Articles by Peter Hossli, a curious reporter who always finds a good story

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Die Show des sanften Kriegers

Er will der 44. US-Präsident werden. Er präsentiert sich als stolzer Veteran und kämpft doch gegen das eigene Image. Mit John F. Kerry auf Wahlkamptour.

Von Peter Hossli (Text) und Stefan Falke (Fotos)

Hier in Wisconsin sieht Amerika wie Niederbayern aus. Saftige Wiesen. Urige Häuser. Die Menschen, die hier leben, wirken bodenständig und bescheiden. Nur in Cuba City, da scheinen sie etwas grossspurig. «Stadt der Präsidenten» nennen die Einwohner ihr 2000-Seelen-Kaff. Die Strassenlaternen gleichen den Ahnengalerien des Weissen Hauses, an jedem Pfahl hängt ein Metallschild mit Namen und Herkunft eines der 43 Präsidenten. Und dies, obwohl kein einziges Staatsoberhaupt aus Cuba City stammt.

Beinahe wäre kürzlich ein Präsident immerhin zu Besuch gekommen. Anfang Mai diesen Jahres hatte sich George W. Bush angekündigt. Ein paar hundert Menschen warteten auf dem Dorfplatz, die Schule hatte geschlossen, Kinder hatten Lieder einstudiert und Geschenke gebastelt. Bush fuhr durch. Mit 60 Sachen. «Die Kinder haben geweint», erzählt der Bibliothekar.

Jetzt soll ein Präsidentschaftskandidat kommen, immerhin. Die Leute geben sich auch mit John Kerry zufrieden. Die Kinder haben Lieder einstudiert und Geschenke gebastelt. Der Bibliothekar schaut skeptisch in die Runde. «Wenn John Kerry auch nicht stoppt, geht in Cuba City garantiert keiner wählen.»

Kerrys Bus hält. Die Cubaner winken ihm zu, verhalten, denn hier im Mittleren Westen kennt man den Demokraten bislang nur als Mann der Eliten. Deshalb braucht Kerry Cuba City und seine 2000 Seelen. Im Mittleren Westen wird es auf jede Stimme ankommen. Hier leben die Wechselwähler.

Mit einem grossen Satz springt Kerry aus dem Bus, Chuck Berrys «Johnny B. Goode» ertänt, seine Wahlkampfhymne. Ein Helfer gibt dem Kandidaten ein Mikrofon. Er winkt ab. Eine Rede will er nicht halten, er will direkt mit den Leuten reden. Will ihre Sorgen anhören. Will sie berühren. Als eine junge Frau klagt, sie habe Angst um ihren Mann, der im Irak kämpfe, legt Kerry seine langen Arme um sie und drückt sie fest an seine Brust. Spontan soll es aussehen, voll von ehrlichem Mitgefühl. Dass solche Gesten oft kalkuliert wirken, schreckt Kerry nicht ab, sie zu wiederholen. Immer wieder, gerade im Mittleren Westen, wo er sich besonders schwer tut, das Image des Unnahbaren abzustreifen.

Kerry geht auf die Menge am Dorfplatz zu. Aufgeregt umzingeln ihn seine Leibwächter. Sie mögen die Nähe zum Volk nicht. Ronald Reagan, der ungern körperlichen Kontakt hatte, war da leichter zu händeln, ebenso George W. Bush, der die Menschen gern mit ausgestrecktem Arm auf Distanz hält. Kerry aber scheint das Spiel mit Händen und Fingern in den vergangenen Monaten geradezu lieben gelernt zu haben. Kerry berührt. Lässt berühren. Er umarmt Männer kumpelhaft, die im Vietnam-Krieg dienten. Er drückt Frauen behutsam, die Babys in den Armen wiegen. Er streckt Kindern die flache Hand zum Abklatschen hin. Er boxt sanft auf Schultern. Mit der Linken hakt er ein. Mit der Rechten drückt er zu. Kräftig packen seine langen, knochigen Finger zu. Immer wieder greifen sie nach Fremden. Und sie fühlen sich auch nach den vielen Berührungen erstaunlich kühl an.

Am Ende blickt Kerry nach oben, auf die Schilder an den Laternen, und sieht dort die Namen Reagan, Bush, Clinton, Bush. «Der nächste bin ich», ruft er lachend. Dann springt er wieder mit einem grossen Satz in seinen Bus, und das Fahrzeug setzt sich in Bewegung. Als das blaue Riesen-Vehikel fast am Horizont verschwindet, murmelt der Bibliothekar: «Immerhin hat Kerry angehalten.»

Der engste Berater des Kandidaten steht vor einem Hotel in Boston. Ganz allein steht er da, ein bisschen verloren. Niemand der Passanten erkennt den Bruder des Kandidaten. Leise spricht der 53-Jährige, bedächtig sind seine Aussagen. Doch keiner hat mehr Geld gesammelt für Kerrys Kampagne. «Die Wahl wird knapp», sagt Cameron Kerry, der Teilhaber einer einflussreichen Anwaltskanzlei ist. «Ich bin froh, wie wir in den Umfragen stehen, und auch wie Bush steht.» Er weiss: Liegt der Herausforderer drei Monate vor der Wahl in etwa gleichauf mit dem Präsidenten, so wie derzeit, dann hat der Kandidat gute Chancen.

Tage später, wieder unterwegs mit Kerry im Mittleren Westen. Der Kandidat signiert T-Shirts. Den Filzer reicht ihm Marvin Nicholson, neben seinem Bruder der andere wichtige Mann auf der Wahlkampftour. Nicholson agiert wie ein Schatten. Auf die Uhr blickt Kerry nie, Nicholson weiss die Zeit. Tritt Kerry auf die Bühne, dann streift er das Jackett ab und wirft es, ohne zu zielen, nach links. Zu Nicholson. Klagt eine junge Mutter ihr Leid, fragt Kerry nach deren Namen. «Wir schauen, was wir tun können», sagt er und blickt zu Nicholson. Der notiert ihre Nummer.

Nicholson ist Kerrys Butler. «Persönlicher Assistent», korrigiert der, während er im Abseits auf seinen Herrn wartet, der gerade eine Gedenkstätte für gefallene Soldaten in Fort Madison, Iowa, besucht. Da will er ausnahmsweise niemanden neben sich. Nicht die Bodyguards, nicht den Butler, einen ehemaligen Barkeeper. Nicholson schleppt Kerrys Golfschläger übers Green. Nicholson schmiert Sandwiches mit Erdnussbutter und Marmelade, wenn der Senator hungrig ist. Er weckt ihn, er trägt seine Tasche, reicht ihm frische Hemden, poliert die Schuhe. Nur pünktlich ans Ziel bringt Nicholson seinen Chef nie. Vor allem seit dieser das Händeschütteln für sich entdeckt hat. Denn jeder Handschlag soll ein Vorurteil zerstören.

John Kerry bemüht sich, einen bescheideneren, volksnaheren Kandidaten abzugeben. Es fällt ihm nicht leicht. Kerry stammt aus einer elitären Familie, aus zwei Ehen mit reichen Frauen besitzt er ein Millionenvermögen. In fünf Nobelorten leistet er sich Ferienhäusern. Böser Ballast, denn hier im Mittleren Westen soll Kerry als Kerl ankommen. Einer, der jagt, der fischt, der zupackt.

Kerry kann gut Geschichten erzählen. Er braucht gute Geschichten. Solche, wie die, dass er sich 1968 freiwillig zur Marine meldet. Dreimal in Vietnam verwundet wird. Verdienstkreuze bekommt, weil er Feinde tötet und Kameraden rettet. Von solchen Geschichte zehrt der Kandidat Kerry. In jedem Ort. Immer wieder. Und immer wieder haben diesen Geschichten eine Fortsetzung. Wie der Kriegsheld von falschen Illusionen beraubt, heimkehrt und der Antikriegsbewegung beitritt. Eine Lebensgeschichte als Trumpf.

«Mich beeindruckt, was er aus seinen Voraussetzungen gemacht hat», sagt Bob Racklett am Parteitag in Boston, ein Delegierter aus Kalifornien, der 22 Jahre in der Navy diente. «Er hätte schliesslich nicht in den Krieg ziehen müssen.» Paul Dugoleck pflichtet bei. «In seiner Nähe fühle ich mich wohl», sagt der Beamte aus Mechanicsburg in Pennsylvania. Er wähle ihn, weil Kerry die «Hitze des Gefechts» kenne. Aber wenn es um «Krieg oder Frieden geht, entscheidet Kerry besonnen», glaubt Dugoleck.

Auf dem Dach lauern Scharfschützen. 20000 Anhänger warten in Grand Rapids im Bundesstaat Michigan. «Vor fünf Wochen war Bush hier. Damals kamen nur 4000», johlt ein Einpeitscher. Tosender Applaus. Zwei kleine Mädchen stellen sich auf die Bühne, bereit, die Nationalhymne zu singen. Auf ihren T-Shirts prangt der Slogan der Kerry-Wahlkampftour: «Believe in America». Glaubt an Amerika. «Hallo Grand Rapids», schreit der Einheizer. «Ist das Kerry-Gebiet?» «Yeah», schreien die Leute zurück. «Ist das Bush-Gebiet?» «Nooo!» Grand Rapids glaubt an Kerry – obwohl die Stadt traditionell republikanisch wählt. Seit Bush regiert, gingen der Region Tausende Jobs verloren. «Die Leute kommen, weil sie nicht mehr arbeiten», sagt eine Stadtbeamtin. «Sie hoffen, Kerry bringe die Arbeit zurück.»

Ungestüm röhrt Springsteens «Glory Days» aus den Lautsprechern, gefolgt von rhythmischen «Kerry, Kerry Kerry»-Rufen. Zwei Dutzend Menschen betreten die Bühne, perfekt platziert fürs Fernsehen. Es sind Kinder, Alte, Frauen, Männer, Schwarze, Weisse, Asiaten. Der Meltingpot. Das, was Amerika so gerne wäre.

Kerry stürmt auf die Masse zu, seine Frau Teresa Heinz Kerry hat Mühe, ihm zu folgen. Fähnchen zittern. Menschen brüllen. Kerry schwenkt die Arme, schaut, als verdiene er den Empfang nicht. Er tänzelt schattenboxend in die Menge. Wie damals Muhammad Ali. Ich bin bereit zum Kampf, soll das heissen. Er wirft das Jackett zum Butler und krempelt die Ärmel hoch. Die Symbolik ist eingeübt. Schnell noch eine Gedenkminute für die im Irak gefallene Soldatin aus Grand Rapids. Kerry, der Katholik, faltet die Hände, blickt zu Boden, bekreuzigt sich.

Die Stille bricht die Stimme seiner Frau. «Alpha-Mensch» nennt sie ihren John. «Ich kann nicht genug kriegen von ihm», haucht sie. Es klingt nach Sex. «Er gibt sich total hin. Er wird euch furchtlos beschützen.» Kerry küsst Teresa auf den Mund. «Ist sie nicht wunderbar?» Dann legt er los. Aggressiv spricht er über den Applaus hinweg. Pausenlos. Redet über Erziehung. Irak. Familie. Plötzlich hält er inne. Eine Frau erleidet einen Hitzschlag. «Bringt Wasser, macht Platz für den Arzt», weist Kerry an. Dann nimmt er sich wieder Platz für seine eigene Geschichte. «Ich habe Amerika als junger Mann verteidigt. Ich werde es als Präsident ebenso tun.»

Am nächsten Tag holt sich Kerry zwölf Bosse grosser Firmen zum Wirtschaftsgipfel nach Davenport, Iowa. Kerry sitzt in der Mitte, referiert frei. Er verspricht, was ein Kandidat versprechen muss. Den defizitären Staatshaushalt will er ausgleichen. Die Steuern der Mittelklasse senken, die der Reichen erhöhen. Mit Anreizen US-Firmen in eigenen Land halten. Danach hört er vor allem zu, schreibt auf, schaut den Managern ins Gesicht. Vergisst einer sich vorzustellen, ermahnt ihn Kerry charmant.

Weiter nach Grand View, Iowa: Horizonte aus Maisfeldern, ein Restaurant, zwei Tankstellen. Drei Dutzend Menschen warten auf einer sumpfigen Wiese. Eine Karawane von Polizeiautos rast vorbei, gefolgt von fünf Bussen, im vordersten die Kerrys. John und Teresa zwängen ihre Oberkörper durchs schmale Fenster. Als erster springt Kerry heraus, greift nach ein paar Händen. Auf dem Hügel hängt ein Huey-Helikopter aus dem Vietnamkrieg, angeschraubt an einem Betonrohr. Ein schmucker Hintergrund für Fotografen, um Kerrys beste Geschichte zu bebildern: die des Kriegshelden.

Zielsicher spurtet er durchs Gras, berührt die Kufen des Helikopters, fragt erwartungsvoll: «Gibt es hier Veteranen?» Ein scheuer, buckliger Kerl löst sich aus der Menge. «Ich bin Ray Cromer.» «Toll, diese Gedenkstätte», antwortet Kerry. Minutenlang reden die beiden allein. Später erzählt Cromer, 57, der Senator hätte ihn gefragt, ob sein Name in das Denkmal eingraviert sei. Nein. Kerry verspricht, es zu ändern. «Er redet, als ob er sich tatsächlich für mich interessiert», sagt Cromer. Beim Lächeln sieht man seine gelben Zähne. Kerry ist schon wieder in seinem Bus. Unterwegs zum nächsten Einsatz.

Der gewaltige Mississippi-River umfliesst den Ort Hannibal. In Grün und Rot ist die Bühne gehalten, auf die John Kerry tritt. Er reckt die Arme zum Himmel. Am Handgelenk leuchtet das gelbe Gummiband der Krebsstiftung von Radprofi Lance Armstrong. «Das ist eine der schönsten Städte Amerikas. Mark Twain wuchs hier auf Welt.» Er sei der eine der beiden grossen Geschichtenerzähler Amerikas. «Der andere», sagt der Kandidat und lacht, «arbeitet für die republikanische Attackenmaschinerie.» Das Gelächter bleibt verhalten. Frohsinn ist Kerrys Sache nicht.

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  1. [...] Journalist Peter Hossli and I covered John Kerry’s campaign in 2004, including the Democratic Convention in Boston, for Focus Magazine / Germany. Read the article (in German only) here [...]

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