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Mister iPod

Er hat die Erfindung des Jahrzehnts gemacht, den MP3-Musikplayer iPod von Apple, und er hat damit einen Lifestyle lanciert. Tony Fadell, heimlicher Star der Computerindustrie, darf das eigentlich niemandem erzählen. Erstmals setzt er sich nun über das Verbot hinweg. Eine Personenfahndung.

Von Peter Hossli (Text) und Adrian Müller (fotos)

tony_fadellTony Fadell, 35, ist nicht zu beneiden. Er hat die Welt verändert – nur darf das niemand wissen. Es war im Frühjahr 2001, als Fadell, von Beruf Ingenieur, über die Skipisten von Vail in Colorado wedelte und sein Mobiltelefon klingelte. «Hallo, Tony», sagte eine Stimme, «wir haben einen Job für dich.»

Es war die Stimme des Hardwarechefs von Apple. Nur sechs Monate später, rechtzeitig aufs Weihnachtsgeschäft, präsentierte der US-Computerhersteller den iPod, einen formschönen, handlichen MP3-Musikspieler; tausend Songs fanden damals auf dessen Festplatte Platz. Der Öffentlichkeit wurde dieses Gerät als kleines Weltwunder präsentiert, und selbstverständlich tat dies Steve Jobs, der charismatische und sehr eitle Überchef und Kogründer von Apple. Schon damals stand Fadell abseits. Dabei hatte er das Gerät von Grund auf entwickelt; als Chef eines 35-köpfigen Teams von Designern und Ingenieuren.

Fadell hat einen Job geleistet wie nur wenige Ingenieure der Unterhaltungselektronik vor ihm. Bisher gingen vier Millionen Stück des weissen Verkaufswunders weltweit über den Ladentisch. Der iPod hat nicht nur Apple neu belebt, sondern auch die schwächelnde Musikindustrie, konstatieren die Analysten einhellig. Und sie sagen auch, das Gerät führe endlich vor, was die Propheten der digitalen Revolution schon lange verkünden: den lukrativen Handel mit digitalisierten Gütern. Derweil hintersinnen Soziologen und Psychologen den gesellschaftlichen Einfluss des musikalischen Winzlings. Die Wissenschaftler haben bereits eine neue Spezies definiert: den so genannten iPodler, jenen Zeitgenossen, der mit leicht entrückter Miene in einer Musikblase durch die Welt und das Leben geht.

Viel wurde und wird geredet um das Hightech-Tool. Nur einer kam bislang nicht zu Wort, Fadell. Der Ingenieur, dem gelang, was nur wenigen Technikern gelingt: Mit einer Erfindung einen Lifestyle zu lancieren; wie das Sony in den Siebzigern mit dem Walkman schaffte oder später Nicolas Hayek mit der Swatch. Aber Fadell, der Papa des iPod, darf seine Vaterschaft nicht anerkennen, er sprach bisher nicht mit der Presse – es gab bloss Gerüchte über ihn, die im Internet zirkulierten.

Wochenlang ignorierte er eine Interview-Anfrage. Dann aber: Plötzlich die Zusage für ein Telefongespräch. Fadell will allerdings zu Hause angerufen werden, nicht im Büro in Cupertino, Kalifornien, Apples Firmensitz. Niemand soll wissen, dass er mit der Presse spricht. «Hallo, hier Tony», sagt er freundlich. Es ist früh am Morgen, Fadell ist noch in seinem Haus in Portola Valley, einer schmucken Kleinstadt unweit von Palo Alto; Häuser kosten hier mindestens eine Million Dollar.

«Ich gebe Ihnen jetzt die Regeln für das Interview bekannt», legt Fadell los. «Es geht um mich, um meine Person. Nicht um die Geschichte des iPod. Klar?» Und: «Gewisse Fragen, das müssen sie wissen, beantworte ich nicht.»

Können Sie uns sagen, wie Sie bei Apple angefangen haben?

«Nein, das geht nicht. Ich kann nur sagen, was auf meiner Website steht: Ich arbeite in der iPod-Abteilung von Apple mit dem Titel eines Vizepräsidenten.»

Mister Fadell, das US-Magazin «Newsweek» hat vor ein paar Wochen die Episode geschildert, wie Sie im Skiurlaub einen Anruf von Apple erhielten. Entspricht das der Wahrheit?

«Darüber kann ich nicht sprechen.»

Können Sie uns wenigstens sagen, warum Sie nichts sagen dürfen?

«Nur ausgewählte Sprecher reden über unsere Produkte. Das ist ein Apple-Grundsatz. Die Produkte stehen im Vordergrund, nicht die Personen.»

Ein Kampf um die Besten

Für Apple spricht meistens nur einer: CEO Steve Jobs, 50, der Messias des Unternehmens. Viele halten ihn für genial – mit Sicherheit ist er aussergewöhnlich egozentrisch. Jobs fürchtet, dass die Konkurrenz seine besten Ingenieure abwerben könnte. Auch deshalb darf niemand von Fadell wissen. Die Befürchtungen sind nicht unbegründet. Als Jobs vor 20 Jahren mit dem ersten Macintosh den Personal Computer revolutionierte, interviewte das US-Magazin «Rolling Stone» die Mac-Macher. Kurz da- rauf wechselten die Ingenieure zur Konkurrenz – sie zahlte höhere Löhne. Unter anderem wegen dieses Exodus ging Jobs Plan nicht auf, mit den Macs den PC-Markt zu kontrollieren; stattdessen rutschte der Marktanteil seiner Computer auf unter drei Prozent weltweit. Dasselbe soll beim iPod nicht mehr geschehen, zumal Apple bei den digitalen Musikspielern nach den neusten Zahlen 57 Prozent des Marktes hält.

Deshalb dürfte Fadell eigentlich gar nicht seine Geschichte erzählen, nicht von seiner Karriere reden, die eine amerikanische Erfolgsstory ist. Geboren in Detroit, zog er mit seiner Familie durchs Land, besuchte elf Schulen, verdiente achtjährig sein erstes Geld: als Eierverkäufer. Mit zwanzig kam Fadell ins Silicon Valley, wo er sechs Firmen gründete; drei verkaufte er mit satten Gewinnen, drei machte er dicht. Zwischen Firma Nummer vier und fünf verpflichtete ihn der holländische Elektronikriese Philips, weil niemand raffiniertere portable Geräte bauen konnte als Fadell. Er nennt sich «studierter Ingenieur» und «selbst ernannter Designer». Mit Vorliebe entwirft er tragbare Apparate. «Begrenzter Raum erzwingt kreativere Lösungen für komplexe Probleme.»

Welche Probleme hatte er beim iPod zu lösen? Fadell antwortet allgemein – aber immerhin antwortet er. «Du musst dir das gesamte Produkt im Detail vorstellen, bevor du es baust.» Bei kostengünstigen Konsumgütern wie dem iPod müssten Hardware-Design, Software-Design und das mechanische Design optimal zusammenspielen. Damit «das System wenig kostet, wenig Strom benötigt und in eine Hand passt.» Sicher sei dabei eines: «Du musst Kompromisse eingehen. Die richtigen zu finden, ist die grosse Kunst.» Sein Hintergrund hätte ihm geholfen, die Leistung des kleinen Prozessors, den Umfang der Software sowie die Lebensdauer der Batterie gegeneinander abzuwägen. Zuvor hätte er ja «Chips gebaut, Programme entwickelt, vollständige Produkte konzipiert». Fadell spricht wie der iPod- Vater. Also ist ers? «Diese Frage kann ich nicht beantworten.»

Fest steht: Für Philips entwarf er zwei Taschencomputer, den Nino und das Velo. Für Sony schuf er den MagicLink, eine Art elektronische Wollmilchsau, die Adressen und Termine speicherte, Faxe verschickte, News und Börsenkurse anzeigte. Die Geräte gewannen Design- und Technikpreise – und floppten, «weil die Firmen sie nicht richtig vermarkteten». Ein portables Gerät habe im Verkauf nur dann eine Chance, wenn dessen Sinn und Zweck mit griffigen Werbebotschaften zu erklären sei. «Das gelingt Apple, nicht Philips.» Bei Philips zählten nur die Zahlen. Apple aber «will die besten Produkte herstellen, das Geschäft kommt nachher.» Fadell nennt den iPod «das Produkt, das mir am meisten am Herzen liegt». Der iPod erledige eine einzige simple Aufgabe perfekt, deshalb sei er erfolgreich, er spiele Tonfiles ab, Musik oder Hörbücher. «Riesig» freue es ihn, wenn er auf der Strasse jemandem mit weissen Kopfhörern im Ohr begegne. Täglich lese er E-Mails von glücklichen iPod-Besitzern; einige schildern ihm sogar, wie ihnen das Gerät zu einem Date verholfen habe. Imitiert die Konkurrenz das Design, «spüre ich Genugtuung». Also doch, er spürt das Glück des Schöpfers? «Sorry, no comment.»

Er steht auf Detroit-Rock

Fadell erfindet nicht aus dem Nichts. Seine Produkte sind Weiterentwicklungen bestehender Konzepte. «Ich bin kein Wissenschaftler, der stets Neuland betritt, sondern ein Designer und Ingenieur, der umsetzt.» Den Erfindergeist vererbte ihm der Grossvater, ein «Ingenieur alter Schule», sagt Fadell, «einer, der alles selber baute». Tagelang bastelte er mit dem Enkel und lehrte ihn, sich technische Probleme bildhaft vorzustellen, bevor er sie angeht.

Als Tony zehn Jahre alt war, lancierte Apple, damals eine noch neue Computerfirma, gerade den Apple II, einen besonders durchdachten Personal Computer. Den wollte Tony, Geld hatte er keins. Sein Grossvater schlug ihm einen Deal vor: «Du arbeitest in den Sommerferien, ich gebe dir, was noch fehlt.» Der Knabe zog als Caddie Golfschläger übers Green und bekam im Herbst seinen ersten Computer.

Fünf Jahre später zahlte sich die grossväterliche Investition aus. Fadell, der Teenager, entwickelte einen ultraschnellen Prozessor für den Apple II; Apple kaufte das Patent.

Tony Fadell schliesst das Telefongespräch mit einer Bitte: «Schreiben Sie nichts über die Geschichte des iPod.» Klar, er hat dazu ja nichts gesagt. «Ich will meinen Job nicht verlieren.» Dann sagt Fadell, er jette mit seiner Gattin übers Wochenende von Kalifornien nach New York an die Hochzeit einer iPod-Entwicklerin. «Viele iPodler werden dort sein.» Lässt er sich in New York fotografieren? «Unter einer Bedingung, es muss ein Paparazzi-Bild sein, kein Porträt.»

Zwei Tage später endlich ein Treffen. Fadell erscheint zum Fototermin in Manhattan in Jeans und Designer-Hemd; dessen grelles Weiss erinnert an den iPod. Eine silberne Sonnenbrille versteckt die Augen, das Haar ist blond und schütter, die nackten Füsse stecken in Ledersandalen. Auf dem vollen runden Gesicht ein vielleicht etwas albernes, aber aufrichtiges Lächeln. Fadell kleidet sich leger und teuer. Der Stil passt nicht so recht zum bübisch freundlichen, kräftigen und grossen Mann, der lange und eifrig sein neues Mobiltelefon vorführt, ein Sony Ericsson 637.

Oder den iPod. Beim Spaziergang mit dem Fotografen durch den New-Yorker Fleischmarkt zückt er das neuste Modell aus der Hosentasche. Sichtlich stolz. Darauf sind 10 000 Songs gespeichert. «Haben Sie denn schon gesehen?», will er wissen und ulkt. «Eklektisch» sei die Musik auf seinem iPod, sagt er, umfassend ungewöhnlich. Fadell – «ich stehe auf Detroit-Rock» – besitzt 3500 CDs und 120 Gigabyte digitale Songfiles, rund 4000 Stunden Musik. Er möge das Gerät, weil er keine CDs herumschleppen müsse und doch stets einen beachtlichen Teil der Sammlung dabei habe. «Auf meinen iPod lade ich, was ich finden kann.» Und auf den iPods anderer endecke er ständig neue Musik. «Früher gab es für mich nichts Cooleres, als in das Haus von Freunden zu gehen und deren CDs mit meinen zu vergleichen», sagt Fadell. «Jetzt kann ich das mit einer Hand tun, jederzeit. Meine Freunde haben ihre Musik stets dabei.»

Welche portablen Geräte uns in fünf oder zehn Jahren berieseln, darüber will er nicht orakeln. Dabei kursieren seit langem Gerüchte, Fadells Team entwickle den Video-iPod. «Kein Kommentar.» Nur so viel: «Historisch haben Firmen mit tragbaren Musikplayern hohe Gewinne erzielt.» Fadell denkt natürlich an den Walkman von Sony.

Das Geld kommt von selbst

Fünfzehn Jahre schon lebt Tony Fadell im Silicon Valley, dem Tal der Technologie und der monetären Träume. Nirgends hatte der Internetboom in den Neunzigern mehr Multimillionäre produziert als zwischen San Francisco und San José. Dann krachte die Börse, und das Valley leerte sich. «Viele kamen wegen des schnellen Geldes», sagt er. Mittlerweile bestimmten wieder Ingenieure das Geschehen. Verschwunden seien die geldgierigen Schwätzer. «Ich liebe die Arbeit, nicht das Geld. Das Geld kommt von selbst.»

Vor sechs Jahren prophezeite das Wirtschaftsmagazin «Fast Company», der damals 29-jährige Fadell werde mit 35 Jahren «einer der Leader im Silicon Valley» sein. Heute schmunzelt Fadell über das Zitat. «Ich bin der Leader eines grossen Apple-Teams. Apple ist technologisch führend. Ich freue mich darauf, noch viele tolle Produkte entwickeln zu können.» Und das Produkt, das ihn weltberühmt machen würde? Vielleicht, sagt er, gebe es ja mal ein Buch über die Geschichte des iPod. Man wird sehen, ob es Tony Fadell selbst schreiben darf.