nie Neugier zeigte, Vernunft verschmähte. Aus nächster Nähe zu sehen, wie er abgelöst wird, wärmt Füsse, Hände – und das Gemüt.

Obama sei «der richtige Präsident zum richtigen Zeitpunkt», sagt Sherman Silber, ein jüdischer Arzt aus St. Louis. «Unser Land ist zerstritten, Obama eint es.» Silber, der unfruchtbare Männer behandelt, ist alt genug, um sich an nach Rassen getrennte Restaurants und Bars zu erinnern. «Wir Amerikaner sind stolz, einen schwarzen Präsident zu haben», sagt er. «Obama symbolisiert, was wir so gerne sein wollen – ein Meltingpot, der funktioniert.»

was6.jpgZu kalt sind die Finger, um die gnadenlos ehrliche, berührende und hoffnungsvolle Rede Obamas mitzuschreiben. Was bleibt sind Fetzen. «Die Herausforderung ist real», sagt er. «Neu erfinden» wolle er Amerika mit alten Tugenden. «Harte Arbeit statt Faulenzen, Neugierde und das Streben nach Freiheit.» Es sei unsinnig zwischen «Sicherheit oder amerikanischen Idealen» zu wählen. Will heissen, es ist nicht nötig, Menschen zu foltern, um Amerika zu schützen. «Wir sind bereit, die Welt wieder zu führen.»

Kaum ist die Ansprache fertig, eilen viele zum Ausgang. Der Dichterin, die folgt, horchen sie nicht zu. Wichtiger als Poesie ist jetzt die Toilette. «Stopp, Stopp, alle sofort anhalten», ruft plötzlich ein Agent des Secret Service. Zwei Geländewagen brausen herbei. Ein Dutzend schwer bewaffneter Kerle mit dunklen Sonnenbrillen hetzen auf die Strasse. Von fern ist zu sehen, wie George und Laura Bush beim Capital einen Helikopter besteigen. «Adieu, Mister Präsident, kommen Sie nie wieder», buht einer, als der Hubschrauber abhebt. «Ein bisschen Respekt, er war immerhin unser Präsident», antwortet eine Frau. Es tut wirklich gut, Bush beim Gehen zuzuschauen.

Endlich, ein warmer Ort. Köstlich schmeckt die Linsensuppe, die im prall vollen Café hinter dem Capitol serviert wird. Fremde teilen Tische und Episoden zum nun historischen Amtsantritt. Wo sie standen. Wie kalt es war. Wie sie nach Hause reisen. Obamas Rede? Darüber spricht keiner.

was7.jpgDer Versuch, an die Parade auf der anderen Stadtseite zu gehen, scheitert. Die Subway ist verstopft, Taxis fahren nicht, die Strassen sind verstellt. Beim Bahnhof droht Chaos. Abgesehen von einem schmalen Eingang sind alle Tore zu Union Station versperrt – aus Sicherheitsgründen. Erneut stehen Massen eine Stunde in der Kälte. «Wir sind keine Kühe», mäkelt einer. «Das ist der erste Versager von Obama», sagt sein Kumpel. «Bush können wir nicht mehr beschuldigen, nun wird es ernst für Obama.»

Pünktlich um acht fährt der Zug nach New York weg. Mancher schwärmt von der «besten Party aller Zeiten». Um neun ist es still. Viele sind eingeschlafen – mit einem zufriedenem Lächeln im Gesicht.

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