Articles by Peter Hossli, a curious reporter who always finds a good story

| 1

Storys aus dem Fantasy-Land

Wenns nicht wahr ist, ists gut erfunden: Der Schweizer Journalist Claude Bühler erfindet abstruse Storys aus dem verrückten Amerika. Schweizer Zeitungen drucken sie.

Von Peter Hossli

Ungeheuerliches passiert in Amerika. Das zumindest wissen treue Leserinnen und Leser des Zürcher «Tages-Anzeigers». Behinderte und sexuell ausgebeutete Kinder, erfuhren sie unlängst, werden in der South Square Mall in Nashville in einer Modeschau allwöchentlich «wie Sklaven» feilgeboten. Gnädige Adoptiveltern, die sich für eines der Kinder entscheiden, erhalten 500 Dollar. Streitlustige Havasupai-Indianer am Fusse des Grand Canyon drohen, das Kriegsbeil auszugraben - das US-Postministerium verdoppelt seine Postgebühren. Der Aufpreis war nötig, da Esel immer mehr Briefe und Pakete ins Indianer-Land tragen. In Sarasota, Florida, hat ein 12-Jähriger mit gefälschten Sozialamtchecks seiner verarmten Mutter einen 243 000 Franken teuren Mercedes gekauft - und die deutsche Limousine zu Schrott gefahren. Jetzt hockt er im Knast - ein Wahnsinn, dieses Amerika.

Nur: Die süffisanten Storys stimmen so nicht. Der Schweizer Journalist Claude Bühler, 53, wohnhaft in Sarasota, Florida, hat sie erfunden oder wichtige Details krass aufgedonnert.

Das Einkaufszentrum South Square, in dem Behinderte für ihre Adoption auf Laufstegen stolzieren sollen, existiert in Nashville genauso wenig wie die Organisation Loving Care, die die Freak-Show inszeniert habe. «Absolut erfunden» seis, sagt Carla Aaron, Sprecherin der Adoptionsagentur Adoption Exchange, die eine einmalige Modeschau mit gesunden Kindern in der Bellevue Mall in Nashville organisierte. «Es floss kein Geld. Kein Kind wurde bei Adoptiveltern platziert.»

Auch FACTS ist auf Bühler kurz reingefallen. Er spielte sich als Bekannter des deutschen Immobilienbetrügers Jürgen Schneider auf. Die Behauptung fand in einer Meldung ihren Niederschlag - und erwies sich als massiv übertrieben.

Auch Indianerkriege stehen in den USA nicht an. Havasupai zahlen gleich viel für Briefmarken wie alle anderen Amerikanerinnen und Amerikaner. Was ist mit John Clark, dem von Bühler zitierten Sprecher des Postministeriums? Er ist unauffindbar.

Der Fantasie Claude Bühlers ist auch der kindliche Mercedes-Fahrer Terrance Lloyd weitgehend entsprungen. Lloyd ist nicht 12-, sondern 15-jährig, kaufte sich keinen Mercedes, sondern einen Plymouth Neon für 15 000 Dollar. Nicht mit einem Sozialamtcheck, sondern über eine Online-Checkagentur.

Lange Zeit ist der «Tages-Anzeiger» auf den Einfallsreichen reingefallen. Dort hat Bühler seit Oktober 1999 weit über hundert Artikel auf der Kehrseite und im Medienteil publiziert. Etliche Geschichten stimmen nur im Ansatz. Zweifel kamen bei der TA-Redaktion wohl deshalb selten auf, weil Bühler stets den journalistisch angesehenen Fernsehsender ABC zitierte - quasi sein Markenzeichen. Seine Gattin arbeite dort, sagt Bühler. Deshalb habe er direkte Einsicht in den ABC-Ticker. Allerdings erscheint keines der Transkripte der angeblichen TV-Sendungen in der Datenbank von Lexis-Nexis, dem weltweit grössten Sammler von Medienprodukten. Was Hobby-Journalist Bühler kaum ahnte: Lexis-Nexis erfasst nicht nur Zeitungen und Magazine, sondern auch gesprochene Worte aus dem Fernsehen.

Nach Tom Kummer stolpert jetzt ein zweiter Schweizer Journalist über selbst fabrizierte Geschichten aus dem Fabelland. Kummer soll in Los Angeles jahrelang Interviews mit Stars gefälscht haben; seine Masche flog letztes Frühjahr auf. Bühler, in Sarasota an der High-School als Deutsch- und Französischlehrer tätig, malte den Westen blumig, fantastisch - und oft unwahr aus. Er gibt zu, «nicht immer genau recherchiert» zu haben. Ja, sagt er, «ein paar Fakten habe ich dazugestellt, zum Beispiel den Preis der teurer gewordenen Briefmarken». Er hält aber fest: «Die Grundaussagen stimmen.» Bühler besteht darauf, alle von ihm verfassten Storys zuerst im «TV oder im Internet» gesehen zu haben. Er bedaure, die Belege weggeworfen zu haben.

Bühler flog auf, weil der Autor dieses Artikels von der Zeitschrift «Annabelle» den Auftrag erhielt, eine Reportage über die Behindertenschau in Nashville zu schreiben. Online-Recherchen und ein paar Telefonate ergaben rasch: Erfindung. Ein Blick ins Archiv erhärtete den Verdacht, ein Dichter sei am Werk.

Wars bei Kummer die flotte Schreibe, gefielen bei Bühler die wundersamen Inhalte. «Er lieferte uns Geschichten, die unsere festen US-Korrespondenten nie hatten», sagt ein TA-Redaktor. Kummer machte die Kunstwelt Hollywoods noch künstlicher, Bühler manipulierte die Leser gerissener. Jedes erdenkliche, in Schweizer Köpfen festgesetzte USA-Klischee zog er aus der Trickkiste. Die Amerikaner sind bei ihm prüde, verrückt, zu allem fähig. Wer ihn liest, weiss: Amerika spinnt. «Ich habe Geschichten gesucht, die ins Amerikabild der Deutschschweizer passen», gesteht Bühler. Konfrontiert mit Fakten, streitet er aber alles Hinzudichten ab.

Beim «Blick» flog Bühler schon diesen Sommer auf und erhielt Schreibverbot.

«US-Millionär: Wer findet meine Rosmarie?», titelte das Blatt am 4. Juli. Bühler wollte den steinreichen Ex-US-Soldaten John Biggers ausgemacht haben, der 1945 im Sommerurlaub die 19-jährige Hausangestellte, die «schöne Rosmarie Lindner» aus Zürich, an einem Schiffssteg in Lugano getroffen habe. «14 Tage dauerte das Liebesglück», schreibt Bühler. Dann sei der G. I. nach Berlin abberufen und schliesslich in den Krieg gegen Japan geschickt worden. Seither suche der ledig gebliebene Millionär die einstige Geliebte und biete 100 000 Dollar Finderlohn. Vermögend geworden sei er durch den Verkauf seiner Chemiefirma. Eine rührselige Story, perfekt für den «Blick». Allein - sie ist falsch.

Aufmerksame Redaktoren hättens merken müssen. US-Soldaten wurden nach Einsätzen in Europa nie zusätzlich nach Asien versetzt. Beweise produzierte Bühler keine. Nachrecherchen des «Blicks» ergaben: Biggers hatte zwar eine kurze, «rein platonische» Freundschaft zu einer Schweizerin, geliebt hatte er sie nie. Er kann sich nicht mal an ihren Namen erinnern. Rosmarie hiess sie sicher nicht. Biggers lebt als armer Witwer und Vater zweier Söhne in Alabama. Er war nie in Berlin und schon gar nicht in Japan. Er besass kein Chemieunternehmen, sondern operierte Kiefer. Beim «Blick» spielte sich Bühler überdies als Biggers’ Manager auf. «Ich bringe ihn in jede US-Talkshow», bluffte er einer jungen Redaktorin vor.

«Blick»-Chefredaktor Jürg Lehmann kündigte die Zusammenarbeit sofort. Zumal schon die Aufsehen erregende «Blick»-Story vom Taxifahrer, der zwei US-Mitarbeiter von IBM fälschlicherweise nach München brachte, weil die zum Zürcher Unique Airport wollten, etliche Zweifel hervorrief. Der Chauffeur, so Bühler im April, habe «Munich» statt «Unique» verstanden. Die in Zürich oft hämisch nacherzählte Geschichte ist nicht mehr als eine urbane Legende. Woher hat sie Bühler? «Aus einem Reisemagazin auf ABC.» Die IBM-Manager existieren in keiner Datenbank, die Story in keinem ABC-Transkript. «Manchmal bin ich unsorgfältig beim Buchstabieren von Namen», wehrt sich Bühler. Gemäss IBM stehen die beiden nicht auf der Lohnliste der Firmencomputer.

Leid tut einem der TA-Karikaturist Felix Schaad. Er musste eine Bühler-Ente illustrieren. Unter dem Titel «Mutterfreuden in der Kolonne» berichtete Fantast Bühler, der TV-Sender ABC hätte zusammen mit dem Roten Kreuz, Spitälern, der Polizei und der Feuerwehr eine Statistik jener zehn US-Städte erstellt, in denen es am häufigsten zu Geburten in Autos komme. So werden in Atlanta jährlich 104 Babys im Grossstadtstau geboren, in New York seien es 76, in Chicago 67. In Atlanta versprächen Polizei und Feuerwehr, künftig alle Verkehrsachsen für Hochschwangere freizuhalten. Käme dennoch ein Staukind zu Welt, überweise Atlanta den Babys 100 Dollar. «Sozusagen als Willkommensgruss.» Ists wahr? Hinweise existieren keine. Schaads Karikatur zeigt einen aufgekratzten Storch, der ein Neugeborenes in ein Auto fallen lässt.

John Quigley, Pressesprecher der Polizei von Atlanta, kann darüber «nur laut lachen». Kein Wort stimme. Die Polizei führe keinerlei Statistik über Geburten. Quigley arbeite seit fünf Jahren für die Polizei und könne sich nur an einen einzigen Fall erinnern. Davon «nie etwas gehört» hat man auch bei der Feuerwehr von Atlanta.

Es kommt noch dicker. Am 19. September 1999 brannte es in der Karibik auf dem Kreuzfahrtschiff «Tropicale». Bühler belieferte den «Blick» und den «Tages-Anzeiger» mit je einem kurzen Artikel. Allerdings mit unterschiedlichem Inhalt. Im «Blick» brannte es tatsächlich am 19. September, an Bord waren 1700 Passagiere, darunter «56 Schweizer in Seenot». Drei Monate später loderte es erneut auf der «Tropicale», auf einer Millenniums-Kreuzfahrt in einem «Kehrseite»-Artikel des «Tages-Anzeigers». Nun waren 2600 Passagiere an Bord und «32 Schweizer in Seenot». Laut Presseabteilung der Carnival Cruise Line brach auf der «Tropicale» bloss ein Feuer aus. Vier, nicht 32 oder 56 Passagiere reisten mit Schweizer Pässen. «Der «Blick» hat mich angehalten, viele Schweizer zu produzieren», sagt Bühler, «sonst hätten sie die Geschichte ja nicht gedruckt.» Entschieden dementiert «Blick»-Chef Lehmann. «Das sind absurde, um nicht zu sagen verleumderische Vorwürfe.»

Sein letztes Stück publizierte Bühler vergangene Woche. «Europa will US-Spermien». Zur Begründung zitiert Bühler den Direktor der Samenbank Gift of Life in Los Angeles: «Wir haben die beste Qualität, höchste Intelligenz-Quotienten und gehen auf Spezialwünsche ein. Wir besitzen Spermien von Nobelpreisträgern und Filmstars.» Wieder wird der TV-Sender ABC zitiert. Wieder stimmt die Meldung nicht. Gift of Life ist ein Hirngespinst. Die USA exportieren zwar reichlich Spermien ins kalte Kanada. Europa ist aber nicht auf US-Samen angewiesen. Im Gegenteil. Das deutsche Magazin «Der Spiegel» berichtete letzte Woche, Amerikaner würden kräftig Spermien aus Nordeuropa importieren - weil dort die ethnischen Gruppen nicht durchmischt seien.

«Schreiben Sie nichts, ich fürchte, meine Green Card nicht zu erhalten», sagt Bühler zum Schluss. In einem Leserbrief an den TA im Oktober 1998 bezeichnete er sich noch als «US-Bürger».

Interview mit George W. Bush gefälscht

Die Schweiz darf mit dem neuen US-Präsidenten zufrieden sein. Denn George W. Bush schätzt die Alpenrepublik seit längerem. «Exklusiv» gab er letzten März der «SonntagsZeitung» ein Interview und schwärmte von einem dreiwöchigen Aufenthalt in Genf, hiess den Blaumützeneinsatz in Kosovo gut und sprach der Schweiz sein Lob darüber aus, wie die Banken und jüdischen Organisationen sich fanden.

Doch das Interview wurde nie geführt. Verfasst hat es der Schweizer Journalist Claude Bühler, der letzte Woche als Fälscher von zahlreichen Artikeln in «Blick» und «Tages-Anzeiger» aufflog. Der als Lehrer tätige Hobby-Journalist will Bush am 9. März in Florida getroffen haben. Dumm nur: Bush war an jenem Tag auf Wahlkampftour in Colorado, Utah und Wyoming - Tausende Meilen vom Reporter entfernt.

«Wir hatten zum damaligen Zeitpunkt keinerlei Anhaltspunkte, dass dieses Gespräch eine Fälschung sein könnte», sagt heute «SonntagsZeitung»-Chefredaktor Andreas Durisch. Jetzt will Bühler, der schon 1994 in Deutschland als Schwindler auffiel, den Journalismus aufgeben. «Ich pflücke nur noch Orangen.»

| 1

1 Comment

  1. Menschen wie Bühler machen das Leben leichter. Er wollte, obwohl er log, die Öffentlichkeit auf etwas aufmerksam machen was er für wichtig hielt, er wollte etwas sagen, um die Welt etwas besser zu machen. Er hatte sich so sehr gewünscht Repoter zu sein, dass er irgendwann vergessen hat dass er einfach keiner ist. Er hat sich Storys erschwindelt um auch etwas zu sagen zu haben, dem jemand zuhört und Interesse und Anteilnahme zeigt. Dass so etwas nicht auf ausgedachtem basieren darf, sehe ich ein

    Gina

Share Your Thoughts

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *

*
*