Von Peter Hossli
Monica Lewinsky ist etwas grösser, als man sie vom Fernsehen her kennt. Labiler auch, verletzlicher.
Aber zuerst lässt sie uns warten. Eine halbe Stunde zu spät öffnet sich der Lift zum New Yorker Penthouse. Das Haar frisch gewaschen und noch nass, den drallen Leib in Pluderhose und T-Shirt gezwängt, tritt die einstige Praktikantin und Sexgespielin des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton in den lichtdurchfluteten Raum. Im Schlepptau folgt Juli Nadler, ihre Pressesprecherin.
Sie entschuldigt sich für die Verspätung, «sorry, der Verkehr halt», sagt Monica Lewinsky. Dann sagt sie zwei Stunden nichts mehr, lässt sich schminken, fönen und frisieren. Hinter dicken Schichten Schminke verschwindet die zuvor natürliche Person. Stattdessen strahlt nun eine auswechselbare Figur mit glatter Topffrisur und Colgate-weissen Zähnen. Eine Stylistin kleidet sie für den Foto-Shoot, mal im roten Top, mal in Türkis.
Monica posiert wie ein Star.
Lewinsky - ein Star? Sicher, sie ist eine historische Figur, stürzte per Blowjob die Fernsehnation ins Delirium und den Präsidenten beinahe aus dem Amt.
Das Geschäft laufe gut. Konkreter wird Lewinsky nicht
Und sonst? Sonst bleibt wenig. Die von Prinzessin-Diana-Biograf Andrew Morton verfassten Memoiren verkauften sich mittelmässig. Weil der Speck am Rumpf blieb, scheiterte eine lukrative Werbekampagne für die Abmagerungsfirma Jenny Craig. Die US-Medien interessieren sich kaum mehr für sie. Allenfalls witzeln die Klatschspalten über Gewichtsprobleme.
«Ein Star bin ich nicht», sagt Lewinsky selbst. «Mein Name und mein Gesicht sind bekannt.» Nun brächten die meisten Leute beides in Verbindung mit einer Designerin von Handtaschen und mit der jetzt erfolgreichen Geschäftsfrau Lewinsky. Wie andere Twens nutze sie die «enormen Möglichkeiten des Internets», um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Monica Lewinsky, 28, ist jetzt Internetunternehmerin. «That’s so great.» Doch berühmt ist sie wegen einer anderen Geschichte. «Darüber rede ich nicht.»
Gut. Dann halt Handtaschen.
Lewinsky entwirft bunte für Frauen und schwarze für Männer. In einer Fabrik in Louisiana lässt sie sie nähen und mit dem Label «Made Especially for You by Monica» versehen. Eine ausgetüftelte E-Commerce-Applikation besorgt den Vertrieb. Seit 1999 kann man die Taschen über die Website www.therealmonica.com erstehen. Im Gegensatz zu vielen anderen existiert ihre Internetfirma noch. «Wir investieren bloss eigenes Geld», begründet Lewinsky den angeblich flotten Geschäftsgang. «Deshalb betrifft uns das Ende des Hypes nur am Rande.»
Nähen brachte ihr die Stiefmutter bei, 1998, auf dem Höhepunkt des juristischen Gezänks rund um die Affäre mit Bill Clinton. Sie brauchte eine neue Handtasche. Statt sie teuer im Laden zu erstehen, nähte sie sich eine eigene. «Sie gefiel allen recht gut», sagt Lewinsky und kichert kindlich. «Dann nähte ich auf jede Tasche ein Label und begann sie zu verkaufen.» Jetzt ist sie Chefdesignerin und entwirft jede Tasche selber. «Vieles inspiriert mich», sagt sie, «manchmal genügt ein Spaziergang zum Flohmarkt oder ein simples Stück Stoff.»
Sie meint es offensichtlich ernst mit der Mode. Und glaubt, dabei ernst genommen zu werden. Unkenrufe, sie profitiere allein von der Sexaffäre, lässt sie nicht gelten. «Ich mache aus Zitronen Limonade», sagt Lewinsky. Sie sei einst in «eine schwierige Situation» geraten und habe seither ständig versucht, «das alles» in «etwas Positives» zu verwandeln. «Ich bin sehr stolz auf mein Geschäft. Es ist erfolgreich, weil wir hart arbeiten und gute Produkte haben. Allein mein Name hätte doch nicht gereicht», sagt sie.
Das Geschäft laufe «gut». Genauer wird sie nicht. Ihre Firma sei in privaten Händen, niemand könne sie zwingen, Bilanz und Erfolgsrechnung offen zu legen.
Immerhin: Exquisite Boutiquen in New York und Los Angeles führen Lewinsky-Produkte. Ausserdem expandiert sie ins Ausland, vornehmlich nach London und Australien. Das Internet erschliesse den Rest des globalen Marktes.
Auch Europa, wo sie ja populär sei - «darum rede ich jetzt mit ein paar ausländischen Journalisten». Wachsen will Lewinsky behutsam, sie habe von der geplatzen Internetblase gelernt. Sie beschäftigt zehn Angestellte, hat vier Partner und fabriziert trotz höheren Löhnen ausschliesslich in den USA. «Gemeinen Gerüchten, wir liessen Kinderarbeit zu, komme ich zuvor. Wer in den USA produziert, stellt gerecht her», argumentiert sie.
Wie sie den Druck ausgehalten hat, weiss sie nicht
Erfolgreiche Manager besuchten in der Regel Wirtschaftsschulen. Nicht so Lewinsky. Sie leitet die Firma dank «dem Wissen, das mit der Erfahrung kommt». Als Kind habe sie am Strassenrand Limonade verkauft. «Das war bis dahin meine einzige wirtschaftliche Erfahrung. Einer meiner Partner ist aber ein ausgebildeter Manager. Von ihm lerne ich jeden Tag.»
Erstaunlich ist, wie sie dem enormen Druck standgehalten hat. Fast zwei Jahre lang prägte sie die Schlagzeilen, tagelang wurde sie verhört und von den Medien belagert. Lewinsky ist die klassische Hauptfigur des bisher umfassendsten «Mediathons», wie der «New York Times»-Kolumnist Frank Rich die Medien-Marathons um O. J. Simpson oder Elían Gonzales, den kubanischen Flüchtlingsjungen, treffend bezeichnet hat. Tausende Lewinsky-Witze gibts im Internet. US-Soziologen haben wegen Monica sogar eine Änderung des Sexualverhaltens bei Jugendlichen festgestellt: Oralsex hat unter Teenagern zugenommen. Wie hat sie es geschafft, all das auszuhalten, da wieder rauszukommen und eine eigene Firma aufzubauen? «… Ich … hmm … ich weiss es wirklich nicht …»
Beim Vorführen ihrer Taschen blüht Lewinsky auf
Dann verstummt Lewinsky. Ihr Gesicht erstarrt. Sie ist den Tränen nahe und blickt Hilfe suchend zur Presseagentin. Diese rät ihr, zu sagen, was sie immer sage. «Dank den Freunden, deiner Familie», sagt Nadler. «Nein, das ist was anderes», antwortet Lewinsky. Sie wirkt zerbrechlich, verletzt, verschwindet minutenlang im Badezimmer. Blass kommt sie zurück.
Um das Interview nicht abrupt enden zu lassen, schlage ich vor, jetzt die Handtaschen vorzuführen. Sie blüht auf.
Sie führt Frühlings- und Herbstkollektionen vor, schildert, wie ein Ballettbesuch in London eine mit Rosen bestickte Tasche hervorbrachte. Erklärt, dass jede Tasche in vier Grössen erhältlich sei.
Schliesslich erklärt Lewinsky-Sprecherin Juli Nadler: «Monica hatte zwei Möglichkeiten: a) Sie igelt sich ein und stirbt; b) Sie macht aus Zitronen Limonade. Keine angenehme Wahl. Monica entschied sich, nicht zu sterben. Stattdessen startete sie diese Firma. Eine bewusste Entscheidung. Sie konzentriert sich jetzt auf die positiven Aspekte ihres Lebens.»
Zur Erinnerung: Kaum 22 Jahre alt, erfüllte sich für Monica Lewinsky ein Traum, den manche junge Amerikanerin träumt - sie erhielt eine Praktikumsstelle im Weissen Haus, an der Seite des mächtigsten Mannes der Welt. Vielen dient der unbezahlte Job auf dem Politparkett Washingtons als berufliches Sprungbrett.
Durch die Affäre mit ihrem Chef, Präsident Bill Clinton, sicherte sich Lewinsky einen Platz in den Geschichtsbüchern. Eine Untersuchung brachte Peinliches zu Tage. Bunt sollen es die beiden im Oval Office getrieben haben. Sie befriedigte ihn oral, er fummelte mit Händen und Zigarren. Am Telefon vertraute Lewinsky ihrer Freundin Linda Tripp die intimen Details an.
Tripp, die beim Verteidigungsministerium angestellt war, nahm die Gespräche auf Kassette auf. Später übergab sie die Tonbänder Sonderermittler Kenneth Starr. Der untersuchte Bill Clintons Verfehlungen im Fall Paula Jones und beim Grundstückehandel Whitewater in Arkansas.
Unter Eid wurde der Präsident Ende 1997 von Starr befragt, ob er mit Lewinsky Sex gehabt habe. Der Präsident stritt es ab - und machte sich des Meineids schuldig. Seine Lüge konnte er aufrechterhalten, bis Lewinsky den Untersuchungsbeamten ein blaues Gap-Kleid mit Spermaspuren übergab. Ein DNA-Test ergab: Es war präsidiales Ejakulat. Der Kongress leitete ein Amtsenthebungsverfahren ein. Es endete im Frühling 1999 mit Freispruch. Der in den Medien endlos debattierte Fehltritt trübte Clintons ansonsten erfolgreiche Amtszeit.
Zumindest finanziell haben Bill und Hillary Clinton profitiert. Sie erhielt rund acht Millionen Dollar für ihre Memoiren, er über zehn Millionen. Und Monica Lewinsky kriegte für ihre «Story» rund 1,5 Millionen Dollar.
Die Geschichte war würdig und komplex genug, um akademisch betrachtet zu werden. Unlängst publizierte die New York University eine wissenschaftliche Essaysammlung zu Monica Lewinsky. Renommierte Denkerinnen und Denker grübeln in «Our Monica, Ourselves: The Clinton Affair and the National Interest» auf 320 Buchseiten über Lewinskys Jüdischsein, ihren Infantilismus oder ihr Übergewicht. Es gebe bloss vier Frauen, die die Welt sofort auf Grund des Vornamens kenne, schrieb die «New York Times» dazu: Monica, Marilyn, Maria und Eva.
Von Geld ist im rund zweistündigen Gespräch angeregt die Rede. Darüber zu reden macht ihr Spass. «Extrem viel» bedeute ihr Geld. Ihr Lebensstil sei heute viel aufwändiger als früher. «Ich will das so, und es ist auch notwendig.» So sei sie aus Sicherheitsgründen etwa gezwungen, in einem bewachten Gebäude im New Yorker Quartier Greenwich Village zu leben. Sie fliegt nur erste Klasse. «Ich bezahle alles selbst», sagt sie.
Die Handtaschen allein reichten dafür allerdings nicht aus. Sie lässt sich ihre Auftritte fürstlich entgelten, verlangt für Interviews schon mal Geld - «das ist in Europa doch üblich», sagt Pressesprecherin Nadler. Vergeblich forderte sie auch für dieses Interview Geld. Allerdings mussten wir, was in den USA üblich ist, für die Spesen des Gesprächs aufkommen: Miete des Raums, Honorar für Visagistin und Stylistin. Derzeit steht Lewinsky beim TV-Kanal HBO unter Vertrag. In einem Dokumentarfilm will der Kabelkanal Anfang 2002 die Affäre noch einmal aufrollen. Gegen eine Gage in unbekannter Höhe berichtet Lewinksy einmal mehr, wie schlecht sie von den Untersuchungsbeamten behandelt worden sei.
Vergangenen Mai erhielt sie das Gap-Kleid zurück, das Ehebrecher Clinton überführt hatte. Nun wird Lewinsky das Beweisstück wohl in einem Tresor verstauen und bei Gelegenheit an den Meistbietenden versteigern. Noch sind ja die hohen Anwaltskosten nicht abgetragen. Genauer will sie die finanzielle Situation nicht darlegen. «Sorry», sagt sie.
Was macht Monica nicht für Geld? Lewinsky: «Vieles, aber ich will nicht ins Detail gehen. Das wäre schlecht fürs Geschäft.»
Drehen wir die Frage um: Was macht Monica Lewinsky für Geld?
Lewinsky: «Am liebsten würde ich mit meinem Namen für Produkte im Ausland Werbung machen.»
Dann fühlen Sie sich wohler ausserhalb der USA?
Lewinsky: «Es ist doch schön, wenn man Geld verdient, sich aber nicht selbst am Fernsehen sehen muss.»
Heiraten und Kinder kriegen habe oberste Priorität
Erneut präzisiert Sprecherin Juli Nadler, was ihre Klientin umständlich darstellt. Viele amerikanische Stars würden im Ausland werben, damit ihr Ansehen und ihr Marktwert zu Hause keinen Schaden nähmen, sagt sie. «Europäische Firmen interessieren sich derzeit sehr für Monica. In Europa gilt sie als Vorbild und Überlebende.» Also doch ein Star.
Ihr Privatleben beschreibt Lewinsky als intakt. Sie suche nach wie vor nach dem Richtigen. «Ich will unbedingt heiraten und Kinder haben. Das steht zuoberst auf meiner Prioritätenliste.» Ist sie heute glücklich? «Ich versuche, zufrieden zu sein. Wirklich glücklich ist ohnehin niemand. Ich bin heute etwas glücklicher als früher.»
Weitere Fragen will Monica Lewinsky nicht beantworten. Sie schminkt sich ab, bestellt eine Limousine und geht, in Pluderhose, T-Shirt und Plateauschuhen.
Höhere Tochter
Monica Lewinsky kommt am 23. Juli 1973 in San Francisco zur Welt. Ihr Vater Bernard ist ein angesehener Onkologe in Los Angeles. Sie wächst im vornehmen Beverly Hills auf und besucht private und öffentliche Schulen, geht in Portland, Oregon, aufs College. Im Sommer 1995 kommt sie als Praktikantin ins Weisse Haus, wo sie Bill Clinton kennen lernt. Im November 1995 beginnt die Affäre mit dem Präsidenten. Im April 1996 wird sie ins Pentagon versetzt. Anfang 1998 berichtet der Web-Journalist Matt Drudge erstmals über die Beziehung. Lewinsky gerät ins Rampenlicht der Medien. Clintons Freund Vernon Jordan verhilft ihr zu einem Job beim Kosmetikhersteller Revlon in New York. Heute lebt Lewinsky in New York.
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