Von Peter Hossli
Heute denkt Rudolph Giuliani nicht an Schonkost. Statt gekochter Tomaten und getrockneter Früchte verzehrt der krebskranke Bürgermeister New Yorks ein weiches Brot mit Käse und Wurst. Er zieht die Schutzmaske vom Gesicht. Den Kopf bedeckt eine Mütze der Feuerwehr. Sein Gesicht ist gezeichnet, und er wirkt müde und traurig. Dabei soll er Mutlosen wieder Mut machen. Doch am dritten Tag verlässt auch ihn die Kraft. Er legt sich hin und schweigt. Wen wunderts. Rudy, wie er hier heisst, hat die 8-Millionen-Metropole 48 Stunden ohne Schlaf durch ein zuvor unvorstellbares Chaos geführt.
Terroristen flogen an jenem klaren Spätsommermorgen, dem 11. September, je einen Jet in die beiden Zwillingstürme des World Trade Center. Die zwei Wolkenkratzer und fünf umliegende Häuser stürzten binnen weniger Stunden ein. Womöglich kamen bis 7000 Menschen ums Leben, darunter hunderte von Polizisten und Feuerwehrleuten. Die sonst pulsierende Stadt lag regelrecht am Boden, physisch wie psychisch. Doch Rudy Giuliani behielt einen kühlen Kopf. Der vor der Katastrophe bei liberalen und schwarzen New Yorkern arg umstrittene Bürgermeister bot eine wahre Glanzleistung. Er meisterte eine Krise, auf die sich kein Politiker vorbereiten kann.
Innert Kürze organisierte er die immensen Rettungs- und Aufräumarbeiten, er motivierte die Feuerwehrleute. Geradezu rührend, wie er Courage vermittelte, bestärkend, wie er mit den Menschen sprach.
Er war immer überall und sagte stets das Richtige. Er vermittelte Ruhe und antwortete präzise. Er verfügte nonstop über die neusten Informationen, und - für die geschundene Stadt besonders wichtig - es gelang ihm, Mitgefühl zu vermitteln und besonnen und nicht blindlings nach vorne zu blicken. «Besucht die Oper, das Theater, esst in Restaurants.» Aufrichtig gemahnte er die vielen traumatisierten Grossstädter, so gut es geht zur Normalität zurückzukehren.
Ein Hochzeitsbesuch geriet zum emotionalen Höhepunkt von Giulianis wundersamem Wirken. Wie vor Wochen abgemacht, amtete der Bürgermeister am Samstag nach der Attacke auf Staten Island als Brautführer. «Life must go on», sagte er.
Der abgebrühte Hardliner hat die Herzen der Bürger erobert
«Rudolph Giuliani personifiziert für uns alle, was echter Mut bedeutet», sagte der TV-Talkmaster David Letterman eine Woche nach dem Terroranschlag. «Newsweek» verglich ihn mit Churchill. Giuliani wandle wie Gott durch die geschlagene Stadt, schrieb ein Kolumnist in der «New York Times»: «Die Bürger wollen in seiner Nähe sein, sie wollen ihn berühren.» Er strahle echte Würde und Anteilnahme aus, befand der Leitartikel.
Ausgerechnet Giuliani, der abgebrühte Hardliner, der zuvor gegen vieles vorging, was in New York Freude bereitet, hat sich in die Herzen der New Yorker eingepflanzt. Er, der zuvor Feldzüge gegen Hot-Dog-Stände und Striptease-Clubs führte, gegen Künstler, Taxifahrer und gegen Fussgänger, die bei Rotlicht über die Strasse gingen. Sein Sauberkeitsprogramm trug ihm die Anschuldigung von demokratischen Politikern ein, er habe während seiner achtjährigen Amtszeit eine Art Polizeistaat errichtet. Kunstschaffende bezichtigten Giuliani der Zensur, weil er einem städtischen Museum in Brooklyn Gelder gekürzt hatte - ein Bild in einer Ausstellung mit jungen britischen Künstlern erschien ihm blasphemisch. Die Wochenzeitung «Village Voice» warf dem Stadtoberhaupt Rassismus vor. Schwarze oder lateinamerikanische New Yorker seien unter seiner Regentschaft an den Rand gedrängt worden. Ein mittlerweile berühmtes Bild zeigt ihn mit Hitlerschnäuzchen.
Vor der Katastrophe war Giuliani von einst 80 Punkten auf 50 Punkte in der Beliebtheitsskala gefallen. Mark Green, der aussichtsreichste Kandidat für dessen baldige Nachfolge, versprach, sämtliche Fehler Giulianis «sofort rückgängig zu machen». Auf Anfang November sind Bürgermeisterwahlen angesetzt.
Jetzt wollen alle, dass Rudy im Amt bleibt - obwohls illegal ist
Green ist inzwischen verstummt. Stattdessen will eine überwältigende Mehrheit der New Yorker Giuliani im Stadthaus behalten. «Four more years»-Rufe schallen Rudy entgegen, wo immer er auftritt. Doch er wird im Januar termingerecht abtreten müssen, denn das Gesetz sieht für hiesige Bürgermeister maximal zwei vierjährige Amtszeiten vor. Vergebens verlangen Leserbriefschreiber und Kommentatoren, man müsse Giuliani per Dekret im Amt belassen. Warum die anstehenden Neuwahlen nicht einfach absagen? «Das verstösst gegen das Gesetz», sagt der ausgebildete Jurist Giuliani selbst. Es wäre eine zusätzliche Tragödie, wenn die Terroristen auch den demokratischen Prozess gefährden würden.
Gleichwohl betonten zahlreiche Politiker, es dürfte ausgesprochen schwierig werden, bereits in drei Monaten das gesamte Regierungsteam auszuwechseln. «Er muss bleiben», verlangte gar der ehemalige Bürgermeister Ed Koch, beileibe kein Freund Giulianis. Ein Verfassungsrechtler argumentierte, die New Yorker seien derzeit nicht in der Lage, einen weisen politischen Entscheid zu fällen, und legte eine Klage gegen die bevorstehende Wahl ein.
Würde er denn bleiben, falls er könnte?, fragte CNN-TV-Talker Larry King den Bürgermeister. Der antwortete: «Das weiss ich jetzt noch nicht.»
Der Ruhestand ist für den umtriebigen Giuliani sicher kein Thema. Gerade jetzt scheint ihm jedes Amt offen zu stehen. Stadtplaner wollen ihn mit dem Wiederaufbau des südlichen New York betrauen. Polizisten sähen ihn in der Rolle des Terroristenjägers. Schliesslich hat der einstige Staatsanwalt schon mehrmals der Mafia das Handwerk gelegt.
Aus dem einst herrischen ist der heroische Mayor geworden. Wie ein Staatschef begleitete er weltmännisch andere Staatschefs zum Ground Zero, dem Trümmerhaufen im Süden Manhattans. Der französische Präsident Jacques Chirac nannte ihn «Maire-héros». Uno-Generalsekretär Kofi Annan, der britische Premier Tony Blair und auch Chirac wollten aus erster Hand wissen, wie die Aufräumarbeiten vorankommen. Giuliani und nicht etwa US-Präsident George W. Bush ist derzeit der Mann, der die USA vereint und das Land, zumindest symbolisch, nach aussen vertritt.
«Newsweek» bezeichnete ihn als echten Leader, während die «New York Times» Bush als «scared mouse», als ängstliche Maus, beschrieb. Wenn er fit bliebe, munkeln die Politauguren bereits, könnte er Bush dereinst gar das Weisse Haus streitig machen - trotz Halbglatze, einem zwar banalen Attribut, das aber einen amerikanischen Politiker im fröhlichen Fernsehzeitalter bisher als unwählbar abstempelte.
Heute interessiert sich niemand mehr für Giulianis Skandale
Die Spassgesellschaft? Die scheint seit dem Terroranschlag passé zu sein. Im Nachhinein wirkt grotesk, worüber die Medien noch am Tag zuvor berichtet haben: ein kalifornischer Parlamentarier, der eine Affäre mit einer vermissten Praktikantin gehabt hat, der Autounfall einer Pressesprecherin und - Giulianis Liebesleben.
Klammheimlich hatte sich der verheiratete und katholische Familienvater ein halbes Dutzend mal in einer Suite im luxuriösen Hotel «St. Regis» mit seiner Freundin Judith Nathan getroffen. Nicht die Dame - sie war als Gefährtin des Bürgermeisters längst entlarvt -, sondern der angebliche Akt per se liess aufhorchen. Denn der Ärmste gilt als impotent. Vor Jahresfrist hatten Giulianis Ärzte Prostatakrebs im Frühstadium diagnostiziert und ihm eine Chemotherapie verordnet. Der Medikamentencocktail hätte das Haar des 57-Jährigen spriessen lassen, dafür aber seine Manneskraft erledigt. Das sagte ausgerechnet Giulianis Ehefrau Donna Hanover, eine Schauspielerin. Ein Lustschrei ging durch die Presse. Die Farce trieb die Auflagen hoch.
Die Gattin warf ihn aus Gracie Mansion, dem Sitz des Stadtoberhaupts. Sogar die vornehme «New York Times» berichtete darüber. Dabei hing der Haussegen schon seit Jahren schief - der als Schürzenjäger verrufene Rudy hatte schon öfter Affären.
Genüsslich reagierten die Karikaturisten auf die neue Wohngemeinschaft, in die Giuliani diesen Sommer zog. Ein befreundeter, mit seinem Partner lebender homosexueller Autohändler trat ihm ein Schlafzimmer ab. Buchverlage boten ihm drei Millionen Dollar für die Rechte an den schlüpfrigen Histörchen.
All das ist zweitrangig geworden. Denn Rudy Giuliani wird jetzt eine andere Geschichte zu erzählen haben.
Oft macht Not aus Feinden Freunde. Begegnet Giuliani dieser Tage Senatorin Hillary Clinton, umarmt er sie innig, küsst sie gar liebevoll auf die Wange. Giuliani hat noch vor zwei Jahren wegen Hillary furios mit den Händen gefuchtelt, als er vernommen hatte, dass das Antlitz von Präsidentengattin Clinton das erste Titelblatt des neuen Zeitgeistmagazins «Talk» ziert. Ausgerechnet Hillary, die Erfolgsfrau aus Illinois und Arkansas, die ihm, dem Ur-New-Yorker, den Senatssitz in genau diesem seinem New York streitig machen wollte. Unverzüglich verbot Giuliani die geplante «Talk»-Lancierungsparty in den Hallen des stillgelegten städtischen Navy Yard in Brooklyn.
Es war einer der vielen läppischen Skandale unter Giuliani. Journalisten sahen ihr Recht auf freie Titelwahl von einem willkürlich agierenden Bürgermeister beschnitten. Der habe durch diesen Akt massiv an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Es war von «Mafiamethoden» die Rede. Der Akt zeuge von Giulianis krasser Paranoia, so der «Talk»-Pressesprecher.
Als paranoid wurden übrigens auch Giulianis Pläne abgetan, im Haus neben den beiden Türmen des World Trade Center ein Kommandozentrum für Krisen einzurichten. Eine Burg für den Notfall, ausgestattet mit bombenfesten Telefonen und Computern, erdbebensicheren Wänden, eigener Lüftung und Notration für eine Woche.
Kurz nach dem Anschlag stürmte Giuliani zum Gebäude, in dessen 23. Stock der Bunker mittlerweile eingerichtet war. Statt sich dort zu verschanzen, eilte er auf die Strasse, um zu helfen und Rettungsteams zu organisieren. Eine gute Entscheidung, denn bald darauf stürzte besagtes Haus in sich zusammen.
Biografie
Rudolph W. Giuliani kam am 28. Mai 1944 in Brooklyn als Sohn italienischer Einwanderer zur Welt. 1968 promovierte der Jurist an der New York University. Nach mehreren Praktika wurde Giuliani 1970 stellvertretender Staatsanwalt von Manhattan. Rasch errang er den Ruf eines unerbittlichen Strafverfolgers. Unter Präsident Gerald Ford wechselte er ins Justizdepartement nach Washington, D. C. Ronald Reagan erhob ihn zum dritthöchsten amerikanischen Anwalt. Nach seiner Rückkehr nach New York widmete er sich ab 1983 als Chefankläger vorab dem organisierten Verbrechen. Auch aus familiären Gründen: Sein Grossvater und sein Vater hatten sich stets geweigert, der Mafia Schutzgelder zu bezahlen. Deswegen litten deren Tabakläden und Restaurants arg.
Der Republikaner Giuliani unterlag bei den Bürgermeisterwahlen von 1989 dem Demokraten David Dinkins nur knapp - eine Überraschung in der demokratischen Hochburg. Nach vier Jahren als Anwalt in einer privaten Firma schlug Giuliani Dinkins schliesslich 1993. Während seiner Amtszeit in den Neunzigerjahren erlebte New York einen ungeahnten Boom. Die Börse stieg, die Kriminalitätsrate sank. Verzeichnete die Stadt 1990 noch 2500 Morde jährlich, verringerte sich die Zahl bis 1998 auf 660. 1997 gewann Giuliani die Wiederwahl glorios. Ein von den Medien hochgespieltes Wahlspektakel im Jahr 2000 blieb jedoch aus. Rudy sollte sich gegen die ehemalige First Lady Hillary Clinton um den frei gewordenen Senatssitz im Staat New York streiten. Nachdem Giulianis Ärzte Prostatakrebs diagnostiziert hatten, zog er sich aus dem Wahlkampf zurück.
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