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Im Kabinett des Doktor McMullen

Mit Plastikspielzeug der besonderen Art macht ein kalifornischer Skulpteur ein Vermögen: Sexpuppen in Lebensgrösse und Lebendgewicht.

Von Peter Hossli (Text) und Robert Hubert (Fotos)

lookat_00000295_preview.jpgLeah mögen die meisten. Sie entspricht dem Durchschnitt. Das Gesicht schön, aber nicht zu schön, der Busen rund und straff, aber nicht riesig. Die Beinlänge ordentlich, das Haar mittellang. Sie muckt nie auf und lächelt immer. Männer mögen durchschnittliche Frauen, selbst wenn sie nachempfunden sind.

Leah sieht aus wie eine Frau, ist so schwer wie eine Frau, hat dieselben Körperöffnungen, und sie soll dereinst sogar sprechen und stöhnen können, gesteuert von einem Computer. Leah ist eine Sexpuppe und ein Bestseller, eine Realdoll, weil sie so echt wie eine Frau sein soll, fast gänzlich gegossen aus einem geheim gehaltenen Gemisch aus japanischem Silikon.

Erfunden hat sie ein Mann, der heute 31-jährige Amerikaner Matt McMullen. Der Künstler hatte genug von Furcht einflössenden Halloween-Masken, die er im Akkord modellierte. Also wandte er sich «der weiblichen Form» zu, «weil die mir schon als Kind so gut gefallen hat». Ein junger, cooler Typ, dieser McMullen, im linken Ohr zwei Ringe, auf dem T-Shirt ein japanischer Drache. 1997 gründete er die Firma Abyss Creations und trat, wie er sagt, eine «sexuelle Revolution» los.

San Marcos, eine Autostunde nördlich der kalifornischen Beachtown San Diego, ist einer der vielen konturlosen Orte Südkaliforniens. Einkaufszentren. Lagerhäuser. Imbissbuden. Beton. Palmen. Pazifik. Einen Steinwurf entfernt vom Highway 5, der Los Angeles und San Diego verbindet, steht die fensterlose Abyss-Produktionshalle. Das Firmenschild fehlt. Nichts weist draussen auf die Sexpuppe hin, die hinter den graubraunen Mauern von kräftigen Handwerkern gefertigt wird.

lookat_00000290_preview.jpgTäglich entsteht hier eine Leah oder eine Kim, eine Tami, eine Stefanie, eine Nika oder eine Stacy. So heissen die sechs beliebtesten der neun Modelle von McMullen. Jede kostet rund 5300 Dollar. Und jede bereite den «intensivsten Orgasmus, den du je erlebt hast», wie ein zufriedener Kunde per E-Mail schrieb.

Am Empfang neben dem Kinderzimmer wartet Shelly Couture, eine Kanadierin irischer Abstammung. Das rötliche Haar ungepflegt, darin ein Kopfhörer mit angesetztem Mikrofon. Die Pressesprecherin berät die Kundschaft am Telefon und überwacht das brodelnde Silikongebräu. Nächstes Jahr will sie mit ihrer fünfjährigen Tochter, die sie alleine erzieht, nach Europa reisen, «um die alten Schlösser zu besuchen». «Nennt mich Shelly», sagt Couture mit kalifornischer Lockerheit. Sie führt durchs weiss gestrichene Wartezimmer, wo sechs angezogene Puppen ausgestellt sind, direkt in die Produktionshalle. Die Fabrik erinnert an ein Künstleratelier. Die Wände sind mit japanischen Comics, so genannten Mangas, tapeziert. Es riecht nach Farbe und Erdöl.

Chef McMullen macht das Design. Seine Gattin Kimberly, eine gelernte Buchhalterin, rechnet ab. Sieben Angestellte fertigen die Puppen: Ein Schweisser fixiert die Rückengestelle aus Metall und Vynil. Skulpteure giessen drei unterschiedliche Formen aus Hartplastik, eine für den Leib, eine zweite für die Brüste, die dritte für die Köpfe. In die Gussformen läuft flüssiges Silikon. Maler bemalen die Haut, setzen Augen ein, röten Lippen und lackieren die Fingernägel. Fein säuberlich aufgebahrt, liegt ein halbes Dutzend noch haarloser Köpfe auf einem Gestell. In Kartonschachteln mit Blickfenstern lagern Perücken, made in China. Jede fertige Puppe wird getrocknet, angezogen und in eine mit Styropor ausgekleidete Holzkiste verpackt. Gepolsterte Riemen fixieren Kopf, Ober- und Unterleib. Ein Badetuch schützt die graziösen Füsse vor Transportschäden.

lookat_00000307_preview.jpgBevor der Behälter per Flugfracht spediert wird, steckt Shelly noch ein paar Plastikblumen ins Kunsthaar der kostbaren Fuhre. «Das freut den Empfänger», sagt sie und schliesst den Deckel der Box, an der bloss die Aufschrift «Fragil – This Way Up» haftet.

Realdoll-Erfinder Matt McMullen ging auf die Kunstschule, betätigte sich später als Skulpteur. Als Künstler blieb er unbeachtet, bis er aus Silikon eine realitätsnahe Minifrau schuf. Sie war zwei Fuss hoch – und nackt. Eine Fotografie davon speiste er ins Internet. In hunderten von E-Mails wurde McMullen daraufhin gefragt, ob seine Puppe funktioniere. «Mir war nicht klar, welche Funktionen gemeint waren», sagt er. McMullen begriff rasch. «Tage später gründete ich eine Firma. Ohne es zu wollen, fiel ich in die Sexindustrie.»

1,6 Millionen Dollar Jahresumsatz decken Herstellungskosten und Löhne der Angestellten. Der Rest wird reinvestiert. Ein mittelständisches Unternehmen.

Von allzu wilden Praktiken rät die Gebrauchsanweisung ab

Der Anblick erschreckt. An Eisenketten hängen neun nackte Körper. In die Kniekehlen gezwängte Plastikrohre spreizen die Beine. Einer Puppe fehlen Hände und Füsse, allen das Schamhaar. Ma, der chinesische Maler, wirds heute aufgrund des Bestellscheins ankleben. Weit mehr als die fertigen, leblos wirkenden Puppen erzeugen diese baumelnden und kopflosen Leiber zwiespältige Gefühle, Ekel. Die künstlichen Körper sehen aus, als verspürten sie Schmerz.

lookat_00000301_preview.jpgIst die allzeit verfügbare Sexpuppe frauenverachtend, eine weitere Ausgeburt männlicher Dominanz über weibliche Körper? «Ich habe damit keine Probleme», sagt Pressesprecherin Shelly. «Die Realdoll ist sehr ehrlich. Es geht um puren Sex. Wenn das jemand will, ists voll okay. Besser, als ein reelles Interesse vorzutäuschen und dann doch nur auf Sex aus zu sein.» Ausleben könne das verklemmte Amerika endlich, wonach es gelüste. Bedauernswert sind allenfalls die Männer, die den Puppen in die Arme fallen. Die lassen sich ihr Sexualleben auf drei Latexlöcher reduzieren.

Die Realdoll riecht nicht nach Frau und nicht nach Parfüm, sie riecht nach nicht raffiniertem Industrieöl. Die glatte und makellose Oberfläche fühlt sich keineswegs wie Haut an. Eher wie klebriger Slimy, jene grüne Masse, die sich die Kinder auf dem Pausenplatz durch die Finger gleiten lassen. Mit reichlich Babypuder und regelmässigem Gebrauch werde die vormals pappige Pelle bestimmt geschmeidig, verspricht Shelly.

Jede Puppe wird nach Wunsch des Kunden zusammengesetzt. Neun verschiedene Köpfe lassen sich auf fünf Körper legen. Der Kunde bestimmt Busengrösse, Hautfarbe, Körper- und Haarlänge. Wählen kann Mann ausserdem Frisur, Augenfarbe und -form, Make-up und die Beschaffenheit der Schamhaare – gelockt, rasiert oder gestutzt. Jede Puppe verfügt über zwei auswaschbare Vertiefungen. «Standard sind Vagina und Mund, wer auch in den After will, zahlt extra», sagt Shelly.

Doch der Kunde irrt, wenn er meint, das Liebesspiel mit einer Doll sei perfekt. Die Puppe schränkt ein. Am besten gehts in konservativer Missionarsstellung. Von allzu wilden Praktiken rät die Bedienungsanleitung dringend ab: «Die Realdoll muss so behutsam behandelt werden wie eine richtige Frau.» Empfohlen wird regelmässige Reinigung, am besten unter der Dusche oder in der Badewanne. Das Reparaturset enthält Ersatzsilikon, einen Schwamm und Leim, um Risse und Schrammen zu flicken. Eine Doll halte, so die vife Verkäuferin Couture, mindestens zehn Jahre aus. Wirklich? Beim Präparieren fürs Porträt bricht der Fotograf Stacy den Hals.

Wer sich mit einer Realdoll einlässt, braucht Kraft. Die Puppen wiegen zwischen 55 und 75 Kilo. Vor allem deutsche Kunden bevorzugen die grossen, über siebzig Kilogramm schweren Exemplare. Mehr noch als die aufblasbaren Gefährtinnen von einst umweht die Realdolls der Hauch von nekrophilem Sex.

Gummifetischisten, Einsame und Kunstsammler kaufen Realdolls

lookat_00000306_preview.jpgAls «Gentlemen, die über ein höheres Einkommen verfügen und sich die teuerste Onaniehilfe der Welt leisten», beschreibt Shelly ihre Kunden. Kunstsammler, Einsame, Gummifetischisten und Kontaktscheue rufen an und bestellen. Paare, die vom flotten Dreier träumen – ohne Krankheitsgefahr oder drohende Eifersucht in Kauf zu nehmen. Zunehmend interessieren sich auch Design- und Kunstmagazine dafür. Das Stedelijk Museum in Amsterdam stellte 1999 zwei Puppen aus.

Interessierte können sich die Modelle in der Fabrik anschauen. An diesem Freitag kommen zwei Japaner vorbei. Beide tragen beige Designershorts und blaue Baseballkappen. Am Handgelenk ticken Schweizer Uhren. Shelly führt sie in den Schauraum. Dort mustern sie Leah, Kim und Stacy. Sie drücken Busen, gucken in Mäuler und betasten Unterleiber, wählen Perücken. Der Entscheid, drei Puppen im Wert von je einem Gebrauchtwagen zu erstehen, fällt bereits nach 30 Minuten. «Wir freuen uns riesig darauf», mehr sagen sie nicht.

Abyss Creations garantiert Diskretion. Namen und Adressen notiert Shelly erst nach dem Eingang von Bestellung und Vorauszahlung. Der Versand geschieht mit neutralen Holzkisten. Zwei Wochen vor der Lieferung werden die Käufer benachrichtigt, je nach Wunsch per Post oder Telefon. Die Zahlung erfolgt diskret per Scheck. «Wer in einer Kleinstadt lebt», sagt Shelly, «schreibt schon mal «Verlobungsgeschenk» auf den Wechsel.» Beim Versand tragen die Objekte der kruden Begierde knappe Nylonkleidchen und immer Büstenhalter.

Er habe keine Ahnung, «warum die Nachfrage derart gross ist», sagt Matt McMullen. Während dreier Jahre entwickelte er seine Realdoll, angeblich in der Annahme, «ein paar Dutzend zu verkaufen und dann etwas anderes zu machen». Inzwischen setzte er über sechshundert Stück ab. Vom Tag der Bestellung bis zur Hauslieferung dauerts durchschnittlich achtzehn Wochen. «Wir könnten schneller produzieren und mehr verkaufen», sagt McMullen, «das wäre der Qualität der Puppen aber abträglich. Wir garantieren Spitzenprodukte.» Zu stattlichen Preisen. Die billigste Puppe kostet 5249 Dollar, die Luxusausgabe ist für 5729 Dollar zu haben.

Das Ziel ist eine Puppe, die auch noch kochen und putzen kann

«Eben habe ich meine Realdoll erhalten. Schon am Tag nach der Ankunft gab ich ihr einen Namen. Sie heisst Regina. Ich muss sagen: Sie ist meine Traumfrau. Die Frau, die ich an der Mittelschule und auch später nie bekam», bedankte sich ein Käufer anonym per E-Mail für die prompte Lieferung. «Ich stamme aus Wisconsin. Es ist dort kalt und das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen schlecht. Regina beschert mir den besten Sex, den ich je hatte (besser als mit jeder echten Frau). Ich muss mich nicht sorgen um Krankheiten oder eine ungewollte Schwangerschaft, was den Sex viel besser macht. Das ist eine Nachricht an alle Typen da draussen: Wenn ihr sexuell frustriert seid, einsam, deprimiert, oder wenn ihr genug habt von der Barszene, glaubt mir, eine Realdoll lohnt sich! Ich bin heute glücklicher denn je zuvor.»

Ein anderer Kunde, erzählt Shelly, habe an Abyss geschrieben: «Ihr müsst dringend eine Warnung anbringen, die besagt: «Der Orgasmus ist so intensiv, dass man davon ohnmächtig wird.»» Und der grossmaulige Radio- und TV-Talker Howard Stern sagte: «Oraler Sex mit der Realdoll war besser als mit einer richtigen Frau.»

Das Geschäft blüht – gänzlich ohne Werbung. Kein einziges Inserat hat Abyss bisher platziert, weder in Zeitungen noch in Hochglanzmagazinen. Die täglich von angeblich 10’000 Internetsurfern besuchte Website genüge vollauf, dazu kämen Presseberichte und Mundpropaganda. «Wer etwas über unsere Puppe erfährt», glaubt McMullen, «erzählts weiter.» Er schätzt das Absatzpotenzial auf jährlich tausend Stück. Der Erfolg macht McMullen vorsichtig. Die Börse verschmäht er. «Künstlerische Unabhängigkeit ist mir wichtiger als Geld. Ich will niemandem Rechenschaft ablegen müssen.» Und er fürchtet den Puppenklau: Gerade darum verzichtet er auf die Patentierung. «Ich will nicht, dass jemand die Blaupausen vom Patentamt stiehlt», sagt er.

Ein Problem sei der florierende Handel mit Occasionen. «Viele können sich keine neue Silikonpuppe leisten», sagt Shelly. «Unsere Kunden wünschen Abwechslung. Deshalb tauschen sie die Puppen untereinander aus.» Auf diversen Websites könne man Auslaufmodelle erstehen. Als «riesige Untergrundbewegung, über die wir keine Kontrolle haben», beschreibt sie den Gebrauchtpuppenhandel.

Rasant wachse das Interesse im Ausland. Fünfzig Prozent der Bestellungen kommen noch immer aus den USA. Doch Gummi liebende Deutsche und Japaner holen kräftig auf.

McMullens Ziel aber ist die Ersatzfrau. «Ich bin nicht Gott, aber meine Puppe soll Menschen so ähnlich wie möglich werden», sagt er. «Je realer, desto besser.» Mit Softwarefirmen im Silicon Valley führt er bereits Verhandlungen. Die sollen sein Silikon mit schnellen Siliziumchips anregen. Ein externer Hochleistungscomputer soll Leah oder Kim das Sprechen lehren. In Vagina, Mund und Hintern eingepflanzte Chips lösen künftig Bewegungen aus, wenn etwas eindringe. «Natürlich werden die Puppen dazu stöhnen», sagt er. Regungen im noch starren Gesicht misst er grösste Bedeutung zu. «Eine kleine Bewegung in den Wangen – und der Kunde glaubt, die Realdoll sei echt», sagt McMullen.

Per E-Mail werde verlangt, die Puppen müssten kochen, bügeln und putzen können. Das können allenfalls Roboter. Doch: «Warum sollen Roboter nicht sexy sein?», fragt McMullen. Grösser freilich ist die Nachfrage für Spezialanfertigungen anderer Art, so genannte She-Males – Frauenkörper plus Penis im Schritt – verkauften sich besonders prächtig. Die Zukunft gehöre zudem der männlichen Realdoll.

Zwischen Silikonfässern, auf zwei Metallrohre aufgepfropft, steht der Prototyp der ersten männlichen Sexpuppe. Füsse, Arme und Kopf fehlen, auch der Penis. McMullen modellierte den kräftigen Körper aus Ton. «Vor allem Schwule fragen, wann endlich der künstliche Kerl zu kaufen sei», sagt Shelly. Dazu viele Frauen, die «einfach nur Sex wollen ohne das mühsame Drumherum». Die männliche Puppe kommt, wenn sie ihr Gewichtsproblem löst. 90 Kilogramm würde der reglose Kunststoffkerl wiegen. «Das kann selbst ein Bodybuilder nicht genussvoll stemmen», gesteht sie.sex sells

Die hauptsächlich in Kaliforniens San Fernando Valley angesiedelte US-Sexindustrie boomt. Zwar existieren keine verlässlichen Zahlen über den Umsatz der Branche. Doch führende national operierende Sexläden vermelden Rekordumsätze. So verkaufte der Frauensexladen Good Vibrations in San Francisco 1999 120’000 Vibratoren, zwei Jahre zuvor waren es erst 60’000 gewesen.

«So rasch wie heute wuchs der Self-Sex-Sektor noch nie», sagt Good-Vibrations-Marketingchefin Jenny Morse. Auch, weil die Polizei härter gegen Prostitution vorgehe. Jährlich werden Sextoys für schätzungsweise 1,5 Milliarden Dollar abgesetzt. Gemäss dem grössten Branchenmagazin der Sexfilmproduzenten, «Adult Video News», gelangen monatlich 1000 neue Filme auf den Markt. Vor zehn Jahren waren es jährlich 1300 neue Titel. Und: 1991 erzielten Kauf- und Mietsexfilme einen Umsatz von 1,6 Milliarden Dollar. 1999 waren es 4,05 Milliarden.�