Von Peter Hossli
Moo York, dein Mist ist geführt. Die bemalten Plastikkühe, einst ersonnen am Glarner Alpennordrand und jetzt omnipräsent auf hiesigen Trottoirs, mag niemand leiden. Die New Yorker Kuhparade, seit Mitte Juni im Gang und 500 Stück stark, floppt.
Kunstschaffende raufen sich ob der zur Kunst erklärten Banalität die Haare. Abgesehen von fröhlichen Touristen in kurzen Hosen, rümpfen viele die Nase. «Ich mag sie nicht mehr sehen», sagt eine Trickfilmerin aus Brooklyn. Übers «Disneyland am Hudson» feixen lokale Medien. Liebkosten in Zürich und Chicago Klein wie Gross das bunte Braunvieh, hämmern nun Randalierer Hörner weg und besprayen die Wiederkäuer mit «Spiderman»-Graffiti; die armen Tiere sind voller Brand- und Schlagwunden.
Die schönsten Exemplare sind allesamt verschwunden - gestohlen oder im Tresorraum einer Bank versorgt, damit sie am Schluss des bizarren Happenings unbeschädigt noch Käufer finden. Die braucht’s. Merchandising-Händler melden flaue Stoffkuhkauflust, zahlreiche Kühe fanden keinen Sponsor. Indessen kosten Anwälte. Sie streiten um Rechte sowie Modelle, die angeblich zu politisch oder zu anstössig ausfielen.
Unter einem guten Stern stand die Parade nie. Schweizer und US-Schausteller, 1999 in Chicago noch vereint, zerstritten und trennten sich. «Ist nichts heilig?», titelte die «New York Times» vor Beginn der öffentlichen Kunstschau und bezichtigte die New Yorker Organisatoren des Urheberrechtsklaus am Glarner Kuhgestalter Roland Müller. Seither übergiesst die Presse die Rinder mit Häme. «New York ist endgültig verloren», entfuhr es der Kolumnistin des Trendmagazins «Paper», als sie vier Plastikkühe am Washington Square Park sah: «Gier und Konsumwut haben diese Stadt für immer verändert.»
Tutancowmon, Picowsso
New York, der innovativste Nabel der Welt? Passé. Die Kühe? Letzter Beweis dafür. Unverzeihlich - das originalitätsverschossene New York kopiere die Kuhstadt Chicago und die Schweiz, «a cow country», mäkelte das Feuilleton der «New York Times». Die Herde sei «monoton», «kommerziell» und «touristisch». Überdies habe die Viehschau geradezu abscheuliche englische Verballhornungen hervorgebracht. Etwa: Tutancowmon. Cowpatra. Cowlerina. Picowsso. MooMa. Dazu, besonders schlimm, Moo York. «Zum Glück ist die Parade temporär», notiert das Blatt beschämt.
Penibel wacht ein Zensor über die Bemalung der Kühe - und erwirkt prompt juristische Debatten über die freie Meinungsäusserung, hierzulande noch immer schützenswertestes Gut. Eine Moonica-Lewinsky-Kuh? Verboten, genauso die chassidische. Die radikale Tierschutzgruppe PETA verklagte die Stadt New York, weil deren Veganerviecher abgewiesen wurden; auf Kuhhintern aufgetragene Sätze wie «Fleischessen macht impotent» widerstrebten den Promotoren. Ebenso ein Modell des exzentrischen Filmers David Lynch («The Elephant Man»). Der schnitt einem Horntier den Kopf ab und steckte Messer und Gabel in dessen offenen Rumpf. «Zu makaber», befand der Aufseher der Parkanlagen. Lynch solle Filme drehen, nicht Passanten erschrecken. Er habe sich ans Reglement gehalten, entgegnete der Regisseur. Das schreibt vor: «Kein Sex.»
Insofern passt die Viehhabe perfekt zu New York im geselligen Millenniumssommer. Sauberer, sicherer, reicher, teurer - und langweiliger ist die Stadt geworden, seit Bürgermeister Rudolph W. Giuliani regiert. Oder, wie es der britische Künstler Henry Ward ausdrückt: «So auswechselbar und artifiziell wie Polysterkreaturen.»�
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