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Chuck Wepner ist der wahre Rocky

Sylvester Stallone war ein nicht sonderlich talentierter Schauspieler. Bis er 1975 den Boxkampf von Wepner gegen Ali sah. Kurz darauf schrieb Stallone das Drehbuch zu «Rocky» und wurde zum Superstar. Im Februar kommt nun die sechste Folge ins Kino. Und Chuck Wepner wird endlich die Ehre erteilt, die «The Real Rocky» auch verdient.

Von Peter Hossli (Text) und Charly Kurz (Fotos)

lookat_00020127_preview.jpgDie vergilbte Visitenkarte erzählt die ganze Geschichte. «Chuck Wepner», steht vorne, «Wein- und Schnapshändler.» Hinten schimmert bläulich ein unscharfes Foto, das einen verschwitzten Hünen zeigt, der aufrecht davon trottet, weg vom grössten Boxer aller Zeiten. Der liegt angeschlagen auf den Brettern. «Überstand 15 Runden gegen Muhammad Ali», steht beim alten Bild. «Hat die ‹Rocky›-Filme inspiriert.»

lookat_00020128_preview.jpgChuck Wepner, der Hüne und Schnapshändler, öffnet die oberste Schublade seines alten holzigen Schreibtischs, klaubt zwei Visitenkarten hervor und steckt sie den Besuchern zu. «Eine solche hat nicht jeder», sagt er. Sichtlich stolz ist er auf die «zwei Ereignisse, die mich prägen». Auf den Titelkampf gegen Ali, den er am 24. März 1975 in Cleveland zwar verloren hatte, bei dem er als 36-jähriger Underdog den damaligen Champion aber mit einem gezielten rechten Haken unters Herz zu Boden schlug. Ein anderer Underdog sah den spektakulären Fight, der nicht sonderlich talentierte Schauspieler Sylvester Stallone. Just danach schloss er sich in seine schäbige Mietwohnung ein. Binnen dreier Tage verfasste er das Drehbuch zu «Rocky», den famosen Boxfilm, der Stallone zu einem der reichsten Stars in Hollywood machte.

Ein rosaroter Rosenstrauss aus Plastik ziert das Kaffeetischchen in Wepners Stube. Die Tapeten sind blumig gemustert. Es riecht nach Parfüm. Spiegelwände lassen die Dreizimmerwohnung in Bayonne, New Jersey, grösser erscheinen als sie ist. Wepner, 67, zwängt seinen knapp zwei Meter langen und über hundert Kilo schweren Rumpf in den eierschalenfarbenen Ledersessel. Er trägt schwarz und bequem, eine verwaschene Trainingshose und ein kurzärmliges Leibchen. «Natürlich sind wir wieder Freunde», sagt Wepner, und korrigiert sich. «Wir sind immer Freunde geblieben.» Wir – das sind er und Stallone. Der waghalsige Boxer, dessen Mut im Ring die Karriere des Akteurs beflügelt hatte. Gekriegt hatte der «Real Rocky» dafür nie etwas. Vergebens wartete er auf eine bescheidene Geste, auf eine Rolle in einem Film, auf eine Entschädigung.

lookat_00020126_preview.jpgVor drei Jahren drängte ihn seine Frau Linda, eine Klage über 15 Millionen Dollar einzureichen. Nicht den Klau seiner Lebensgeschichte reklamierte Wepner vor Gericht. Er warf Stallone missbräuchliche Werbung mit seinem Namen vor. So erzählt dieser auf DVDs und bei Auftritten stets, wer ihn inspiriert hat. «Ohne meine Geschichte, wäre ‹Rocky› nur ein Märchen», sagt Wepner. «Niemand würde es glauben.»

Vergangenen August schlossen Stallone und Wepner einen Vergleich. Der Star zahlt dem Boxer eine geheim gehaltene Summe und anerkennt Wepner als rechtmässigen Rocky.

Was für Wepner eine späte Genugtuung war, ist perfektes Timing für Stallone. Mit «Rocky Balboa» gelangt nun die sechste und vermutlich letzte Folge der Filmserie in die Kinos, die weltweit über drei Milliarden Dollar eingespielt hat. Ein noch laufendes Verfahren hätte die Premierenfeier getrübt. Dazu nicht eingeladen ist Wepner. Er schaut sich den Film in einem lokalen Kino an, «am Nachmittag, wenn es nicht voll ist».

Ohnehin erwartet er nicht allzu viel. «Es ist doch lachhaft, wenn Stallone mit 61 Jahren erneut in den Ring steigt und um den Titel boxt.» Er selbst hörte mit 40 auf, um «auch im Alter noch gerade reden und zuhören zu können». Die meisten seiner gleichaltrigen Boxkumpel hätten heute «matschige Köpfe», sagt er. Er blieb fit, mental wie körperlich, weil er hart trainierte, kräftig schlug und furchtlos kämpfte. Mehr hatte er nicht. Wepner war – wie Rocky im Film – ein weisser Boxer mit grossem Herz und wenig Talent. Ein Rüpel ohne Grazie. Mit «Bandenkrieg» umschreibt er seinen Stil, «die Glocke läutet, ich renne drauflos», so Wepner. Bessere Boxer schüchterte er ein, um sie zu besiegen.

Auf der Strasse lernte er zu kämpfen, raufte mit Halbstarken, nie unterlag er in einer Bar oder einer dunklen Gasse, sagt er. Zu boxen begann er als Marinesoldat. Später lud ihn der halbblinde Coach des Boxvereins von Bayonne zu einem Probetraining. Er hatte Wepner beobachtet, wie er als Türsteher unliebsame Gäste aus schummrigen Nachtclubs warf. Alsbald erwarb er sich den Kosenamen «Bayonne Bleeder», der Bluter von Bayonne, ein Fighter, der meist blutüberströmt den Ring verliess. 327 Mal musste er genäht werden. Er holte etliche nationale Titel und verkaufte nebenher Bier und Wein. Schliesslich boxte und verlor er gegen die Grossen der Zeit, gegen Sonny Liston, gegen George Foreman.

lookat_00020132_preview.jpgDen Zenit längst überschritten hatte Wepner, als ein lauter und schnoddriger Kerl mit wildem und hohem Haar die Boxszene betrat. Don King hatte im Oktober 1974 den legendären «Rumble in the Jungle» organisiert, den Fight zwischen Muhammad Ali und George Foreman im damaligen Zaire. Ali siegte, überraschend. Promoter King verlor Millionen, die ihm die Mafia vorgestreckt hatte. Der nächste Kampf musste unbedingt Gewinn abwerfen, sonst wäre King «auf dem Meeresgrund verschwunden», sagt Wepner. Um seinen Kopf zu retten, brauchte King ein betörendes Duell, das den Zeitgeist traf. Folglich liess er den schwarzen Champion gegen den weissen Aussenseiter auflaufen.

Als bestplatzierter weisser Schwergewichtsboxer erhielt Wepner der Zuschlag – und weil ihn keiner ernst nahm. «Ich war der klare Underdog», sagt er. «Ali hatte eben in einen harten Kampf Foreman geschlagen, er suchte jemanden, den er mühelos verhauen konnte.» Bei 30 – 1 lag die Wettquote. Wepner galt als Witzfigur. «So einer steht für das weisse Amerika?», spottete Ali. Wepner gefiel das. «Ali würde mich unterschätzen und ich war in der Form meines Lebens.» Erstmals trainierte er vollzeitlich. Sieben Wochen lang lud ihn Don King in ein Luxushotel in die Catskills, ein Hügelzug nördlich von New York. Er rannte, er ass, er boxte, er schlief.

lookat_00020131_preview.jpgDann kam der Kampf, am 24. März 1975 im Colosseum von Cleveland. Wie ein wilder Stier stürmte Wepner auf Ali zu. Dieser tänzelte, wich aus, hielt Distanz. Bis zur neunten Runde. Ali verlor die Balance, Wepner traf ihn an der Brust. Ali taumelte, fiel und liess sich bis acht anzählen. «Es war ein grossartiger Punch», sagt Wepner. Ganz aufgeregt eilte er in seine Ecke und schrie den Manager an: «Lass den Motor an, wir fahren zur Bank, wir sind Millionäre.» «Du drehst Dich besser um», schlug es ihm entgegen. «Ali steht wieder, er ist fuchsteufelswild.» Unerbittlich schlug Ali nun zu, brach Wepner Nase und Kiefer. Blut rann über die Augen. In der letzten Runde stoppte der Schiedsrichter die Prügelei.

Ali behielt den Titel. Als Held stieg aber Wepner aus dem Ring. Tugendhaft führte er das amerikanische Ideal – und auch Klischee – vor, hatte als Underdog der schier unbesiegbaren Übermacht die Stirn geboten. «Jetzt lacht niemand mehr über Wepner», schrieb der Sportkolumnist der «New York Times». Don King fiel Wepner um den Hals. «Du bist mein Held, du hast mir das Leben gerettet.»

Landesweit zeigten etliche Kinos den Ali-Wepner-Fight live. Der Legende nach mit seinen letzten vierzig Dollar kaufte sich Sylvester Stallone eine Karte für die Live-Übertragung in seiner Heimatstadt Philadelphia. Der ehemalige Pornodarsteller war begeistert, endlich hatte er die Story gefunden, die ihn aus der Zweitklassigkeit rausreissen würde. In derselben Nacht begann er zu schreiben. Eine Woche später hatte er sein Drehbuch bereits verkauft und den Zuschlag für die Titelrolle erhalten.

Wepner erhielt von einem Produzenten einen Anruf, ein neuer Film basiere auf seinem Leben. Er sah «Rocky» an der Premiere in New York und war fassungslos. «Der Film versetzt mich in Trance, genau wie der Ali-Fight Stallone in Trance versetzte», sagt Wepner. «‹Rocky› war besser als ich erwartet hatte, er erzählte mein Leben.» In Philadelphia, statt in Bayonne. Rocky ist wie Wepner ein lokaler Held, der in rauchigen Spelunken boxt, nie wirklich gross wird und für kleine Mafiosi Geld eintreibt; der wie Wepner als weisser Underdog eine Chance gegen den schwarzen und vorlauten Champion erhält; der ihn auf die Bretter haut, fünfzehn Runden durchhält, am Schluss verliert, aber die Herzen der Fans erobert; der einen halbblinden Coach hat und in einem düsteren Boxclub trainiert; der wie Wepner durch eine verschlissene Industriestadt und entlang des Hafens joggt.

lookat_00020130_preview.jpgWenige Szenen der Filmgeschichte sind so famos wie Rockys Sprint über die steilen Stufen, die zum Kunstmuseum von Philadelphia führen. Oben angekommen, reckt Rocky die Arme triumphal gen Himmel. Mittlerweile steht eine bronzene Rocky-Statue auf der Stiege, die Zehntausende von Touristen jährlich nach Philadelphia bringt. Zu einer Gedenkstätte für Kriegsversehrte führen die echten Rocky-Stufen – im Stadtpark von Bayonne. Hier hatte Wepner einst sein Trainingsprogramm abgeschlossen. Jetzt steht er wieder oben, als älterer Mann, und zeigt den Reportern wie er damals die langen Arme zum Himmel reckte. Zwei Fernsehteams hatten ihn vor dem Ali-Fight dabei auf der Treppe gefilmt. «Sports Illustrated» hob ihn auf den Titel. «Stallone hat alles im Fernsehen gesehen oder in Magazinen gelesen», sagt Wepner. Raffinierte verknüpfte der Autor die Bruchstücke von Wepners Leben mit dem Fight zu einem berauschenden Filmdrama.

«Rocky» erhielt den Oscar für den besten Film. Wepner kriegt nichts. Jahrelang erzählte er die Legende, Stallone hätte ihm 70’000 Dollar für die Rechte an seinem Leben bezahlt. Er schämte sich für die Wahrheit. Alles, was Stallone ihm versprach, fiel durch. Kurz vor Drehbeginn zu «Rocky II» etwa strich er sämtliche Szenen, in denen Wepner einen Sparringpartner namens Ching Webber mimen sollte. «Stallone vertröstete mich immer wieder, die richtige Rolle würde bestimmt kommen», sagt Wepner. Sie kam nie.

Mitte der achtziger Jahre trafen sie sich doch noch auf einem Filmset, in einem Gefängnis in Nord New Jersey. Wepner war mit Kokain erwischt worden und sass achtzehn Monate Haft ab. Stallone drehte im selben Knast das Zuchthausdrama «Lock Up» und besuchte Wepner. Der Boxer liess ihn eine halbe Stunde warten.

Heute ist Wepner nicht mehr nachtragend. «Stallone verdient, was er hat», sagt er. «Er hat es durch harte Arbeit selbst erreicht, er ist smart und ein grossartiger Autor.»

Das Telefon klingelt. Ein Kunde bestellt eine Kiste Wodka. Noch immer verkauft Wepner Schnaps. Drei Mal die Woche stemmt er Gewichte, am Fernsehen kommentiert er klassische Boxkämpfe, zur Ruhe setzen will er sich nicht. «Ich bin so fit wie ein Teenager», sagt er und ruft seine Frau Linda herein, eine voluptuöse Italienerin mit wasserstoffblondem Haar. «Sie ist eine Prinzessin», sagt Wepner. «Wäre kein Fotograf hier, läge sie noch im Bett.» Er ist zufrieden, sagt er. «Ich habe gut gelebt, wenn ich morgen tot umfalle, ist das okay, verpasst habe ich nichts.» Dreimal war er verheiratet, hatte «eine Million Frauen». Zwei Freundinnen und seine Frau sassen während des Ali-Fights am Ring. Er fährt einen massgefertigten und 60’000 Dollar teuren Cadillac. «Champ» steht auf dem Nummernschild, das ihm einst der Gouverneur von New Jersey gab. Ein Hollywoodstudio will nächsten Frühling einen Spielfilm über sein Leben drehen.

Ein Film, der etwas klarstellen soll. «Rocky ist bei Stallone ein dümmlicher Kerl», sagt Chuck Wepner. «Ich bin nicht dumm.» Es stimmt.